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Nr. 40.

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10. Jahrg.

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Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2. Donnerstag, den 16. Februar 1893.

Agrarischer Hochmuth.

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Die Unverschämtheit unserer Agrarier ist sprüchwörtlich geworden. Ihre Begehrlichkeit tennt keine Grenze, ihre nackte Interessen Demagogie schreckt vor nichts zurück. Indeß alle ihre Leistungen auf diesem Gebiete scheinen in den Schatten gestellt zu sein durch die neuesten Hezversuche, welche das Land über sich ergehen lassen muß.

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Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Betrachten wir die Sache vom volkswirthschaftlichen Bestrafung des Kontraktbruchs, Abänderung des Unter­Standpunkt aus, so muß zunächst erwähnt werden, daß stüßungs- Wohnsizes, das Alles sind solch kleine Liebens­unsere Landwirthe trotz des nach Milliarden von Mart sich würdigkeiten der Regierung gegen den Landadel. Zum beziffernden Geschenkes, welches man ihnen auf Kosten der Glück wird diesem sein Geschrei nach Beschränkung der Frei Steuerzahler in 2 Dezennien darreichte, nicht vermocht zügkeit nichts mehr nüzen, da sich das Selbständigkeitsgefühl haben, den Körnerbau so zu heben, daß wir in unserer Er- der ländlichen Arbeiter zu regen beginnt. nährung vom Auslande unabhängig wären. Wir müssen Sodann fordern die Agrarier, daß das Reich seine auch heute noch ein Zehntel unseres Getreides vom Aus- Währung verschlechtere und sich zum Silber bekenne, damit Im Reichstage eröffnen die nothleidenden Land- lande beziehen. Agrifulfurstaat also sind wir nicht. Folg- sie als verschuldete Großgrundbesitzer einen Theil ihrer wirthe" eine Kanonade gegen den neuen Kurs, aus lich müssen wir Industriestaat werden. Denn oberster Schuldenlaft abwälzen und den Preis für ihre Produkte reinem Uebermuth, denn das jetzige Ministerium Grundsaß der Volkswirthschaft ist, die Ausfuhr erhöhen können. Endlich verlangen sie Sinekuren für ihre setzt die Geschenkpolitik des agrarischen Hausmeiers a. D. so zu heben, daß sie die Einfuhr der fremden Söhne im Militärstand. Und wenn ihnen der Staat diese unentwegt fort. Im Lande veranstalten die Junker Volks" Produkte übersteige. Nur, wenn wir diese mit eigenen Sinekuren im Militär- und höheren Beamtenstand gewährt, Bewegungen gegen die Regierung, und in ihrer Presse Produkten begleichen können, giebt es eine aktive Handels- dann prahlen sie, wie Herr von Herzberg- Lottin, mit ihrem flagen sie über Bedrückung der Landwirthschaft und drohen bilanz. Der Staat würde selbstmörderisch handeln, der Patriotismus für Thron, Altar und Vaterland, der natür­mit Aufruhr. diesen Grundsatz außer Acht ließe. Es ist also selbstver- lich sofort einen Niß bekommt, wenn er sich nicht ständlich, daß wir bestrebt sind unseren Kohlen, unserem als Baargeld für ihren Beutel umsehen läßt. Der Staat schenkt ihnen Privilegien und Baargeld auf Eisen, unserer gesammten Industrie auf jede Weise neue Die Ünersättlichkeit der Agrarier ist so groß, daß sie Kosten der Gesammtheit, ja, er geht sogar soweit, wie es Absazquellen zu erschließen. Wenn wir nun Rußland be- nicht eher gestillt sein wird, bis der Staat alle ihre Wünsche felbst unter dem Großgrundbesizer Bismard, der bekanntlich wegen können, seine Zölle auf unsere Industrie- Erzeug- erfüllt haben und noch dazu die Schulden getilgt haben die innere Politik auf Füllung seiner Tasche einrichtete, nisse herabzusehen, so daß diese in Rußland kon- wird, welche sie durch ihr ungezügeltes ausschweifendes fein Agrarier für möglich gehalten hätte. Er erläßt den Grund- kurrenzfähig werden, so wäre es Tollheit, wollte Leben auf den Grund und Boden angehäuft haben. befizern die staatliche Grundsteuer. Daneben bleibt den brannt die Regierung an den Differentialzöllen Rußland gegenüber Daß es so weit nicht kommen wird, dafür sorgt die weinbrennenden Landwirthen die Liebesgabe von jährlich festhalten, nur um das Wohlwollen der Herren v. Mirbach Anmaßung der Großgrundbesizer selber und der gesunde 40 Millionen Mark ungeschmälert erhalten und der Ge- und v. Thüngen- Roßbach nicht zu verscherzen. Wir, Sinn des Volkes. Die Geduld des Volkes ist schon zu treideschutzzoll von 3,50 m. nach Bismarck ein so unsrerseits, wären sogar damit einverstanden, wenn der lange von der Agrarpartei gemißbraucht worden, als daß unerhörtes Geschenk, daß der verrückteste Agrarier es zu Staat auf den ganzen 5 Mark- Zoll verzichtete es handelt man ihr noch mehr zumuthen sollte. Der Krug geht so hoffen nicht wagen würde- hat nach wie vor Giltigkeit. fich bei den Bollverträgen mit Stußland bekanntlich nur um lange zu Wasser, bis er bricht, und Hochmuth kommt vor Kurz, der Staat opfert die Gesammtinteressen einem Gleichstellung des russischen Getreides mit dem der anderen dem Falle. einzigen Stande in so ausgiebiger Weise, daß ihm zu thun Vertragsländer( 3/2 M.) auch ohne Gegens fast nichts mehr übrig bleibt. Leistung Rußlands . Erhielte doch der Arbeiter durch

Was wollen die Herren eigentlich?

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Und trotz alledem erheben unsere Agrarier ein wüstes Beseitigung der Lebensmittelzölle billiges Brot und brauchte Geschrei gegen die Handelsvertrags- Politit der Regierung mit er nicht bei jedem Bissen, den er genießt, die Taschen der adligen

Rußland . Die Herren Graf Mirbach , Graf Kanit, v. Buttkamer- Feudalherren zu füllen. Nuu bietet sich hier Gelegenheit, Politische Leberlicht.

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F

Berlin, den 15. Februar.

Plauth, von Manteuffel, von Thüngen- Roßbach, und wie nicht nur Deutschland mit billigeren Lebensmitteln versorgen die Leuchten der Landwirthschaft alle heißen, haben sich so- zu können, sondern auch der Judustrie auf die Beine zu gar an die Spitze einer Gründung gestellt, welche nächsten helfen, und da verlangen die nothleidenden" Agrarier, daß Aus dem Reichstage. Herr Müllensiefen, der Ab­Sonnabend unter dem Namen Bund der Landwirthe" zu der Staat ihnen das Interesse des Landes opfere, damit geordnete für den Bochumer Wahlkreis( 5. Wahlkreis des sammengekittet werden und die Abwehr gegen Bedrückung sie desto besser zu praffen vermögen. So sehr ist diesen Regierungsbezirkes Arnsberg ), bekannt durch seine den Berg­der Landwirthschaft" praktisch in die Wege leiten soll. Das Egoisten unter der Bismarck 'schen Interessenpolitik das leuten gegebenen feierlichen Wahlversprechungen, die er natür­Burlesteste aber leisten die Herren von Thüngen- Roß- Gefühl für Scham und Anstand abhanden gekommen, daß lich mit nationalliberaler Schneidigkeit nicht gehalten hat, ist zu bach in Unterfranken und von Herzberg Lottin im sie nicht einmal merken, welch schmähliche Wucherer seinem Mandat durch die bösartigsten Machenschaften und Often, die sich erdreifteten von Rücksichtslosigkeit rolle fie spielen. Beeinflussungen gekommen. Gegen seine Wahl war ein der Regierung gegen die Vertreter der Land- Mag der Staat diesen Latifundienbesizern so viel in Protest erhoben worden. Das Ergebniß der von der Wahl­wirthschaft" zu reden. Worte wie:" Wir wollen nicht den Rachen werfen, wie er wolle, nie wird er sie zu prüfungskommission angestellten und veranlaßten Unter­länger Backesel der Regierung sein, dem man glaubt alles frieden stellen. Sie wehklagen stets über die Noth der suchungen führten( laut Bericht vom 10. Februar 1893) aufbürden und das letzte Mark aus den Knochen ziehen zu Landwirthschaft. Sind die Getreidepreise hoch, so jammern zu dem Kommissionsbeschluß, den Reichstag aufzufor können" kennzeichnen die Heuchelei und Unersättlichkeit sie aber den Zwischengewinn der Börse, welche alsdann mit dern, die Entscheidung über die Giltigteit der Partei des Herrn von Herzberg- Lottin sowie den Geist, ihnen Hand in Hand an der Ausraubung der Konsumenten der Wahl Müllensiefen's auszusehen und burch von dem diese Afterpatrioten beseelt sind. Endlich, damit arbeitet. Sind die Preise niedrig, so fordern sie Schutz den Reichskanzler neue Erhebungen anzustellen. das ohrenzerreißende Katzenkonzert auch vollständig sei, läßt der nationalen Arbeit" d. h. neue Zölle. Ihre Arbeiter be- Dem Reichstage ist der Entwurf eines Gesetzes, betreffend man den gewissen" Herrn Arendt eine Debatte über Einzahlen sie menschenunwürdig und behandeln sie wie Bieh. einige Abänderungen und Ergänzungen der Militär­schränkung der Freizügigkeit im Landtage vom Baune Laufen sie ihnen davon, so verlangen sie Leibeigenschafts- pensionsgeseze vom 27. Juni 1871 und 4. April 18742c. brechen. Und das alles um die Omelette von M. Boll- Geseze von der Regierung. Und diese kommt ihnen ent- zugegangen. Die dem Reich durch den Gesetzentwurf er ermäßigung an Rußland. gegen, soweit sie tann. Heimstätten- Gesetzgebung, strengere wachsenden Mehrkosten betragen im ersten Jahre

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Feuilleton.

Nadbrud verboten.)

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Die Laufbahn eines Nihilisten.

Von S. Stepniat.

Autorisirte Uebersehung. Frei ins Deutsche übertragen von Bertha Braun. Gegen zwölf gesellten sich Sina und Wassili Werbizky zu ihnen, welch' lezterer mit Lena zusammen von Genf an­gekommen war. Andrej hatte das ihnen gegebene Versprechen, für ihre eilige Rückkehr zu sorgen, erfüllt.

Sina war im höchsten Grade aufgeregt. Selbst Wassilij's unerschütterliches Gesicht zeigte einige Spuren der

Erregung.

" Dies darf nicht ungerächt bleiben!" Ein schreck vornherein, daß kein Einwand von irgend jemanden erhoben liches Erempel muß statuirt werden!" riefen Lena und werden würde." Gregor fast zu gleicher Zeit aus.

Andrej sagte nichts, da er für unnöthig hielt über etwas zu sprechen, das so selbstverständlich war.

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Dasselbe scheinen auch die Leute von Dubrawnik be­schlossen zu haben," sagte Sina, denn sie bitten uns in ihrem Briefe, ihnen eine erfahrene Frau zu senden, welche eine Wohnung für Verschwörer halten könnte. Ferner ver langen sie einen erfahrenen Mann mit fühlem Kopfe und fester Hand." Ich will dieser Mann sein!" rief Andrej hastig aus.

Nein," fiel Wassilij mit seiner langsamen und trägen Stimme ein, ich sagte Sina, bevor wir hierherkamen, daß ich gehe."

Würden Sie übrigens," fragte Sina fich an Lena wendend ,,, während meiner Abwesenheit meinen Platz ein­nehmen?"

Lena antwortete, daß es ihr sehr angenehm wäre, sofort irgend eine Arbeit ergreifen zu können.

Sina gab ihr eine Anzahl von Details an, aus welchen sie die Größe ihrer Aufgabe erkennen konnte- Propaganda unter der gebildeten Jugend, Propaganda unter den Arbeitern, und geheime Korrespondenz mit den Ges fangenen der Festung.

" Ich weiß nicht, ob ich dies alles werde leiten können; besonders der Korrespondenz glaube ich nicht gewachsen zu Dies bestätigte Sina und fügte hinzu, daß es sicherlich sein, da ich bis jetzt nichts von dem weiß, was vorgeht." beffer wäre, wenn Wassilij ginge. Die Prioritätsfrage war erbot sich, ihr auch in der andern Arbeit eine Beit lang Gregor versprach, ihr diese Aufgabe abzunehmen, und natürlich unwesentlich, aber Andrej hatte schon einige werth Was giebts?" fragte Gregor. volle Beziehungen in Petersburg angeknüpft, und hatte seine beizustehen. Sina erflärte es ihnen, indem sie sofort einen Brief wirkliche Arbeit schon begonnen; Wassilij dagegen war Sie werden sich sehr rasch überall eingelebt haben," welcher voll haarsträubender eben erst angekommen und war so geeignet, wie faum ein sagte er heiter. aus Dubrawnik vorlas, " Morgen werden wir einen jungen Einzelheiten über die Mißhandlung der politischen Ge- anderer für das in Dubrawnit geplante Unternehmen. Studenten, einen Freund von mir, der Mitglied eines fangenen war, die in einer unerhörten That alles bisher" Gut, mag es fo sein," sagte Andrej. Wenn Ihr Klubs ist, besuchen; durch ihn werden Sie alles übrige Bekannte überstieg. Auf Befehl des Untersuchungsrichters aber zufällig sonst jemand brauchen solltet, habt Ihr es mich erfahren. Im anderen Klub haben Sie bereits eine Bes fanntschaft gemacht." war ein junges Mädchen in Gegenwart der Schließer und nur wissen zu lassen." Gendarmen ganz entkleidet worden unter dem Vorwande, In der Wahl der Frau, die hingehen mußte, konnte daß die Gefängnißordnung vorschreibe, ein ganz[ genaues feine getheilte Meinung herrschen. Sina war bereits in Signalement der Gefängnißinsassen aufzunehmen. Dubrawnit gewesen; alle Rechte waren auf ihrer Seite; auch Die Nachrichten wurden mit Todtenstille aufgenommen. eignete sie sich am besten dazu. Die Freude über das Zusammentreffen mit den Freunden So waren beide Freiwillige gefunden. Die Angelegen­war geschwunden. Der düstere Geist der Rache erhob sich heit sollte der nächsten Versammlung des Komitee's vor über sie und jeder brütete über dieselben grimmigen Ge- gelegt werden, dem die endgiltige Entscheidung zustand. danten. Dies war aber nur eine Formalität. Sie wußten von

Mit wem?"

Mit Tanija Repina, die Sie soeben gesehen haben." " Oh, das ist sehr angenehm," sagte Lena.

Jst Tanija hier gewesen? Ist etwas Besonderes vor­gefallen?" fragte Sina,

In der Erregung, welche durch die Dubrawnik'schen Nachrichten hervorgerufen wurden, hatten sie alle den kleinen Vorfall einer Haussuchung bei Repin vergessen.