Nr. 66.
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Vorwärts
Berliner Volksblatt.
27. Jahrg.
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Telegramm- Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin"
Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Lehrerliberalismus
und Sozialdemokratie.
Sonnabend, den 19. März 1910.
in den Augen irgend eines bornierten pommerschen Junkers, sondern auch nach der Meinung eines echten Liberalen".
und die
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Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Die Kranzspenden.
Ms kaum der Tag graute, wurden die ersten Kränze niederWie aber ist dieses Verhalten des bremischen Liberalismus und gelegt. Arbeiter waren es, die schon in den frühesten Morgenseiner Lehrer zu erklären? Aus denselben Eigenschaften, die dem stunden prächtige Kränze brachten, mit Inschriften auf den roten Liberalismus feit seinem Bestehen zum Verhängnis geworden sind, Schleifen, die das Gelöbnis fundgaben, im Geiste der Achtundvier wie der Verfasser des Artikels in der„ Pädagogischen siger weiter zu kämpfen. Die Worte:" Freiheit, Wahrheit und Ges Beitung" schreibt seinen Rüdgang verschuldet haben: Der rechtigkeit" tehrten immer wieder, jedoch meist gepaart mit der realMangel an Konsequenz, die Politik der Halb- politischen Forderung des allgemeinen, gleichen Wahlrechts. Es braust ein Ruf durchs Land einher: beiten." Wir wollen feine Senechtschaft mehr! Frisch treibt und grünt der Freiheit Saat, Der Deutschen Volk steht auf zur Tat. Es flattert hoch das Kampfpanier: Das freie Wahlrecht fordern wir!
In der Pädagogischen Zeitung", dem Hauptorgan des Deutfchen Lehrervereins, veröffentlicht ein Berliner Lehrer einen Artikel über Liberalismus und Volksbildung. Wenn man von einigen törichten Nun, die Sozialdemokratie und mit ihr die sozialdemokratischen Bemerkungen über die Sozialdemokratie abfieht, die nur beweisen, Lehrer Bremens treiben keine Politik der Inkonsequenz und der daß dem Manne das Verständnis für diese politische Bewegung voll- Halbheiten, und darum werden sie ihren Weg weiter gehen, allen ständig abgeht, enthält der Artikel eine zutreffende Kritik der libe- Brutalitäten liberaler Schulbehörden und aller servilen Feigheit ralen Unterlassungssünden auf dem Gebiete der Schule und der liberaler Lehrer zum Trozz! Bolksbildung. Er weist nach, wie der Liberalismus von seinem ehemaligen scheinbaren Eifer für die Weiterbildung allmählich herabgesunken und im Sumpfe der Gleichgültigkeit und der versteckten Feindschaft gegen Lehrer und Schule angelangt ist. Und wie langsam hat sich das Volksschulwesen auch in den Städten ent- Nach einer regenschweren Nacht war ein sonniger, wenn wickelt, die vom Liberalismus beherrscht werden!" Man folle auch falter Morgen heraufgezogen, froh begrüßt von Tausen" Kommunalliberalismus" aber nicht vom reden und durch den, die aus allen Stadtgegenden nach dem Friedrichshain dies Wort„ dem Liberalismus die Verantwortung abnehmen für das strömten. um, wie alljährlich an diesem Tage, die gefallenen Tun von Männern, die er in seinen Reihen, oft in führender Freiheitskämpfer des Revolutionsmärzen zu ehren. Bald nach Stellung, duldet". Und so kommt der Verfasser zu dem für die Sonnenaufgang belebte sich schon die Umgebung des Viele Besucher der Schulpolitik des Liberalismus geradezu vernichtenden Schluß:„ Wenn Friedhofs.
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auch
Wahlrechts- März.
So die Arbeiter einer Möbelfabrik, und der Kranz aus einer Hutfabrit trägt diesen Vers:
Das freie Wahlrecht zu erringen, Fortan jetzt unsere Losung sei! Es mög' in alle Hütten dringen: Nieder mit Junker und Klerisei! Brecht das Despotenjoch entzwei.
Es ist charakteristisch, daß diesmal bei der stillen Totenfeier im Friedrichshain die große Gegenwartsforderung des preußischen Boltes immer wieder in Versen wie in Prosaworten hervortritt. Das geschieht ja offenbar auch mit vollem Recht, denn die Arbeiter Das geschieht ja offenbar auch mit vollem Recht, denn die Arbeiter und ehrlichen Freiheitskämpfer, die dort der Rasen deckt, würden ja, Märzgräber famen wenn sie heute lebten, auch dieser Forderung wieder ihre ganze man heute das Verhältnis zwischen Liberalismus und Lehrerschaft vor dem Beginn ihres Arbeitstages in den Fabriken Kraft widmen. borurteilslos betrachtet, so muß man bald zu der Ueberzeugung und Werkstätten; aber feiner tam früh genug, um nicht In großer Zahl, und offenbar weit zahlreicher als im vorigen tommen, daß der Liberalismus uns und unser schon die fürsorgliche Polizei auf dem Posten zu finden. Jahre, fielen die Inschriften der Polizeizensur zum Opfer, Ringen und Rämpfen nicht mehr versteht." Glänzend brachen sich die Sonnenstrahlen in Massen wurden abgeschnitten oder abgerissen, meist ganz, manchmal auch Auch die Ursache dieser Volksschul- und Volksbildungs- von Schuhmannsuniformen. In starken Aufgeboten war die nur zum Teil. So ließ der Polizeizensor die Worte feindseligkeit des Liberalismus erkennt der Verfasser, er sieht sie Polizei erschienen, um den stillen Friedhof zu umlagern und Ihr seid den Tyrannen entronnen ganz treffend in der Furcht des Liberalismus vor der preußische Zensur an den Widmungen der Kranzspenden zu durchgehen, während der folgende Vers: erwachenden deutschen Arbeiterschaft." Und auch über üben. Man kann sich in Berlin kaum noch eine Märzfeier Ihr habt Eure Freiheit mit dem Tode gewonnen die Wirkung ist er sich nicht im Unflaren:„ man kann aber auch ganz ohne die Polizei vorstellen; sie gibt der Feier gerade ein abgeriffen wurde und in die Tasche des Polizeibeamten wanderte. deutlich beobachten, daß in demselben Maße wie der Liberalismus charakteristisches Gepräge, allerdings nicht zum Vorteil der Vielleicht hat sich der Zensor gedacht, daß die Märzgefallenen alle zurückweicht, die Sozialdemokratie seine alten Forderungen aufnimmt, hohen Obrigkeit. Zahlreiche Polizeioffiziere waren da, in der Hölle sitzen und so das Gegenteil aller Freiheit erreicht zu den ihrigen macht und für sie eintritt." radfahrende Beamte standen bereit, und man haben. Den organisierten Arbeitern der Goldackerschen Großbäderei harrte der Dinge, die da kommen sollten. Der Lands berger Plak zeigte bald ein recht belebtes Bild, je mehr wurde folgender Bers abgeschnitten: der Mittag näherrückte. Viele Gruppen von Männern und Aber um so wertvoller ist der Artikel zur Beleuchtung eines Frauen zogen heran, nach dem Friedhof zu, und immer mehr jüngsten aufsehenerregenden Zeitereignisses, das die Lehrerschaft und belebten sich die umliegenden Straßen mit Massen von Leuten, die Arbeiter in gleichem Maße angeht: wir meinen das un- die nach dem Friedrichshain pilgerten. Viele kleine Züge sah erhörte Vorgehen. der liberalen bremischen man, an deren Spize mehrere Männer oder Frauen prächtige Schulbehörde und der liberalen bremischen Lehrerschaft gegen Blumenstücke, meist große Stränze trugen, und ernst und gedie sozialdemokratischen Lehrer Bremens , die ein Telegramm an messen folgten die übrigen Teilnehmer des Zuges hinauf nach Bebel geschickt haben. Wenn die ehrlicheren Elemente der deutschen den Märzgräbern. Zeitweise folgte ein Zug dem andern. Lehrerschaft selbst anerkennen müssen, daß der Liberalismus in allen Da kamen Abordnungen aus unseren Parteitreisen, aus Fragen der Schulpolitik völlig versagt, daß er nicht einen Finger Fabriken, Werkstätten, von Gewerkschaften, von Vereinen und rührt zur Durchsetzung auch nur einer der alten Lehrerforderungen; Verbänden und Organisationen aller Art, soweit demokratische wenn sie ferner zugeben, daß die Sozialdemokratie diese alten Gesinnung darin vorherrschend ist. Dazwischen fuhren zahlForderungen zu den ihrigen macht und für sie eintritt", um wie- reiche Automobile und Droschken auf, alle mit Stränzen bebiel niederträchtiger stellt sich dann das heimtüdische Verhalten der laden. Und die Kränze erregten weithin Aufsehen durch das 500 bremischen Lehrer dar, die ihren sozialdemokratischen Kollegen in breite, seidenglänzende Rot der Bänder und Schleifen, Um wielviel mehr haben dann die mit den Rücken gefallen sind! goldenen Inschriften bedeckt
Der Artikel will den Liberalismus durch diese Betrachtungen zu einer frischeren Schulpolitik ermuntern, ein Beginnen, das bei der ganzen Struktur des Liberalismus erfolglos bleiben muß.
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anzuschließen, anzuschließen, bei der die Schulforderungen der meisten aber in ganz unauffälliger Weise.
waren.
Jetzt wollen wieder edle Lumpen
Des Voltes Kraft aufs neu' auspumpen; Durch Wahlunrecht und Steuern, Durch Säbelhieb und Bickelhauben Die winz'gen Rechte uns noch rauben. Drum Brüder auf zum Streite, Zum Kampf fürs Menschenrecht! Dann wird auch bald entstehen Ein freies Menschengeschlecht.
Auch berühmte Dichter hatten wieder einmal die Ehre, der Märzzenfur anheimzufallen. So fielen die beiden letzten Verse von Freiligraths Revolution":
In jedem Haupt, das trozzig denkt? das hoch und ungebeugt sich trägt?
Ist mein Asyl nicht jede Brust, die menschlich fühlt und menschlich schlägt?
Nicht jede Werkstatt, drin es pocht? Nicht jede Hütte, drin es ächzt?
Bin ich der Menschheit Ddem nicht, die rechtlos nach Befreiung ledigt?
Drum werd' ich sein, und wiederum voraus den Völkern werd' ich gehn!
Auf eurem Nacken, eurem Haupt, auf euren Kronen werd' ich stehn!
' s ist der Geschichte eh'rnes Muß! es ist kein Rühmen, ist tein Droh'n!
Der Tag wird heiß
wvie wehst du fühl-
o Weidenlaub von Babylon!
Desgleichen glaubte es die Polizei nicht dulden zu dürfen, daß
Der Dienst der Freiheit
ist ein schwerer Dienst,
Er trägt nicht Gold,
er bringt nicht Fürstengunst, Er bringt Verbannung.
Schmach und Tod, und doch ist dieser Dienst der höchste Dienst.
Die die deutschen Lehrer, insbesondere ihre führenden Elemente, die sozialdemokratischen Arbeiter und Arbeiterinnen waren natürheilige Pflicht, mit größtem Nachdrud gegen die brutale Handlungs- lich die übergroße Mehrzahl in der heranziehenden Maffe, weise des liberalen bremischen Senats, der mit echt laufmännischer aber auch die Demokraten und die Anarchisten machten sich Gebärde die Lehrermaßregelungen gleich en gros betreibt, Protest bemerkbar, die letzteren besonders durch das tiefe Schwarz der zu erheben und damit zugleich für die gemaßregelten Kollegen ein- Bänder und Schleifen ihrer durch die Straßen gezutreten! tragenen Kränze. Die Demokratische Vereinigung war in sechs Der Artikelschreiber meint zwar, auch heute ist der größte Teil Stutschen vertreten, die mit 33 Kränzen geschmückt durch der Volksschullehrer noch liberal".. Aber zunächst muß er zur Glaub- die Stadt gefahren waren auch durch die Straße Unter haftmachung dieser Behauptung schon einen besonderen" echten" den Linden und um 11 Uhr am Friedhof anlangten. Liberalismus fonstruieren, der mit dem Parteiliberalismus nicht Einzelne Abordnungen kamen demonstrativ im sauberen übereinstimme. Die bremischen Lehrer haben sich aber das Recht Arbeitsanzuge, wie z. B. acht Arbeiter der Zentralmarkthalle, die Arbeiter der königl. Gewehrfabrik den Märzgefallenen die Verse genommen, auch auf solchen undefinierbaren" echten" Liberalismus und brachten den Toten die Blumenspenden dar. Andere widmeten: resolut zu verzichten und sich statt deffen der einzigen erschienen feierlich im schwarzen Rock und im Zylinderhut, die Partei Lehrerschaft und eines einstigen befferen Liberalismus noch energische Zu Zeiten herrschte ein feierlicher Ernst in der Menge Vertretung finden, der Sozialdemokratie. Und das soll den Lehrern und durchgängig eine Ruhe, die imponierend wirkte und auch verwehrt sein? Haben sie nicht zunächst das Recht jedes Staats- auf die Schußleute Eindruck zu machen schien, denn sie verbürgers in einem Staate, in dem die Glaubens- und Gewissens hielten sich meist zurückhaltend und begnügten sich damit, die freiheit zu den Verfassungsgrundsätzen gehört, und in dem es ein Massen außerhalb der festgebildeten Reihen, die Einlaß zum geheimes politisches Wahlrecht gibt, fich einer Partei an- Friedhof begehrten, in Bewegung zu erhalten. Wer der Aufzuschließen, deren Programm sie auf Grund ernsten Nachdenkens für forderung weiter zu gehen, nicht alsbald Folge Teiftete, mußte das einzig richtige halten? Und haben fie nicht als Lehrer fich freilich gefallen lassen, daß er in dem bekannten doppelt und dreifach das Recht, ja die Pflicht, die preußischen Unteroffizierstone angefahren wurde. bon der Eingangspforte des Friedhofes einzige Partei zu unterstügen, die ihre guten Reihe alten Schulforderungen zu den ihrigen macht nahe zur Landsberger Allee wurde immer wieder von neuen Besuchern ergänzt und hielt sich, trotzdem sie in langMan weigert uns das Recht, zu demonstrieren, Der Verfasser bleibt die Antwort auf diese Fragen schuldig. samer Bewegung blieb, ziemlich bis zum Schluß des FriedDoch die Jdeen- trotz des Verbots marschieren. - Aber die„ Pädagogische Zeitung" selbst gibt sie indirekt. Dasselbe hofes um 6 Uhr nachmittags. Dieser Weg alle NebenManche Kranzspenden hatten auf ihren Schleifen tundgegeben, Blatt, das stets in den Tönen höchster Empörung losdonnert, wenn wege zum Friedhofe waren durch Baumstüßen abgesperrt und daß sich das Volf im Kampfe um Recht und Freiheit weder durch einem Voltsschullehrer Unrecht oder Gewissenszwang von einem von der Polizei überwacht war mit 30 bis 40 Schuß den Polizeipräsidenten noh durch Bethmann Hollweg und feinen ostelbischen Junker oder von einem katholischen Pfaffen oder Bischof Leuten besetzt, um die Ordnung aufrecht zu erhalten, Anhang irre machen laffen. Hier und da ließ es der Zenfor durchgeschieht, dasselbe Blatt hat bisher noch kein noch so leises Wort der die niemand stören wollte. Zur Mittagszeit und in den gehen. Aber die Worte der Arbeiterschaft von Cubells MotorenKritik gegen das schamlose Vorgehen der liberalen bremischen Schul - späten Nachmittagsstunden, von 4 bis 6 Uhr, tamen Massen Gesellschaft: behörde gefunden! Und dasselbe Blatt, das über die als Regierungs- von Arbeitern herbei, die gern nach den geschmückten truppe in fonfervativem Fahrwasser segelnden Landlehrer Preußens Gräbern gelangen wollten, aber ruhig wieder umkehrten, nicht genug des Hohns und des follegialen Grolls ausschütten tann, als sie den großen Andrang gewahrten, und sie waren dasselbe Blatt billigt augenscheinlich das liebedienerische, unmänn- nicht ungehalten darüber, daß sie zurückſtehen mußten. Im mußten fallen. Merkwürdig ist, daß an einem anderen Kranze die liche und verräterische Verhalten der liberalen Mehrheit der bremischen Gegenteil sahen sie die starke Beteiligung mit großer Be- mußten fallen. Merkwürdig ist, daß an einem anderen Kranze die Lehrerschaft gegenüber ihren in der Oppofition befindlichen Kollegen! friedigung.
und für fie eintritt"?
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Die
bis
Billigt augenscheinlich die intolerante, brutale Maßregelungswut Die Polizei hielt den Landsberger Plah und den Friedrichsdes bremischen Senats! Geht es doch gegen sozialdemokratische hain noch bis zum späten Abend besetzt. Lehrer! Und find doch Sozialdemokraten minderen Rechts, nicht nur
Vom Personal der Firma UIIstein u. Co.( Berliner Morgenpost ") spendeten fast alle Abteilungen Kränze zu Ehren der verstorbenen Freiheitstämpfer. Nachstehend geben wir eine Inschrift wieder, welche der Schere nicht zum Opfer fiel: Ihr forderdet der Freiheit eine Gaffe, Ihr färbtet rot mit Eurem Blut die Stadt, Der Enkel hat ein Recht wohl auf die Straße. Auf der sein Ahne sich verblutet hat.
Was Jagow und Konsorten sagen, Das soll uns wenig scheeren. Wir werden im Kampfe um's gleiche Recht Selbst bis auf's Blut uns wehren
Widmungsworte:
Die Mitarbeiter des Landtages der Königl. Hofbuchdruckerei W. Greve abgeschnitten wurden und nicht der Vers. Es handelt sich um eine Buchdruckerei, wo die Landtagsverhandlungen gedruckt werden.