Nr. 95.
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23. Jahrg.
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Telegramm Adreffe: ,, Sozialdemokrat Berlin".
Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Berufbrecher: Amt IV. Nr. 1983.
Die ruffische Anleihe
und ihre Folgen.
II.
Wollten die Finanziers, die die neue Anleihe abschlossen, ernsthaft dafür sorgen, daß der russische Staat zahlungsfähig bleibe, dann mußten sie ihn unter die Kuratel einer richtigen Boltsvertretung stellen, einer Boltsvertretung, die nicht ein Potemkinsches Dorf ist, sondern ein ernsthafter Machtfaftor, gewillt und befähigt, der finnlosen Wirtschaft, die zum Banfrott führt, ein Ende zu machen. Statt dessen beeilen sich die Finanzkönige, die Anleihe zustande zu bringen, ehe noch die Duma zusammentritt, um so von vornherein selbst dieser, ohnehin schon ohnmächtigen und nur die besitzenden Klassen vertretenden Hemmung des Absolutismus noch das bißchen Straft zu nehmen, das sie aus der Bundesgenossenschaft mit der europäischen Finanz hätte ziehen können. Diese bietet alles auf, gerade jenes Regime in Rußland zu stüßen, das den Staat an der Rand des Bankrotts führte und das seine erbärmliche Eristenz nur noch dadurch weiter fristet, daß es den Nuir der russischen Volkswirtschaft noch mehr beschleunigt als es bisher getan.
Sollten die Milliarden Europas zur Wiederaufrichtung Rußlands dienen, dann müßte dafür gesorgt werden, daß alle unproduktiven Ausgaben möglichst eingeschränkt, würden, das Heer verringert, den Unterschleifen der Beamten ein Ende gesezt würde, und die einfließenden Gelder zu produktiven Ausgaben dienen zur Errichtung von Volfsschulen, Verforgung der Bauern mit Vieh, Geräten und Dünger, zum Bau von Eisenbahnen und Kanälen. Dazu würden freilich auch zwei und drei Milliarden nicht langen und die Genesung des franken Boltsförpers ginge nur langsam vor sich. Aber immerhin, der Weg dazu wäre betreten.
Was tut aber das jezige Regime in Rußland ? Die einzigen Ausgaben, die es einschränkt, sind die produktiven. Der Eisenbahnbau z. B. wird völlig eingestellt und damit die Krisis erheblich verschärft, unter der die russische Industrie so lange schon daniederliegt. Die Esel in Europa aber, denen ihr Geld zugunsten Väterchens aus den Taschen filoutiert werden soll, lassen sich einreden, das Land, das zur jezigen Anleihe am meisten Geld beitrage, werde mit Beftellungen von Rußland für Eisenbahnschienen und Lokomotiben überhäuft werden!
Statt neue Volksschulen zu bauen, werden die legten Lehrer als unguverlässige Elemente vom Lande vertrieben, die letzten Schulen geschlossen.
Und statt den Bauern Produktionsmittel zu bringen, verwendet der Staat feine Mittel darauf, feden Bauernhof niederzubrennen, deffen Befizer fich unzufrieden zeigt, die Bauern von Haus und Hof zu treiben, sie in Bettler zu verwandeln oder in Räuber, die sich gedrängt sehen, aus der Brandschatzung vor Gutsbesitzern und Postkassen ihren Unterhalt zu ziehen.
Das Heer wird immer mehr die einzige Stüße dieses Regimes. Da aber auch die Armee unzuverlässig wird, darf nichts gespart werden, ihr Wohlwollen zu erkaufen. Die Ausgaben für die Armee wachsen und die Freiheit in der Armee nimmt zu augenblidlich so ziemlich die einzige Freiheit, die in Rußland gedeiht.
Mittwoch, den 25. April 1906.
haben schon gesehen, daß die Anleihe zu einem Kurse von 88 Proz. ausgegeben wird. Von dem Ertrag müssen wir indes noch die Provisionen und geheimen Bestechungen abrechnen, so daß sicher nicht mehr als 1800 millionen übrig bleiben. 200 Millionen dieser Summe sollen aber in Ruß land aufgebracht werden, von den russischen Banken, die selbst mühsam um die Eristenz ringen, denen die Regierung längst schon erpreßt hat, was zu erpressen war. Diefe 200 Millionen sind sicher nur Schwindel.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1984.
Barismus durch eine Voltserhebung und seine Erfezung durch ein friedliches, demokratisches Regime. Aber schon dünkt es uns zu spät, als könnte diese Prozedur, auch wenn sie gelänge, noch dem Bankrott des Volkes vorbeugen, der ökonomische Ruin und das Chaos scheinen unausbleiblich. Dies wird aber um so ärger werden, je länger noch der Absolutismus die Macht hat nicht mehr zu regieren, das vermag er nicht mehr aber das Land zu verwüsten und das Aufkommen jeder demokratischen Organisation, jeder geordneten Selbstverwaltung zu verhindern.
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in
So erhält also Rußland im besten Falle 1600 Millionen Je toloffaler aber der schließliche Zusammenbruch, desto Frank. Binnen wenigen Monaten jedoch werden 400 Millionen, nach anderen Angaben sogar 500 Millionen Rubel, gewaltiger müssen seine Rüdwirkungen auf ganz Europa 1000 bis 1300 Millionen Frank, kurzfristige Schatz- fein. Eben hat das russische Trauerspiel erst begonnen und scheine fällig. Für deren Deckung muß vor allem gesorgt schon findet es mächtigen Widerhall in Europa werden, für sie geht der Löwenanteil der großen Anleihe Desterreich- Ungarn die Wahlrechtsbewegung, in England das drauf. Da diese Schatscheine meist in den Händen der Aufkommen der Arbeiterpartei, die erbitterten gewerkschafthohen Finanz sein dürften, so bedeutet insofern die neue lichen Kämpfe in Frankreich : das alles legt Zeugnis ab von Anleihe in erster Linie eine Rettung aller jener Finanz- einer Erregung der proletarischen Massen, wie sie seit langem magnaten, die sich mit dem Barismus zu weit eingelassen nicht dagewesen. haben und die nun die Gelegenheit benutzen, ihre Schäfchen ins Trockene zu bringen, ehe der Sturm losbricht. Diese 1000 bis 1300 Millionen fließen nicht in den russischen Staatsschat, sondern in die großen Geldschränke der Besizer der erwähnten Schatscheine.
Für den russischen Finanzminister bleiben von den zwei Milliarden demnach nur etwa 300 bis 600 Millionen eine Lumperei, ivenn man beFrank verfügbar, höchst opti denkt, daß derselbe Finanzminister bei für 1906 ein mistischer Aufstellung des Budgets Defizit von 1300 Millionen Frank zugeben mußte. Der Riesenpump reicht also nicht einmal hin, das Defizit dieses Jahres zu decken; er bedeutet Rußland gegen über nichts als ein Trinkgeld für die Banditen, die das unglückliche Reich plündern und verwüsten, eine zarte Aufmunterung durch Besiß und Bildung Westeuropas , in diesem erhebenden Geschäft noch eine Zeitlang fortzufahren. Die Verschleuderung der Reste des Goldschazes und die Notenpresse können dann noch eine Weile helfen, eine schwindelhafte Hochstapleregistenz fortzufristen, aber das bedeutet nichts als die völlige Verwirrung des Geldwesens, also ein weiteres Mittel, die Berwüstung und Ruinierung der russischen Volkswirtschaft aufs höchste steigern.
Man sieht, je länger es diesem Regime mit Hülfe West europas möglich gemacht wird, sich über Wasser zu halten, desto grauenhafter muß der schließliche Zusammenbruch, nicht bloß des Staates, sondern der gesamten russischen Volkswirtschaft werden.
Desto dringender wird deren Organismus dann zu seiner Wiederherstellung der einschneidendsten Gewaltmaßregeln bedürfen, rücksichtslosester Konfistation alles großen Grundbesizes, aller kapitalistischen Monopole- Eisenbahnen, Bergwerfe, Petroleumquellen, um wieder leistungsfähig zu werden, was auch wieder zum Teil auf Kosten des ausländischen Kapitals vor sich gehen wird.
Nun denke man sich in dieser fieberhaften Atmosphäre einen Krach, der in Frankreich allein mehr als 10 Milliarden mit einemmal vernichtet, einen Krach, hervorgerufen durch die hohe Finanz und deren gehorsame Lataien in der Presse, den Parlamenten und Regierungen! Und darauf folgend eine Situation, die zur Konfiskation der großen Monopole in Rußland führt! Da dürfte es auch gar manchem kapitaliftischen Monopol, gar mancher kapitalistischen Regierung in Westeuropa an den Kragen gehen., Und die steigende Flut wird dann wohl auch hoch genug anfchwellen, in Deutsch land das Junker- und Monopolistenregime hinwegzuschwemmen und dessen Zwingburgen in den Landtagen niederzuwerfen.
So mögen denn Besitz und Bildung in Westeuropa sich noch weiterhin dazu drängen, das russische Mordbrennertum mit ihren Milliarden zu stüßen. Sie haben ihren Lohu dahin!
Zur Ermordung Abromows.
Die russische realtionäre Bresse ist buchstäblich aus dem Häuschen geraten über die an dem Offizier Abromow, dem niederträchtigen Beiniger der Spiridonowa, vollzogene Exekution und wehklagt in ihrem löblichen Eifer über die im Volte eingerissene Verwilderung der Sitten. Diese Erelution war umsomehr am Blaze, als trop aller in der ganzen europäischen Presse erhobenen Proteste Abromow nicht nur der strafenden Nemefis überliefert wurde, sondern ungeniert weiter in Amt und Würden verblieb, damit er mit den ihm untergebenen Kosaten die patriotischen Taten auf dem Gebiete des Totschlages und der Tortur fortseßen tönne.
meinen
Damit sich auch minder eingeweihte deutsche Kreise einen auch nur annähernden Begriff über die altenmäßig beglaubigte Tätigkeit des Opfers der Revolution" Abromow und der Persönlichkeit der zum Tode durch Erhängen verurteilten und zu zwanzigjähriger Diese Wahrscheinlichkeit rückt um so näher, je länger das Bwangsarbeit begnadigten Verbrecherin" Spiridonowa machen westeuropäische Kapital den russischen Absolutismus stügt. tönnen, zitieren wir hier die Rede des Verteidigers ex officio, des Vor zwei Jahren wäre es vielleicht noch möglich gewesen, Rosa tenrittmeisters Filimonow, welche laut dem Bericht durch energische Pression der französischen Republik und der juristischen Fachzeitung Prawo "(„ Das Recht") folgenden ihrer Finanzleute, ein liberales Regime in Rußland herbei- Wortlaut hatte: " Die Verteidigung der Angeklagten wird mein erfahrener zuführen, das eine allmähliche Regeneration Rußlands auf fapitalistischer Basis anbahnte. Je länger dagegen die heutige und talentvoller Kollege Teslento führen. Ich dagegen will Wirtschaft dauert, desto mehr stürzt sie Rußland in ein Chaos, mein Recht als Verteidiger dazu benutzen, Der Absolutismus des Baren hat tatsächlich aufgehört. aus dem es nur durch ein Regime gerettet werden kann, Gedanken auszusprechen, welcher mich seit Beginn der Sitzung völlig Die ruffische Regierung mußte in den letter Monaten wenig das frei ist von allen Rücksichten gegen das kapitalistische beherrscht. Ich bin zum erstenmal auf einem derartigen Prozeß zugegen stens einem Teile ihres Volfes Freiheit geben aber sie Eigentum. Noch kein sozialistisches Regime, das kann in hatte die Wahl, welchem Teile fie diese geben sollte. Die Rußland nicht früher aufgerichtet werden als in Westeuropa , und kann die ungewöhnlichen Umstände, unter denen er sich abspielt, Wahl fiel ihr nicht schwer: Sie verlieh sie fenen Klaffen, die aber ein Regime, das seinen Tendenzen nach manche Aehn- nicht abschütteln. Auf der einen Seite sehe ich eine glänzende Verihr am nächsten stehen, Fleisch von ihrem Fleische sind. Auf lichkeit mit dem der Jakobiner der großen Revolution haben sammlung von Offizieren, welche zusammengetreten ist, um nach Ausnahmegefeßen eine politische Verbrecherin zu richten. Auf feinen Fall den intelligenten, arbeitenden Klaffen und auf dürfte. erblide ich ein schwaches, gequältes, feinen Fall die Freiheit, sich zu organisieren, um neue Grund- Diese Erwartung ist nicht ein Produkt frommer Wünsche der anderen Seite bolljähriges Mädchen, fast noch ein Kind, das Tagen des Staates zu schaffen. Nein, die Soldateska, vor- wenn wir uns von Wünschen leiten ließen, fönnten wir taum allem die Kosaken, und die Hooligans, die Rumpenproletarier befferes wünschen als diese Art Entwickelung, die für das eines Verbrechens angeklagt worden ist, auf welchem der Von der einen Seite hörte ich die leidenschaftlose, sowie die künstlich in Idiotie gehaltenen Teile des arbeitenden russische Volf Jahre furchtbarsten Elends, gräßlichster Ber- Tod steht. Broletariats, fie bekommen die Freiheit, aber auch nur die rüttung bedeutet und unsere Partei vor die riesen- rauhe Anklage, welche Berurteilung und Bestrafung forderte, von der Freiheit des Plündernst Alle die Elemente, die bisher heim- haftesten und widerspruchsvollsten Aufgaben stellt, wo- anderen erreichte das heiße, aufrichtige Bekenntnis dieses wunder lich stahlen, von den Generälen und Gouverneuren bis zum bet diefelbe Entwickelung gleichzeitig die Mittel zur baren Mädchens mit dem leidenschaftlichen Kopf und einer Die lebhaften Phantasie das Dhr, welche sich von füßen, aber nicht zu fleinsten Taschendieb, sie dürfen jett öffentlich verwüsten und Lösung dieser Aufgaben aufs ärgste verkümmert. inmitten Sozialdemokratie hätte gräuelboller verwirklichenden Gedanken über das Glück des uns allen teuren fonfiszieren, was ihnen gefällt. Das ist die Freiheit, die heute russische ein zivar heldenmütiges und in Rußland herrscht, die als Gegengift gegen die Bolksfrei- Anarchie begabtes, Boltes verleiten ließ. Wir haben mit Entfeßen und Bittern ihrer heit in Anwendung gebracht wird. Das ist die Freiheit, zu aber unwissendes und unerfahrenes Proletariat zu organi- Erzählung über die gottlosen und unmenschlichen deren Schutz die Vertreter von Besitz und Bildung die ja fieren und gleichzeitig auf eine höchst rückständige gewaltige Folterungen während ihrer Gefangenschaft gelauscht, welche in angeblich stets zusammengehen in Westeuropa jezt auf- Bauernmaffe einzuwirken, zur Lösung von Aufgaben, an dem aufgenommenen medizinischen Bericht ihre volle Bestätigung gefordert werden, Milliarden beizusteuern. denen alle anderen Parteien und Schichten scheitern, zur finden. Wir haben schließlich das Urteil des Arztes der Expertise Neubegründung einer bürgerlichen Ordnung, der dasselbe gehört, welcher bestätigt, daß ihr junger Drganismus von einem Proletariat, das sie erringen soll, von vornherein fritisch unheilbaren Leiden befallen ist, welcher dem zarten Alter der Angegenüberstehen muß. Das ist eine Situation, weit schwie- geklagten besonders gefährlich werden muß. Meine Herren Richter, ich sowohl wie Sie find in der Mitte riger und verworrener als die der Jakobiner in der großen Revolution, und wir hoffen, es wird unserer Partei erspart des Militärs groß geworden, welches sein ganzes Leben dem Kriegsbleiben, sich in dieser Situation anders wie als Triebfraft, handwerk geweiht hat. Sie alle sind in der Erkenntnis erzogen, die von unten wirkt, betätigen zu müssen. Auf jeden Fall ist dem Tode gerade und fühn in die Augen zu bliden oder ihn im die Erbschaft eines völlig desorganisierten und bankrotten Falle der Notwendigkeit einem anderen zuzufügen. Aber ich sowohl wie auch Sie wissen es genau, daß der Arm eines ehrlichen Boltes vont Volfe, nicht vom Staate reden wir hier- Striegers selbst in heißester Schlacht und in Stampfeswut sich nie nicht so verlockend, daß wir sie zu wünschen hätten. gegen eine Frau erheben wird. Wir wissen, daß eine Militärperson
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Natürlich fümmern sich die Vertreter von Besitz und Bildung einen Pfifferling um die Gemeinheit, die darin liegt, ein derartiges Regime zu unterstützen. Aber sie sollten doch mindestens so viel Grüße im Kopfe haben, um zu erfennen, daß mit solchen Methoden eine frante Volkswirtschaft nicht geheilt, sondern nur noch rascher ihrem Ruin entgegengetrieben werden kann!
Bedeutet aber der jetige Milliardenpump unzweifelhaft eine Unterstützung der Elemente, die Rußland ruinieren, so darf man die Bedeutung dieser Unterstütung doch nicht überschäben. Es ist ein rechtes Wuchergeschäft, das da gemacht Wenn wir erwarten, daß sich die Dinge so gestalten, wie wird. Um zweiundeinviertel Milliarden Frank soll die wir eben dargelegt, so rührt dies also nicht daher, daß wir feine Frauen tötet. Aus diesem Grunde blicke ich Ihnen mit Unrussische Staatsschuld durch diesen Pump vermehrt werden. diesen Entwickelungsgang wünschten. Das wünschenswerteste ruhe und Zittern ins Gesicht, um auf demselben Ihre Absicht Aber wieviel wird der russische Staatsschaz erhalten? Wir im Interesse aller Beteiligten wäre der rascheste Umsturz des zu lesen.