Nr. 201.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Sozialdemokratie
und Kolonialpolitik.
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Donnerstag, den 29. August 1907.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
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Möglichkeit einer sozialistischen Kolonialpolitik der Zu- bevölkerung sowohl wie des einheimischen Prolekunft, sondern um die Einschmuggelung des Gedankens, daß tariats basiert, ist solcher humanitären Wandlung auch nach eventuell auch ein Kompromiß mit der kapitalistischen der ehernen Logit der wirtschaftlichen und Kolonialpolitik möglich sei. Sagte doch auch Bernstein : politischen Tatsachen gar nicht fähig! Wenn schon Wir müssen von der utopischen Idee ab- die kulturelle Befreiung der heimischen Arbeiterklasse innertommen, die dahin geht, die Kolonien zu verkaufen. Die letzte halb der kapitalistischen Gesellschaft nach den Auffassungen des Konsequenz dieser Anschauung wäre, daß man die Vereinigten wissenschaftlichen Sozialismus abfolut ausgeschlossen Die Stuttgarter Kolonialdebatte findet in der Partei- Staaten den Indianern zurückgäbe.( Unruhe.) Die Kolonien ist weshalb erstrebten wir denn sonst die sozialistische presse noch lebhaften Nachhall. Speziell die Genossen find da. Damit muß man sich abfinden. Eine gewisse Südekum und David können sich noch nicht darüber be- Vormundschaft der Kulturvölker vor Nichtkulturvölkern ist eine Not- Gesellschaftsordnung?! so ist erst recht die fulturelle Beruhigen, daß nicht die Resolution, die in der Kommission wendigkeit, die auch Sozialisten anerkennen sollten." freiung der Eingeborenen der Kolonien eine platte die Mehrheit auf sich vereinigte, von der Mehrheit des Plenums Wir wollen damit freilich nicht behaupten, daß die Unmöglichkeit. Daß trotzdem die Sozialdemokratie für die angenommen wurde, sondern die Resolution der Kommissions- Mehrheit derjenigen, die der Resolution der Kommission möglichste Besserung der Lage der Unterdrückten und minderheit. Genosse David findet es zudem befremdend, zugestimmt hatten, solche Absichten gehegt hätten, ja sich über Ausgebeuteten auch schon im Gegenwarts sta a te eintritt, daß gleich der„ Leipz. Volksztg." auch der Vorwärts", die Absichten einiger Genossen auch nur klar gewesen wären. versteht sich ganz von selbst; aber nimmermehr kann diese das Zentralorgan der deutschen Partei, diese Ent- Aber die Reden der Genossen van Kol und Bernstein bewiesen praktische Gegenwartsarbeit zur Anerkennung des scheidung des Kongresses mit stürmischem Jubel" be- doch ein solches Maß des Entgegenkommens an die bürger- Rapitalismus in all seinen Erscheinungsformen führen! grüßt habe. lichen Anschauungen über die Kolonialpolitit, sie verrieten Daran denkt natürlich ein Bebel, der sich wiederholt als Die Genoffen Südekum und David finden die Stellung- so deutlich, daß man unter sozialistischer" Kolonial- odfeind" der heutigen Gesellschaftsordnung bekannt zu allerletzt! Auch dürfte es Bebel schwerlich nahme des Vorwärts" um so unbegreiflicher, als nicht nur politik nicht nur eine Lösung des folonialen Problems in der hat, die große Mehrheit der deutschen Delegation für die Re- sozialistischen Gesellschaft, sondern auch eine einfallen, seine rhetorische Antithese, die der kapisolution der Kommissions mehr heit eingetreten sei, sondern sozialistische" Sanierung der tapitalistischen Kolonial- talistischen folonialen Ausbeutungspolitik eine Politik weil diese Resolution auch völlig im Einklang mit den politik im bürgerlichen lassenstaate verstehen der kulturellen Emporhebung der farbigen Rassen bisher von der deutschen Sozialdemokratie vertretenen An- wollte, daß es notwendig war, solchen Deutungen von vorn- entgegensetzt, als theoretische Fundamentierung der sozialistiSchon aus schen Kolonialpolitit" zu betrachten. Das, was schauungen gestanden habe, während sich die Verteidiger der herein mit aller Entschiedenheit vorzubeugen. vom Plenum schließlich angenommenen Resolution also diesem Grunde war es hocherfreulich, daß die Mehrheit Bebel will, aber ist selbstverständlich die Kulturmission des Leipz. Voltsztg." und" Vorwärts" in einen Gegensatz des Plenums schließlich auch jene am Tage darauf vor. Sozialismus, die wir freilich nicht durch die Bezeichnung zu dieser bisherigen Auffassung der Partei gebracht hätten. geschlagene Kompromißfassung der einleitenden Säge der Kolonialpolitik" herabgesezt sehen möchten! Resolution der Kommissionsmehrheit ablehnte, die folgender bei dem rattionsaufruf, der sich genau in den von Um ein bloßes Wortspiel handelt es sich auch nur wir hiermit beweisen wollen! maßen lautete: " In der Erwägung, daß der Sozialismus die Pro- Bebel entwickelten Gedankengängen bewegt und hinzufügt: Wir sehen endlich in der deutschen Kolonialpolitik teine duktivkräfte des ganzen Erdkreises entfalten und alle Völker zur höchsten Stultur emporführen will, verwirft Stärkung, sondern eine Schwächung Deutschlands ." der Kongreß nicht jede Kolonialpolitik prinzipiell, weil diese unter sozialistischem Regime zivilisatorisch und Bernstein über die Kolonialpolitik geäußert haben!
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Yeun iſt in Wirklichkeit genau das Gegenteil richtig, wie
Die dem Plenum vorgelegte Resolution der Kommissionsmehrheit- die den bisherigen Auffassungen des Sozialismus im allgemeinen und der deutschen Sozialdemofratie im besonderen entsprechen soll- begann mit folgender Einleitung:
wird wirken fönnen."
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wirten tann."
Der Kongreß stellt fest, daß der Nutzen oder die Not- Auch diese Fassung hätte von strupellosen Interpreten wendigkeit der Klonien im allgemeinen besonders aber wieder zugunsten der Ansichten van Kols und Bern für die Arbeitertiafie- start übertrieben wird. Er verwirft fte in 3 gedeutet werden können. Schon deshalb war ihre aber nicht prinzipiell und für alle Zeiten jede Kolonialpolitit, die unter sozialistischem Regime zivilisatorisch Ablehnung eine hocherfreuliche Tat! Genosse David sucht die Abstimmung des Plenums Wenn Worte überhaupt einen Sinn haben, war nun dadurch zu diskreditieren, daß er hervorhebt, für diesen damit die bisherige Auffassung speziell der deutschen Kompromißantrag habe die gesamte deutsche Dele Sozialdemokratie, daß die Kolonialpolitit, wie sie bisher gation mit Ausschluß von nur drei oder vier Delegierten geschichtlich in die Erscheinung getreten ist und wie sie gestimmt. Auch das ist unrichtig. Ueber diesen Ansich in der kapitalistischen Kolonialpolitik der Gegen- trag ist in der deutschen Delegation überhaupt nicht wart verkörpert, dem Proletariat nicht nur keinen Nugen abgestimmt worden, vielmehr wurde nur gegen drei oder bringt, sondern seinen Emanzipationskampf in der schlimmsten vier Stimmen beschlossen, daß je ein Vertreter der Mehrheit Weise gefährdet, verleugnet worden. Denn wenn auch und Minderheit gemeinsam eine für beide Teile aunehmbare die Anpreisung des Nutzens der Kolonien als übertrieben" Neufassung der einleitenden Säte versuchen sollten. gefennzeichnet worden war, so war der relative Nutzen doch Dieser Kompromißantrag kam erst so kurz vor der entzugleich zugegeben worden! Der zweite Sazz, der dann scheidenden Plenarsizung zustande, daß er zur Abstimmung speziell von den zivilisatorischen Aufgaben der sozia- in der deutschen Delegation nicht mehr gelangen konnte. listischen" Kolonialpolitik sprach, schwächte wohl den ersten Welches die eigentliche Ansicht auch eines großen Teiles der Satz ab, schaffte ihn aber feineswegs aus der Welt! Ganz deutschen Delegation war, bewies ja deren Schlußabgesehen davon, daß der Begriff der sozialistischen Kolonial- a b stimmung in der Plenarsigung, wo die unzweideutige politit" etwas ganz Neues, Unfaßbares, wissen- prinzipielle Resolution der Minderheit der Kommission schaftlich und logisch unhaltbares darstellte, wie angenommen wurde! wir weiter unten dartun werden. Es ist also nur ein polemischer Kniff, die Frage
Man muß aber außerdem den Wortlaut der Resolution der Abstimmung über die Kompromißfassung in den der Kommissionsmehrheit mit den Reden des Bericht- Vordergrund zu schieben und damit den Stern der ganzen erstatters der Kommissionsmehrheit und anderer Befür Streitfrage zu verschleiern. Nur die Behandlung der ganzen worter der Resolution vergleichen, um das Gefährliche der Debatte in ihrem Zusammenhange gibt Aufschluß über Resolution in vollem Umfange zu erkennen. So wendete sich das, um was sich die Differenzen in der Kolonialfrage eigentvan Kol, der Berichterstatter, nicht etwa nur gegen die- lich drehten!
jenigen, die von einer sozialistischen" Stolonialpolitik Zum Schluß noch einige Worte über die sozialistische" nichts wissen wollen, sondern auch gegen die Vertreter der Kolonialpolitit als sozialistisches Zukunftsproblem. Auffassung, daß die kapitalistische Kolonialpolitik trotz aller Da behaupten nun David und Südekum, die deutsche Sozialhumanitären" Schönheitspflästerchen prinzipiell zu be- demokratie habe sich bereits vor dem Kongreß auf diese tämpfen sei. Sagte doch van kol: sozialistische Kolonialpolitit" festgelegt, nämlich
Ledebour wird doch auch überzeugt davon sein, daß der durch eine Stelle aus einer Rede Bebels und einen Bassus Kapitalismus in Europa eine Notwendigkeit ist, eine notwendige und unvermeidliche Zwischenstufe. Sollte das gleiche nicht auch für den Kapitalismus in den Kolonien zutreffend fein?
Gewiß, die kolonialen Greuel sind schredlich, aber es ist nicht wahr, daß wir unfähig sind, sie zu unterdrücken und die Kolonialpolitit zu verbessern. Wir Holländer find eines der ältesten Kolonialvölker. Aber wir haben es erreicht, daß man iegt in den holländischen Kolonien nicht mehr alltäglich mordet, martert, brennt und plündert. Ledebours Zukunftspläne find reichlich utopistisch. Er weiß doch sicher nicht, daß eine zukünftige Rolonialpolitit nach menschlichen Grundsätzen immer ganz friedlich sein wird. Ich würde es sehr bedauern, eine so große Nation wie die deutsche sich im Vertrauen auf so utopische Pläne in den Schmollwinter stellen und für die Gegenwart auf die bloße Negation beschränken würde."
Das ist doch sehr deutlich! Van Rol behauptete unter Berufung auf die holländische Kolonialpolitik, daß auch unter dem kapitalistischen System die Kolonialpolitik humanisiert, also doch wohl für Sozialisten akzeptabel gemacht werden könne. Und in der Tat, wenn auch, nach van kol, die sozialistische Kolonialpolitik der brutalen Gewalt der Waffen nicht entbehren können soll, warum sollte man denn da die tapitalistische Gegenwartspolitik noch in starrer, Negation" ablehnen!
des Frattionsaufrufs zur letzten Wahl. Nun bedeuteten ja schon an und für sich solche Auslassungen noch feineswegs eine Festlegung der Partei; allein diese Berufung ist auch ohnehin durchaus verfehlt.
Die Stelle der Bebelschen Reichstagsrede lautet:
Daß Kolonialpolitik getrieben wird, ist an und für sich kein Verbrechen. Kolonialpolitit treiben, kann
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Das ist doch etwas ganz anderes, als was van Kol Nach alledem war es, wir wiederholen es, gerade angesichts der imperialistischen Aera des kapitalistischen Deutsch land eine befreiende Tat, daß der Internationale Kongreß eine Resolution faßte, die allen Kompromißlereien. und Interpretationstünsten gründlich ein Ende macht! Der Versuch wir bemerken nochmals, nicht der Mehrheit der deutschen Delegation oder des Kongresses wohl aber einer Minderheit an dem Klaffenkampfcharakter der Sozialdemokratie zu„ revidieren", ist abermals abgeschlagen worden, abgeschlagen ganz im Sinne der Dresdener Resolution, in der es heißt:
" Der Parteitag verurteilt auf das entschiedenste die revisionistischen Bestrebungen, unsere bisherige bewährte und sieggekrönte, auf dem Klassenkampf beruhende Taktik in dem Sinne zu ändern, daß an Stelle der Eroberung der politischen Macht durch Ueberwindung unserer Gegner eine Politik des Entgegentommens an die bestehende Drd. nung der Dinge tritt.
Die Folge einer derartigen revisionistischen Taktik wäre, daß aus einer Partei, die auf möglichst rasche 1 m- wandlung der bestehenden bürgerlichen in die sozialistische Gesellschaftsordnung hinarbeitet, also im besten Sinne des Wortes revolutionär ist, eine Parte wird, die sich mit der Refor mierung der bürgerlichen Gesellschaft begnügt.
Daher ist der Parteitag im Gegensatz zu den in der Partei vorhandenen revisionistischen Bestrebungen der Ueberzeugung, daß die Klassengegensäte sich nicht abschwächen, sondern stetig verschärfen und erklärt:
1. daß die Partei die Verantwortlichkeit ablehnt für die auf der kapitalistischen Produktionsweise beruhenden politischen und wirtschaftlichen Zustände und daß sie deshalb jede Bewilligung von Mitteln verweigert, welche geeignet sind, die herrschende Klasse an der Regierung zu erhalten....
Der Parteitag erwartet, daß die Fraktion. den Kampf... wider Kolonial- und Weltmachtspolitik, wider Unrecht, Unterdrückung und Ausbeutung in jeglicher Gestalt noch energischer zu führen, als es ihr bisher möglich ge. wesen ist... und für den Ausbau der Sozialgesetzgebung und die Erfüllung der politischen und kulturellen Aufgaben der Arbeiterklasse energisch zu wirken hat."
unter Umständen eine Kulturtat fein; és fommit Ein freifinniger Abrüftler
und Flottentreiber.
nur darauf an, wie die Kolonialpolitik getrieben wird. Es ist ein großer Unterschied, wie Kolonialpolitik sein soll, und wie sie ist. Kommen die Vertreter kultivierter und zivilisierter Völkerschaften, wie es z. B. die europäischen Nationen und die nord- In dem Wettrennen um die Gunst des Herrn von Bülow durch amerikanische sind, zu fremden Wölfern als Befreier, als Freunde eine geriebene Flottentreiberei, die Herr Peter Spahn und Bildner, als Helfer in der Not, um ihnen die Errungen- begann und die freisinnige Presse dann aufnahm, erscheint jetzt auch schaften der Kultur und Bivilisation zu überbringen, um sie zu auf hohem Noß Herr Gothein von der Freisinnigen Vereinigung. Kulturmenschen zu erziehen, geschicht das in dieser edlen Abficht In der„ Frankfurter Zeitung" vom Dienstag veröffentlicht er einen und in der richtigen Weise, dann sind wir Sozialdemokraten die langen Leitartikel Zur Frage der Abrüstung", der mit ersten, die eine solche Kolonisation als große Kulturmission zu
unterstüßen bereit sind. Wenn Sie also zu den fremden Völker- einer zutreffenden Kritik unserer Finanzwirtschaft beginnt, dann eine schaften als Freunde kommen, als Wohltäter, als Erzieher der Flottentreiberei zügellofester Art bringt, und mit einer Menschheit, um ihnen zu helfen, die Schäße ihres Landes, die Utopie fondergleichen für die Abrüstung endet. andere sind als die unsrigen, heben zu helfen, um dadurch den Was die Kritit unserer Finanzwirtschaft betrifft, Eingeborenen und der ganzen Kulturmenschheit zu nüten, dann womit Herr Gothein also beginnt, so weist er ganz richtig nach, daß find wir damit einverstanden." es ohne weiteres Anziehen der Steuerschraube auch jetzt wieder nicht
Bebel stellt hier der realen Kolonialpolitit, weiter geht, daß aber hierfür überhaupt kein Ende abzusehen wie sie bisher einzig in Erscheinung getreten, eine i de ale ist, so lange wir nicht ein anderes System der Ausgaben Kolonialpolitik gegenüber, wie sie bisher noch nie und einführen; eine Tatsache, auf die wir selbst erst gestern wieder hinEs handelte sich also gar nicht, wie z. B. Südekum nirgends existierte. Ja, die kapitalistische Kolonial- wiefen. Auch den Grund für diesen heillosen gegenwärtigen Bu glauben machen will. um die theoretische Anerkennung der politik, die ja nur auf der Ausbeutung der Kolonial stand fiebt Herr Gothein ganz richtig; er schreibt: