Nr. 285.
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26. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Dienstag, den 7. Dezember 1909.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
stürmische Heiterfeit auf der Linken, als er unter Anwendung Holzlieferant gegenüber der Eisenbahnverwaltung auf dem des beliebten Schema F der Reichsverwaltung erflärte: Herzen hat.
Die Marinebureaukratie auf der Erstens handle es sich doch eigentlich gar nicht um Unter- Herr v. Tirpit nahm noch einmal das Wort, um
Anklagebank.
Der Herr Admiral v. Tirpik hat also offenbar von dem Althändler Frankenthal wenigstens soviel gelernt, daß man mit einem gehörigen Maß von Chuzzpe in dieser täuschungsbedürftigen Welt am weitesten kommit.
werden.
Morgen findet die Debatte ihre Fortsetzung. Dann wird die schärfere Opposition in Vertretern der interpellierenden Parteien abermals zum Wort kommen.
schleife auf der Werft, da ja die Angeklagten vom Schwur- seinen Darlegungen einige belanglose Ergänzungen anzugericht freigesprochen seien, und zweitens wären auch alle hängen, wobei der milde und gewinnende Ton, den er gegenanderen Betriebe außer der Verwaltung des Altmaterials über Herrn Erzberger anschlug, in einen auffälligen GegenUeber die preußisch- deutsche Bureaukratie ist eine Reihe eigentlich aus der Debatte auszuschalten, da in dem faz trat zu der Schroffheit seines vorherigen Auftretens böser Tage hereingebrochen. Ihr morsches Prunkgewand Prozeß die Zustände in anderen Betrieben gar nicht gegenüber den Interpellanten. zerreißt bald hier, bald dort, so daß ihr dürres Gebein ab- zur Verhandlung gestanden hätten. Unter strenger Be- Der neue Staatssekretär des Reichsjustizamts, Herr schreckend durch die Löcher schimmert. Noch sind die Blamagen obachtung dieses Schemas hätte diefer bureaufratisierende Risco, hatte aufmerksam den Verhandlungen gefolgt, erunvergessen und ungefühnt, die die höchsten Spitzen der Reichs- Admiral es ja überhaupt gar nicht nötig gehabt, sich auf die griff aber nicht das Wort zur Abwehr Semlers auf die verwaltung mitsamt der Diplomatenclique im Auswärtigen gange Erörterung einzulassen, sondern hätte nach bewährten Justizverwaltung. Das überließ er Herrn Spahn, der als Amte im Herbste vorigen Jahres sich zugezogen hatten. Noch früheren Mustern würdevoll mit seiner Aftenmappe unter Oberlandesgerichtspräsident von Kiel sich gedrungen fühlte, Er war den Untersuchungsrichter und die Staatsanwaltschaft im flingt uns in den Dhren das jammervolle Gestammel, mit dem Arm vom Schauplatz abtreten können. an den Kieler Prozeß zu verteidigen. Diese Rettungsaktion wird dem die Lenker der Reichsfinanzen unter dem barschen Gebote aber doch so gnädig, einige kräftige Worte junkerlichen Uebermuts die Preisgebung ihrer eigenen Finanz- Reichstag zur Verteidigung der viel verleumdeten Werft dem Zentrum höheren Orts sicher wohlwollend gebucht politik zu beschönigen versuchten. Und jetzt ist schon wieder in Kiel " zu richten. ein neuer Verwaltungszweig auf die Auflagebant geraten! Wörtlich sagte er:„ Viel verleumdete Werft!" Der Kieler Werftprozeß hat in den mehrwöchigen Verhandlungen eine derartige Schlamperei des bureaufratischen Getriebes enthüllt, daß es schwer wird, zu ent scheiden, ob den Diplomaten, den Finanzpolitikern oder den Marinebureaukraten die Balme der Unfähigkeit gebührt. Im Sie wird morgen Reichstag hat die Abrechnung begonnen. fortgesetzt werden, aber damit darf es nicht abgetan sein. Denn auch der Kieler Standal ist nur ein Teilvorgang in dem ruckweisen Zusammenbruch eines ganzen vermorschten Regierungssystems. Zu Beginn der Verhandlungen erhielt zunächst der Abgeordnete Dr. Leonhardt das Wort zur Begründung der freifinnigen Interpellation. Auf Grund der Prozeßverhandlungen bemühte er sich nachzuweisen, welch' nachteilige Folgen der Assessorisinus und der Mangel an kaufmännischer Schulung in der Marineverwaltung zur Folge haben müsse... Die bereits befannt gewordenen Schlampereien ergänzte er durch Mitteilung einer Anzahl von Einzelborgängen, beeinträchtigte aber seine Darlegungen einigermaßen durch patriotische Betonung der Notwendigkeit einer starken Flotte.
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Tiemand reizt mich ungestraft!
feien Daß da mancherlei Mängel im Marinebetriebe vorhanden In Kattowitz sind ein Rektor und fünf Lehrer gemaßregelt nun ja, wer wolle sich darüber wundern! Die fommen worden, weil sie geivagt hatten, bei der Stadtverordnetenwahl für eben in jedem größeren Betriebe vor. Aber wo sie zutage polnische Standidaten zu stimmen. Einer größeren Anzahl von Postgetreten jei, habe er stets mit eiserner Faust" eingegriffen. und Eisenbahnbeamten soll das gleiche Schidial noch bevorstehen. Den Borwurf, daß die Marineverwaltung zu ſehr aus dem Bollen wirtschafte, suchte er durch die kühne Behauptung zu parieren, daß die Verwaltung ja durch das Etatsgesetz ge
fnebelt sei.
Er sagte wörtlich: Get nebelt durch das Etatsgefeß!"
Es scheint also diesem bureaukratisierten Admiral der völlige Verzicht auf die Etatisierung der Ausgaben für die Marine in Einzelpofitionen das beste Schutzmittel gegen die Verschleuderung der bewilligten Gelder zu sein. Die von Herrn Leonhart zitierte Kritik eines Kapitäns a. D. Persius Schärfer und unifassender gestaltete sich die Kritit des tat der Herr Admiral auf dem Ministersessel ab mit den wegGenossen Legien, der dann zur Begründung der sozial- werfenden Worten: Man könne ihm nicht zumuten, sich ,, mit demokratischen Interpellation das Wort erhielt. Er führte die einem Herrn Perfius" auf eine Bolemit einzulassen. Ganz Verantwortung für die entlarvten Mißstände über die Nächst- wie das der verflossene Herr v. Einem mit einem Herrn schuldigen weiter empor bis zu den höheren Beamten ein- Gaedke" zu machen pflegte. Besonders schroff kehrte Herr schließlich des Marineministers v. Tirpitz selbst und fündigte v. Tirpit sich aber dagegen, daß er verpflichtet sei, auf Einan, daß die sozialdemokratische Partei, da leider die Geschäfts- gaben von Arbeiterorganisationen überhaupt sich einzulassen. ordnung gegenwärtig noch nicht die Stellung von Anträgen Die Werftarbeiter hätten nur das Recht, sich durch ihre Arbei Interpellationen ermögliche, bei der Etatsberatung den beiterausschüsse an die Verwaltung zu wenden.„ Eingaben Antrag auf Einsegung einer parlamentarischen der Organiastionen des Herrn Legien" lehne er rundweg ab. Untersuchungsfommission zur gründlichen Der fühne Seeheld umschiffte indes in dieser Antwort flug Aufdeckung der Mißstände in der Marine- die Klippe, daß es sich außer den Eingaben der Organi verwaltung stellen werde. Legien machte aber auch fein fationen des Herrn Legien auch um eine Eingabe des Herrn Hehl daraus, daß auf die Majorität des Reichstages ein gut Legien selbst in seiner Eigenschaft als Reichstagsabgeordneter Zeil der Mitschuld an den enthüllten Mißständen entfalle, gehandelt hat. Es wird morgen Aufgabe unseres zweiten da die bürgerlichen Parteien insgesamt der Marine- Redners sein, auch hierüber Herrn Tirpitz die Zunge zu verwaltung in freudigem Eifer alle Forderungen lösen.
Nach Meldungen der Zentrumspresse soll dieser unerhörte Aft
des politischen Terrorismus sich unter interessanten Begleitumständen abgespielt haben. Das Gleiwitzer Zentrumsblatt
berichtete darüber:
" Fürst Hendel benuste jedenfalls den Besuch des Kaisers in Neudeck, um den Monarchen gegen die polnische katholische Bevölkerung Oberschlesiens wegen der Kattowiger Stadtverordneten wahlen scharf zu machen. Er ließ sich zu diesem Zweck den Regierungspräfibenten tommen, und dieser wußte den bekannten Spezialisten für polnische Sachen, den Grenz kommissar Madler, in ein Gespräch mit dem Staiser zu bringen. Wie trefflich Herr Mädler seine Aufgabe gelöst hatte, bewies der Umstand, daß der Kaiser vor dem Diner dem Regierungspräsidenten sein Bild mit der Unterschrift:„ Nemo me impune lacessit" überreichte.„ Niemand reizt mich 11 It# gestraft". Diefe Worte unter dem kaiserlichen Vilde gaben dem Regierungspräsidenten die vom Fürsten Hendel gewollte Richtschnur und stärkten fein Rückgrat. Daher die Maßregelung der Kattowißer Lehrer! Aber das ist nur der Anfang einer gründlichen Aufräumungsarbeit!"
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„ Die Kattowiger Zeitung" nennt diese Darstellung eine Tatarennachricht, der sie den wahren Sachverhalt" gegenübers stellen wolle. Dieser wahre Sachverhalt soll der folgende ge wesen sein:
„ Der Kaiser faß in Neudeck nach dem Diner mit berschiedenen Herren in zwangloser und angeregter Unters haltung beifammen, darunter Herr Regierungspräsident v. Schwerin und eine Anzahl Beamte des Fürsten . Bei dieser Gelegenheit verteilte der Kaiser eine Anzahl Photographien, wovon auch eine dem Herrn Regierungspräsidenten zugedacht war. Herr Regierungspräsident von Schwerin bat den Kaiser, ihm eine Widmung auf sein Bild zu schreiben, da es dann noch einen höheren Wert besitze. Der Kaiser bemerkte scherzend, diese Anreizung zu neuen Taten dürfe nicht ungestraft bleiben, ging an den Schreibtisch und schrieb nun Nemo me impune lacessit" unter das Bild. Das war das furchtbare„ Vers brechen", das in Neuded an der Zentrumspartei begangen worden ist."
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Diese Darstellung klingt denn doch gar zu„ harmlos". Auch verstehen wir nicht, wie jemand die Bitte um eine Widmung als Anreizung" empfinden und deshalb das bekannte und mehr als einmal eigenartig gloffierte Motto Niemand reizt mich ungestraft" wiederholen fönnte. Auch bestreitet die Kattowißer Zeitung" mit teinem Wort den wichtigsten Umstand der Anwesenheit des Grenzkommissars Mädler und der Unterredung Wilhelms II. mit ihm.
zu bewilligen, pflegten. Das verleite natürlich die Nachdem dann der Herr Admiral soweit zu seiner eigenen Berwaltung dazu, so recht aus dem Vollen mit den Bufriedenheit sonnenklar erwiesen hatte, daß bis auf die unverfügbaren Riesensummen zu wirtschaften. Auch unser Redner vermeidlichen Schönheitsfehler eigentlich alles in Ordnung brachte einige ergänzende Enthüllungen vor, die um so wert- fei in seiner Verwaltung, daß mindestens er selbst das voller waren, da sie sich auf Mitteilungen von Werftarbeitern Menschenmöglichste getan habe, mit eiserner Faust Ordnung ftüßten, die mit eigenen Augen die Vorgänge beobachtet zu schaffen, erging er sich in einer gequälten Bobrede, um zu hatten. So sei einer der schlimmsten Krebsschäden, daß die beweisen, daß um die deutsche Marine es immerhin besser bureaukratische Verwaltung die Rücklieferung von Material, bestellt sei, als in denen fremder Länder. Als diese hals. das im Schiffsbetrieb geliefert, aber nicht verwendet worden brecherische Logik auf den Gesichtern der waschechtesten Paset, nicht wünsche. Sei es doch vorgekommen, daß die An- trioten nur ein ungläubiges oder verlegenes Lächeln hervor nahme von zurückgelieferter Delfarbe von der Verwaltung brachte, griff der Admiral zu dem für Reichsminister in cinfach verweigert sei. Den Arbeitern sei so nichts anderes Schwulitäten beliebtesten Mittel: er trommelte auf der großen übrig geblieben, als die beiden Tonnen bei Nacht und Nebel patriotischen Baute herum. Erregt freischte er in den Saal ins Meer zu schütten. hinein, daß die Flotte zum Wohl und Schuße des Vaterlandes Die Mitschuld des Marineministers an allen solchen Miß- geleitet werde und daß er die verallgemeinerten Angriffe auf ständen führte Regien insbesondere darauf zurück, daß dieser seine Beamten energisch zurückweise. Dabei schlug er mit den Wie aber auch das Kaiserwort gemeint gewesen sein mag, der hochgestellte Herr Beschwerden aus Arbeiterkreisen über Miß- Fingerknöcheln auf, daß die Pultplatte nur so flapperte. Regierungspräsident v. Schwerin glaubte es jedenfalls derart deuten stände gleichfalls turzerhand über Bord werfe. Es sei doch Natürlich lösten diese Phrasen automatisch den üblichen Bei zu können, daß sein terroristisches Vorgehen gegen die polnischen allgemein bekannt, daß Arbeiter ihre Stellung ristierten, wenn fall rechts aus, doch ließ der hohle Ton des Bravos erkennen, Lehrer und Beamten wegen pflichtwidrigen, unpatriotischen Versie direkt über Mißwirtschaft im Betriebe durch ihre Vor- daß es nicht echt war. haltens" an der ihm wichtigsten Stelle vollen Beifall finden würde! gesetzten Beschwerde führten. Es bleibe ihnen deshalb nichts Die Debatte wurde eröffnet durch den konservativen Ein eigenartiges Zusammentreffen übrigens, daß von solcher anderes übrig, als durch Mittelsmänner in solchen Fällen Redner Kreth, der in geradezu würdeloser Weise über den Maßregelung gerade die Wähler der Partei betroffen wurden, die vorstellig zu werden. Herr v. Tirpitz pflege aber die Ein- Ernst der enthüllten Mißstände durch antisemitische Späßchen gemeinsam mit den Konservativen und dem Zentrum die Neichsgaben der Metallarbeiterorganisation über solche Mißstände und Schimpfereien über die Verlogenheit einer gewissen finanzreform des Schnapsblocks hatte zustande bringen helfen. Wenn fchroff zurückzuweisen. Ja, als er selbst in seiner Eigen- Presse" hinwegzutäuschen suchte. Sachlicher und gründlicher freilich ein liberales Blatt von den Polen als den„ Geprellten" schaft als Reichstagsabgeordneter für Stiel im Sep- waren die Ausführungen des Zentrumsredners Erz- spricht, so verrät das eine ziemlich oberflächliche Auffaffung vom tember 1908 eine Eingabe über vorhandene Mißstände berger, der sich indes doch sorglich bemühte, dem Bären Wesen der polnischen Partei. Die Polen find agrarisch und reaktionär gemacht habe, hätte der Minister in der nämlichen den Belz zu waschen, ohne ihn naß zu machen. Er berurteilte und fie blieben sich deshalb nur felbft treu, als sie mit dem Schnaps. schroffen Weise es abgelehnt, darauf einzugehen. Welch allerdings die bureaukratische Berwaltungsmethode, sprach blod gemeinsame Sache machten. So sehr die Bolen ihres prole schwere Schuld er durch solches Verfahren auf sich ge- aber Herrn Tirpitz persönlich von jeder Mitschuld frei. Im tarischen Anhangs wegen gleich dem Zentrum auch manchmal fozialladen habe, gehe schon daraus hervor, daß ein einzelnen bestätigte er Legiens Mitteilungen, daß under- politische Interessen heucheln, so entschieden werden sie im Ernstfalle Teil der Enthüllungen der Metallarbeiter. brauchtes Material nicht zurückgeliefert, sondern ins Wasser doch stets da stehen, wo junterliche und pfäffische Jntereffen den Ausorganisation über Mißstände im Werftbetriebe geworfen oder berbiannt werde. Seiner Rede war aber deutschlag geben. Der Nationalismus ist für die Polen nur das nachträglich in diesem Prozeß bollauf be- lich anzumerken, daß die Zentrumspartei , seitdem sie wieder Reklamemittel, die Massen für ihre agrarisch- reaktionäre Politik einstätigt worden sei. Er habe allerdings nicht die Hoff Dreiviertel- Regierungspartei geworden ist, auch ihren zufangen!
itung, daß Herr v. Tirpitz seine Mitschuld eingestehen werde oppositionslüsternsten Rednern Zügel anlegt. Noch weniger Das fann uns natürlich nicht abhalten, die Maßregelung pol. oder auch nur das bureaukratische System preisgebe; er werde Opposition machte der nationalliberale Herr Semler nischer Beamten und Lehrer als brutalen Terrorismusaft vielmehr die enthüllten Mißstände als vereinzelte Schönheits- und der freikonservative Herr v. Gamp. Herr Semler zu brandmarken. Die Junker und Pfaffen, die bei den Polen die fehler einer im ganzen unübertrefflichen Verwaltung hin- fand, daß eigentlich die Mängel, die im Kieler Gerichtsver- Führung haben, werden selbst freilich die Maßregelung, die sich zustellen suchen. fahren zutage getreten sind, viel schlimmer seien, als die gegen ihre pflichtwidrige, unpatriotische Haltung richtet, weniger
Herr v. Tirpitz erfüllte diese Vorausfagung Legtens Mißstände der Werftverwaltung, und Herr v. Gamp entgleiste schmerzlich empfinden, wenn nur die Intereffen der Junker und des bis auf das Tüpfelchen über dem i. Zunächst entfesselte er sehr bald in die Erörterung von Beschwerden, die er als leritalismus gerettet werden!