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Nr. 45.

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Berliner Volksblatt.

25. Jahrg.

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Zelegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin ".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfchlands.

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Dernburgs Kolonialprogramm.

Der Staatssekretär des Kolonialamtes, Dernburg , hat am 18. Februar in der Budgetkommission des Deutschen Reichstages jein Programm entwickelt, das auf dem Einblick beruht, den er durch seine 30tägige Reise in Ostafrika in die dortigen Verhältnisse gewonnen hat. Es soll zugestanden werden, daß Dernburgs Urteil über die herrschenden Zustände sich zweifellos ganz wesentlich geklärt hat; es kommt der Wahrheit unendlich viel näher, als jene phantastischen Schilderungen, die er in seinen Wahlreden nach der lezten Auflösung des Reichstags zum besten gab.

Und die Wahrheit über die jezige Bedeutung der Kolo­nien braucht von uns faum wiederholt zu werden; wir haben oft genug darauf hingewiesen, daß die Kolonien lediglich der Bereicherung fapitalistischer Unternehmen dienen, welche die staatlichen Machtmittel in ihren Dienst pressen, um sich mög­lichst rasch auf Kosten der Eingeborenen die Säckel zu füllen.

Dernburg bestätigt jetzt diese Auffassung in allen

Teilen!

Sein Glaube an die Kolonien ist unerschütterlich, mit überschäumendem Optimismus schaut er in die Zukunft, aber -die glänzende Medaille hat, so sagt er,

Sonnabend, den 22. Februar 1908.

tagen der Weißen als Sachsengänger" arbeiten. Die Plantagenleiter und ihre Angestellten lassen sich Uebergriffe aller Art zuschulden kommen.

" Solche Uebergriffe fanden oft genug aus Dentfaulheit und aus Eigennut statt...

...

An der Küste macht es einen unangenehmen Eindruck, daß fo viele Weiße mit der Peitsche spazieren gehen. Auf dem Tische der Hauptkasse in Dar es Salam habe ich eine vor­gefunden. Es ist heute noch stark üblich, und die Herren, die dort gewesen sind, werden es mir bestätigen. Jeder Weiße hat ein gewisjes Büchtigungsrecht gegenüber feinen Dienstboten, Arbeitern usw....

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Mr. 1984.

Wie will nun Dernburg da Ordnung schaffen? " Die Reichsverwaltung muß sich auf den Standpunkt stellen, daß sie in erster Linie die Hüterin der in den Kolonick gültigen Rechts- und Staatsinstitutionen ist, daß sie demnächst darüber wachen muß, daß die finanziellen Opfer für die Kolonien, welche das Reich bringt, in verständigen Grenzen bleiben; drittens, daß sie die einzige Instanz ist, welche bisher existiert, die in der Lage ist, die Rechte der Eingeborenen bevölkerung, die ja doch auch bestehen, wahrzunehmen."

So jagt Dernburg . Und da er ferner auf den Stand punkt steht, daß der Eingeborene das wichtigste Aktivum" in Afrika ist, so folgt daraus, daß eine Die lebergriffe haben vielfach darin ihre Ursache, daß der Sicherung und Garantie der freien Entwickelung der Neger­Weiße, der hinauskommt, sich nicht die Mühe gibt, die stämne die Grundlage aller Maßnahmen sein müßten. Er Landessprache zu erlernen, und dann mancherlei

für Bösartigkeit oder Schlechtigkeit anjieht, was es tatsächlich treiben wolle; die Regierung müsse eine kräftige, gerechte, für Bösartigkeit oder Schlechtigkeit ansieht, was es tatsächlich bersichert auch, daß er eine negererhaltende Politie

nicht ist.

Daneben besteht noch weiter ein Züchtigungsrecht auf bertrauenswerte Verwaltung dort einführen und halten, und Grund von Verordnungen, die den Plantagenleitern und den vor allen Dingen den Leuten beibringen, daß sie von der Karawanenführern zu züchtigen ermöglichen. deutschen Herrschaft einen Vorteil haben."

Es ist begreiflich, daß die Schwarzen, die im Innern als freie Bauern ein Leben nach ihrem Gusto führen, schwer in die Plantagen zu bringen sind."

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Geldstrafe statt Prügelstrafe wird nicht beliebt, es muß zugehauen werden; die Weißen, die hinauskommen in die Kolonie, betreten sie mit der Prätension, daß sie als Er zieher" der Neger kommen; jeder glaubt dort die Mission ,, auch ihren Revers und der Revers liegt darin, daß, je zu haben, den Neger zu Fleiß und wirtschaftlicher Tätigkeit stärker das Eindringen des deutschen und überhaupt des fremden versteht sich im Interesse der Weißen!- Einflusses ift, je größer die Ansprüche sind, die an die Ein- anhalten zu müssen. Und beugt sich der Neger nicht völlig, geborenenbevölkerung gemacht werden in bezug auf Aenderung so kommt die brutale Gewalt! ihrer Lebensweise, ihrer Arbeitsweife, auf die Steuern und Ein Schulbeispiel bildet das Verhältnis der Lasten für den Fistus, ebenso in bezug auf die Veränderung Pflanzer zu den Eingeborenen. Die Plantagen ihrer Rechtsprechung, desto größere Reibungsflächen ent­stehen und desto größere Vorsicht und Weisheit von der sind im Norden der Kolonie in einer dünnbevölkerten Gegend Kolonialverwaltung verlangt werden muß, damit wir die auf kleinem Raum zusammengedrängt. Zum Betrieb sind laufende und bleibend steigende Rente nicht aufzurechnen haben etwa 15 000 Arbeiter nötig, die aus dem Innern des Landes gegen die außerordentlich großen Verluste und geholt werden müssen. Da verlangen nun die Plantagen­Roften, die, wie unser Krieg in Südwest afrita leicht befizer, die Regierung solle mit ihren M a chtmitteln Proportionen finanzieller Art annehmen können, bie bas Reich eingreifen und die Neger zwingen, in den Plantagen zu auf Jahre hinaus mit Lasten belegen, die außer Verhältnis mit arbeiten. dem Nutzen des Schutzgebietes stehen. Aber warum bekommen denn die Pflanzer feine Arbeiter Es gibt in den Kolonien und auch hier eine große Anzahl ohne Gewalt? Der Arbeitermangel ist nach Dernburg ent­wohlmeinender Leute, die da glauben, daß die kolonisation standen aus einer Rette bon falschen und un­von Afrika durch verwaltungstechnische Maß- standen regeln erledigt werden könne und daß man durch Ausübung bedachten Maßnahmen der Pflanzer und einer von Druck auf die Urbevölkerung oder durch Erlaß Neigung zu einer sehr heftigen Behandlungsart." Der bon allen möglichen( assessoristischen! sagte er in der Kommission) Pflanzer ist in der Kolonie allmächtig, er hat die materielle Verordnungen nun die ganze Natur dieser Leute dort binnen Macht des Besizes, er beherrscht die Oeffentlichkeit, soweit furzem würde umändern tönnen, und ich kann es diesen Herren dort davon die Rede sein kann, er zwingt sogar die Be­nicht berdenten, wenn sie von ihrem Standpunkte aus den irtsamtleute, ihm zu Willen zu sein, im Weigerungs­Wunsch hegen, daß nun solche Maßregein ergriffen werden; denn es handelt sich ja für sie nicht wie für das Deutsche Reich falle werden diese Beamten boykottiert. darum, auf eine planmäßige Weise einen wichtigen Zugang zu den Aktiven der Nation zu erhalten, sondern für jie handelt es sich darum, in berhältnismäßig furzer Zeit Geld zu verdienen. Denn zu lange tönnen sie nicht draußen existieren und je mehr sie er­werben tönnen, um so besser. An den Lasten, die Kriege und Aufstände bringen, tragen sie zudem nicht mit." Und nun führt Dernburg im einzelnen aus, zu welchen Zuständen das Bestreben Geld zu verdienen" führt und wie es auf die Eingeborenen wirft:

Der Schwarze ist dagegen ganz rechtlos,

..er hat keine Möglichkeit, seine Beschwerden anzubringen, seine Sache bleibt ungehört, er fann nicht schreiben, kann nicht lesen, feine einzige Vertretung ist das Gouvernement und das Bezirks­amt. Wenn der Gouverneur Nüd grat genug hat, ist für ihn die Sache leichter."

Im einzelnen gedenkt Dernburg sein Ziel zu erreichen, indem er weiße Eingeborenenkommiffare mit schiedsrichterlicher oder mit richterlicher Befugnis einsetzt. Diese Kommissare würden zunächst dort einzusetzen fein, wo die Reibeflächen zwischen Schwarz und Weiß erheblich sind. Das ist besonders im Norden in den Plantagen­gebieten.

Weiter sollen staatliche Arbeitsordnungen erlassen werden, welche die Arbeitsbedingungen der Ein­geborenen in den Plantagen regeln; vor allem sollen Be­stimmungen über die Anwerbung, den Arbeits­kontrakt, die Lohnzahlung, die Ernährung und Krantenpflege der eingeborenen Arbeiter ge troffen werden. Ueber die Ausführung hätte der Ein­geboren enfommissar zu wachen, der auch der natür­liche Vertreter der Eingeborenen vor Gericht sein soll..

" Die Hauptaufgabe der Kommissare foll die Wahrnehmung der Intereffen der Schwarzen gegen die Weißen auch vor Ge­richt ex officio fein, Darauf lege ich Wert, daß die Befchiverden der Schivarzen ohne Kostenvorschuß, falls fie der Kom. missar für begründet erachtet, aufgenommen werden müssen.

Ebenso ist zu überlegen die Ginschränkung des 3üchtigungsrechtes des Rarawanenführers wie des Plantagenleiters, ebenso notwendig wird es fein, mehr Geldstrafen zu verhängen. Vor allem wird es notwendig sein, daß die weißen Gerichte in ihrer rechtlichen Sphäre gegen Weiße ebenso unnachsicht= lich vorgehen, die sich Grausamkeiten haben guschulden fommen lassen, wie es gerechtfertigt ist, daß gegen Schwarze darin vorgegangen wird. Ich mache den weißen Ge­richten teinen Vorwurf,(!) aber die Empfindung, was recht und was unrecht ist, ist bei den Schwarzen viel leicht die einzig ausgebildete moralische Empfindung."

Den Plantagenbetrieb hält Dernburg nicht für das wichtigste in der Kolonie; es sollen daher die Neger­kulturen start entwickelt und gefördert Aber.. die Arbeitsbedingungen der Schwarzen in den werden. Davon erhofft er auch einen stärkeren Anstoß zu der Plantagen sind höchst ungünstig"; der Rohn hat sich seit jetzt sehr schwachen Vermehrung der Neger. Die Pro­10 Jahren kaum verändert; er geht bis zum Höchstbetrag duktion und die Konsumfähigkeit der Ein­von 60 Pf. pro Tag. Die Arbeitszeit ist eine zehn- geborenen soll gehoben werden. Und vor allem sollen die Ge Man hat den Eingeborenen ihre einheimischen Sultane stündige. Am Ende des Tages nimmt der Arbeiter eine fundheitsverhältnisse der Neger gehoben werden. Zu den Eingeborenenkommissaren soll demnach ein genommen und ihnen weiße und schwarze Beamte Mahlzeit, in 24 Stunden bekommt er einmal warm zu aufoftroniert, man hat ihnen teilweise die ein- effen. Das Klima ist sehr ungünstig. Nach der Arbeitszeit Sanitätsamt treten, wie auch die Aerzte schon Auftrag heimische Gerichtsbarkeit genommen, man stellt muß der Arbeiter noch seine Hütte bauen, sein eld erhalten hätten, Untersuchungen über die körperliche fie unter eine Unzahl von Sontrollen und Verord. bestellen und sich das Effen selbst kochen, Häufig Leistungsfähigkeit der Neger anzustellen. nungen", furs fie fühlten die Hand der deutschen Obrig bekommt er erst zwei Stunden nach beendeter Arbeit etwas Landeskultur in den Kolonien einzuführen, Versuche mit Ein Landes kulturamt, das den Zweck hat, bessere feit schwer auf fich fosten". Dazu kommt eine starte steuer- au effen. liche Beleitar. In die gesamte Last der Verwaltung Der Kontrakt ist der reine Sklavenvertrag. besseren Getreidearten zu machen, Wasserstellen aufzusuchen teilten sich die Neger und das deutsche Mutterland. Der Er lautet nicht auf Salender, sondern auf Arbeits- usw., soll zunächst den Abschluß der wirtschaftlichen Behörden weiße Pflanzer bleibt ohne alle Lasten. Selbst der Aus- monaten. Der Rohn von 12 Rupien versteht sich auf bilden. Zu diesen Neuerungen soll treten eine völlige Um. fuhrzoll ist dem Weißen erlassen, während die Ausfuhr- 30 abgearbeitete Tage a zehn Stunden. Sonntage und In den Ge­produkte der Neger mit solchem Ausfuhrzell belegt sind. Regentage werden nicht bezahlt. Bei Betriebsstörung oder gestaltung der Verwaltung. Und wie sieht es mit der Rechtspflege aus? Der Krankheit bekommt der Mann nichts. Nach 30 Arbeits- meinden, die heute keine Gemeinden sind, soll zwar der Neger hat ein stark entwickeltes Rechtsgefühl. Dernburg ge- tagen erhält er eine Monatsmarke und nach 6 Monats- Bezirksrat" bestehen bleiben, der Gouverneur foll aber steht in den Negergerichten sehr viel positives marten seinen 2ohn das ist nach neun Monaten, größere Bewegungsfreiheit in der Zuteilung der Mittel er­Recht gesehen zu haben, das zur Beilegung der Rechts- einem Jahr oder nach mehreren Jahren! Nimmt der Ar- halten. Der Bezirksrat ist eine Farce; er besteht im streitigkeiten und Ahndung der Rechtsbrüche in der Bevölke- beiter Vorschuß, so verlängert sich seine Dienstzeit automatisch! Bezirk Rufiji aus einem Landwirt und zwei staatlichen rung gesprochen wird. Das sei zu erkennen auch an der Für die Gesundheit der Neger geschieht gar Förstern. Stellvertreter sind drei Unteroffiziere. Daß hier Haltung der Schwarzen. nichts. Es gibt wenig alte Neger, die Sterblichkeit auch Eingeborenen Rechte zugestanden werden sollen, " Dagegen ist bei einem Streit zwischen einem ist größer als die der Weißen. Kein Wunder! In Ost- scheint nicht beabsichtigt zu sein. Schwarzen und einem Weißen die Lage des afrifa bestehen Seuchenherde, wo Pest und Lepra Die staatliche Verwaltung soll mehr Praxis und Schwarzen ungünstig. Hat ein Weißer gegen herrscht; die Neger leiden an magen. und Darm- weniger Bureaukratismus treiben, was damit erreicht werden einen Schwarzen etwas vorzubringen, so schreibt er einen frankheiten; Malaria, Schlafkrankheit und soll, daß die Beamten in das Innere gefchickt werden. Bettel, und die Sache wird durch einen Schauri eine ganze Legion anderer Krankheiten graffieren unter den In wirtschaftlicher Beziehung steht Dernburg abgemacht. Hat ein Schwarzer eine Klage gegen einen Beißen, fo muß er hingehen zum Gericht, muß Eingeborenen; auch die Syphilissterblichkeit ist auf dem Standpunkt, daß vor allem der Handel zu pfle gen ist und zwar weniger durch weiße Händler, die Borschuß zahlen, er wird mit den in der Heimat üblichen sehr groß. Formalitäten belastet, er bekommt schließlich ein Urteil oder Auf all den Gebieten ist niemals etwas geschehen. Daß den Eingeborenen ihr Vich weggetrieben, einen vollstrecbaren Zitel in die Hand, mit dem er nichts die Eingeborenen nicht gern freiwillig eine 45tägige Reise sich mit den Sultanstöchtern verheirateten anzufangen weiß, mit laufenden Terminen und machen, um zu einem solchen Eldorado zu kommen, erscheint und mit dem schwarzen Sultan getrunken Fristen... erflärlich; da muß Gewalt helfen. Die Werber gehen zu den und den deutschen Namen fast mehr herunter­Sie dürfen nicht vergessen, in dem ganzen Sub- Sultanen, geben diesen einen Backschich und der be- gebracht haben als irgend etwas anderes", gebietes ist zweimal so groß wie Deutschland gibt es stimmt die Arbeitsopfer, die zur Pflanzung zu sondern durch die landeskundigen Inder, die lebens. brei Gerichte, wo der Schwarze gegen den Weißen etwas vor- ziehen haben! länglich dort bleiben und ihren Verdienst in den Kolonien ver bringen kann. Wenn ein Schwarzer eine Alage gegen einen Weißen in Tabora hat, so muß er sich in 17 ages anstellen und damit größeren Druck ausüben zu können; fie fasse, sei das wichtigste an den Kolonien. Die Pflanzer verlangen Stenererhöhung, um Polizei zehren. Der Handel, der gegenwärtig schon 36 Millionen um­reisen nach Muanja begeben, und wenn einer in Mrogoro oder in Mombo oder in dem Hinterlande, das zu dem verlangen Erhöhung der Zölle auf die Lebensmittel der Das ist das Programm Dernburgs für Ostafrika , das Dar es Salamer oder Tanga- Gebiet gehört, dieses iun will, Neger, um sie damit zu verschärfter Arbeit anzupeitschen! in feinen allgemeinen Grundsäßen Anwendung auch auf die muß er mit der Eisenbahn einen Tag lang fahren." So die Arbeiterzustände unter der weißen Ausbeutung! anderen Kolonien finden soll. As die ersten Andeutungen Besonders im Norden macht sich diese Rechtlosigkeit schwer An Mißständen in der Verwaltung und auf über dieses Programm in die Deffentlichkeit drangen, fühlbar, dort wo 15 000 Eingeborene in den Plan- landeren Gebieten fehlt es gleichfalls nicht. fiel iene Presse, die die Schwarzen für Freiwild

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