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Nr. 45.

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Vorwärts

8. Jahrg.

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Berliner Bolksblatt.

Bentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: Beuth- Straße 2.

Das Karnickel.

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Sonntag, den 22. Februar 1891.

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Expedition: Beuth- Straße 3.

Briefe aus England.

mindestens eben so gut schmecken wird, als zähes altes ist nur ein Theil von den Lasten, die ihm auferlegt sind. Kuhfleisch oder auch Pferdefleisch, mit dem sich so viele Schwindet sie, so lebt er für den Moment etwas Mit dem Rufe: Fleisch für Alle!" wendet Arbeiter begnügen müssen. besser, aber vom ökonomischen Joch befreit ist er darum sich der Verein für Kaninchenzucht an die Hurrah!" ruft da der brave Philister, also soll nicht. Im Gegentheil werden da, wo die äußeren Lebens­deutschen Arbeiter und empfiehlt ihnen, Kaninchen zu sich der Arbeiter Kaninchen halten und dann braucht man bedingungen erträglicher sind, bald auch die Löhne eine mästen, um immer billiges und frisches Fleisch zu haben. unsere Ohren nicht mehr zu behelligen mit den Klagen sinkende Tendenz annehmen, weil dadurch die Konkurrenz Einige Professoren der Nationalökonomie sind ganz ent- über das Massenelend und die kümmerliche und schlechte der industriellen Reserve- Armee" verschärft wird. Bekannt­zückt von diesem Vorschlag und meinen, nun sei die ganze Ernährung des Volkes!" dlich haben auch die halb ländlichen, halb industriellen Arbeiterfrage gelöst. Wir geben auch gerne zu, daß der Ach, die Sache liegt wieder anders und die Herren Arbeiter, die ein Stückchen Land besitzen und etwas Vorschlag weit besser gemeint ist, als der gute Rath, Philister mit dem ganzen Schwarm ihrer Gelehrten Viehzucht treiben, den städtischen Industrie- Arbeitern immer Pferdefleisch zu essen, den einige Kathedermänner so oft täuschen fich. Das Karnickel mitsammt dem ganzen die schwerste Konkurrenz bereitet, weil sie billiger arbeiten den Arbeitern ertheilten. Ohnehin werden viele Arbeiter Karnickel- Züchter und Mäster Verein wird die Ar- können. Diese können auch am besten Karnickel züchten zum Genuß von Pferdefleisch gezwungen, wenn sie über- beiterfrage nicht lösen. Das Karnickel ist nicht der und arbeiten infolge dessen wieder etwas billiger, so daß haupt Fleisch haben wollen, und wie Vielen reicht es nicht Heiland, der den Arbeiter aus den Fesseln erlösen kann, die Unternehmer auch die Löhne der städtischen Arbeiter einmal dazu! in die ihn der moderne Kapitalismus geschlagen hat. wieder kürzen können. Das Karnickel ist kein Retter aus Der Verein für Kaninchenzucht weist auf Frankreich , Zugegeben, daß es einer Anzahl von Arbeitern, denen solcher Noth. Belgien und England hin, wo die Karnickel- Mästung sich das Karnickelfleisch schmeckt, möglich ist, selber Karnickel eingebürgert hat und das Karnickelfleisch zu einem beliebten zu züchten und dadurch eine bessere und billigere Fleisch­Bolts- Nahrungsmittel geworden ist. nahrung zu erzielen. Vielfach wird man da, wo man Es ist ganz richtig, daß namentlich die Franzosen Lust zu der Sache hat, sich erst an das Karnickelfleisch ihren Fleischkonsum durch die Kaninchenzucht ver- gewöhnen müssen. Man darf aber nicht vergessen, daß, London , den 16. Februar 1891. mehrt haben. In Frankreich werden jährlich gegen wenn die Sache einen Werth haben soll, der Arbeiter die Die Frage der Maidemonstration ist nun auch für dieses achtzig Millionen Kaninchen verzehrt. Diese Thiere er- Karnickel- Mästung selbst betreiben muß. Wenn er das Jahr in der Hauptsache entschieden. Sonntag Bormittag hat reichen ein Gewicht von drei bis vier Kilogramm und der Karnickelfleisch auf dem Markte kaufen soll, wird er wenig eine von der Achtstundengesetz- Liga einberufene Delegirtenver­fammlung nach längerer Berathung einstimmig beschlossen: Merktpreis wird zwischen zwei und vier Mark schwanken; Vortheil haben, denn der Verkäufer will seinen Gewinn 1. Daß eine Demonstration für den geseglichen Achtstundentag ein Fell bezahlt man 40-50 Pfennig. In Frankreich einstreichen und der Zwischenhändler obendrein. Das ver- stattfinden foll. 2. Daß diefe Demonstration am ersten Sonntag jich längst die kapitalistische Spekulation der Sache theuert den Preis der Waare. Aber von den Arbeitern im Mai, d. h. den 3. Mai, stattfinden soll. emächtigt und die Unternehmer haben ungeheure Plan- befinden sich nicht viele in der Lage, sich Karnickel halten etwa die Hälfte rein gewerkschaftliche, die andere Hälfte politische Die Versammlung war von ca. 70 Delegirten besucht, von denen lagen angelegt, auf denen die Karnickel nach Millionen zu können, namentlich nicht in der großen Städten. In Arbeitervereine vertraten. Auch die sozialdemokratische Föderation ezüchtet werden. Wer aber das Kaninchenfleisch wirklich den engen und ohnehin dumpfigen Massenquartieren würde hatte Bertreter gefchickt, und ebenso war die Gesellschaft der Den Vorsitz führte Dr. Ed. Aveling. illig haben will, der muß die Thiere selbst mästen, was der Aufenthalt von Kaninchen die Luft unerträglich machen Fabianer vertreten. der Debatte hat für die Leser des Vorwärts" bei den französischen Arbeitern sehr häufig geschieht. Die und die epidemischen Krankheiten vermehren. Zur Karnickel- us nur die Diskussion über die Wahl des Datums Franzosen verstehen es auch, ihre ,, lapins" sehr schmackhaft zucht gehört ein Hofraum mit der entsprechenden frischen der Demonstration Interesse. Mit einer Ausnahme zuzubereiten. Luft, und dessen erfreuen sich gewöhnlich nur die Arbeiter sprachen sich sämmtliche Redner dahin aus, daß so wünschens­Das Karnickel ist, was Futter betrifft, ein sehr auf dem Lande oder in kleineren Orten. Gerade die werth es wäre, den ersten Mai als Arbeiterfeiertag einzuführen, genügsames Thier; es nährt sich von allen möglichen Ab- Hauptbedingung, welche die Karnickelzucht für den kleinen die Verhältnisse es nicht möglich machen, damit in diesem Jahre vorzugehen. Der Umstand, auf den schon in Deutschland auf­fällen und kann ohne besonderen Aufwand gemästet Mann und den Arbeiter ersprießlich machen soll, wird merksam gemacht wurde, daß der erste Mai gerade auf den werden. Diese Thiere vermehren sich bekanntlich sehr sonach in den meisten Fällen nicht zu erfüllen sein. Leider Wochenschluß fällt, wurde auch hier in erster Reihe betont, der rasch; ein Weibchen kann im Jahre vier bis sechs Mal ist es also nichts mit dem schönen Plan des Vereins für Freitag ist hier Lohntag und daher der ungeeignetste Tag, die Arbeit auszusetzen. Nur sehr start organisirte Gewerkschaften zwischen sechs und zehn Jungen werfen. Auf diese Um- Kaninchenzucht, oder wenigstens nicht viel. fönnten es ristiren, den Kampf mit den Unternehmern um den Aber auch, wenn die häusliche Kaninchenzucht all- Arbeiterfeiertag aufzunehmen, für die übrigen, und sie bilden die stände gründet sich die Billigkeit des Kaninchenfleisches für den, der die Thiere selber mästet. Es giebt aber viele gemein durchführbar wäre, so wäre dadurch an der große Mehrheit, wäre es der reine Selbstmord. Auf jeden Fall Lage Menschen, die einen unbesiegbaren Widerwillen gegen allgemeinen wenig oder nichts geändert. würde die Demonstration am 1. Mai bei Weitem nicht die Massen den Geruch und Geschmack des Kaninchenfleisches Empfindet der französische oder belgische Arbeiter das ihm vereinigen, wie die im vorigen Jahre am 4. Mai abgehaltene, während alle Aussicht vorhanden sei, daß am 3. Mai diesmal haben. fann allerdings diesem Fleisch vom Kapitalismus auferlegte Joch weniger, weil er ein noch viel größeres Kontingent von Arbeitern nach Hydepark ziehen werde als im Vorjahre. Und das sei doch das Entscheidende. einen pikanten Geschmack geben, indem Thiere mit mit aromatischen Kräutern, mit Pfeffer Oberflächliche Politiker meinen, daß mit der Billigkeit münze und Salbei füttert, was allerdings wieder die der Lebensmittel der Druck aus dem Dasein des Arbeiters Kosten der Mästung erhöht. Indessen wird man immer schwinde! Gitle Täuschung! Die Theuerung wird von sagen können, daß den Meisten frisches Kaninchenfleisch dem Arbeiter mit am schmerzlichsten empfunden, aber sie

Man

Feuilleton.

Nachbrud verboten.]

Bei Mama.

Roman von Arne Garborg .

man die Karnickelfleisch verzehrt?

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Ueber die Richtigkeit des Schlußräfonnements fann man streiten, ich möchte es wenigstens nicht ein für allemal unter schreiben. Die Vordersäße aber sind unbedingt richtig, und ihr Gewicht ist vollauf ausreichend, den gefaßten Beschluß zu recht­fertigen. Wenn man bedenkt, daß fast alle größeren Vereine in

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" Aengstlich?" sagte Gram. Alle Thüren auf und alle wenn es Bücher in die Hand bekäme, die ihm sagten, wie das Weib wirklich ist und was das Weib unter den und den Schranken weg; das ist nicht gefährlich; die weiblichen gegebenen Umständen wirklich zu erreichen vermag.. Studenten heirathen lang, ehe sie die Beamtenprüfung Aber behüte, es ist klar, daß die Damen galante Dichter machen!"- Dagmar erröthete; Fanny erinnerte sich eines den ungalanten vorziehen! Wenn solch ein gewöhnliches Gerüchtes, welches sie nicht hatte glauben mögen: daß Hühnergehirn unsere berühmte norwegische Literatur liest Dagmar nämlich in der Stille verlobt sei. Ueberdies", fuhr und diese Frauen sieht, die nichts sind als Blumenduft und Gram fort, wenn es wirklich ein Weib geben sollte, die Vogelgesang und feine Empfindungen, da begeistert es sich; mehr dazu taugt, Professor als verheirathet zu sein, so laffet Dagmar konnte eingehen auf die naturalistische Dich Herrgott, seufzt Hühnergehirn, sind wir in der That so be sie in Gottes Namen Professor werden! Allein die Frauens zaubernd, wenn wir realistisch geschildert werden!" Fanny bewegung geht von dem Standpunkt aus, daß das Weib tung, sofern sie schön blieb; Gram fragte, ob sie Kapitän lachte. Dagmar sandte Fanny einen verächtlichen Seiten- haupt Professor sein soll, und das ist Literatur... Nicht Alving) als etwas Schönes dargestellt ſehen möchte. Nein, blick zu und sagte: es giebt wohl mehr Swanhilden und genug davon, daß wir Männer zu Junggesellen und Egoisten Das war etwas Anderes. Jm Ganzen liebte Noras im wirklichen Leben, als Herr Gram fich träumen erzogen werden und uns selbst genug sind und zum Teufel gehen; natürlich... sie unsere norwegische Dichtung. Dieselbe war realistisch, per läßt!"" Behüte, ja," antwortete er gleichgiltig. nun soll das Weib den gleichen Weg! Die Ehe gilt im leugnete aber das Schöne nicht; entmuthigte uns also nicht; Die ganze Frauensache wurde affeftirt und langweilig, Frauenverein" für eine Versorgungsanstalt; das Weib hat ftellte Ideale auf, denen nachzutrachten wir Lust betamen. nur eine. Weibliche Ideale, was?" sagte Gram. Ja, galant ist unsere behauptete er, weil sie auf dieser schönen Literatur mit den feinen anderen Grund zum Heirathen; also Seunst; allein ich glaubte, gerade für Frauen müßte das sehr vielen Idealen sich aufbaute. Es konnte doch kein sterblicher Fräuleinversorgung schaffen für so viele als möglich... anstrengend sein?- Arme Mädchen; sie gehen in ihrer Mensch sich für eine Sammlung Noras u. dergl m. inter - Hätten die Dichter die Wahrheit gesagt, nämlich, daß das Herzenseinfalt umher und möchten Agnes¹) und Aagote) und esixen!- Dagmar meinte, daß vermuthlich auch andere Weib so gut als der Mann nicht blos eine Versorgung Swanhild) und Svava) sein; sie können aber nicht; die Dinge Herrn Grams Unwillen gegen die Frauenfache braucht, sondern auch Liebe, und zwar nicht blos die feine Sache ist nämlich die, daß jene Buchbamen frei sind von weckten; Herr Gram wird z. B. wohl nur ungern unsere Liebe, die in den Büchern gestattet ist... Aber das ist eine einer Menge Menschlichkeiten, von welchen wirkliche Frauen Gleichgestelltheit anerkennen?"-" Nein, zum Henker; die der Menschlichkeiten, von denen die Poeten schweigen! Natür­eben nicht frei sind... Dadurch verlieren sie den Muth, anerkenne ich nicht!"- Alle lachten; mur Fanny saß still; lich glauben dann die jungen Mädchen, es sei etwas Ab­denke ich mir, und sagen zu sich selbst: ich kann also keine sie war betrübt. Er erklärte ſeine Worte; was man auch scheuliches und Unweibliches, dieser gesunde, heiße Drang Swanhild ſein; dann mag ich gerade so gut wie eines der vom Gehirn des Weibes sagen wollte, so hatte der Schöpfer im Blut nach der Umarmung eines Mannes." anderen Huhn im Hühnerhof werden! Dagmar hatte sich ganz zu Helga hingerückt und sprach Ein junges es doch so geordnet, daß die Frau brei Tage in jedem Muth ſchöpfen, Monat abnorm war, was wir nicht waren, und jedes zweite mit ihr halblaut über das letzte Buch von Björnson. Fanny Jahr neun Monate lang abnorm, was wir auch nicht hatte die Augen ganz geschlossen. Das war's also-! waren; wenn also selbst Männer und Frauen zu gleicher So hing es zusammen! Dies Entsetzliche, das sie gequält Siehe Ibsen's" Bromb. S. Björnson's Leonarda". Beit starteten, so würden wir Männer doch immer den hatte wie ein heimliches Schandmal, der böse Geist, den He Warum sind die Herren dann so mit Angst und Thränen zu vertreiben gesucht, Ibsen's Komödie er Liebe". 4) S. Björnson's" Band- Borſprung gewinnen. ängstlich, uns Freiheit zu gönnen, damit wir es versuchen!" kein böser Geist, und war kein Schandmal; es war etwas

*) Siehe Ibsen's ( Gespenster ".

Schuh ".

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es war