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Nr. 106.

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Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Eduard VII.

fo

Sonntag, den 8. Mai 1910.

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Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.

Aber das glänzende Bild, das die politische Situation Englands bei dem Scheiden Eduards VII. darbietet, läßt deutlich auch die Schattenseiten erkennen. Im Innern wachsen die sozialen Gegenfäße, die Arbeiter lösen sich aus der Ge­folgschaft der Bourgeoisie, der Klaffenkampf verschärft sich und die neue Arbeiterpartei erweist sich als Todfeindin der Politik, die die des toten Königs war.

Die Krankheit des Königs.

Schiedsrichter der Welt zu sein, so mußte diese Politik Partei, deren Reihen die zum Imperialismus bekehrten. jezt berlassen, Bündnisse und Ententen gesucht werden. Schichten verließen, mußte um fo mehr darauf be Wie in der Industrie, so hörte auch England in der Politik dacht sein, die Arbeiter an ihre Fahnen zu fesseln. London , 7. Mai. König Eduard VII . ist auf, mehr zu sein als Erster unter Gleichen. Daher ihre Reformpolitik, die aber den Widerstand Freitag nacht um 11 Uhr 45 Min. gestorben. tonservative Bartei Englands gestellt. Aber das handels- gewann neue Bedeutung als konservatives Bollwerk. Die­In den Dienst der imperialistischen Politik hatte sich die der Besitzenden Besitzenden wachrufen mußte. Das Oberhaus Der Tod Eduards VII. erfolgt in einem Augenblic, in politische Mittel, durch einen Reichszoll die neue Interessen- selbe konservative Strömung aber mußte auch dem König. dem das englische Königtum nach einer längeren Periode der gemeinschaft zwischen Mutterland und Kolonien zu begründen, tum zugute kommen. Die Wahlniederlage der liberalen Partei Einflußlosigkeit, der Beschränkung auf rein repräsentative mußte auf den Widerstand der starten freihändlerischen vollends ließ beide Parteien gleich start erscheinen, so daß Funktionen, wieder zu einer Stellung von politischer Be- Interessen der Exportindustrie, eines Teiles des fie sich gegenseitig das Gleichgewicht halten, eine politische deutung und Gewicht geworden ist. Kein Wunder, daß die Handelskapitals, der auf festes Einkommen gestellten Situation, die in die Hand des Königtums die Entscheidung meisten zu der einfachen Erklärung greifen, daß dieser Wandel, Mittelschichten und der Arbeitermassen stoßen. Diese legen fonnte. Denn formell entschied der Stönig über die der gerade in England, dieser Republik mit einem lebensläng vertrat die liberale Partei, die ebenso die aggressive Solonial Busammensetzung des Oberhauses und diese formelle Ent­lichen Präsidenten ant der Spitze, auffallend und übertriebene Rüstungspolitik ablehnte. Der Gegensatz scheidung wurde jetzt von größter materieller Bedeutung. ift, der überragenden Persönlichkeit des Herrschers zwischen der liberalen und konservativen Partei war aber zu- Das Königtum, das so lange nur die Firma war, unter der geschuldet sei. Das staatsmännische Geschick, der welt- nächst nur ein Gegensatz in der Handelspolitik. Im Ziel der die Führer der Parteien ihre Macht ausübten, war plötzlich Jm männische Taft des Königs habe die Erhöhung feiner Stellung auswärtigen Politit, der Sicherung des Reiches durch ein wieder zu einem politischen Faktor geworden. In diesenr bewirkt und den gewonnenen Einfluß zum Nutzen des großen System politischer Bündnisse und der Herstellung inniger Be- Augenblick ist Eduard VII. gestorben. Reiches flug zu verwerten verstanden. Und wie ein leiser ziehungen zu den Kolonien, waren beide Parteien oder Auf welcher Seite Eduards VII. Sympathien in diesem Unterton des Neides klingt es durch die Nachrufe der deutschen wenigstens die führenden, kapitalistisch und imperialistisch be- Kampfe gestanden hätten, unterliegt keinem Zweifel. Bresse vornehmlich, daß die Führung des eigenen Landes einflußten Schichten beider Parteien einig. Die auswärtige Eduard VII . war ein König der modernen Bourgeoisie und nicht in gleich flugen und leisen Händen gelegen, daß mancher Politik des konservativen Lord Lansdowne und die des liberalen ihrer Politik, des Imperialismus. Diese Politik vertritt Erfolg dem englischen König nur geglückt, weil er bloß Fehler Sir Edward Grey war in allem wesentlichen die gleiche. Das die konservative Partei rücksichtsloser und konsequenter als eines anderen auszunügen brauchte. mußte aber einem Herrscher, der sich in den Dienst dieser die liberale. Ihre Politik war die dieses Königs, der so Eduard VI. mag eine bedeutende Persönlichkeit gewesen Politit, die, von dem innerpolitischen Gegensatz unberührt, restlos ein König der Londoner City gewesen ist und deshalb sein und den Psychologen mag es loden, bei der Betrachtung ihren bestimmten, flar gerichteten Weg ging, die Möglichkeit freilich seinesgleichen ebenso überlegen war wie die Herren zu verweilen, wie eine allzu lange Wartezeit den politisch großen Einflusses geben. War er doch der Bleibende, während der City ihren ausländischen Kollegen. Interessierten und Begabten dazu führte, ein König im Reiche die Minister wechselten, und daher durch die Kontinuität seines der Mode zu werden, als Stern am Himmel der Lebewelt zu Amtes in der Lage, stetig und ununterbrochen den Gang der glänzen, bis dann dem Sechzigjährigen erst das Feld der Be- Ereignisse zu verfolgen. Schon die Natur der auswärtigen fätigung sich eröffnete, auf dem die lang zurückgehaltene Politik, die so oft eine Politit auf lange Sicht ist, bringt die Leidenschaft für politische Arbeit und Leistung nachzuholen Notwendigkeit einer größeren Beständigkeit ihrer obersten versuchte, was diesem Leben so lange versagt geblieben. Leitung mit sich und dies besonders in Zeiten, wo neue Pläne, Aber das Urteil über die Persönlichkeit eines Königs hat neue Unternehmungen zu verwirklichen sind. Selbst in der mit zu viel Unbekanntem zu rechnen, als daß es als gesichert französischen Republit mit ihren rasch wechselnden Ministerien In dem gewaltigen Weltreich aber, das über so viele gelten fönnte. Wenn es das Unglück der Könige sein soll, ist dem Minister des Aeußeren gewöhnlich und dies wieder ungezählte Millionen Unterworfener und Geknechteter er­daß sie die Wahrheit nicht hören wollen, so mögen diejenigen, insbesondere in der jüngsten Zeit- biel längere Lebensdauer richtet ist, herrscht dumpfes Grollen. Japans Sieg mag die alles geschichtliche Geschehen auf einzelne Persönlichkeiten gewährt. In England, wo das Zweiparteiensystem auch den Eduard VII , als großen Glücksfall empfunden haben. Und zurückführen zu können wähnen, es als Unglück beklagen, daß Wechsel der Minister des Auswärtigen mit sich bringt, gibt doch war er ein Sieg auch über den englischen Imperialismus. auch die Wahrheit über die Könige den Zeitgenossen ver- dies dem König Gelegenheit, seine dauernde Geschäfts- Asien ist erwacht, die Türkei und Perfien revolutioniert, in schwindet hinter der Künstlichen Mache, die das Bild der erfahrung geltend zu machen. Eduard VII. hat diese Indien und Aegypten läßt sich der Gedanke der Freiheit und Könige den Zwecken der Herrschaftsinstitution gemäß zu formen Gelegenheit flug benützt; er Tonnte es aber nur, Unabhängigkeit nicht mehr unterdrüden. Mag auch die weiß, in der Gegenwart, wo das Bürgertum so fönigsfromm weil die Gegensäge zwischen der liberalen und der Entwickelung für unsere Ungeduld noch allzu sehr zögern, sie geworden, mehr und leichter als jemals. Uns aber, die wir fonservativen Partei, die einst auch auf diesem Gebiet be- ist unaufhaltsam, und auch das größte Reich, das die Ge­bei der Betrachtung politisch wirkender Personen gewohnt standen hatten, völlig aufgehört hatten und die Richtung der schichte gesehen, das der Kapitalismus errichtet, ist nicht für find, nach den sozialen Zusammenhängen zu fragen, in denen auswärtigen Politik durch die weltpolitischen Verhältnisse die Ewigkeit gefchaffen. ihr wirken steht, nach den Motiven ihres Handelns und den objektiv gegeben war. Eduard VII . konnte gar nicht liberale Interessen, in deren Dienst sich ihr Wirken stellt, uns will es oder tonservative Politit treiben, was ihn sofort in Gegensatz scheinen, daß Eduard VII. nur in die Scheuer gebracht, was zur einen oder anderen Partei gebracht und deren Bestreben reif geworden war und nur die Gunst von Verhältnissen ge- geweckt hätte, das Königstum auf seine alten Grenzen zu Ueber den Verlauf der Krankheit und die letzten Lebensstunden nossen, die ohne ihn und sein Zutun geworden. Deshalb soll beschränken; es gab nur eine auswärtige Bolitit des Königs wird gemeldet, daß der König fich den ganzen Abend sein politisches Geschick nicht geleugnet, sondern nur sein des englischen Bürgertums, die von dem Wechsel der über in schlafartigem Zustande befand, nur zwischen 9 und 10 Uhr persönlicher Anteil auf das allein richtige Maß zurüdgeführt regierenden Parteien unberührt blieb. So fonnten trat ein leichtes Erwachen ein, darauf wurde der König bewußtlos. werden. Denn nicht leugnen will die Rolle der Persönlichkeit beide Eduard VII. gern und frei gewähren laffen Die Krankheit war eine asthmatische Herzaffektion. Die erste ärzt­die materialistische Geschichtsauffassung, sondern sie nur aus und die persönlichen Beziehungen des welt- und personen- liche Untersuchung ergab eine mögliche Komplitation in der Kehle. den sozialen Verhältnissen, aus den Klassenfämpfen der Zeit fundigen Herrschers, der mit fast allen Höfen verwandt, mit Man fürchtete, eine Operation sei notwendig. Doch Profeffor begreifen und sie so verstehen lernen und begrenzen. vielen Staatsmännern bekannt war, in den Dienst der Bündnis- Thomson, der als Spezialarzt für Halskrankheiten hinzugezogen Eduard Vil. tam im Frühjahr 1901 zur Regierung, und politit stellen. worden war, erklärte eine Operation für unnötig. Der König das Jahrzehnt, das seitdem verflossen, ist gerade für England Die auswärtige Politit Englands aber ist bestimmt durch hatte im Laufe des gestrigen Tages zweimal Ohnmachts. eine Zeit bedeutungsvollster Wandlung seiner inneren und das Streben nach Sicherung seines Stolonialreiches. Als anfälle. Es wurde festgestellt, daß der beständige Husten äußeren Politit. Der Gegensatz zwischen den beiden großen Eduard VII. zur Regierung fam, bald darauf der Burenkrieg und die Atembeschwerden die linke Herzkammer so angegriffen bürgerlichen Parteien Englands, der unter der Königin beendet, die Herrschaft Englands in Südafrika gesichtet war, hatten, daß diefe nicht mehr funttionierte. Auch Sauer­Vittoria allmählich sich zu verwischen schien, hatte neuen In- schten gerade die wichtigste Kolonie Indien durch das Vor- stoff schaffte feine Erleichterung. halt erhalten. Der Sieg des Schutzzollsystems auf dem Ron- bringen Rußlands in Zentralafien bedroht, während das ge- Während im Buckingham- Palast der Sterbende mit dem All­finent und den Vereinigten Staaten , insbesondere aber die räuschvolle Auftreten Deutschlands in Ostasien auch in dieser bezwinger Tod fämpfte, hatte sich vor dem Schloffe eine große fortwährende Erhöhung der Schutzollmauer seit dem Ablauf Macht eine fünftige Gefahr erblicken ließ. So mußte Eng- Menschenmenge angesammelt, die mit Spannung Nachrichten über der Caprivischen Handelsvertragsära erweckten in England eine land zum Bundesgenossen Japans werden, und Japans den Verlauf der Krankheit erwartete. Kurz nach 12 Uhr wurde der rasch wachsende Opposition gegen die eigene Freihandelspolitit. Steg befreite England von seinem gefährlichsten Rivalen, der, harrenden Menge Kunde von dem Ableben König Eduards gegeben. Hatte das Aufstreben Deutschlands und der Vereinigten durch die Revolution gelähmt, nach Vernichtung von Heer und Der Tod trat nach der offiziellen Meldung um 11 Uhr 45 Min. ein, Staaten das einstige tommerzielle und industrielle Weltmarkts- Flotte nur mehr als weltpolitische Schachfigur Englands im also nach Berliner 8eit fnapp nach 1 Uhr. monopol Englands längst gebrochen, so war jetzt auch die politischen Spiel zurückblieb. Von dieser Gefahr befreit, Sorge nicht mehr abzuweisen, daß die durch die Schutzzoll- tonnte England nunmehr mit überlegener Kraft der deutschen König Eduards Lebenslauf. politit geförderte Kartellierung und Truſtierung die englische Weltpolitit entgegentreten: die Eintreifungspolitik begann, König Eduard ist der älteste Sohn der Königin Viktoria und bes Industrie, der der Freihandel die neuen Drganisationsformen die durch die Fehler der deutschen auswärtigen Politit erleichtert, Bringgemahls Albert gewefen; es ist am 9. November 1841 im der Industrie erschwert, immer mehr vom Weltmartt ab- deren Gelingen aber in der politischen Konstellation Buckingham- Balaft geboren, in dem er jebt sein Leben beschlossen drängen werde. Je mehr sich aber der freie Markt für Eng - begründet war. Das Streben Deutschlands nach folonialer hat. Der Prinz erhielt eine sorgfältige Erziehung und studierte land verengte, desto wichtiger mußten ihm die Kolonien Expansion trieb die anderen Kolonialmächte auf Seite Eng- auf den Universitäten Edinburg , Orford und Cambridge . Am werden. Eine aktivere und aggressivere Kolonialpolitik begann, lands, Frankreich wurde sein Bundesgenosse, Rußland , macht- 10. März 1863 vermählte er sich mit der Prinzessin Alexandra von und zugleich erwuchs das Streben, die Kolonien mit dem Mutter- Ios, auf England in Bentralasien angewiesen, folgte. Dänemark , der Tochter des Königs Chriftian und der Schwefter, Lande zu einem Weltreich zu verbinden, das sich im wesent Spanten und Portugal sind handelspolitisch, finanziell der jeßigen Barin- Witwe. lichen selbst genügen tonnte, wo die Kolonien für die englische und militärisch böllig in englischer Abhängigkeit, Italien Der Che König Eduards waren fünf Kinder entsproffen, von Industrie das draußen verlorene Gebiet ersehen und ihr die ist durch den Gegensatz zu Desterreich, durch seine denen der älteste Sohn, der Herzog von Clarence, bereits vor nötigen Rohmaterialien zuführen sollten, während diese geographische Lage auf ein Freundschaftsverhältnis mit zwölf Jahren verstarb. Der nunmehrige König Georg ist also der englische Welt vor fremdem Mitbewerb durch einen Reichszoll Frankreich und England angewiesen, Deutschland ist beschränkt zweite Sohn König Guards . geschützt werden sollte. Und diese Politik erschien um so auf den Bund mit Desterreich es ist eine Situation, Den Thron bestieg König Eduard am 22. Januar 1901, tags bringender, als auch der deutsche Kapitalismus sich mit aller wie sie diplomatisch günstiger nicht gedacht werden darauf beschwor er die Verfassung des Reiches und verkündete, Macht auf die Weltpolitik geworfen, der Kampf um die tann. Herbeigeführt durch die Logik der Tatsachen, daß er, der bisher den Namen Albert Eduard getragen, als König Teilung der Welt begonnen, der Drang nach kolonialer erscheint sie allzuleicht als Wert der Staatsmänner, und der den Namen Eduard VII. führen werde. Ein Jahr später, int Expansion bei allen großen tapitalistischen Staaten sich ver- Schein wird um so leichter und bereitwilliger für Wirklichkeit Juni 1902, ertranfte der König plößlich schwer an einer Blind­stärkt hatte und im Zusammenhang damit das wichtigste genommen, wenn dieser Staatsmann ein König ist, der, was barmentzündung; er erholte sich dann aber fo rasch wieder, daß am Machtmittel der Weltpolitit, die Striegsflotte. Die Flotte ja nicht zu schwer, über dem Durchschnitt seiner Kollegen steht. 9. August desselben Jahres die feierliche Königsfrönung vor sich aber war einst das Monopol Englands gewesen wie Handel Aber nicht nur die Verhältnisse der auswärtigen Politit gehen konnte. In den letzten Jahren suchte der König regelmäßig und Industrie. Die Flotte der anderen Staaten empfand haben die Stellung des englischen Königs gehoben. Auch die im Frühjahr in Biarrik, im Sommer in Marienbad Erholung und das Infelreich als mittelbare Bedrohung. Hatte es früher innere Politit hat gerade in jüngster Zeit seinen Einfluß ge­im Bewußtsein seiner Stärke und im Gefühl seiner Sicherheit steigert. Das selbständige Auftreten der Arbeiterpartei, das größte Der Nachfolger. eine Politit der Unabhängigkeit, der glänzenden Isolierung" Ereignis dieses Dezenniums, hat das alte Wechselspiel der Der bisherige Prinz von Wales, auf den die Krone übergeht, getrieben, gewiß, in allen sein Geschid betreffenden Fragen der bürgerlichen Parteien von Grund aus geändert. Die liberale wurde am 8. Juni 1865 geboren und steht mithin im 45. Lebens

Kräftigung.