Nr. 249.
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Vorwürts
Berliner Volksblatt.
25. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt IV. Nr. 1983.
Die Ergebnisse des franzöfifchen
Gewerkschaftskongreffes.
Freitag, den 23. Oftober 1908.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV. r. 1984.
Eisenbahner, syndikalistische Minoritäten, andererseits finden fluß jener Presse auf die Bolksmassen ist jene Flüchtigkeit der fich neutralistische Minoritäten auch in den syndikalistischen Abfassung der Resolution besonders zu bedauern, aber in den Gewerkschaften. Rechnet man in beiden Fällen der Minder- Gewerkschaften selbst werden die ernsten Propagandisten auch heit 20 Proz. zu, nimmt man ferner an, daß in den unsicheren der syndikalistischen Richtung nun der Vermengung der OrGewerkschaften nur 40 Proz. den Neutralisten zukommen, so ganisationsziele mit anarchistischer Revoluzzerei entgegen. Was bedeuten die Verhandlungen von Marseille für die erhält man für die Neutraliften 147 000 Stimmen, also treten können. Vermutlich wird es zwischen ihnen und den Gewerkschaftsbewegung und überhaupt für die Arbeiter- rund die Hälfte. Wobei dann doch auch nicht zu über- Antipatrioten bald zu interessanten Auseinandersetzungen bewegung Franfreichs? Eine Verstärkung der antiparla- sehen ist, daß der Mehrheit die Organisationen angehören, fommen. mentarischen, anarchistelnden Tendenzen, die bisher so oft in die vom Typus des modernen großindustriellen Arbeiters Werden die Theoretiker des Syndikalismus mit dem der Arbeitskonföderation den Ausschlag gegeben hatten? am meisten entfernt sind, wie die der Holzfäller. Kongreß von Marseille zufrieden sein? Wir möchten es be Eine Annäherung an den Neutralitätsgedanken, der die Ge- Ist aber die Niederlage der Neutralisten nicht zu bezweifeln. Sie mußten den Schmerz erleben, die stärksten werkschaft nur als Organismus zur Verfechtung der allen streiten, so bleibt doch die Frage, ob nicht in der Haltung der Talente der Arbeiterschaft mehr oder minder schnell den Weg Arbeitern in der heutigen Gesellschaftsordnung gemeinsamen Mehrheit selbst ein Einschwenken bemerkbar ist. Man muß zum Neutralismus gehen zu sehen. Auch die Deklamationen wirtschaftlichen Interessen gelten läßt und die darüber hinaus- da zwischen den Beschlüssen selbst und dem Geist, worin sie ge- gegen die Parlamentarier stehen nicht mehr in der alten greifende Maffenaktion anderen Organisationen amheimgibt? faßt wurden, unterscheiden. So klingt die Resolution Merr Gunst. Bom Generalstreif aber hat nur ein einziger Redner Oder die Herausfristallisierung einer Gewerkschaftspolitik, heim über die Beziehungen zur Gewerkschafts- Internationale gesprochen: der Erzreformist Guérard.. die, ohne für sich alleinige Geltung zu beanspruchen und das sicher noch recht triegerisch: Die Gewerkschaftskonferenzen Den sozialistischen Gewerkschaftlern der Guesdeschen Lebensrecht der spezifisch politischen sozialistischen Partei- werden als unnüße Geldausgabe charakterisiert und die Ein Schule hat der Kongreß keine Erfolge gebracht. An der organisation anzutasten, die Macht der auf ökonomischer berufung von internationalen Gewerkschafts- on- Seite der strengen Neutralisten fämpfend, unterlagen fie mit Basis vereinigten Massen in den entscheidenden Kämpfen greifen gefordert. Die Tendenz, die bisherige Einheit der diesen. Für die Entwickelung der Gewerkschaftsbewegung der Klassen einfegen will? Die Antwort auf diese Frage ist internationalen Sozialisten- und Gewerkschaftspresse auf- ist das Baudern, womit sich die Gewerkschaften von der synnicht leicht, weil sie sich verändern muß, je nachdem man die zulösen, ist unverkennbar. Aber der Ton ist doch ein ganz dikalistischen Revolutionstaftik abwenden, sicher nicht günstig, Abstimmungen des Kongresses, den Grundton der Neden der anderer. Dem Internationalen Bureau wird nicht mehr die aber es läßt sich kaum verkennen, daß ein schnelleres Tempo Mehrheitssprecher oder ihr Berhalten zu den einzelnen, dem Verhandlung über Generalstreik und Antimili- des Uebergangs leicht einen Riß in die GewerkschaftsorganiKongreß vorgelegten Fragen ins Auge faßt. An Unflarheit, tarismus als Bedingung der Beschickung der Konferenzen an Widersprüchen, an selbstgefälligem Phrasentum, an re- gesett, sondern die Beratung eines unzweifelhaft zu volutionärem Ueberlieferungsmust hat es dieser Versamm lässigen- Antrages auf Organisation internationaler Stonlung wahrlich nicht gefehlt. Und doch! Das Gesamtbild gresse. Für den Fall, daß dieser Antrag abgelehnt würde, ist zeigte eine merkwürdige Regsamkeit des Geistes und des nichts vorausbestimmt. Die Konföderation wird sicher auch Willens, eine stürmische Gärung, deren Resultat man mit die folgenden Konferenzen nicht beschicken, aber sie hat den in Zuversicht entgegenblicken darf. Amiens gefaßten Beschluß, sich gegebenenfalls mit den aus ländischen Organisationen über die Köpfe des Internationalen Bureaus ins Einvernehmen zu segen, nicht mehr ausdrücklich wiederholt. Sie beginnt mit den Tatsachen zu rechen, will feine internationale syndikalistische Fronde mehr organisieren und betont vor allem ihre unverbrüchliche Zugehörigkeit zur Gewerkschafts- Internationale. Das ist ein unverkennbares Zeichen der Stimmung in den aktiven Organisationen.
Man muß nun freilich sagen: für einen Gewerkschaftsfongreß war es ein sehr politischer Kongreß. Von den fünfundeinhalb Kongreßtagen sind keine anderthalb für die wirtschaftlichen Fragen übrig geblieben. Nur die Frage der Industrieverbände hat man gründlich durchdiskutiert; Acht stundentag, Unfallversicherung, Aussperrung wurden in der Haft einer Schlußfizung mit Resolutionen abgetan. Sonst war alles Politif: die Debatte über den Vorstandsbericht, über die internationalen Beziehungen, über das Verhalten im Kriegsfall, Politik auch der Kampf um die Proportionalvertretung. Allen Theorien zum Trop fann eben die Arbeiterklasse der Politik nicht entraten. Zur einen Tür hinausgeworfen, kommt sie zur anderen herein.
Allerdings sozialistische Politik darf sie nicht heißen. Das Wort ist verpönt, steht es doch im Titel der politischen Partei. Man sagt also statt Sozialismus wieder Kommunismus und glaubt, damit aus dem Bereich der Meinungen" wieder in das der Interessen" geraten zu sein. Die Gewerkschaften und Arbeitsbörsen als Wirtschaftseinheiten der kommunistischen Gesellschaft- diese eine unter den vielen Theorien des Sozialismus wird einfach als dogmatisches Programm angenommen, das alle Sozialrevolutionäre vereinigen fönne. So ist das Ziel mühelos gesteckt, das Mittel heißt Generalstreit. Mythus , richtschnurgebende Idee ist er für die Gelehrten, eine bequeme Schablone für die Gedankenlosen.
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Auch von„ revolutionärer Gymnastif" will man nichts mehr wissen. Sehr bezeichnend war in dieser Beziehung die Diskussion über die Affäre von Draveil . Niemand fiel es ein, den traurigen Tag in der Art der Hervéisten als ein der Wiederholung wertes Revolutionsdatum zu feiern. Die fyndikalistischen Führer waren bestrebt, die Schuld an dem Gemegel einzig der Regierung zuzuschreiben, die friedliche Abficht der manifestierenden Bauarbeiter zu betonen. Und man hörte auch eine starke Anspielung: Ich werde mich hüten, meine Kameraden wieder auf die Schlachtbank zu führen, rief at a pie.
fation bringen könnte. So bleibt die Parole: Warten und Weiterarbeiten! Für die geeinigte sozialistische Partei aber könnte die neueste Entwickelung der Gewerkschaftsbewegung zur nüßlichen Mahnung werden, den antipatrio tischen" Värmmachern, die die Parteiarbeit so stark beeinträchtigt haben, energischer entgegenzutreten. Und im übrigen darf sie der Entwidelung, der fortschreitenden Erfenntnis der Arbeiterklasse und der Rücksichtslosigkeit ihrer Feinde vertrauen, die auch die heute noch mißtrauischen Gewerkschaftler lehren wird, daß ihre Aktion der Begleitung durch eine starke, organische. von sozialistischem Geist erfüllte politische Aktion bedarf.
Sozialdemokratliche
Anträge im Dreiklaffenparlament.
Es ist ein alter parlamentarischer Brauch, daß Fraktionen, die darum angegangen werden, Anträge einer Fraktion zu unterstützen, deren Zahl zu gering ist, um felbständig Anträge einbringen zu fönnen, ihr diesen Dienst erweisen, auch wenn sie mit den Anträgen selbst nicht einverstanden sind. Jm Dreiflaffenparlament fegt man sich über diese parlamentarische An stand spflicht leichten Herzens hinweg!
Zur Einbringung eines selbständigen Antrages ist die Unter Noch sind die fyndikalistischen Führer bei dieser neuen fchrift von 15, zur Einbringung einer Interpellation sogar die von Taktik ihrer Truppen nicht sicher. Noch löst die konfuse 30 Mitgliedern erforderlich. Da die fozialdemokratische Fraktion Phrase des mundfertigen Demagogen Broutch our nur 7, angenblicklich infolge der Inhaftierung Liebknechts sogar donnernden Beifall aus. Die Mehrheit erhebt ein wütendes nur 6 Mann start ist, ist sie von der Gnade anderer Geschrei, wenn der mutige Sozialdemokrat Renard davon Fraktionen abhängig. Als solche kommen höchstens die Polen und spricht, daß bei unvorsichtig veranstalteten Kundgebungen die die Freifinnigen in Betracht. Für den Antrag auf Haftentlassung Massen in die Hand von ein paar Narren gegeben feien, fie Liebknechts hat sie mit Mühe und Not die Unterstützung des FreiAber die Entwickelung selbst revoltiert gegen diese allzu tobt, da der Reformist Coupat, die Bedeutung gefüllter finns bekommen, allerdings erst, nachdem sie die Berufung auf einfachen Formeln. Von allen Seiten her wurden sie an- Organisationskassen rühmend, wegwerfend von den ber- Artifel 84 der Verfassung daraus gestrichen hatte. Für andere Angenagt. Sobald die anhaltende Gewerkschaftsarbeit beginnt, feuchten kommunistischen Suppen" spricht; sie leistet sich ein- träge die nötigen Unterschriften zu gewinnen ist ihr bisher nicht ges mit den Sorgen des täglichen Kampfes erwacht das Be mal das Späßchen, den Anarchisten Broutchour zum Vor- lungen! dürfnis, die Zwecke mit den gegebenen Mitteln in Einklang sigenden zu wählen, denselben Broutchour, dessen systematische Die Fraktion beabsichtigte die Einbringung eines Wahlrechtszu setzen, reift das Verantwortlichkeitsgefühl der leitenden Versuche, die Einigung mit den Bergarbeitern noch nach antrags im Sinne der Forderungen der Sozialdemokratie die Personen. Seit dem Kongreß von Amiens haben sich in den träglich zu zerstören, die entrüstete Abwehr des stell- Polen , an die sie sich wandte, verweigerten die Untervom revolutionären Syndikalismus beherrschten Organi - vertretenden Konföderationssekretärs Ququet veranlassen. fchriften, weil fie selbst cinen ähnlichen Antrag einbringen wollten. fationen unleugbare Wandlungen vollzogen. Die revolutio- So sehen wir das merkwürdige Schauspiel: Eine halb- Der polnische Antrag, der die lebetragung des Reichstagswahlrechts närste von ihnen, der mächtig aufgeblühte Bauarbeiter anarchistische Mehrheit, gegen die Neutralisten von Leuten auf Preußen und die Neueinteilung der Wahlkreise fordert, ist inverband, ist zum System der hohen Beiträge übergegangen. geführt, die diesen innerlich wohl eher näherstehen als ihren zwischen eingegangen. Auch einen anderen Antrag, der die Regierung Und hatte man schon in Amiens die so übel bewährte eigenen Truppen. Man betrachte nur die Debatte über die ersucht, die Organe der preußischen Verwaltung auf die Beamerikanische Taktik der sofortigen Eroberung des Acht- Haltung im Kriegsfall. Eine lange Nachmittagssigung hin- obachtung der Bestimmungen des Reichsvereinsgesetzes hinzuweisen, stundentages aufgegeben, um an ihre Stelle wiederholte, der durch tritt ein Mehrheitsredner nach dem andern auf, um zu lehnten die Polen ab, zu unterstüßen, angeblich weil sie die Kraft der verschiedenen Organisationen angemessene Aftionen erklären, daß der Arbeiter antipatriotisch sein müsse, gleiche Abficht hatten. In Wirklichkeit bezieht. sich der polnische bis zur vollständigen Erringung der achtstündigen Marimal- und am nächsten Morgen stellt Merrheim , heute un Antrag aber nur auf die Forderung des unbeschränkten Gebrauchs arbeit zu setzen, so hat der Kongreß von Marseille diese neue streitig der bedeutendste der syndikalistischen Führer, fest, daß der nichtdeutschen Sprachen in öffentlichen Versammlungen, er geht Tendenz auf Verlangen der Bauarbeiter noch unterstrichen. der Antipatriotismus gar nicht auf der Tagesordnung ge- also nicht entfernt so weit wie der sozialdemokratische! Sicherlich, die reformistischen Gewerkschaftler sind auch standen habe. In der vom Konföderationskomitee unter- An die Freisinnigen wandten sich unsere Genossen mit der in Marseille besiegt worden. Trotzdem sie zweifellos die stützten Resolution aber ist die den Antipatrioten des Seine- Bitte um Unterſtügung eines Antrages, der die Aufhebung des stärkeren. Redner ins Feld zu schicken hatten, sind sie in der Departements so wichtige" Insurrektion", im Ministerialerlasses vom 13. März 1907 betr. die Bevorzugang ausFrage der internationalen Beziehungen mit 444 gegen Kriegsfall gar nicht erwähnt und an ihre Stelle tändischer Arbeiter bei Kanalbauten bezweckt. Auch hier fand die 722 Stimmen unterlegen, bei der Abstimmung über die die Erziehung zum revolutionären General Graftion fein Entgegenkommen, die Freifinnigen brachten Proportionalvertretung mit 383 gegen 741- ein Ergebnis, streit gesezt. Daß die Infurrektion als ein politischer vielmehr felbst einen Antrag ein, der sich auf die beschleunigte das besonders schlecht erscheint, da tros des Eintritts der Akt aus dem Tätigkeitsgebiet der Gewerkschaften ausge- Inangriffuahme öffentlicher Arbeiten und die Zurüdsezung ausBergarbeiter das Verhältnis der Parteien seit dem Kongreß schieden wurde, blieb nicht unbemerkt. Broutchoux sah den ländischer Arbeitskräfte hinter inländische bezieht. von Bourges von 1904 nichts geändert hat, bei der Ab- Pferdefuß und erklärte flint, er werde wohl mit seinen Weiter hat die Fraktion eine Reihe von Anträgen ausgearbeitet, stimmung über das Verhalten im Kriegsfall mit 421 gegen Freunden für die Resolution stimmen, aber sie als Billigung von denen einer den Erlaß einer einheitlichen Gemeindeordnung 681 Stimmen, wobei die Stimmenthaltung übenden Berg- des Antipatriotismus kommentieren. So war die Abstim- unter Beseitigung des Dreillafienwahlsystems und der das Selbstarbeiter immerhin der Minorität zuzurechnen wären. Der mung nur geeignet, eine zweideutige Situation zu schaffen. verwaltungsrecht einschränkenden Bestimmungen, der zweite die Sieg des Konföderationsvorstandes feiner verhafteten Obendrein hat Merrheim hinterher ausdrücklich bekannt- Aufhebung der Gesindeordnungen und Ausnahmegesche für LandMitglieder und ihrer Stellvertreter- ist also unleugbar. gemacht, daß es nur auf einem Flüchtigkeitsfehler beruhe, arbeiter fordert, während der dritte fich auf die Wohnungsfrage Es ist wahr, daß er die Meinung der Mehrheit nicht zum daß die Resolution nicht vom internationalen rebo- bezieht. Es ist mit ziemlicher Sicherheit darauf zu rechnen, daß Ausdruck bringt. Von den 295 000 der Konföderation durch Iutionären Generalstreit spreche, denn die Internatio- den Sozialdemokraten auch für diese Anträge teine Unterihren Gewerkschaftsverband angeschlossenen Mitgliedern ge- nalität dieser Streifs set für ihn eine notwendige Vor- fchriften gegeben werden! hören 140 000 den reformistischen oder genauer neutralistischen ausseßung. Das Spiel der bürgerlichen Barteien ist nur allzu durchsichtig: Organisationen an, über 24 000 solchen Verbänden, die weder Die Tragweite dieser Absage an den Gefühlspatriotis- fie hindern die Sozialdemokraten an der Stellung von Anträgen, der einen noch der anderen Richtung zugerechnet werden mus ist nicht zu verkennen. Wohl bleibt der skrupellosen Bour- um hinterher über die Unfruchtbarkeit der Partei Fönnen. Nun haben freilich auch die neutralistischen geoispresse auch weiter die Möglichkeit, die Gewerkschaften herzufallen und sich selbst bei zukünftigen Neuwahlen als Föderationen, wie die Buchdrucker, die Textilarbeiter, die hochverräterischer Absichten anzuflagen, und bei dem Ein- die Güter und Wahrer der Wolfsrechte Hinauftellen. Die fozial
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