Nr. 228.
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Vorwärts
Berliner Volksblatt.
27. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Donnerstag, den 29. September 1910.
Wie lange noch?
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Ein beispiellofer Standal spielt sich seit mehreren Tagen das lediglich dem 3 ufaII, nicht aber der Einsicht der Polizeipräsident so viel Unbesonnenheiten Begehen, als ihnen in Moabit , einem Teil der Reichshauptstadt, ab. Seit Ende Polizeibehörde zu danken! Ist es doch bekannt genug gutdünkt: Der Sozialdemokratie werden auch durch die voriger Woche hat dort die Polizei den Kriegszustand erklärt. welch gefährliche Waffe die Browning- Pistole ist, deren Geschoß neuesten Polizeiattaden wieder Hunderttausende neuer AnDurch ihr triegerisches Auftreten hat sie nicht nur Neugierige, zwei bis drei hintereinanderstehende Personen zu durchschlagen hänger zugeführt werden! sondern auch jene standallüsternen Elemente nach Moabit vermag! Wenn aber behauptet wird, auch vom Publikum
Mag die Exekutive des Junkertums und des kapitagelockt, die dank unserer herrlichen kapitalistischen Kultur, sei, wie die Geschoßspuren in den Türfüllungen bewiesen, mit listischen Feudalismus sehen, wieweit sie mit ihrer Taktik des dant unseres Dirnen- und Zuhälterivesens, dank der Revolvern aus den Hausfluren heraus durch die Türen auf rücksichtslosen Draufgängertums kommt! Der Sozialdemoallbekannten Tatsache, daß unsere Strafanstalten nichts die Polizei geschossen worden, so ist die Behauptung von fratie schadet sie wahrhaftig nicht, denn die Angehörigen der sind als Hochschulen für die Verbrecher, in einer bornherein lächerlich! Denn die Brownings der sozialdemokratischen Partei haben mit den Krawallen" in Millionenstadt natürlich nicht fehlen. Und nun ent Polizei durchschlagen zwar glatt auch die stärkste Haustüre, Moabit nicht das geringste zu tun. Die Sozialdemokratie wickelte sich seit mehreren Tagen allabendlich, und zwar mit eine Revolverkugel jedoch wäre harmlos im Holz stecken ge- hat nicht einmal Ursache, an ihre Parteigenossen eine besongesteigerter Heftigkeit, folgendes Bild: Die Polizei marschiert blieben! dere Warnung zu richten, weil sie sicher ist, daß ihre Anhänger in stattlicher Zahl und in provozierender Haltung auf. Der Die polizeioffiziös bediente Presse erzählt auch, daß die sich selbst durch die stärksten polizeilichen Provokationen nicht " Janhagel", dieser Bodensatz unserer famosen tapitalistischen Polizei aus ihren Brownings ein förmliches Salvenfeuer gegen zu Unbesonnenheiten hinreißen lassen! Weder die gewerkKultur, Taugenichtse oder auch nur jugendliche Elemente, die Fenster einer Anzahl von Häusern gerichtet habe! Diese schaftliche noch die politische Organisation des klassenbewußten denen der Radau ebenso viel Spaß macht wie den Bonner ungeheuerliche Schießerei wird damit entschuldigt, Proletariats hat an den traurigen Vorkommnissen in Moabit Borussen oder der goldenen Jugend in der Neu- daß sich aus fast allen Fenstern ein Hagel von Steinen, Töpfen, irgendwelchen Anteil! jahrsnacht, hänseln die Polizei. Diese geht plötzlich zur furz von Wurfgeschossen aller Art auf die vordringenden Schutz- Wohl aber würden sich auch die Organisationen Attacke über und schlägt nun blindlings auf alles los, was leute ergossen habe. Danach müßte also der„ Janhagel" in den des klassenbewußten Proletariats nicht ihr vor den Säbel kommt! Die wirklichen Radaumacher, respektablen Vorderhäusern wohnen! Oder aber: die auch geweigert haben, andersofortigen Wiederjugendlich flinke Elemente, haben sich schleunigst aus dem nach Bourgeoisbegriffen hochanständigen" Bewohner dieser her stellung der Ruhe mitzuarbeiten- und Staube gemacht, und die Säbelhiebe, flache oder auch scharfe, Borderhäuſer müßten durch die Polizeiattaden mit ganz anderem Erfolg als die Polizei!, wenn sie von wie's gerade trifft, hageln nun auf friedliches Publikum her- berartig erbittert worden sein, daß sie aktiv in den den Behörden darum ersucht worden wären! Dazu fühlten nieder, das höchstens Neugierde, häufig aber auch Geschäfte, Kampf eingegriffen hätten! Da dieser Sampf aber die sich der Polizeiminister und der Berliner Polizeipräsident auf die Straße getrieben haben. Arbeiter, die ruhig von der geringfügigen Verlegungen der Polizeimannschaften beweisen natürlich zu erhaben. Vertraten sie doch noch den vormärzArbeit nach der Wohnung zurückkehren, werden blutrünstig ge- das zum guten Teile nur in der Phantasie polizeioffiziöser lichen Standpunkt, daß das Publikum nur der Majestät der schlagen, werden von den Pferdehufen der rücksichtslos Attacke Berichterstatter eriſtierte, muß das Beschießen einer Anzahl Polizei wegen da sei, nicht aber die Polizei des Publikums reitenden Schuhmannschaft niedergetreten und schwer verletzt! von Häusern durch die Polizei nur als eine Maßregel betrachtet wegen! Und nicht nur die Organisationen der Arbeiter. Und diese Angriffe erfolgten, bevor jemand die Aufforderung werden, die ebenso wie die Säbelattacken auf harmlose schaft, sondern auch die kommunalen Körperschaften zum Auseinandergehen vernommen, bevor die Menge sich zer- Straßenpassanten geeignet sind, statt Ruhe zu schaffen, die und die Presse würden in der Lage gewesen sein, die Ruhe streuen fonnte! Empörung der Bevölkerung ins Maßloße zu steigern! wiederherzustellen, wenn man nur vernünftigerweise ihren Beistand angerufen hätte!
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Kein Wunder, daß die Gärung unter den Massen um Herr v. Jagow und seine Hintermänner scheinen den sich greift. Ist das, fragt sich der einfache Mann, ein 8u- Kopf völlig verloren zu haben. Es war schon schlimm, Aber man wollte es mit dem Polizeisäbel, mit den stand der Rechtssicherheit, wenn die Polizei der daß sich das Ministerium des Innern durch die Order des Brownings schaffen! friedlichen Bevölkerung in der Reichshauptstadt einfach 3 echengewaltigen Stinnes veranlassen ließ, den Man wollte die Diktatur des Säbels und der BrowSchlachten liefern darf; wenn sie einhauen darf, ohne zu Kohlenfuhren der Firma Kupfer jenes auffällige und provo- nings proklamieren! Mit dem Erfolge, daß die breitesten fragen, wen sie trifft?! Hat die Polizei, fragt der Staats- zierende Schuhmannsaufgebot mitzugeben, das dann etliche Massen nun endgültig aufgeklärt sind über das Säbelregibürger, ein Recht, blindlings auf friedliche Staatsbürger drein- Streifbrecher ermutigte, auf das Publikum zu schießen, ment der preußischen Klassenherrschaft! zuhauen und zu schießen, weil sie von einzelnen Provokanten wodurch ja der erste Anlaß zu Menschenansammlungen Wie lange noch?! verhöhnt und belästigt worden ist? gegeben wurde. Daß die Berliner Polizei bei Streits Die nächste Reichstagswahl wird der blindlings ihrem Freilich, die polizeioffiziöse Presse und die ganze stets zugunsten des Unternehmertums Partei Verhängnis entgegentaumelnden Reaktion die Quittung bürgerliche Presse bis zur Iintsliberalen hat sich ergreift, ist ja bekannt, sozusagen gerichtsnotorisch; aber daß präsentieren! in. diesen Tagen zum Sprachrohr der Polizei hergegeben! sie den Konflikt bis zum Massaker gegen das Volk treibt, das hat sich ja um den Nachweis bemüht, daß die Polizei in Moabit gar nicht anders hätte handeln können. Sei sie doch nicht nur verhöhnt, sondern in der unanständigsten, frech sten Weise angegriffen worden. Habe doch der Janhagel so abscheuliche Erzesse verübt und so bodenlos frech gehaust, daß die Polizei zur Aufrechterhaltung der Sicherheit zu den schärfsten Mitteln habe greifen müssen.
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ist denn doch erstaunlich! Denn das rücksichtslose Dreinschlagen gegen ein zu neunundneunzig Hundertsteln gänzlich unbeteiligtes Straßenpublikum ist doch schließlich nichts anderes als ein Massaker!
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Die Polizei über die Schlacht in der Nacht zum Mittwoch.
Der sehr phantafievolle Polizeibericht läßt sich wie folgt aus:. Bis 7 Uhr abends war nichts vorgekommen. In der Annahme,
Mit der Berufung darauf, daß doch die Straße frei- daß die Zustände vom Montag, das heißt die Ueberhandnahme des 3 uhalten sei, sollte man just in Berlin nicht so ohne Janbagels sich wiederholen würden, waren für den gestrigen Abend weiteres zu kommen wagen, haben es doch viele tausende seitens des Schutzkommandos des Kupferschen Lagerplazes stärkere Wir bestreiten die Richtigkeit dieser Darstellung mit Berufstätiger jahraus jahrein jahrein erleben Abteilungen unter Führung von Offizieren in den Straßenteilen aller Entschiedenheit! Daß gröbliche Erzesse vorgekommen sind, müssen, daß ihnen bei Paraben und sonstigen stationiert worden und zwar: ist richtig; aber diese Erzesse sind nicht nur beispiellos byzantinischen Rundgebungen die Straße Beuffel- und Sickingenstraße. übertrieben worden, sondern die Polizei hat auch gerade so gar für den Verkehr den Verkehr einfach gesperrt das allerverkehrteste Mittel erwählt, um der wurde! Erzesse Herr zu werden und die Ruhe wieder herzustellen!
1. cin Offizier, ein Wachtmeister und 30 Mann an der Ecke der
2. zwei Offiziere, zwei Wachtmeister und 50 Mann vor der Reformationstirche in der Beuffelstraße. Ede der Beuffel- und Turmstraße. 3. zwei Offiziere, zwei Wachtmeister und 30 Mann an der
4. 2 Offiziere, 1 Wachtmeister und 30 Mann in der Wittstocker , 5. 1 Offizier, 1 Wachtmeister und 32 Mann als Reserve für
Ecke der Rostoder Straße.
die vorgenannten Kommandos auf dem Lagerplatz in der Sidingen.
straße.
Es ist deshalb ganz unglaublich, daß ScharfStein Zweifel, daß die Polizei, um ihre schroffen, macherorgane melden, es sei nunmehr vom Ministerium geradezu unerhörten Maßnahmen zu beschönigen, des Innern die Weisung ausgegangen, nunmehr noch die begangenen Ausschreitungen maßlos hat übertreiben lassen!" energischer" vorzugehen und die" Tumultuanten" mit Da sollten beispielsweise Türen und Fenster einer Stirche schonungsloser Energie" zu Paaren zu treiben! völlig demoliert worden sein. In Wirklichkeit sind einige Sollte denn den Verantwortlichen im Berliner Polizei- Gleich nach dem Aufziehen der Kommandos wurden die Bes Fenster dieser Kirche durch Steinwürfe beschädigt worden; präsidium und im preußischen Ministerium des Innern wirf- amten an der Beuffel- und Sidingerstraße- Ede fowie an der Revon der Demolierung der Türen, also dem Kriterium lich jede Spur der Besonnenheit abhanden gekommen sein? formationskirche mit Steinen beworfen, so daß sofort von der Waffe der Gewalttätigteit, ist tein Wort wahr! Sollten sie wirklich das Ausland glauben machen wollen, daß Bierflasche getroffen worden war, mußte ins Moabiter KrankenGebrauch gemacht wurde. Ein verletzter Schußmann, der von einer Ebenso sollte der Janhagel" der Polizei förmliche Schlachten in der Reichshauptstadt der Bürgerkrieg ausgebrochen haus gebracht werden. Ebendorthin wurde einer der Demonftrans geliefert, zahlreiche Polizisten durch Steinwürfe oder gar fei?! ten wegen einer schweren Hiebwunde am Kopfe geschafft. Nach Schüsse schwer verletzt haben. Nach den letzten Meldungen Wir Sozialdemokraten stehen den ganzen Vorgängen den Wahrnehmungen gingen die Angriffe und Widerjäßlichkeiten sollen bis jetzt überhaupt nur zwei oder drei Schuhleute mit absoluter Bassivität gegenüber. Wir sind so vollständig sondern von besseren Arbeitern aus. Ueberall wo es zu 3umeist nicht von dem sogenannten Janhagel, wie am Abend vorher, erheblich verletzt worden sein, während die Zahl der durch die unbeteiligt, daß wir in der Tat dem Verhängnis der völligen sammenstößen tam, ist energisch von der Hieb- und Schuhwaffe Säbel oder die Browning- Pistolen der Schuyleute verlegten Bankerotterklärung des preußischen Polizeistaats den unge- Gebrauch gemacht worden, so z. B. vor dem Hause Huttenstraße Zivilpersonen sich auf Hunderte belaufen soll! störtesten Verlauf lassen könnten. Denn die mehr als 70, auf Charlottenburger Gebiet, wohin diesseitige Beamte zur Geradezu tolle Szenen sollen sich, und zwar gerade nach albernen Verdächtigungen der Scharfmacherpresse, den Unterstützung der Charlottenburger Beamten entfandt worden den polizeioffiziösen Darstellungen der bürgerlichen Preffe, in Moabiter Unruhen müsse doch wegen ihrer Hartnädigkeit fommen, ob von Demonstranten, ist nicht bekannt geworden. Aus Verlegungen von Schuhleuten sind hierbei nicht vorge= der Nacht vom Dienstag zum Mittwoch abgespielt haben. In und ihrer wachsenden Lebhaftigkeit eine Organisation der Mitte der letzteren ist mehrfach auf die Beamten geschoffen dieser Nacht soll die Polizei blindlings 163 scharfe Schüsse zugrunde liegen, verdienen nicht mehr als eine beiläufige Er- worden.(?? Red. d.„ V.") In der Zwinglistraße wurden auf aus ihren Browningpistolen abgegeben haben! Schüsse nach wähnung. Was die Post", die einen leider nicht ergriffenen Flaschenwerfer mehrere Schüsse abs " Berl. Neuesten gegeben. Aus einem Stodivert des Hauses Waldstraße 43 find Balkons und Fenstern, die nicht sofort auf polizeilichen Zuruf Nachrichten" und die Deutsche Tageszeitung" Beamte vom Kommando des Leutnants Weber II mit Blumentöpfen hin geschlossen oder geräumt wurden; Schüsse durch Haus in dieser Beziehung zum Besten geben, ist so lächerlich, daß von den Fenstern aus geworfen worden. Bei der Feststellung der türen hin in die Hausflure, Schüsse aus dem Hausflur nach es wirklich nicht einmal des Versuches einer Widerlegung mit einer brennenden Lampe nach den Beamten(?? Reb d.„ V.") Täterin, einer Frau Reinhardt, in deren Wohnung, warf diese den Etagen hinauf! Wenn es also noch keine zahlreichen lohnt. Mag das scharfmacherische Breßgesindel heben, soviel und fimulierte unter lautem Gekreisch eine Ohnmacht. Beim Hin Toten bei diesen unglaublichen Schießereien gegeben hat, so ist es will, mögen das Ministerium des Innern und der Berliner werfen geriet fie(!) in die Glasscherben ihrer eigenen Lampe und
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