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Nr. 62.

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Berliner Volksblatt.

27. Jahrg.

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Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Dienstag, den 15. März 1910.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.

Wahlrechtskämpfer heraus! Erscheint in Massen zu den heutigen Versamm lungen! Stellt dem Beschluß der Privilegienritter das Volksverdikt entgegen!

Durchgepeitscht!

Komplizen für die verbrecherische Rechtsmeuchelung zu ge- vom Gesicht zu reißen, und daß ihr das gelungen ist, beiweisen die winnen!

Mutausbrüche der Herold und Konsorten. So nagelte einert, natürlich nicht ohne wiederholt zur Ordnung gerufen zu werden, das Verhalten des Zentrums gegenüber der Frage der Termins wahl feft. Die Kommission hatte die Terminswahl gestrichen, aber da die beiden konservativen Parteien mit Rücksicht auf den Terro rismus, den sie dabei betreiben können, unbedingt auch die Ter­mins wah I beibehalten wissen wollen, beeilte sich das zen.

Die Frage ist also, ob die Nationalliberalen sich durch die Sirenentöne der Junker verlocken lassen werden! Auch Es ist dem blauschwarzen Block gelungen, in drei Tagen am Montag wieder überboten sich die konservativen Redner auch die zweite Lesung der Wahlrechtsvorlage durchzupeitschen! in girrenden Serenaden. Freilich war es nur viel Gekreisch Dazu bedurfte es freilich keiner Hererei, sondern nur einer und wenig Wolle. Denn die nationalliberalen Anträge guten Dosis Strupellosigkeit und Brutalität, und daran hat wurden von dem Schnapsblock niedergestimmt. trum, ihnen andlangerdienste zu leisten und einen es der Schnapsblock nicht fehlen lassen. Sobald ihm die Ge- Der Kuhhandel dauert freilich fort. Wahrscheinlich Antrag einzubringen, der in Ortschaften mit nicht mehr als 3000 fahr zu drohen schien, daß die Kritik allzu schneidende und werden sich die Koalierten des Schnapsblocks zu weiteren Einwohnern sowohl die Frist als auch die Terminswahl gestattet. gründliche Formen annehmen könnte, ließ er das Fallbeil Zugeständnissen in bezug auf Kulturträgerprivilegien bereit- Ganz besonders verräterisch geberdete sich das Zentrum gegen eines Schlußantrages herabsausen. Dergestalt wurde die finden laffen. Das bedeutete eine weitere Verschandelung über dem freisinnigen Antrag, der auch für die Abgeordne des Wahlrechtsmonstrums! Aber die Nationalliberalen ber- will. Sierbei schickte diese Partei einen ihrer Renommierarbeiter, tenwahlen die geheime Stimmabgabe eingeführt wissen Opposition einfach niedergetrampelt. Was aus der zweiten Lesung des Plenums hervor langen noch mehr, sie fordern statt der Steuerdrittelung nach Herrn Giesberts bor, der ein 2oblied auf die öffentliche gegangen ist, ist im wesentlichen der von der Kommission dem Urwahlbezirken eine andere Form der Drittelung, durch die Stimmabgabe anstimmte, daß den Reaktionären auf der äußersten Hause präsentierte Entwurf, jenes Monstrum, das an Ab- der Einfluß des Unternehmergeldsads noch verstärkt wird! Rechten das Herz im Leibe lachte. Zwar zog sich Herr Giesberts scheulichkeit hinter dem Wechselbalg der Regierung in nichts Bis jetzt hat sich außer den Freifonservativen fein Mensch eine gründliche Abfuhr seitens des Genossen Ströbel zu, aber zurücksteht, sich vor ihm höchstens noch durch einen Zug feiger, für diese Forderung erwärmt! Rechte, Mitte und Linke sind was macht sich die Blase daraus? Wenn die Voltsvertreter" höhnischer Tücke auszeichnet. Denn die Wahlrechtsvorlage vielmehr wenigstens darin einmal einig gewesen, daß durch nachher in ihren Wahlkeisen sind, werden sie schon mittels der erklärte sich wenigstens rund heraus für die öffentliche eine andere Form der Steuerdrittelung der ohnehin standalöse bekannten München - Gladbacher Jesuitenlogit das Blaue. vom Abstimmung. Der widerliche Zwitter dagegen, den Kom- Einfluß des Geldsads nur in unerträglicher Weise vergrößert Simmel herunter schwindeln und dem Volke Sand in die Augen mission und Abgeordnetenhaus jetzt in die Welt gesetzt haben, werden würde. Wir halten es danach für völlig ausgeschlossen, au streuen suchen. Wenn wir ihnen mur keinen Strich durch die Rechnung machen! gibt den Wählern das Scheinrecht der geheimen Wahl, daß selbst der Schnapsblock zu einer weiteren Verhunzung des das er ihnen jedoch durch die indirekte Wahl und die perfide Wahlrechts seine Hand bieten könnte! Bestimmung, daß die Wahlmänner auf dem Lande aus dem Urwahlbezirt entnommen sein müssen, sofort wieder estamotiert!

Auf der anderen Seite fönnen jekt die Nationalliberalen zeigen, ob ihre entrüsteten Proteste gegen die reformatio in pejus", die Verschlechterung des Wahlrechts, wirklich Zu allem Ueberfluß hat der Entwurf der Kommission noch ehrlich gemeint waren, oder nur der Ausfluß des Mergers givei weitere Verschlechterungen erlitten. Einmal dadurch, ausgeschalteter Makler, die sich dadurch der Möglichkeit beraubt daß an die Stelle der Fristwahl für die Orte mit weniger sahen, ihrerseits unter dem Vorwand der Reform das Wahl­als 3000 Einwohnern die Terminswahl gesetzt worden ist, recht so zu gestalten, wie es ihren Kleinlichen, volksfeindlichen ein Wahlmodus, der den Gutsgewaltigen und anderen Parteiinteressen paẞte! agrarischen Terroristen zur infamsten Wahlbeeinflussung und Fallen die Nationalliberalen um, laffen auch sie sich für das schitanöfesten Kontrolle die vortrefflichste Handhabe bietet. Stompromiß des Wahlrechtsverrats einfangen, so sind sie um Zweitens durch die Verleihung des Privilegiertenwahlrechts fein Haar besser, als die schwarze Heuchlerbande, über die die an diejenigen, die ihr Abiturienteneramen abgelegt haben. Herren Friedberg , Schiffer und Konsorten sich doch noch soeben Für beide Verschlechterungen stimmte natürlich das Zentrum. so urkräftig entrüstet haben!

Im ersten Falle seiner Rolle als Stallknecht der Konservativen Die große Abrechnung des verratenen, genasführten, mit getreu; im zweiten Falle, um für die Nationalliberalen durch Füßen getretenen Volkes würde dann an den Nationallibe­Gewährung eines besonderen Privilegiertenivahlrechts an ralen ebenso unerbittlich vollzogen werden, wie am Zentrum! sogenannte Kulturträger" die Brücke zum blauschwarzen Anti- Wahlrechts- Block herüber schlagen zu helfen!

Schließlich hielt noch Genosse Liebknecht bei Beratung cines Antrags auf Sicherung des Wahlgeheimnisses eine Art Ge neralabrechnung mit dem Zentrum, die sich durch das Eingreifen des Vizepräsidenten Dr. Porsch höchst dramatisch gestaltete. Sielt Herr Dr. Porsch, selbst ein frommer Zentrumsmann, der in seiner Amtsführung alles andere, nur nicht Unparteilichkeit, an den Tag legt, es doch für geboten, unfern Genoffen zu rügen, weil reißt und mit Füßen fritt. So etwas, meint Herr Dr. Porsch er dem Zentrum vorgeworfen hatte, daß es sein Programm zer. darf man einer großen" Partei nicht vorwerfen.

Mit diesem Aft schloß die zweite Lesung. Nach einem Ruhe. tage, der zum Kuhhandel benutt werden soll, beginnt am Mittwoch die dritte Beratung, die spätestens am Donnerstag beendet werden muß, denn am Freitag darf nach den Wünschen der Neaktion nicht mehr über das Wahlrecht geredet werden, weil dann der 18. März ist. Die Herren sind wirklich noch ängstlicher als Herr v. Jagotv.

Der Wahlrechtskampf.

Immer neue Demonstrationen.

Der Sonntag hat in einer ganzen Reihe preußischer Städte große eindrucksvolle Demonstrationen gezeitigt. Viele Tausende sind an diesem Lage wieder um des gleichen Wahlrechts willen auf die Straße gegangen. Die Polizei hat an einigen Orten wieder das Wahlrecht mit dem Säbel und mit Büffen und Stößen beschüßt. Es sind Ver­legungen und Verhaftungen vorgekommen, die das Bewußt sein rege erhalten, daß Preußen fein Kulturstaat ist. Indes sind schlimmere Verlegungen bis jetzt nicht gemeldet.

Die imposantesten Kundgebungen haben diesmal Frankfurt a. M. und Breslau zu verzeichnen. Darüber wird uns gemeldet:

Was der Schnapsblod fo erfolgreich begonnen, hofft er Gache würdig wäre. Wie er es sich vorgenommen hatte, hat er in Der Schnapsblod arbeitet mit einem Fleiße, der einer besseren schon in den nächsten Tagen triumphierend zu Ende führen zu der Situng vom Montag die zweite Lesung der Wahlrechtsvorlage fönnen! Schon am Mittwoch soll die dritte Lesung beginnen beendet. Eine Beratung fann man das, was da in der Prinz und noch vor dem 18. März zum schmachvollen Ende gebracht Albrechtstraße vor sich ging, kaum noch nennen. Zwar ließ die werden! Die Opposition gedenkt man nötigenfalls abermals Mehrheit diesmal gnädigst auch unsere Genossen reden, aber sie niederzutrampeln! Dann bleibt am 12. April nur noch die selbst beteiligte sich so wenig wie möglich an der Debatte. Wiederholung der Abstimmung, die man aber als bloße Daß die konservativ- kleritale Majorität fest entschlossen ist, der Formalität behandeln wird. Auch glaubt man sicher sein zu Minorität auch nicht das geringste Zugeständnis zu machen, das können, daß Regierung und Herrenhaus der Spottgeburt des zeigte sich gleich zu Beginn der Sigung; fie lehnte einen national­liberalen Antrag, wonach die Auslegung der Abteilungslisten nicht Schnapsblocks ihren Segen nicht vorenthalten werden. Wie in Privaträumen erfolgen darf, wenn in einem Stimmbezirt sollten sie auch! Sie sind ja Fleisch vom Fleische des Schnaps Geschäftsräume einer öffentlichen Behörde bor­Frankfurt a. M., 13. März.( Eig. Bericht.) Die Mainstadt blocks und überglücklich, daß das Zentrum durch die lange handen sind, kurzerhand ab. Die um Heydebrand und Herold sah heute wieder eine Demonstration, die sich der großen Kund­Sette seiner infamen Voltsverrätereien die Wahlreform so ge- wollten damit dokumentieren, daß sie den Nationalliberalen mur gebung auf der Hundswiese vor 14 Tagen würdig zur Seite stellt. staltet hat, daß die Voltsmasse schamlos geprellt ist! unter der Bedingung entgegenkommen würden, daß diese sich ver- Dort gingen die linkestehenden bürgerlichen Parteien mit der Das Wahlrecht, wie es nach den Beschlüssen des blau- pflichten, dem Kompromiß ihren Segen zu erteilen und so das Sozialdemokratie, diesmal lehnten sie eine Beteilt. schwarzen Blockes aussieht, tann elender gar nicht gedacht Odium für das Gesetz auch auf ihre Schultern zu laden. Gang gung ab. Den Herren Lintsliberalen war ihre Straßen. werden. Bestehen bleibt die Dreiklassenschmach, bleibt die in- offen erklärte das Fhr. v. 3edlik( frt.) bei einer anderen demonstration anscheinend zu brenzlich. Es ging auch ohne sie. Gelegenheit, und auch sein Fraktionsfreund Abg. v. Wohna suchte Die Demonstration nahm bei gewaltiger Beteiligung einen glän direkte Wahl, bleibt die öffentliche Abstimmung der Wahl- den Nationalliberalen noch einmal gut zuzureden. Die so viel Um zenden Verlauf. männer, bleibt die Terminswahl, bleibt auch die aller geworbenen fagten weder ja, noch nein, sondern sie hüllten sich in Von der Parteileitung waren 23 Versammlungen auf funden Vernunft mit Fäusten ins Gesicht schlagende standalöse Schweigen. Die dritte Lesung wird ja die notwendige Klarheit 11% Uhr nachmittags angefeßt. Es wurden nur kurze Ansprachen Wahlfreiseinteilung zugunsten der Krautjunker! Ein folches bringen. gehalten, dann zogen die Versammelten nach der inneren Stadt, Wahlrecht kann nicht nur jeder Junker, sondern auch jede Ihr wahres Antlik enthüllte die Gesellschaft bei der Beratung zu dem gemeinsamen Sammelpunkte, dem Theaterplay. Ses§ 16a, der besagt, daß die Wahlmänner Herrenhausmumie mit Handfuß akzeptieren! außer in Berlin Aus dem Gewerkschaftshause zogen die Versammlungsteil= Die nehmer in geschlossenem Zuge durch die Allerheiligenstraße zur Welches Wahlrecht hätte selbst das Dreiklassenparlament aus dem Stimmbezirt entnommen werden müssen. beschlossen und hätten Regierung und geborene Gesetzgeber Nationalliberalen hatten hierzu einen äußerst zahmen Antrag ge- Sonstablerwache, und weiter über die Zeil, Haupt­stellt, der eine noch bei weitem nicht ausreichende Erwache zu dem Theaterplay. Bald kamen die anderen Züge an trotz alles Sträubens und Würgens schlucken müssen, wenn weiterung des Kreises bezweckte, aus dem die Wahlmänner marschiert, und binnen wenigen Minuten war nicht nur der das Zentrum nicht von allem Anfang an dem um sein Wahl- entnommen werden dürfen. Aber selbst davon wollte die Mehr- Theaterplay, sondern auch der daran anschließende, Goethe­recht kämpfenden Volfe in den Rücken gefallen wäre und heif nichts wissen! Der konservative Abg. Fhr. v. Richt- plaß und der Roßmarkt dicht von Demonstranten- unter selbst die schwächlichsten liberalen Forderungen mit der unhofen erklärte rund heraus, daß daran nur die Sozialdemokratie denen sehr viele Frauen waren- gefüllt. Ein wogendes erbittlichen Konsequenz geschworener Wahlrechtsfeinde im Vorteil hätte, und das Zentrum, die Partei, die angeblich für das Menschenmeer, aus dem die Klänge der Marseillaise und Wetteifer mit den junkerlichen Wahlrechtsmeuchlern ab- allgemeine, gleiche, direkte und geheime Wahlrecht ist, schloß fich Hochrufe auf das freie Wahlrecht erklangen. Die Spitze des Zuges bog vom Roßmarkt aus in die Kaiserstraße die Haupte gewürgt hätte! Der Schnapsblock ist Triumphator geblieben. Aber bei straße Frankfurts neben der Zeil ein, und ein fast endloser Zug seinem Siege ist ihm gar nicht wohl zumute. Nicht nur, daß marschierte gegen den Bahnhof zu. Der größte Teil des Zuges hatte schon den Roßmarkt verlassen, da tauchte auf diesem eine ihm doch vor der Abrechnung der betrogenen Volksmassen Ueberhaupt wird das Zentrum sich bei den Reben, die unsere starte Patrouille Schußmannschaften auf. Sie fam zu spät, um graut er glaubt auch nicht einmal auf das Ja und Amen Genossen am Montag hielten, kaum sonderlich wohl gefühlt haben. dem Zug den Weg zu sperren, und bekam nichts zu tun. der Regierung und des Herrenhauses rechnen zu können, wenn Die sozialdemokratische Fraktion hatte es sich zur Aufgabe gemacht, es ihm nicht gelingt, auch noch die Nationalliberalen als immer und immer wieder dieser Partei ihre heuchlerische Maste

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dieser wahlrechtsfeindlichen Auffassung an. Genosse Ströbel geißelte in scharfen Worten den niederträchtigen Verrat, den das 3entrum auch bei dieser Gelegenheit wieder an den Arbeitern

berübt.

Die Polizei hatte natürlich die üblichen Vorkehrungen wieder getroffen. Kurz vor dem Bismarckdenkmal, das jetzt Tag und