Nr. 88.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Mr. 1983.
Der Sadismus im vornehmsten Rock.
Bon fundiger Seite wird uns geschrieben:
"
Der Kriegsminister b. Einem glaubte in feiner Rede am 30. März cr. im Plenum des Reichstages darauf hinweisen zu müssen, daß seiner Ansicht nach die Ursachen zu den Soldatenmißhandlungen nicht in der Kaserne, nicht in dem System oder der Armee zu suchen feien, sondern weit außer halb, in einer großen Bewegung", die nicht veredelnd, sondern entsittlichend wirke. Gerade die Preſſe dieser Bewegung habe durch ihre Tonart, ihre Roheit, und ihr Schimpfen vielfach dazu beigetragen, die Gemüter zu berwildern und zu verrohen. Der Herr Kriegsminister glaubt also, daß die Neigung zu Mißhandlungen nicht durch die Leute( foll wohl heißen durch die eigenen Kameraden) in der Raferne erzeugt, sondern vielfach in dieselbe hinein. getragen wird.
Der derzeitige Verfechter des militärischen Drills ist zu ehrlich, um verschweigen zu fönnen, daß das militärische Leben( aber nicht das aller Staaten) dieser sadistischen" Richtung einen gewissen Nährboden gewährt. Diese Art und Weise, das Fortbestehen der Mißhandlungen zu begründen und es gewissermaßen zu entschuldigen, ließe leicht auf eine oberflächliche leichtfertige Behandlung und Ergründung dieses Uebelstandes schließen, wenn es nicht troßdem den Anschein hätte, als ob Herr b. Einem wirklich die beste Abficht hege, die Mißhandlungen aus der Armee herauszubringen. Was ihn am meisten daran hindert, seine Abficht auszuführen, dürfte die mangelnde Erfenntnis des Ursprungs der Mißhandlungen sein.
Wenn die Behauptung, daß die Roheit und der Mangel an fittlichem Empfinden in unserer Jugend im allgemeinen fchuld an den Mißhandlungen sind, wahr wäre, so würde dies nur ein Borwurf für die ärgsten Militaristen, die bildungsfeindlichen unter sein. Dieser Vorwurf hat jedoch nur bis zu einem gewiffen Grade seine Berechtigung. Bugegeben muß werden, daß der von Natur rohe Mensch auch nur ein roher Vorgesetzter oder Kamerad fein tann. Der springende Punkt, den der Herr Kriegsminister wohl aus dem Auge gelaffen hat, ist aber, daß die in der Armee vorkommenden Roheiten zu einem großen Teil nicht mehr natürlich sind. Die Schuld hieran tragen das Syftem, die unsinnige Disziplin und der Mangel an Bildung, welcher das Selbstbewußtsein in vielen der jungen Soldaten nicht aufkommen läßt.
Sonntag, den 8. April 1906.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984.
Beitungen gelesen, was bei der Infanterie in weit ge- fein richtiges Bild von den Zuständen machen kann, wie sie tingem Maße der Fall ist. Die Ursachen zu den Mißhand- tatsächlich im Seere bestehen. Aber eins ist mit tödlicher lungen sind, Herr v. Einem, also ganz wo anders, und Sicherheit diesen Berichten zu entnehmen: daß nämlich der zwar mar nicht außerhalb, sondern innerhalb der allergeringste Teil der Verurteilungen von SoldatenKaserne zu suchen! schindern auf Beschwerden zurückzuführen ist; die meisten jälle werden durch den Arzt und durch den Zufall aufgedeckt. Ein anderer bedeutender Teil durch erfolgten Selbst mord, durch Selbstmordversuche und durch Defertionen. Selbst dem Militärarzt gelingt es meist erst durch) fortwährendes Drängen und Bureden, die wirklichen Ursachen der auf Mißhandlungen zurückzuführenden Krankheiten und Verletzungen zu erfahren. Darum dürfte sich auch durch die von Herrn b. Einem angeführten Zahlen nicht mit Sicherheit auf den tatsächlichen Süd gang der Mißhandlungen schließen laffen!
Der gewohnheitsmäßige Mißbrauch der Amtsgewalt, ja selbst so bestialische Soldatenschindereien, wie sie im Prozeß Breitenbach ans Tageslicht kamen, sie sind das Produkt der durch die Jahre der Dienstzeit hindurch auf das betreffende Vorgesetztengemüt einwirkenden Umstände und Verhältnisse. Unbestreitbar ist, daß eine Vorbedingung für die gemeinen Mißhandlungen durch das Gesetz wehrlos gemachter Soldaten die Gefühlsroheit des mißhandelnden Bor gesetzten ist. Zu vergessen ist aber nicht, daß diese Gefühlsroheit eine Folge der die Persönlichkeit nicht achtenden militärischen Erziehung ist.
Der Vorgesezte, der als gemeiner Soldat toeder selbst mißhandelt worden ist, noch andere hat Mißhandlungen er leiden sehen, der also durch die Praxis und außerdem durch Belehrung von der Ueberflüssigkeit der Schindereien über zeugt worden ist, dieser Vorgesetzte wird weder gewohnheitsmäßig felbft Mißhandlungen vollführen, noch solche dulden. Bei ihm könnte es sich nur um Uebergriffe mehr explofiber Art handeln, die vielleicht durch die bekannte friegsministerielle Verfügung, daß Vorgesetzte den Soldaten drei Schritte vom Leibe zu bleiben haben, zu beseitigen oder ein zuschränken wären.
Mag der Kriegsminister, dessen Pflicht es ja ist, dieses System zu verteidigen, noch so viel Abschüttelungsversuche unternehmen, mag er noch so viele Zahlen auffahren lassen, mag er die ganze Schuld an dem Fortbestehen der demütigend großen Zahl von Mißhandlungsfällen in der Armee einer gewiffen Bewegung" aufzubürden versuchen: all diese frankhaften Beschönigungsversuche und Ausreden ändern nichts an der Tatsache, daß der Umfang, den die Soldatenmißhandlungen im preußischen Heere angenommen haben, einzig und allein durch das bestehende System verschuldet wird!
Leider muß aber von jedem unbefangenen Renner der Die Revolution in Rußland . Berhältnisse zugegeben werden, daß kaum einer der Subaltern- und unteren Vorgesetzten in der Armee und Die finanzielle Zerrättung Rußlands. durch den Dienst zu der oben bezeichneten Erkenntnis Die ununterbrochenen Unruhen und die Unsicherheit des Vergefommen sein kann! Der Vorgesezte, der sich zu dieser fehrs haben einen schweren Druck auf die russische Industrie und Erkenntnis emporgeschwungen hat, hat sie mit seinem ge- Sandelswelt ausgeübt. In allen Zweigen des ruffifchen Handels funden Menschenverstand zusammen von außen in die und der russischen Industrie wird ein Niedergang beobachtet. Armee hineingebracht. Wenn ein solcher Vorgesetzter aus mehreren Orten tommen Nachrichten über bevorstehende oder es wagen würde, diese Ansicht gegen die Kameraden zu fchon vollzogene Entlassungen von Tausenden von Arbeitern, auch äußern, würde er höchstens als utopist berlacht werden. Bahlungseinstellungen werden gemeldet, die viele Leute und Darum ist es nicht selten, daß selbst ideal und menschen- Firmen in Mitleidenschaft ziehen. Die entlassenen Arbeiter bilden freundlich beranlagte junge Offiziere und Unteroffiziere fich ein unerschöpfliches Reservoir für die Revolution, einen„ Vulfan", mit der Beit von ihrer ursprünglichen Ansicht abdrängen der jede Minute ausbrechen kann. Ein Mitarbeiter der Petersburger lassen. Und zwar durch die Erfahrung, daß andere, strupel- Russi" reiste speziell nach Moskau und in die Provinz, um in lofere Charaktere in der Regel bei den gemeinsamen Vor- den Hauptzentren des russischen Handels die Wirkung des jetzigen gefeßten besser angeschrieben sind, während ihnen, den Regierungsfurfes auf die Industrie und Handelswelt zu studieren. humaneren Elementen in nur zu vielen Fällen Mangel an was er gesehen und beobachtet hat ist für die russische Geschäftswelt Energie und Intereffelosigkeit vorgeworfen werden.
Bei dem ungeheuren Formelkram, der Unmaffe von Aus welchen Gründen wird bei der Marine und bei Aeußerlichkeiten, die unserer Armee anhaften, ist es also nicht Sen technischen Landtruppen nicht so biel ge zu verwundern, wenn alle Vorgesetzten, vom Hauptmann schlagen wie bei der Infanterie, obwohl die dienstlichen Ob- herab bis zum Gefreiten und Stubenältesten, um sich diese Art liegenheiten bei den technischen Truppen usw. um ein viel von Vorwürfen zu ersparen, ihren Abteilungen in bezug auf faches schwerer zu erlernen find, als die des Infanteristen? Disziplin, Ausbildung und Aussehen einen glänzenden äußeDie Antwort dürfte jedem unparteiischen und denkenden ren Schein zu verleihen suchen, und zwar unter Anwendung Menschen einleuchten. Die Mannschaften der technischen aller möglichen erlaubten und unerlaubten Truppen und Marine sind fast durchweg Handwerker resp. Mittel. Diese Sucht zu glänzen und zu paradieren überSeeleute, von denen infolge ihrer höheren Intelligenz sich laftet den Soldaten mit gänzlich überflüssigen Arbeiten und gegebenenfalls ein größerer Teil beschweren würde; außerdem Uebungen und führt daher bei ihm zur Unluft. Lettere tritt hat in ihren Reihen schon das Wort Solidarität Eingang ge- um so stärker hervor, da der Mann die Zweckmäßigkeit der funden. bon ihm verlangten Leistungen, welche ihm in vielen Fällen nicht gestatten, sein Mittagbrot mit Ruhe zu verzehren, und besonders im ersten Jahre eine völlige Abspannung zur Folge haben, nicht einzusehen vermag. Der Unteroffizier, der hierbei tagaus tagein den Antreiber zu machen gezwungen ist, berroht und entsittlicht, trotzdem er die Preffe einer gewissen großen Bewegung" gar nicht zu sehen, viel weniger zu lesen bekommt.
Bei den genannten Truppen und Marineteilen fann die Disziplin nicht so streng gehandhabt werden, weil dies der erforderliche Arbeitsdienst, der ja der eigentliche Zweck der Truppe ist, nicht zuläßt, und weil die Vorgesezten bei den verschiedensten Gelegenheiten, z. B. bei Besichtigungen, biel mehr auf den guten Willen der Mannschaften angewiesen sind, wie bei der Infanterie.
Ueberhaupt ist das System der Ausbildung bei den genannten Truppenteilen vielmehr auf die Braris, auf die Wirklichkeit zugeschnitten, wie auf die Parade.
Wie es dagegen bei der Infanterie steht, will ich durch einige Zahlen aus der Rekrutenausbildungsperiode einer Infanterie- Kompagnie beweisen:
Es entfielen
auf den Erergierdienst auf das Turnen
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auf den Felddienst. auf das Bielen Man sieht: das Ererzieren, das von den genannten Dienstarten am meisten Mißhandlungsfälle auf sein Konto zu nehmen hat, steht in bezug auf die Beitverwendung obenan. Die Ererzierdisziplin, die im Gefecht, weil Ballast, vollständig fallen gelassen werden muß, wird in überaus Strengen Maße geübt weil sie allein es möglich macht, das Militär eventuell gegen das Bolt, gegen Vater und Mutter, zu verwenden.
Ein höherer Offizier, wenn ich nicht irre, General leutnant v. Boguslawski, äußerte einmal, die geringe Anzahl von Beschwerden sei auf das mangelnde Ehrgefühl der Soldaten zurückzuführen. Ist es da zu verwundern, wenn die weniger gebildeten unteren Borgefeßten die Soldaten erst recht als Menschen zweiter Güte betrachten? Die ihm eingeprägte Ueberzeugung von der eigenen Bedeutung, das enorme Maß an Achtung, das der Untergebene ihm pflichtgemäß zu erweisen hat, veranlaßt den vom„ militärischen Geist" vollständig durchdrungenen Vorgesetzten schon in der nicht ganz forretten Erweisung einer Ehrenbezeugung ein Rapitalberbrechen, eine Achtungsverlegung zu erblicken. Wenn ein derartiger Vorgesetzter nun schon einmal die Gloden hat läuten hören vom§ 124 des Militärstrafgesetzbuches*) oder von der Allerhöchsten Kabinettsorder vom 31. Juli 1877**), fo find Fälle wie der Süsseners und Breitenbachs beinahe verständlich!
einfach trost los. In Moskau meldeten große und solide Firmen wie die der Rastorgujewy, Berlow, Bafanow und andere ihren Konkurs und weitere Fallissements stehen noch bevor. Die Ursache all dieser Bankrotts ist immer dieselbe: Kein Geld, tein Kredit, allgemeine Banit". Die Banken verringern ihre Diskontoperationen und erhöhen gleichzeitig den Diskontprozent bis zu 11-12 b. S., toobei manchmal die Kommissionsspesen nicht mitgerechnet werden. Die Banten selbst leiden darunter, daß mehrere Einlagen zurückgezogen und nach dem Auslande zurückgeführt werden. außerdem wächst auch das Diskontrisiko.
Der ausländische Geldmarkt seinerseits verringert immer mehr den Geldverkehr mit Rußland . Was die Ursache dieser Krise betrifft, so wird allgemein das mißtrauen zu der jegigen Regierungspolitit als solche angegeben.
Sor
Man schreibt uns aus Warschau : Die Bauern auf dem Lande werden immer mehr für die revolutionäre Bewegung gewonnen. Die bisherige Gärung auf dem Lande basierte auf der Agitation für Freiheit des Glaubens und der Schule. Jezt fommt ein zweiter Moment hinzu, die eigentliche Agrarfrage. Die Lage der polnischen Bauern ist viel besser als die der russischen aber sie läßt doch auch vieles zu wünschen übrig. Der Kampf wird sich um die Forderung der Lohnerhöhung und die Besserung der allgemeinen Lage der Landarbeiter drehen. Alle sozialistischen Parteien Bolens beröffentlichen einen Aufruf an die Parteigenossen, der mit dem Wort„ Aufs Land!" endet. Und wer den Einfluß, den die polnischen Sozialisten auf den jüngeren Bruder" ausüben, fennen gelernt hat, wird wissen, daß diesem Schlagworte auch Taten nachfolgen werden.-
In den Städten ist es rubig". Man sieht keine Demonftrationen und Kundgebungen auf den Straßen, aber die Empörung wächst dennoch. Es wäre eine mühevolle Arbeit, alle" Seldentaten" der zarischen Soldateska zu schildern. Es fommen Tage vor, an denen Hunderte von Menschen eingefertert werden und in den Gefängnissen spielen Es dürfte ohne weiteres zu verstehen sein, daß nur der sich zahlreich Szenen ab, die an den beallergeringste Teil der Mißhandlungen durch das feinmaschige tannten Fall der unglüdlichen SpiridoEndlich besteht die Infanterie zu einem großen Teil aus Net zwischen Militär und Zivil in die Oeffentlichkeit dringt noma erinnern. Die Verhafteten werden mit Kolben Landleuten, deren Bildung in vielen Fällen leider noch Dorf- und daß man sich an der Hand der der Deffentlichkeit be- halbtot geschlagen und erst dann in fellerartige Zimmer( die schulen à la Trakehnen entstammt. Bei ihnen besteht die kannt gewordenen diesbezüglichen Verurteilungen noch lange Zitadelle und das Rathaus find überfüllt) hineingeworfen. Gefahr des Beschwerdeführens nicht in dem Maße, wie bei Es den technischen Truppen. Will aber der Herr Kriegsminister*)§ 124 spricht vom Recht des Waffengebrauchs seitens des kommen Fälle vor, daß die Verwundeten 2-3 Tage lang *)§ 124 spricht vom Recht des Waffengebrauchs seitens des nun etwa behaupten, daß diese Unteroffiziere und Mann- Offiziers wie des Unteroffiziers gegenüber dem Untergebenen, um nichts zu essen bekommen, da die dazu bestimmten Fonds schaften durch den Ton einer gewissen Bresse mehr verroht feinen Befehlen im Falle äußerster Not und dringendster Gefahr erschöpft sind. Die Revolutionäre beantworten den Terrorismus der Reund entfittlicht worden sind, als die Soldaten der technischen Gehorsam zu verschaffen. **) Die A. K.-O. vom 31. Juli 1877 fagt wörtlich: Nicht jeder gierung mit einer ganzen Reihe von Attentaten. Es vergeht und Marinetruppen? Wenn die Gefahr einer derartigen lediglich ungeeignete Ausdrud aber stellt sich als vorschriftswidrige fein Tag, ohne daß einige Spigel ermordet werden. Nur Berseuchung durch die benannte Presse überhaupt vorliegen Behandlung und nicht jede unerhebliche tätliche Be- ein paar Beispiele aus den letzten Tagen. Es fielen Rubinwürde, bestände sie bei den Pionieren usw. doch sicherlich in rührung als Beleidigung dar. Bei der Beurteilung solcher st ein, der Kapellmeister der Kosakenregimenter, der als einer viel größerem Maße. Von diesen hat der größte Teil Fälle ist der Grhaltung des Geistes militärischer Zucht und der gefährlichsten Spigel galt. Afanassieff, der Gehülfe der Mannschaften vor ihrer Dienstzeit schon politische Ordnung Rechnung zu tragen. I des Eisenbahndirektors( Warschau - Wiener Bahnstrecke) und