Nr. 224.
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24. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Mittwoch, den 25. September 1907.
An die Arbeit! Das Proletariat
Mit dem 1. Dktober beginnt ein neues Quartal des
„ Vorwärts“
und zugleich eine neue parlamentarische Arbeitsperiode, ein neuer Abschnitt der Blodpolitik, die im nächsten Winter die erste wirkliche Brobe ihrer Leistungsfähigkeit zu bestehen haben wird. Alle unfere bisherigen Leser, die sich den ungestörten Fortbezug des Vorwärts" fichern wollen, besonders alle, die unser Blatt durch die Boft beziehen, fordern wir auf, ohne Verzug ihr
Abonnement zu erneuern
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und gleichzeitig im Kreise ihrer Freunde und Gesinnungsgenossen, im Bureau wie in der Fabrit und Werkstatt, neue Abonnenten für den Vorwärt8" zu werben. Jeder neue Leser bedeutet eine Vermehrung der sozialistischen Kampfesreihen.
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Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
fierenden Ländern zu fühlen geben. Es wird Industrien verpflanzen, die Löhne drücken, Streitbrecher importieren. Und auch die alten herrschenden Gewalten, die in Europa ihre Macht bedroht sehen, sehnen sich nach Afrika . Die Kolonialpolitik
und die Kolonialpolitik. iſt der Lieblingsport der Fürſten . Leopold II. hat
II.
ihnen mit der Errichtung eines absolutistischen Staates am Kongo den Weg gezeigt. Demgegenüber genügt dem Proletariat seine grundsägliche Ablehnung der Kolonialpolitik allein Es zeugt von Oberflächlichkeit, zu folgern, daß wir, ebensowenig, wie seine grundsätzliche Ablehnung der kapitawenn wir die Rolonialpolitit grundsäglich bekämpfen, die liftischen Ausbeutung, sondern es muß zugleich seinen KlassenKolonien ignorieren müssen; nicht minder falsch ist ihr direkter fampf auch auf die Kolonien übertragen und dort dieselben Gegensatz, der verlangt, daß wir die Kolonialpolitik grund- Rechtsnormen, denselben Arbeiterschutz, denselben wirtschaftfäglich anerkennen sollen, um in den Kolonien Reformarbeit lichen Widerstand zu erzeugen verstehen, wie in den entzu leisten. Wir können feine Taftit gebrauchen, die vor jeder wickelten Industriestaaten. Darum ist auch in den Kolonien kapitalistischen Wirklichkeit sich gläubig befreuzigt und hebe Dich, die Solidarität mit den Ausgebeuteten und Satanas!" murmelt, aber auch jene andere nicht, die, um die die Wahrnehmung ihrer Interessen die besonders brutalen Formen der Hinrichtung, wie das Ver- Hauptaufgabe der proletarischen Politit. brennen oder Vierteilen, zu bekämpfen, die Anerkennung der wenn es gilt, ein Glas Wasser zu schöpfen. Todesstrafe uns zumutet, die gleich in den Fluß springt,
Die grundsätzliche Ablehnung der Kolonialpolitik hindert uns durchaus nicht, zu den einzelnen Vorgängen in den Kolonien Stellung zu nehmen.
Unbegrenzte Entwickelungsfähigkeit- große Aufgaben.
Die nächste Zukunft ist eine Zeit wichtiger politischer Ent- Da ist zunächst die Frage des kolonialen Militarismus. Wilhelm II. hat am Montag in Memel eine Rede gehalten, scheidungen. In den kommenden Monaten wird die Antwort auf Die kolonialen Aufstände sind eine unvermeidliche Folge der die zwar wiederum vom Geifte einer gewiffen religiösen die Frage fallen, wohin der Blockkurs führt, welche Fäden auf fapitalistischen Kolonialpolitik. Die Kriege zwischen den kolo- Mystit getragen war, die aber nichts von jenem Zuge der Norderney in den Konferenzen des Reichsfanzlers mit süddeutschen nisierenden Staaten sind keineswegs unvermeidlich, aber sie Resignation aufwies, der das Charakteriſtikum der lezten Demokraten, Freifinnigen, Nationalliberalen, Konservativen und ergeben sich mit zwingender Notwendigkeit aus der Politit, Raiserreden bildete. Wilhelm II. fagte unter anderem in Memel : welche die Kapitalistenklasse Dant ihrer herrschenden Stellung reaktionären Antisemiten gesponnen find und wie weit in den Staaten führt. Diese enorme Gefahr der Aufstände die liberalen Parteien, um für ihre kapitalistischen Anhänger und Kriege zwingt uns vor allem, die koloniale Politit der wirtschaftliche Vorteile, wie z. 28. die Börsengesetreform, Regierungen mit scharfem Auge zu verfolgen. Wo sich neue Rolonialbahn- und Flottenbauten zu erlangen, in dem Verrat die Möglichkeit darbietet, Konfliktsstoff zu beseitigen, können der Volksrechte zu gehen gedenken. Weit mehr noch als in den wir nicht umhin, wirksam einzugreifen. Darum müssen wir letzten Jahren sieht sich diesmal die Wintersession des Reichs- und für die Politit der offenen Tür" eintreten gegenüber dem preußischen Landtages bor tief in das politische Leben einschneidende Imperialismus. Fragen gestellt. Trotz aller offiziösen Ableugnungen kann als ziem lich sicher gelten, daß sich der Reichstag mit einer neuen Reichsfinanzreform, mit neuen
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Steuervorschlägen, Kolonialforderungen Kapital in den Kolonien schrankenlos schaltet und waltet. Darum
ferner mit ber
und Flottenbauten,
Börsengesetreform und dem Reichs- diesem geschichtlichen Prozeß entgegen und versucht, ihn mit
treibt, braucht nicht bis zu beftialischen Greueln sich ausDie Menschenschinderei, die das Kapital in den Kolonien zuwachsen. Der Tropenfoller" wie auch die koloniale Korruption sind nur eine Folge davon, daß das ausbeuterische muß man ihm eben Schranken auferlegen. Noch wichtiger ist, daß die Kolonien eine Entwickelung durchmachen und daß diese Entwickelung sie zur wirtschaftlichen und politischen Selbständigkeit führt. Das kolonisierende Kapital wirft sich militärischer Gewalt zurückzuhalten. Die Arbeiter haben aber deshalb ein entgegengesettes Interesse, weil sie ja diese wahrscheinlich auch mit einer neuen Gesetzesvorlage bezüglich der Stämpfe mit ihren Knochen und aus ihrem Beutel zu bezahlen Wir finden demnach, daß, neben einem prinzipiellen Rechtsfähigkeit der Berufsvereine und der Regelung der Kampf gegen die Kolonialpolitit, das Proletariat allen Grund Krankenkaffenverhältnisse zu beschäftigen haben wird; während hat, die kolonialen Eroberungszüge im besonderen zu bekämpfen es andererseits als nicht ausgeschlossen erscheint, daß im preußischen und die Bestrebungen der Kolonien zu fördern, sich SelbAbgeordnetenhaufe der Streit um die Polenpolitit entbrennt. ständigkeit zu erringen. Das ist auch der beste Weg, sich von Besonders aber wird im nahenden Winter die Vorbereitung der den Kolonien freizumachen. Aus alledem ergibt sich ferner, Parteien zu den preußischen Landtagswahlen, und vor allem die daß es uns keineswegs irrelevant sein kann, ob in den Kolonien ein bureaukratisches oder ein demokratisches Regime wichtigste Frage unserer politischen Gegenwart: herrscht.
Vereinsgesetz,
die Frage der preußischen Wahlrechtsreform
die Deffentlichkeit beschäftigen.
Es gilt, der vom preußischen Landtag ausgeschlossenen, ent
rechteten Arbeiterschaft den Zutritt zum preußischen Barlament,
das allgemeine, gleiche, direkte und geheime Landtagswahlrecht
zu erringen: ein Recht, das sich bereits ihre Vorfahren vor zwei Menschenaltern zum guten Teil auf den Barrikaden mit ihrem Blut erfämpft hatten, das aber durch die Feigheit und Rechnungsträgerei ser Bourgeoisie wieder verloren gegangen ist.
haben.
Herr
also
Die fräftigen, überraschenden und fast unverständlichen schnellen Fortschritte unseres neu geeinten Vaterlandes auf allen Gebieten, die erstaunliche Entwickelung in unserem Handel und Verkehr, die großartigen Er findungen auf dem Gebiete der Wissenschaft und der Technik find eine Folge der Wiedervereinigung der deutschen Stämme zum gemeinsamen Baterlande. Sollen wir nun im Stolz, um nicht zu sagen, im llebermut über diese unbegrenzte Entwidelungsfähigkeit unferes Voltes anfangen, den Urquell der Stärke zu vergessen? Ich meine, nein! Je mehr wir in der Lage sind, eine hervor ragende Stelle auf allen Gebieten in der Welt zu erringen, um so mehr soll unser Volt in allen feinen Ständen und Gewerben sich daran erinnern, daß auch hierin das Walten der gött. lichen Vorsehung zu erkennen ist. Wenn unser Herrgott unserem Volte nicht noch große Aufgaben gestellt hätte, dann würde er ihm auch nicht so liche Fähigkeiten verliehen haben. Wir wollen im Hinblick auf die Entwickelung unseres unferes Volkes Himmel emporbliden, dankbar für die Gnade, die er uns erweist, indem er uns für gut hält, feine fürsorgenden Zeichen uns zuteil werden zu lassen. Wir wollen aus alledem lernen, daß auch heute, in einer hohen Blütezeit, wir an den alten Quellen festzuhalten haben. Auch heute gilt es wie vor hundert Jahren: Erst den Blick nach oben emporzurichten in dem Verstehen, daß alles, was uns blüht und was uns gelingt, durch Fügung von oben erwirkt ist. Und so wollen wir im Erkennen der göttlichen Fügung entschlossen wirken, so lange es Tag ift. Dann fann jeder an seine Beschäftigung gehen, der Gelehrte an seine Bücher, der Schmied an seinen Amboß, der Bauer an feinen Pflug, der Soldat an sein Schwert, und fein Gewerbe so treiben und so führen, wie es einem braven Christen und Deutschen ziemt. Dann werden wir Männer der Tat sein, ein entschloffenes Bolt, den Blid nach oben gerichtet bor wärts strebend, mit dem Bewußtsein, daß eine große Pflicht und Aufgabe uns zugeteilt ist."
zum
Daß wir das koloniale Budget ablehnen müssen, liegt auf der Hand. So lange wir aber die politische Macht noch. nicht haben, tommt es, wie auch das allgemeine Staats- Die ersten Säße, in denen von der unbegrenzten Ents budget, doch zustande und stellt uns vor eine Menge widelungsfähigkeit" der Nation die Rede ist, atmen beinahe
finanzieller und wirtschaftlicher Fragen, zu denen wir im Dernburgischen Optimismus. Der kaiserliche Hymnus auf
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Das
einzelnen Stellung nehmen müssen, Es erheben sich die erstaunliche Entwidelung" von Handel und Verkehr erinnert an die Fragen der Eisenbahnen, der Minenkonzessionen, die Dernburgische Rede, in der dieser den schwindelnden Fortder Ansiedelungen. Es handelt sich um eine doppelte Aus- schritt Deutschlands durch die Tatsache festzustellen versuchte, plünderung: um die Ausraubung des kolonialen Gebiets nebst daß der Nationalreichtum sich seit zwanzig Jahren der eingeborenen Bevölkerung und um die Plünderung der um 30 Milliarden bermehrt habe. Was wir da Staatstaffe des kolonisierenden Landes. Soll man nun über mals Herrn Dernburg gegenüber feststellten, beides ein Häuflein tapitalistischer Abenteuerer nach ihrer auch müssen wir heute wiederholen. Der fast unverständlich rasche Willkür disponieren lassen? Wohin das führt, zeigen die Fortschritt" ist nicht in dem notwendigen Maße der deutschen Kolonien, in denen mit einem Federstrich etliche Masse des Bottes zugute gekommen! Wohl hat sich Kolonialgesellschaften in den Besitz enormer Landgebiete ge- der Reichtum der Besigenden vermehrt, aber die Masse des In diesem Kampfe des Boltes um fein Recht und seine Wohl- set wurden, zu deren Schutz die deutschen Armeen und Panzer- Boltes befindet sich nach wie vor in traurigster Lage. Im fahrt ist, wie erneut die letzte Reichstagswahl erwiesen hat, die flotten dienen, zu deren wirtschaftlicher Erschließung mit dem Gelde Jahre 1892 gehörten der Gruppe preußischer Benfiten, die mehr als sozialdemokratische Bresse die wuchtigste, schärffte Waffe. Der des Staates Eisenbahnen gebaut werden. Ein anderes Beispiel 100 000 m. Einkommen versteuerten, 1659 Benfiten an; im Jahre ,, Vorwärts" wird, wie bisher, ist der Kongostaat, mit dem König Leopold II. Belgien 1906 dagegen 3178 Benfiten. Das Einkommen dieser fleinen Gruppe auch ferner bemüht beglückt" hat, um die gewaltigen Stronländereien, die er sich war von 882 Millionen auf 791 Millionen angewachsen. fein, in diesem Kampfe feine Pflicht zu tun: die Ar- dort geschaffen hatte, zu schüßen. Also gilt es, auch hier ein- Durchschnittseinkommen von 230 000 m. auf 249 000 m. beiterschaft anzufeuern, ihr geistige Munition zu liefern, zugreifen. Eine bindende Regel läßt sich da, wo es so sehr auf gestiegen! über die Stellung der Gegner, ihre Schachzüge und Aus- bie jeweiligen rechnerischen Unterlagen und Ergebnisse an- Demgegenüber war das Durchschnittseinkommen der Steuerflüchte zu informieren und die Schwäche ihrer Argumentation zu tommt, taum aufstellen. Man muß jeden einzelnen Fall gruppe mit 900-3000. Einkommen von 1878 auf 1829 m. enthüllen. besonders prüfen. Im allgemeinen wird man sich aber wohl gesunken! Wir kämpfen für die Ehre der Arbeit gegen den Kapitalis- danach richten können, daß dort, wo es sich um staatliche Die unbegrenzte Entwidelungsfähigkeit" des Einkommens ist mus, für Volksrecht gegen das Vorrecht des Geldbeutels Konzessionen oder Subventionen handelt, es besser ist, von also für die auf der Spitze der Pyramide Stehenden erwiesen. und des Standes, für die Volkswohlfahrt gegen die Profit- vornherein Staatseigentum zu schaffen. Die die Basis der Pyramide bildenden Massen dagegen befinden Es tommen ferner Rechtsfragen der Eingeborenen und sich noch immer in der äußersten Bedürftigkeit. Mehr als jucht der kapitalistischen Schichten; und in diesem Kampf für der Ansiedler in Betracht. Man fann sie nicht damit abtun, daß 20 Millionen der 37 Millionen der preußischen Bevölkerung Die Intereffen aller derer, die im Dienste des Kapitalismus ächzen, wir die Stolonien nicht haben wollen, sintemalen die Kolonien stehen noch unterhalb der Steuergrenze, befigen- trop der st jeder, der nicht zu den Bevorrechteten gehört, mag er sich als nun einmal doch da sind. Doch fällt es gar nicht schwer, ungeheuer gestiegenen Preise für die wichtigsten Lebensgeistiger Proletarier im Burean und Kontor oder am Schraubftod auf diese und andere Probleme der kolonialen Praxis aus der und Konfumartikel!- weniger als 900 m. Einkommen; weitere ür Weib und Kind plagen, ein Berräter an seinem eigenen Interesse, Slassenstellung des Proletariats eine Antwort zu gewinnen. 9 Millionen weniger als 1500 M. Einkommen! venn er nicht die Arbeiterpreffe mit aller Straft unterstützt. Darum, Das Kapital geht darauf hinaus, sich in den Kolonien Wilhelm II. sprach dann weiter von den großen AufIhr Entrechteten, werbt neue Abonnenten, neue Leser für den eine wirtschaftliche und politische Machtstellung zu schaffen, gaben", die dem deutschen Bolte nach dem„ Walten der göttlichen wie es sie in den zibilisierten Ländern nicht mehr Vorsehung" noch gestellt seien. Wir sehen davon ab, die göttliche haben kann. Gelingt ihm das, so wird es feine Vorsehung" irgendwie zu deuten. Was man immer unter diesem gesteigerte Macht auch dem Proletariat in den toloni etwas mystischen Begriff verstehen mag: das geschichtliche Walten
„ Vorwärts“!
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