Nr. 101.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Sonntag, den 1. Mai 1910.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Die Träger der Kultur!
Ein konfervativer Schriftsteller wandte sich dieser Tage der Zeit teilnehmen können, daß es mit ehrfurchtsvollem Unkultur und damit der wirtschaftlichen wie politischen lebhaft gegen die Forderung besonders profithungriger Respekt die höhere Bildung und die verfeinerten Lebens- Snechtschaft geschmiedet bleibe! Kapitalistenkreise, die Zahl der Festtage noch mehr zu be- formen der Besitzenden und Gebildeten anzustaunen vermag. Das Proletariat ist freilich nicht gewillt, sich den zwar schränken. Der Protestantismus , meinte er, habe dem Volke Diejenigen, deren Reformideen sich am fechsten vorwagen: nicht gottgewollten, aber von der Klasse der Priviligierten fchon genug der Feiertage geraubt. Die Arbeit und das träumen etwa noch von einem seßhaft gemachten Proletariat! beschlossenen ehernen Geseßen der Volksunterdrückung und Schaffen gesellschaftlicher Werte habe gewiß ihr Gutes, aber in winzigen Arbeiterhäuschen und winzigen Gärtchen soll ein Voltsausbeutung für alle Ewigkeit zu unterwerfen. Es ist sie dürfe nicht das ganze menschliche Leben in einen ewig friedsam- genügsames Geschlecht von Arbeitern angesiedelt vielmehr fest entschlossen, die Stetten der politischen und grauen Werkeltag verwandeln, in dem für bunte Lebenslust werden, das sich willig dem patriarchalischen Regiment ökonomischen Bevormundung zu sprengen und sich seine Kulturund Festtagsfreude tein Raum mehr bleibe. Das Ver- unterwirft, das die herrschende Klasse über sie führt. und Menschenrechte mit starker Faust zu erobern! Von diesem nünftigste, was die Sozialdemokratie geschaffen, sei der 1. Mai. So fühlen sich selbst die philanthropisch Angehauchten Kampfe wird es sich weder durch die jesuitischen DemagogenSchade nur, daß ihm ein politisches Gepräge aufgedrückt unter den ärgsten Reaktionären, wie etwa jener von uns fünfte der Geschorenen, noch durch liberale Redefloskeln, noch worden sei. erwähnte konservative Schriftsteller, als Freunde" des gar durch den frechen Truz der geborenen oder lebenslängDer konservative Verfasser urteilte, wie er es verstand. gemeinen Mannes", des Proletariers. Sie wollen ihm lichen Gesetzgeber des Herrenhauses abschrecken lassen! Besäße er eine tiefere soziale Einsicht, so würde er das auch hie und da etwas Daseinsfreude vergönnen, sie sehen Millionen von Proletariern haben erkannt, daß die erste Große, Anfeuernde, Erweckende der Maifeier gerade in ihrem es sogar nicht ungern, wenn er einmal in kurzem Festes- Vorbedingung für die Erringung höherer Bürger- und politischen, sozialistischen Charakter erblickt haben. Denn was taumel die Lastende Bürde des ewiggleichen, sonnenarmen Menschenrechte die Eroberung des gleichen Wahl. wäre der 1. Mai ohne die Beseelung des sozialistischen Ge- Werkeltages bergißt, um sich dann zufrieden wieder unter rechts für Preußen ist. Denn wie wäre irgend ein danfens? Ein Feiertag wie jeder andere, ein großes Bolts- das kapitalistische Joch zu beugen. Ja sie gehen in ihrer wirklicher sozialer und politischer Fortschritt im Deutschen fest bestenfalls, eine vereinzelte Dase in der öden Wüste Arbeiterfreundlichkeit wohl gar so weit, sich selbst einmal Reiche möglich, wenn der ausschlaggebende Bundesstaat proletarischen Daseins. Auch solche Voltsfeste haben ihr Er- unter den Volkstrubel zu mischen, um zu zeigen, daß sie wirk Preußen nichts ist als ein Werkzeug geradezu vorsintflutlicher freuliches und und Erhebendes. Nüchterne Pedanten und lich nicht zu vornehm sind, sich einmal unter gewöhnlichen Granden, der Herzöge, Grafen und Junker, die durch das zimperliche Moraliſten mögen sich vom bunten Trubel solch Sterblichen wie unter ihresgleichen zu bewegen. Sie genießen Herrenhaus die preußische Regierung kommandieren und die frohen Sichauslebens degoutiert abwenden; ein Gottfried Steller dabei mit ästhetischem Behagen das Volt: Der Schweißgeruch ganze preußische Politik beherrschen! fonnte sich an der überschäumenden Lebensfreude fröhlich be- der Arbeit, der Odem gesunden animalischen Lebens wirkt auf Wie diese Herrenhausjunker über das Volk und die Volks. wegter Massen dichterisch berauschen und auch Goethe läßt sie, wie der Erdgeruch der Scholle auf blasierte Salon- rechte denken, davon haben ja die Verhandlungen der letzten seinen Faust inmitten heißen Festgetümmels ausrufen: hier menschen, Tage beredtes Zeugnis abgelegt. Wer sich nach den Reichsbin ich Mensch, hier darf ich's sein! Das Proletariat selbst freilich bedankt sich für solch tagsverhandlungen in dem holden Wahne wiegte, daß wir in Aber der 1. Mai ist mehr, unendlich mehr als solch ein philanthropisches und ästhetisches Interesse. Es will nicht Deutschland in verfassungsmäßigen Zuständen lebten, daß Volksfest. Er ist mehr als die Augenblicksbefreiung aus länger Ausbeutungsobjekt sein für eine Privilegiertenklasse, auch die erwählten Vertreter des Volkes etwas mitzusprechen dumpfer, schwerer Alltagsfron, er ist mehr als sorglos- auch kein künstlerisches Genußobjeft für die Nerven anregungs- hätten, dem ist durch die unerhörten Rundgebungen des freudige Hingabe an ein paar Stunden glücklicher Selbst- bedürftiger Aestheten! Es will sich sein Los selbst gestalten Uebermutes der souveränen„ Herren" gründlich der vergessenheit, er ist das von dionysischem Schöpferdrang und nach freiem Ermessen, nach seinen ureigenen Stulturbedürfnissen! Star gestochen worden. Diese preußischen Granden proletarischem Kampfesmut geschwellte Bekenntnis zum Das Volk der Arbeit fordert gleiche Rechte, gleichen Anteil proflamierten ja nicht nur für Preußen die nienschheitbefreienden Evangelium des Sozialismus! an den Kulturerrungenschaften unserer Zeit. Es hat begriffen, Werewigung des nur durch das junterliche Das Proletariat, das Volk der Arbeit, die breite Maffe daß der Emporhebung des gesamten Boltes auf die höchste Dberregiment gemilderten Absolutismus der Nation fühlt sich zu gut zum bloßen Kulturdünger. Sie Stufe der Kultur teine in Naturgefeßen, in unüberwind- der Krone, sondern sie schleuderten auch ungeniert die fühlt sich zu gut, um den herrschenden Klassen als Aus- lichen wirtschaftlichen Schwierigkeiten bestehende Hemmnisse heftigsten Drohungen gegen das Reichstagsbeutungsobjekt zu dienen. Sie mag nicht länger nur den im Wege stehen, sondern einzig das Klasseninteresse, der wahlrecht!
granitnen Sockel abgeben, auf dem sich in leuchtender Bronze Klassenegoismus, die Herrsch- und Bevormundungssucht Das Herrenhaus hat das über alle Maßen elende und das Standbild des modernen Kulturmenschen abhebt, des der besigenden privilegierten Klassen! Immer mehr volksfeindliche Wahlgesetz des schwarz- blauen Blocks noch Typs der oberen paar mal Hunderttausend. Die schwarze, wird das Dichterwort zur Wahrheit, daß es auf Erden nicht derart verschlechtert, daß jetzt selbst die Zentrumspresse das wimmelnde Masse der Proletarier drängt sich empor nach Luft nur Brot genug gibt, sondern auch genug Schönheit und Produkt der herrenhäuslerischen Volksverhöhnung für schlechthin und Licht, nach geadeltem Lebensgenuß und Schönheitsfreude, Luft für alle Menschenkinder! Die einzige Vorausfegung un annehmbar" erklärt. Ob deshalb freilich das Zentrum nach einem Menschendasein, wie es dem Zeitalter der Bändi für die Schaffung menschenwürdiger, glücklicher Zustände für feft bleiben wird, steht noch sehr dahin. Bis zur er gung der Naturkräfte durch den Menschengeist, wie es dem alle ist eine vernünftige Organisation der Arbeit, ist die Ver- neuten Abstimmung des Herrenhauses sind noch drei Wochen Stande seiner Technik und Wissenschaft, wie es moderner Welt wertung der vorhandenen physischen und geistigen Arbeits- Beit, und das ist übergenug für den Kuhhandel. Aber selbst wenn und Lebensauffassung entspricht. traft, die Nutzbarmachung der eisernen Arbeitssflaven für die das Zentrum nunmehr das Wahlgesetz ablehnen würde und Es ist plumpe, demagogische Verleumdung, wenn man im Gesamtheit des Voltes! Die Besigenden und Bevorrechteten wenn auch die Nationalliberalen nicht in die Bresche zu Sozialdemokraten einen Menschen tonterfeit, der sich unter leugnen das freilich! Aber sie sind keine objektiven Beurteiler. springen bereit wären, so bliebe nach wie vor die preußische feinen politischen Gegnern, unter Junkern, Kapitalisten und Sie fühlen sich bei dem jezigen Zustand der Dinge ja wohl, Wahlrechtsfrage die wichtigste und aktuellste Frage im deren Organen, den offiziellen Gelehrten, Geistlichen, Beamten, sie empfinden kein Bedürfnis nach einer Umwälzung der ganzen Reiche!
nur unmögliche Zerrbilder der Brutalität und sozialen Vor- fozialen, nach einer Umgestaltung unserer Produktionsverhält- Im preußischen Wahlrechtskampf verkörpert sich zurzeit eingenommenheit vorstelle. Die Sozialdemokratie weiß sehr nisse! Das Proletariat aber, das erkannt hat, daß die Ver- am ernstesten und intensivsten der Klassenkampf des preußischen, wohl zu unterscheiden zwischen den kapitalistischen Institutionen je wigung des Rapitalismus auch die Ver- ja des deutschen Proletariates! Er ist der Gradmesser der und den persönlichen Trägern dieser wirtschaftlichen und polt- e wigung des proletarischen Glends und der politischen Erkenntnis und der Kampfesenergie der klassentischen Mächte. Der Sozialdemokrat weiß, daß er, so un- ich machvollen Unkultur bedeutet, ist entschlossen, bewußten Arbeiterschaft! erbittlich und unversöhnlich er auch die ihm feindlichen, seinen alle Zattraft an die Verwirklichung der Die Mächte des modernen Klassenkampfes stehen sich hier tulturellen Aufstieg ihm sperrenden ökonomischen und politischen sozialistischen Ideale zu sehen! Mächte des Kapitalismus zu befämpfen hat, darum noch in ihrer ausgeprägtesten Form gegenüber. Und seltsamer Widersinn unseres herrschenden Systems! Seite die preußischen Junker und Schlotbarone, im AbAuf der einen lange nicht jeden Junker, Kapitalisten, Universitätsprofessor, In demselben Augenblick, wo der preußische Kultusminister geordnetenhause gestützt durch die pfäffische Demagogengarde Geistlichen, Richter oder sonstigen Beamten als barbarischen einem sozialdemokratischen Abgeordneten Weltfremdheit und des Zentrums, im Herrenhause durch die erblich Belasteten Unmenschen, als bewußten Feind seiner Menschenrechte be- Utopismus vorwirft, weil er für das ganze Volt und die auf Lebenszeit Ernannten auf der anderen Seite trachten darf. Er weiß, daß es selbst unter seinen schärfsten Teilnahme an der geistigen Kultur verlangt, beschließt das das entrechtete Volt, die Masse der Wahlrechtsheloten und politischen Gegnern, den konservativen Agrariern, persönlich Herrenhaus die Einführung besonderer politischer Vorrechte ökonomisch Geknechteten! ehrenwerte und wohlmeinende Persönlichkeiten gibt, die das für die Kulturträger"! Der Klassenstaat Preußen
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Auf der einen Seite alles, was an Parasiten im
foziale Elend in ihrer Weise ja gern mildern möchten. schätzt die höhere Bildung so hoch, daß er ihren Trägern ein Volkskörper vorhanden ist: Herzöge, Fürsten und Grafen mit Freilich, und darauf kommt es an, in ihrer Weise! Sie höheres Bahlrecht einräumt; und zugleich erklärt es
und gleich ihnen alle Anständigen unter den Besitzenden durch den Mund eines Ministers für unmöglich, für utopistisch, quadratmeilengroßem Latifundienbesik, Krautjunker und und Privilegierten, möchten ja gern das Los des Prole- daß auch der großen Masse des Volkes diese höhere Stultur Aktienbesizer, Börseaner und Pfaffen Parasiten und tariates mildern, nur wollen sie darum von ihren zugänglich gemacht werden könne! Nach der Ansicht der Ne- darum Priviligierte; auf der anderen Seite alles, was ehreigenen sozialen und politischen Vorrechten nicht das gierenden in Preußen will es eben die" gottgewollte Drd- liche Arbeit leistet, zu den wahrhaften Stüßen des mindeste aufgeben! An der göttlichen Weltordnung" nung", daß die Masse der Nation in Unbildung, auf einer Staates und der Gesellschaft gehört und des Kapitalismus selbst wollen sie nichts geändert Stufe niederer Kultur gehalten wird, damit dann den höher rechtet ist!
darum ent
wissen, die" gottgewollten Abhängigkeiten" follen für Gebildeten ein größeres Bahlrecht eingeräumt werden kann! Der 1. Mai gehört dem Proletariat. Er ist nicht nur die Masse des Volkes bestehen bleiben! Das höchste Und diese Kulturträger", die sich ja nur kraft des das Fest, er ist die eerschau der Arbeit! Ant soziale deal, das selbst den radikalsten Reformern Besites höhere Bildung anzueignen vermochten, sorgen 1. Mai sammelt das Proletariat Kraft zu neuen Kämpfen! und Philanthropen der Bourgeoisie borschwebt, ist dann gemeinsam mit den Vertretern des Geldsacks dafür, daß Aus der Massenheerschau des 1. Mai wächst ihm die zuvereine verhältnismäßige Abschwächung des brutalen den Massen des arbeitenden Volkes auch für alle fünftigen sichtliche Kraft zu neuen Siegen! förperlichen und geistigen Elends, unter dem die große Beiten nach Möglichkeit eine höhere Bildung vorenthalten Die Reaktion verweigert der Arbeiterklasse ihre Bürger. Masse des Volkes heute seufzt. Das Proletariat soll sich wird, auf daß die Klassenherrschaft der Besißenden niemals rechte, fie schafft neue Privilegien für sogenannte„ Kultursatt essen dürfen, es soll auch insofern an der geistigen Kultur gefährdet und das frondende Volk stets in den Fesseln der träger".
Der einzige Kulturträger ist die Arbeit!
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Nieder mit jedem Klassenwahlrecht!
Vorwärts für die Rechte des Volkes!