Einzelbild herunterladen
 

Nr. 279.

Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Viertel­Jährlich 3,30 Mart, monatlich 3,10 Mt, wöchentlich 28 Bfg fret in's Haus. Einzelne Nummer 5 Blg. Sonntags Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue 2Belt" 10 Pig. Post- Abonnement: 3,30 Mf.pro Quartal. Unter Kreuz­ band : Deutschland u. Defterreich: Ungarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Eingetr. in der Poft Beitungs- Preisliste für 1892 unter Nr. 6852.

Vorwärts

9. Jahrg.

Infektions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Naum 40 Pig., für Vereins: und Bersammlungs- Anzeigen 20 fg Inserate für die nächste Nummer nüffen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochen­tagen bis 7 Uhr Abends, an Sonn­und Sefitagen bis 9 Uhr Box: mittags geöffnet.

fernfpred- Anflu 3mt I, Nr. 4186.

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands ..

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Bum Parteitag.

III.

Die Deffentlichkeit, in welcher der sozialdemokratische Parteitag abgehalten, und die freie Kritik und Selbstkritik, welche, dem Wesen unserer Partei gemäß, auf dem Parteitag geübt wurde, haben den gegnerischen Parteien die Möglich feit geboten, sich im ganzen Glanz ihrer moralischen und intellektuellen Urtheilsunfähigkeit zu zeigen. Daß die That sache der schärfsten Selbstkritik im Lichte der Sonne an sich oer kräftigste Beweis von Kraft und Gesundheit und gutem Gewissen ist, das begreifen unsere Gegner nicht, oder thun wenigstens, als begriffen sie es nicht.

Sonntag, den 27. November 1892.

deckt

Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Aehnlich wie die russische oder Bismarck- deutsche Presse letzte Rest von Ansehen in den Augen der noch England gegenüber, verhält sich unsere kapitalistische Presse Gläubigen. Ja, wir fagen, und wir wissen, gegenüber der Sozialdemokratie. Der Knebel ist ihr zwar daß wir die Wahrheit sagen: Keine unferer nicht von den Behörden angelegt, die nach dieser Richtung gegnerischen Parteien würde einen Parteitag, so frei und hin mit Freuden den weitesten Spielraum gewähren; fie öffentlich wie der unsere es war, um 24 Stunden trägt aber doch einen faustdicken Knebel, und sie selbst hat überleben. Sie wären ein streitendes, zankendes Chaos; sich ihn angelegt aus Furcht vor der Sozialdemokratie und wohingegen wir nach jedem Parteitag geschlossener und ge­vor der freien Kritik. Sie weiß, daß der Boden, auf dem festigter find. Die freie, rücksichtslose Kritik klärt nicht blos, fie sich bewegt, durch und durch unterhöhlt, der Bau, in sie reinigt auch und sie einigt. dem sie wohnt, madlig, und das Gesellschaftssystem, für Nicht, daß wir behaupten wollten, es sei bei uns alles dessen Erhaltung sie schreiben muß, in Fäulniß und Ver- in bester, tadellosester Ordnung, und die Kritik habe nicht wesung begriffen ist überall mit Schmutz be auch wunde Punkte getroffen. Das wäre alberne Schön ein großer, riesengroßer Schmutzhaufe. färberei oder thörichte Selbsttäuschung. Es ist vieles, vieles Wir hatten schon öfters Gelegenheit, uns mit der Sie weiß es, allein fie darf es nicht sagen bei uns zu bessern, und gerade weil wir uns hierüber nicht Taktik zu beschäftigen, welche die geknebelte Bresse sie darf die Sonde der Kritik nicht eintreiben täuschen, deshalb ziehen wir es in die allgemeine öffentliche despotischer Länder den freien Ländern gegenüber sich zu- die Sonde würde nur brandiges, vereitertes Fleisch finden, Untersuchung, und vertuschen nichts. Ift etwas faul­recht gemacht hat. Während sie die verrotteten Zustände nur die Fäulniß und Verwesung feststellen, nur den dann her mit dem Messer! Ist etwas mangelhaft, unzu des eigenen Landes nicht zu besprechen wagt, und, wenn nahenden Tod ankünden. So hat die Kapitalistenpresse länglich dann Hand an das Werk, den Schaden zu es sich nicht vermeiden läßt, erst vorsichtig Glaceehandschuhe sich selber den Knebel angelegt; fie magt nicht Kritit im heben, den Mangel zu beseitigen! anzieht, stürzt sie sich auf die Auslaffungen der freien eigenen Lager zu üben, und entschädigt sich dafür durch Freilich Wunder fönnen wir nicht thun. Wir können nicht Preffe freier Länder, wie der Teufel auf eine arme Seele, Geschimpfe- denn Kritik kann man das nur in Höflichkeit im Augenblick ändern, was langer Borbereitung und Bucht be und benutzt gierig jedes Wort der freien Kritik über die nennen durch Geschimpfe und Reifen auf die Sozial- darf. Daß es unserer Partei theilweise an geschulten Kräften Zustände des eigenen Landes, um dieselben in möglichst demokratie. Und da sie die Sozialdemokratie nicht fennt fehlt das hat nicht erst dieser lette Parteitag offenbart. schwarzem Licht hinzustellen und sich echt pharisäerhaft an so wenig wie die russische und die Bismarc- deutsche Das haben wir längst gewußt, und das haben wir die Bruft zu schlagen: Gott sei gedankt, wir sind Presse England kennt so sucht sie sich, wie diese, ihr niemals weder uns noch anderen verborgen. Es ist nicht so schlecht, wie diese Zöllner und Sünder!" Da nun" Material" bei den Gegnern, und macht sich aus deren das in der Natur und in der Geschichte unserer Partei die Kritik in freien Ländern, gleich jeder ehrlichen Selbst- Selbstkritik ein Bild zurecht, das ihren Wünschen ent- begründet. Als in der zweiten Hälfte des vorigen Jahr kritik die Neigung hat zu übertreiben, jeden Flecken spricht. hunderts der Tiers Etat dritte Stand den Kampf recht schwarz zu malen und mitunter aus der Mücke einen Nun die englischen Seldaten, welche von der zeit um die politische Herrschaft begann, da herrschte er schon Elephanten zu machen, ist es der geknebelten Bresse genössischen Presse als verkommene Crapule( Abschaum) bes auf dem Gebiete der Kunst und Wissenschaft. Dem Prole­zahmer" despotischer Länder eine Kleinigkeit, ohne direkte zeichnet wurden, siegten bei Waterloo, und die unbrauch- tariat sind Kunst und Wissenschaft verschlossen worden- Fälschung aus Aeußerungen der freien Presse der wilden" baren Bütten" bei Abukir und Trafalgar und Menschen es hat aus seiner Mitte, mit seltensten Ausnahmen, teine Länder kaleidoskopisch ein Schauerbild zusammenzustellen, und Schiffe sind heute von dem gleichen Stoff Gelehrten, keine Künstler hervorbringen können, außer das allem gleicht, nur nicht der Wirklichkeit und Wahrheit. wenn auch die Schiffe nicht mehr von dem gleichen solchen, die durch einen Glückszufall die Gönnerschaft der Nehmen wir zum Beispiel England in russischer Material wie damals. Und kommt es wieder zum Kampf, Bourgeoisie erhielten und ihrer Klasse den Rücken fehrten. oder Bismarck - deutscher Beleuchtung. Die englische so werden sie wieder eben so tüchtiges leisten. Die Herren Und zur Erziehung von Verwaltungsbeamten bietet sich Presse legt seit Jahrhunderten die Sonde der Kritik rück- Ruffen haben bei Sebastopol und Jukermann schon einen teine Gelegenheit. Das Proletariat hat nichts zu ver fichtslos an die Armee und die Flotte. Die Armee besteht Borgeschmack empfangen. walten. Der Mangel an geschulten Kräften für den

"

-

-

-

der

aus fäuflichem Gesindel und Jahr für Jahr wird die Und fommt es zu einem ernsthaften Kampf, zu einer geistigen Kampf und für die Verwaltung- Qualität des militärischen Rohmaterials miserabler. Die entscheidenden Kraftprobe zwischen Sozialdemokraten und das ist unser Hauptnachtheil im Verhältniß zu den Gegnern, Schiffe taugen nichts es sind keine Schiffe sondern den bürgerlichen Parteien hoffentlich geben die Wahlen die ein massiges Gelehrtenproletariat und ein Heer von elende Bütten"( tubs), die einen Sturm nicht aushalten uns bald Gelegenheit, dann werden die Herren der Verwaltungskräften zur Verfügung haben. Was von solchen fönnen, in einer Seeschlacht untergehen, ohne daß eine Kapitalistenpresse bald belehrt werden, daß scharfe Selbst aus den Reihen der Bourgeoisie zu uns übergeht, ist zum feindliche Kugel sie zu treffen braucht. fritik zwar leicht über das Ziel hinansschießt, aber immer großen Theil unbrauchbar oder bedarf längerer Schulung, Solche Kritiken- nur meist noch drastischer sind und unter allen Umständen eine Quelle der Kraft und Gesche es gebraucht werden kann. Wir gleichen in dieser Be­alltäglich in den englischen Blättern zu lesen. Und in der sundheit ist. ziehung der französischen Armee nach Ausbruch der russischen wie weiland in der Bismarck- deutschen- Presse Welche gegnerische Partei so fragen wir noch Revolution fie hatte keine Offiziere heißt es mit überlegener Selbstzufriedenheit:" Die englische einmal hätte ihre innersten Partei- und Geschäfts- patriotische" Adel war ausgerissen und tämpfte Armee besteht aus dem Abschaum der Nation, moralisch Angelegenheiten vor die Deffentlichkeit bringen und vor der unter den Fahnen des Auslandes gegen das Vaterland- und physisch erbärmlichem Gesindel, und die englische Flotte Deffentlichkeit verhandeln fönnen, wie wir es gethan haben? die Soldaten mußten ihre eigenen Offiziere sein anfangs ans unbrauchbaren Bütten, die nicht einmal feetüchtig sind, ge- Diese Interna( innersten Angelegenheiten) sind für sie ging's schlecht, es fehlte nicht an Schlappen im Striege schweige denn seeschlachttüchtig. Dafsind wir Russen ganz andere Partei- und Geschäfts geheimnisse. Und mit gutem aber wurde der Krieg gelernt, die Offiziere bildeten sich Kerle. Unter der unfehlbaren allweisen und allgütigen Grund, denn würde die Jämmerlichkeit bekannt, die klein- heraus, der gute Wille, die Begeisterung, die Leidenschaft Obhut Bäterchens" ist alles bei uns fehlerlos und voll- lichen Eifersüchteleien der Führer", die Rath- und that das Uebrige, und die Armeen der französischen Re­voll- lichen tommen Armee, Flotte und alles Andere." Programmilosigkeit, das Streberthum so schwände der publik, besiegten bald das monarchische Europa .

Feuilleton.

Nachdrud verboten.)

Bel- Ami

Ronian von Guy de Maupassant .

[ 24

Kasernenstube dar, der einem Pudel das Trommelschlagen Er war so aufgeregt, daß er einen Augenblick daran dachte, beibringt. Walter meinte: Hier liegt, wirklich Geist plögliches Unwohlsein vorzuschützen und davon zu laufen. darin." Die Betrachtung der Bilder war zu Ende. Der Duroy lachte zustimmend und gerieth in Verzückung: Herausgeber stellte die Lampe wieder hin und begrüßte Reizend! Reizend! Rei...." Das Wort blieb ihm im Frau von Marelle. Duroy aber setzte ganz allein die Be­Halse stecken, denn er hörte hinter sich die Stimme der trachtung der Gemälde fort und that so, als wenn er sich Frau von Marelle, die eben gekommen war. nicht von ihnen losreißen tönnte.

"

H

"

Er

Der Direktor fuhr in der Bildererklärung fort. Er war völlig verwirrt. Was sollte er thun? Er Er deutete jetzt auf ein Aquarell von Maurice Leloir : hörte Stimmen hinter sich, hörte, was gesprochen wurde. Zuerst sah man ein kleines Gemälde von Jean Béraud ," Das Hinderniß". Eine Sänfte kann nicht weiter, weil die Frau Forestier rief ihn heran. Sagen Sie doch, Herr das Oben und unten" hieß. Eine hübsche Pariserin Straße durch einen Kampf zwifchen zwei Leuten aus dem Duroy!" Er trat heran. Es handelte sich um die Em­Klettert die Treppe eines fahrenden Pferdebahnwaggons Volte versperrt ist, zwei Männern, die wie Herkulesse mit pfehlung einer Freundin, die ein Fest gab, das sie gern hoch. Ihr Kopf taucht gerade auf dem Deck des Wagens einander ringen. Und aus der Sänfte sieht ein reizender in der" Vie Française" unter" Lokalem" erwähnt haben auf und die Herren auf dem Deck blicken eben mit offen- Frauenkopf zu... sieht ohne Ungeduld, ohne Furcht, ja wollte. barer Befriedigung auf das hübsche, junge Gesicht, das ihnen mit einer gewissen Bewunderung dem Kampf der beiden Er stotterte: Gewiß, gewiß, gnädige Frau, ge­näher kommt. Die Herren unten auf dem Perron aber Wilden zu. wiß.. betrachten was von den Waden der jungen Frau zum Vor- Herr Walter fuhr unermüdlich im Reden fort: Da Jeht stand Frau von Marelle dicht bei ihm. schein kommt, zum Theil mit Lüfternheit, zum Theil mit hinten, in den anderen Zimmern habe ich noch mehr; aber wagte nicht sich umzukehren und bei Seite zu treteit. Verdruß. fie sind von weniger bedeutenden, weniger berühmten Malern. Blöglich dachte er, er sei verrückt geworden. Sie hatte Herr Walter hielt die Lampe hoch empor und wieder- Das hier ist mein eigentlicher Salon". Augenblicklich ganz laut gesagt:" Guten Tag, Bel- Ami! Sie kennen mich holte mit unanständigem Lächeln: Nicht wahr? sehr spaß- laufe ich viel von den Jungen", von den ganz Jungen, wohl nicht mehr?" und hänge die Bilder in den inneren Gemächern als Re- Er machte eilig Kehrt. Lächelnd stand sie vor ihm haft! sehr spaßhaft!" serve auf. Ich warte, bis sie berühmt werden." Leise und sah ihn heiter und gütig an. Sie reichte ihm die fügte er noch hinzu: Jezt ist so die richtige Zeit, wo man Hand. Bilder kaufen muß. Die Maler verhungern. Keinen Pfennig Bitternd nahm er sie in Empfang. Noch immer fürch Mitten auf einem abgedeckten Tisch hockt ein Kätzchen haben sie... keinen Pfennig... tete er irgend eine Hinterlist, eine Perfidie von ihr. Sie und betrachtet mit Staunen und Verivierung eine Fliege, Aber Duron sah nichts und verstand nicht, was er aber sehte ruhig hinzu: Wie geht es Ihnen denn? Man die in einem Wasserglase schwimnit. Sie hat die eine Pfote jagte. Frau von Marelle war da, war hinter ihm. Was sieht Sie ja nirgends." erhoben und ist anscheinend im Begriffe, das Insekt mit sollte er anfangen? Grüßte er sie, so konnte er befürchten, Es wollte ihm immer noch nicht glücken, seine Kalt­einem raschen Schlage herauszufischen. Aber noch hat sie daß sie ihm den Rücken drehte oder ihn ablaufen ließ. blütigkeit wiederzufinden. Er stotterte:" Ja, ich habe so sich nicht entschieden. Sie schwankt. Was wird sie thun? That er es aber nicht, was mußten die anderen davon viel zu thun, gnädige Frau, so viel zu thun. Herr Walter Dann deutete der Direktor auf ein Gemälde von deufen! hat mir einen neuen Bosten anvertraut, der mich außer­Detaille: Die Lektion". Es stellte einen Soldaten in der

Dann fuhr er in der Erklärung der Bilder fort:" Eine Rettung von Lambert".

Er sagte sich: Vor allem muß ich Zeit gewinnen." ordentlich in Anspruch nimmt."