Nr. 102.
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Vorwärts
Berliner Volksblatt.
27. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Dienstag, den 3. Mai 1910.
Wahlrechtsmai!
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Der 1. Mai hat nicht nur in Berlin , sondern in ganz| Minister des Innern hatte dabei seine Hand im| der sanften Berührung eines leichten Lufthauches. Der wärmende Deutschland einen glänzenden Verlauf genommen. Zahlreicher Spiele. Er, der berufen ist, über die korrekte Aus- Kuß der Sonne erweckte manche Knospe zu einem neuen Leben. denn je strömten die gewerkschaftlich organisierten Arbeiter zu führung des Gesetzes zu wachen, hat diesmal, offenbar dem Und die Ahnung eines neuen start zur Entfaltung drängenden den Vormittagsversammlungen, massenhafter denn je waren Drängen reaktionärer Streise nachgebend, die Anweisung Lebens auch in Staat und Gesellschaft bewegten die Brust derer, die Nachmittags- und Abendversammlungen besucht. Der zur gefezwidrigen Auslegung der Bestimmungen des Reichs- die hier Zeuge sein konnten, wie ein Teil des willenskräftigen vereinsgesetzes gegeben! Der an die Regierungspräsidenten Proletariats zusammenströmte, um sein" Ich will!" und Es 1. Mai hat in Deutschland als proletarische Demonstration so Preußens gerichtete und von diesen weitergegebene Erlaß des werde!" aller Welt fundautun. Saal und Garten der Brauerei feste Wurzeln geschlagen, daß er nicht mehr auszurotten ist! Ministers hatte folgenden Wortlaut: Friedrichshain drüben am Rande des schönen Parks hatten die Wenn die bürgerliche Presse meint, die Maifeier habe Der Minister des Innern. Berliner diesmal nur deshalb so großen Zulauf gehabt, weil sie zur 11. c. 1115. Metallarbeiter Wahlrechtsdemonstration gestempelt worden sei, so vergessen die flugen Leutchen, daß der Charakter des 1. Mai ja keineswegs so starre Züge trägt, wie sie sich in Verkennung der sozialistischen Arbeiterbewegung und der Taktik der Arbeiterklasse einbilden. Der 1. Mai ist geschaffen worden als Demonstration für den Achtstundentag und die Völkerverbrüderung. Der 1. Mai sollte eine internationale Kundgebung der Kultur- und Friedensbestrebungen der Arbeiterklasse sein. Wie aber die Kultur selbst unendliche Verästelungen besigt, so saugt auch das Streben des Proletariats, die Welt der Kultur auch für sich zu erobern, aus tausend Wurzeln seine Nahrung.
Bei der diesjährigen Maifeier wird die Sozialdemokratie vermutlich in erhöhtem Maße Versammlungen unter freiem Himmel und Umzügen auf öffentlichen Straßen zu veranstalten suchen. Diesen Veranstaltungen gegenüber, welche den gleichen demonstrativen Charakter haben wie die aus Anlaß der Wahlgefeßvorlage in letzterer Zeit hervorgetretenen fozialdemofratischen Straßenkundgebungen, werden die Grundfäße zur Anwendung zu bringen sein, welche für Veranstaltungen der letzten Art gelten. Indem ich auf die entsprechenden Anweisungen Bezug nehme, fasse ich dieselben wie folgt zusammen.
1. Betreffs der Versammlungen unter freiem Himmel haben die Polizeibehörden nach Lage der örtlichen und zeitlichen Verhältnisse selbständig darüber zu beschließen, ob die durch§ 7 des Reichsvereinsgesetzes vorgeschriebene polizeiliche Genehmigung zu erteilen oder zu bersagen ist.
ausersehen zur Demonstration gegen wirtschaftliche Gebundenheit und politische Entrechtung. Schon frühzeitig sah man einzelne und kleine Gruppen sich dem Ziele nähern. Von irgendwoher verfündet laut eine Uhr, daß es eine halbe Stunde vor Zwölf ist, der für die Versammlung festgesezten Zeit. Gleich danach verändert sich das Bild wie auf einen Zauberschlag. Es sind die Massen angelangt, die sich branchenweis in vielen, zum Teil recht ferngelegenen Rokalen zusammengefunden hatten. Sie kommen in der Ruhe und Ordnung, die sie eine praktische Straßenstrategie gelehrt hat und in der selbst der polizeilichste Polizeier teine Störung der öffentlichen Ordnung und Sicherheit erblicken fann. Da kommen die Klempner, die Schlosser, die Dreher, die Schmiede und wie sie alle sonst noch heißen. Die breite Allee längs der Friedenstraße kommt es herauf vom Landsberger Tor, eine unübersehbare schwarze Linie. Die halbe Seite der Promenade 2. Zu Aufzügen auf öffentlichen Straßen oder bleibt frei für den Verkehr", den in letzter Zeit so oft mißhandelten Plägen ist der Regel nach die Genehmigung zu Begriff. Und aus einer Seitenstraße quillt es hervor, und die bersagen. Abgesehen davon, daß Kundgebungen dieser Art Neue Königstraße ist schwarz von heranivallenden Demonstranten. die allgemeinen Verkehrsverhältnisse in empfindlicher Weise be- und auf der oberen Friedenstraße, da, wo von der einen Seite einflussen und besonders geeignet sind, auf weite Kreise die alten Bäume des Georgenfriedhofes herüberwinken, erstaunt der Bevölkerung beunruhigend und erregend ob sobiel Leben, regen sich die Froner der Metallindustrie aus zu wirken, erscheint ihnen gegenüber nach den bisherigen dem Norden und Nordwesten, den Sitzen der Riefenbetriebe, die tatsächlichen Ergebnissen die Annahme gerechtfertigt, daß das dort ganze Straßengevierte einnehmen. Nichts natürlicher, als un botmäßige Verhalten und das aufreizende daß hier das Hauptheer heranrüdt. Auf dem Straßendamm neben Auftreten der Teilnehmer die öffentliche den Gleifen der Straßenbahn, denn das Trottoir ist stellenweis Sicherheit im Sinne des§ 7 des Reichsvereins- nicht breit. Der Plaß am Königstor liegt in einer Senkung des gefeßes gefährden.
Kommen Umzüge trop bersagter Genehmigung zustande, so haben die Polizeibehörden nach bestem Ermessen die Maßnahmen zu bestimmen, mit denen die Aufzüge verhindert, und wenn dies undurchführbar ist, auf bestimmte Straßen abgelenkt oder beschränkt werden sollen.
Euere Hochwohlgeboren( Durchlaucht, Hochgeboren) tvollen die nachgeordneten Behörden hiernach gefälligft mit Anweisung versehen. gez. v. Moltke,
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etwas hügeligen Terrains. So hat man auf erhöhter Stelle ant Sain einen Ueberblid. Außerordentlich stark ist der Eindruck, den das Herankommen der endlosen Reihen macht. Manchmal eine kleine Unterbrechung. Dann wieder neue Scharen: Alle biegen ein in die Straße Am Friedrichshain ", wo das Ziel winkt.
Zur Verwirklichung einer energischen Sozialreform, deren vornehmste Forderung wiederum in einer Verkürzung der Arbeitszeit, der Einführung des Achtstundentages für alle Berufe, in dem Schutz der Frauen und dem Verbot der Kinderarbeit besteht, gehört unzweifelhaft auch die politische Freiheit, das politische Selbstbestimmungsrecht. Die Klassenkampfanschauung des Proletariats lehrt ja, daß die Arbeiterklasse sich nur aus eigener Kraft aus den Fesseln des Kapitalismus zu befreien vermag. Nur dadurch, daß die Arbeiterklasse wie auf wirtschaftlichem so auch auf politischem Gebiete die Macht erringt, vermag sie ihre jozialpolitischen Ideale zu verwirklichen. So liegt die Erringung des gleichen Wahlrechts in Preußen durchaus im Ziele des Maigedankens! Und es versteht sich ganz von selbst und fügt sich ganz ungezwungen im Laufe der Zeiten und der wechselnden sozialen und politischen Kämpfe, daß jede Maifeier ihr besonderes Gepräge erhält. Die eine Maifeier steht im Zeichen einer Wahl. Zur Zeit einer Der große Saal ist schnell gefüllt und im Nu überflutet die Masse den weiten Garten, von wo man in den Bark hinüberblicken anderen Maifeier beherrschen gewaltige wirtschaftliche Kämpfe tann und zu dem zwei breite Freitreppen emporführen. Langsam alle Gemüter. Und wieder bei einer anderen Maifeier ist es nur geht es hinauf. Die Masse bewahrt ihr Ruhe und Würde. das Ringen des Volkes nach politischer Gleichberechtigung, ist Es bedarf gar nicht der vielen Schuhleute und Polizeioffiziere, es der preußische Wahlrechtstampf, der den Volkszorn aufdie mit einem Male zur Stelle sind, herbeigeeilt aus ihrem nahen schäumen und die Massen bei der Maidemonstration das Der§ 7 des Reichsvereinsgesetzes bestimmt bekanntlich, Ronzentrationslager". In richtiger Würdigung der Situation beglühende Gelöbnis ablegen läßt, nicht zu ruhen und zu daß bei Versammlungen unter freiem Himmel und Aufzügen schränkt sich auch die Polizei darauf, den nicht versiegenden raften, bis auch die Entrechtung von dem arbeitenden Volte die polizeiliche Erlaubnis nur dann verweigert werden Menschenstrom bis zum Königstor hinab in Abständen von viel genommen, bis das niederträchtige Dreiklassenwahlsystem darf, wenn tatsächlich eine Gefahr für die leicht zehn Schritt zu flantieren und den Damm für den Wagen. zertrümmert und das freie und gleiche Wahlrecht auch für den öffentliche Sicherheit zu erwarten ist. Gerade und Straßenbahnverkehr freizuhalten. Und das geht fast stumm Proletarier erkämpft ist! der preußische Minister des Innern mußte nach den letzten vonstatten, fast ohne jedes Wort. Endlich scheint der Ansturm Wer deshalb altkluge Betrachtungen darüber anstellt, daß Erlebnissen in Treptow und anderen Städten felfenfest davon vorüber. Es scheint aber nur so. Immer wieder kommen die Sozialdemokratie eigentlich wieder einmal ihr Schweine- überzeugt sein, daß eine Gefahr aus dem fernen Moabit und aus dem nicht minder eine Gefahr für die öffentliche Gruppen borlag. Da баз zudem Ober- entfernten Südosten und Süden gleichsam als Nachzügler heran. glück bewiesen hat, und daß die Reaktion selbst Schuld daran verwaltungsgericht unlängst entschieden hat, daß ein 3 ist kein Plas mehr im Riesengarten, wohin Cohen, der trägt, daß die Maifeier zu neuem Leben erwacht, mit neuem Verbot von Versammlungen unter freiem Himmel so- Leiter der Berliner Metallarbeiter, laut Vereinsgeseh, Paragraph Inhalt erfüllt worden sei, der vergißt nur das eine, daß auch wohl als auch von Umzügen, die im§ 7 als etwas soundso, die Versammlung verlegt" hat. Tausende müssen umdieser Widerstand der Reaktion gegen die Forderungen des durchaus Gleichwertiges betrachtet werden, niemals tehren. Und wieder Tausende. Sie fluten zurück, wohl an 10 000; Voltes etwas ebenso Natürliches und Unausbleibliches ist nach einer schablonenhaften Anweisung von andere kommen noch. So herrscht Leben auf der Straße, viel wie der Klassenkampf der Arbeiterschaft, thr Ringen nach Frei- oben erfolgen tönne, sondern stets nach gewissen Leben, als im Garten längst die Versammlung begonnen hat. heit und Gleichheit selbst. Der Aufstieg des Volkes zu Licht hafter Prüfung der örtlichen und zeitlichen Verhältund Freiheit vollzieht sich nun einmal durch den Klassen- nisse darüber entschieden werden müsse, setzt sich auch aus tampf. diesem Grunde der ministerielle Erlaß in schroffsten Gegensatz Noch nie hat e fitzende Klasse daran gedacht, frei- 3u dem offenkundigen Sinn des Reichsvereinsgefetes! Der Demonstration des 1. Mai selbst hat diese Schikane willig auf ihre Pdegien zu verzichten, gutwillig auf ja nichts anzuhaben vermocht; trotzdem aber hat die Arbeiter Drängen des Gegners abzudanken. So denkt auch die klasse ein unbedingtes Recht darauf, genau mit demselben Reaktion in Preußen nicht daran, ihre Vorrechte gutwillig zu Maße gemeffen zu werden, wie Angehörige der Bourgeoisie. opfern. Der Wahlrechtskampf ist die Folge der wirtschaft. Es wird denn auch dem Minister des Innern flar gemacht lichen Gegensätze, die der Kapitalismus nun einmal werden, daß seine Anweisung das ohnehin durch die schändbedingt, er muß darum ausgekämpft werden. Daß liche Wahlrechtsvorlage aufs schwerste verlette Rechtsempfinden aber die Arbeiterklasse entschlossen ist, diesen des Volkes nur noch mehr aufzupeitschen geeignet ist! Kampf in heller heller Begeisterung, mit zähestem Opfermut, unter Einsetzen des Letzten Atemzuges auch fünftig bis zum endlichen Siege durchzufechten, das hat gleich den letzten machtvollen Kundgebungen des preußischen Proletariats auch die prächtige Maifeierdemonstration nicht nur in Preußen, sondern in ganz Deutschland bewiesen!
Die Massendemonftration
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Im Garten
find sicher mehr als 20 000 Personen versammelt. Kopf an Stopf steht man bis in die äußersten Hallen. Die breite Treppe vor dem Saalbau und dessen erhköhter Vorplas verschwinden unter den auch hier dicht gedrängt stehenden Menschen. Und selbst auf dem großen Balton im ersten Stock und an den geöffneten Fenstern der Saalgalerie ist kein Bläßchen mehr frei. Das Wort nimmt Reichstagsabgeordneter Fri 8ubeil, nachdem die Maiengrüße eines Sängerchors verklungen sind. Er würdigt die Bedeutung des Tages in längerer Rede. Ihm folgt Cohen mit einer knappen, aber flammenden Ansprache. Dann ertönt wieder Gesang. Ein Wald von Händen starrt gegen den lichtblauen Simmel, als über die Resolution abgestimmt wird. Ein zehn. tausendfältiger Treueschwur! Dann brausen donnernde Hoch rufe auf das Recht, das erkämpft werden soll, durch die Luft, weithin bernehmbar auf der Straße und im Park, wo sie ein Echo auslösen. Wer jetzt im Hain steht und seinen Blick zurüdschweifen läßt, der wird wieder und wieder gepackt von der Wucht dieser Wahlrechts- Maidemonstration. In breiten Strömen ergießt sich über die beiden Treppen die Menge auf die Straße. Das geht so mehr als eine Viertelstunde lang, obwohl schon vorher Tausende und aber Taufende sich entfernt haben. Nach drei Seiten fließen die Menschenströme ab. Nach Nord und Süd die Straße und schräg durch den Hain gen Often. Ruhig geht man dann auss einander. Mit Trara und Bumbum fam gegen 42 Uhr die Jugenda Städten führte, nicht der zufällig gleichen Geistes- Herrlich lag am Vormittag der schon demonstrationsgewohnte wehr die Straße Am Friedrichshain " heraufgezogen. Gerade, verfassung der örtlichen Polzeibehörden zuzuschreiben Friedrichshain in seiner jungen Frühlingspracht im Maien- als die letzten Tausende der Maidemonstranten sich entfernten. war, sondern einer Anweisung von oben. Der sonnenschein. Blätter, Blüten und Knospen erzitterten unter Unsere Leute lächelten nur ob dieser Kriegsspieler. Die Vertreter
Die Vormittagsveranstaltungen der Gewerkschaften gingen in ihrem Charakter teilweise weit hinaus über den Rahmen gewöhnlicher Versammlungen und gestalteten sich durch die MassenhaftigDas Verbot der Maíumzüge. feit des Anmarsches zu Kundgebungen, deren Gewaltigkeit auch Wir haben bereits darauf hingewiesen, daß das Verbot den der Arbeiterbewegung Fernstehenden hinreißen mußte. Das der Maiumzüge, das ja sogar zum Widerruf der war namentlich der Fall bei den Versammlungen der MetallUmzugserlaubnis in einer Anzahl bon arbeiter und Holzarbeiter.