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Nr. 259.

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Berliner Volksblaff.

27. Jahrg.

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Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin "

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Berliner Wohnungspolitik.

II.

An eine Aenderung des im gestrigen Artikel geschilderten Berliner Mietsfasernen- Systems ist unter den heutigen Ver­hältnissen faum zu denfen; denn jede Einschränkung der bau­lichen Ausnutzbarkeit der Grundstücke bedeutet natürlich einen Eingriff in die privatfapitalistische Wirtschaftsweise. Zwar tväre ein solcher Eingriff selbst vom Standpunkt des heutigen fapitalistischen Staates durchaus unbedenklich; sind doch die Rechte der Grundstücksbefizer feineswegs, wie sie immer be­haupten, wohl erworben". Die ungewöhnlichen Wert­steigerungen, um die es sich hier handelt: Steigerungen, die oft den Besizern riesige Gewinne mühelos in den Schoß werfen, sie sind gewöhnlich lediglich durch die Tätigkeit und die Aufwendungen des Gemeinwesens entstanden. Die Be­fizer haben dazu nichts getan. Ob die fleine Zahl von Grund­stüdsipekulanten und Aktionären der Terraingesellschaften ihr investiertes Kapital höher oder niedriger verzinst, ob sie selbst Geld verliert, das ist für das Nationalvermögen gleichgültig und verschwindet vollkommen hinter der ungeheuren Wichtig feit der Tatsache, daß die Millionen der künftigen Mieter besser und billiger wohnen. Bauordnungen sind nicht für die Ewigkeit gegeben. Werden sie eingeschränkt und fällt dadurch der Preis des Grund und Bodens, so passiert den Grund­stücksspekulanten eben nur das, was auch allen anderen Spe­fulanten zustößt. Sie haben wechselnde Konjunkturen aus­zuhalten, während sie bisher fast ausnahmslos mit einem Steigen der Bodenpreise rechnen konnten.

Freitag, den 4. November 1910.

die Sozialdemokratie damals beantragt und eingehend be­gründet hatte, durchgeführt worden, wir ständen heute sicher­lich besser da.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.

großen Teil die moderne Geißel des Proletariats, die Lungen­schwindsucht. Auf allen hygienischen Kongressen hat mant einhellig der Auffassung Ausdruck gegeben, daß gesunde Woh­nungen mit genügend Luft und Licht das beste und sicherste Vorbeugungsmittel gegen die Ausbreitung dieser Seuche sind, die Tuberkulose kann man als eigentliche Wohnungskrankheit

Stadtverwaltung

aber

Seit einigen Jahren ist nun der akute Wohnungsmangel, unter dem Berlin zu Anfang dieses Jahrhunderts litt, be­hoben. Die Bautätigkeit hat rege eingesezt und die Zahl der leerstehenden Wohnungen aller Gattungen ist größer als seit bezeichnen. Die Berliner Jahrzehnten. Aber besser, menschenwürdiger und billiger wohnt die Masse der Bevölke- hält es nicht für ihre Aufgabe, hier einzu­rung darum keineswegs. greifen. Man sucht sogar, solange es nur angeht, die Als eine der Früchte der beschlossenen Resolution be- borhandenen Mißstände nicht offenkundig werden zu lassen. treffend die Erweiterung der statistischen Beobachtungen auf Bei den Verhandlungen im Jahre 1900 beantragten unsere dem Gebiete des Wohnungswesens erscheinen jetzt die fta- Genossen unter anderem auch die Errichtung eines städtischen tistischen Monatsberichte von Groß- Berlin. In dem Doppel- Wohnungsamtes mit einer städtischen Wohnungsinspektion, heft März- April dieses Jahres, welches vor kurzem zur Aus- und unser Redner begründete diese Forderung mit folgenden gabe gelangte, finden sich interessante Daten über die Größen- Worten: verhältnisse der Wohnungen von Groß- Berlin nach der letzten Aufnahme vom 1. Dezember 1905. Danach waren in Berlin felbst im ganzen vorhanden 524 441 Wohnungen. Unter diesen bestanden ausschließlich 4 484 Wohnungen aus einer Küche 0,86 Proz. 290 0,06 0,09

mit Küche

aus Gewerberäumen aus einem nichtheizbaren Zimmer aus einem nichtheizbaren Zimmer aus 2 oder mehr nichtheizbaren Bimmern mit Küche. aus einem heizbaren Zimmer aus einem heizbaren und einem nichtbeizbaren Zimmer. aus einem heizbaren Zimmer und

Küche

aus einem heizbaren Zimmer mit Küche und einem nicht heiz­baren Zimmer

"

498

"

1 282

=

"

0,24

"

316 34 444 1 167 189 247

== 0,06

"

6,57

"

0,28 <= 36,09"

"

4,44,

23 265

In Berlin selbst ist aber das Weichbild seit längerem fast vollkommen ausgebaut. Um so mehr hätte die Verwaltung die Verpflichtung gehabt, wenigstens innerhalb des gegebenen Rahmens auf Besserung der Wohnungsverhältnisse Bedacht daß fast genau die Hälfte aller Wohnungen Nechnet man die Schiffswohnungen hinzu, so ergibt sich, zu nehmen. Daß die Wohnungsverhältnisse für die Masse der Bevölkerung höchft traurige sind, mußte auch in früheren in Berlin unzulänglich ist. Unzulänglich, Jahren schon jedes Mitglied der Verwaltung wissen. Ins. weil man mit Sicherheit annehmen kann, besondere fonnte niemand im Zweifel sein, daß gerade die daß fast alle oben angeführten Wohnungen schlechten und kleinen Wohnungen maßlos überfüllt sind, und von Ehepaaren mit Kindern bewohnt wer je überfül ter die Wohnungen, desto höher den. Will eine solche Arbeiterfamilie mit Kindern auch ihre Mietspreise. Für die Wohnungen gilt nämlich nur einigermaßen den Geboten der Hygiene und Sittlichkeit das gleiche Gesetz wie für den Grund und Boden. Je größer die Möglichkeit ist, in eine fleine Wohnung eine große Bahl von Personen hineinzupressen, desto höher steigen die Miets­preise. Der verstorbene Oberbürgermeister Zweigert in Essen hat noch kurz vor seinem Tode über die Erfahrungen, die er in Essen mit der von ihm eingeführten Wohnungsinspektion gemacht hatte, ein Gutachten an den Verein für Sozialpolitik erstattet. Darin führt er wörtlich folgendes aus: Laffen wir die Ueberfüllung der Wohnungen zu, so steigern wir die Mietspreise; verhindern wir dieselben aus hygienischen Gründen, so wird die Folge eine Herabsetzung der Mietspreise sein."

raten.

Das

,, Wir fordern alsdann die Errichtung städtischer Wohnungs­inspektionen und eines städtischen Wohnungsamtes, mit dem ein städtischer Wohnungsnachweis wenigstens für die kleinen Wohnungen zu verbinden wäre. Der erste Schritt zur Besserung ist stets Kenntnis der tatsächlichen Verhältnisse. Andere Städte und Staaten sind in diesem Punkte Berlin und Preußen voraus und die Tätigkeit dieser Behörden hat wenigstens das Gute, daß die Bürgerschaft und ihre Vertretung vor den festgestellten Zuständen nicht länger die Augen verschließen und ein Ein­schreiten gegen solche unhaltbar gewordenen Zustände nicht aus Unkenntnis der Verhältnisse ablehnen kann. Wohnungsamt würde alle auf das Wohnungswesen bezüglichen Daten und Ziffern zu sammeln, zu sichten, zu bearbeiten und herauszugeben haben. Insbesondere würde auch dem Schlaf­gängerwesen besondere Beachtung zu schenken sein, da dieses, wie bekannt sein wird, in keiner Stadt annähernd solche Auss dehnung angenommen hat tie in Berlin . Dem Wohnungs­nachweis würden alle Vermieter gehalten sein, ihre leerstehenden Wohnungen unter Beschreibung derselben und Preisangabe aut= zuzeigen und nach erfolgter Vermietung unter Angabe der zu­gezogenen Personen wieder abzumelden, so daß der Stand des Wohnungsmarktes in Berlin bezüglich der Kleinwohnungen stets flar ersichtlich wäre. Die Wohnungsinspektion schließlich würde aus einem Stabe von bautechnisch und hygienisch gebildeten Beamten zu bestehen haben, die im Verein mit ehrenamtlichen Mitgliedern, welche sicherlich aus allen Schichten der Bevölke rung sich finden, würden, die Wohnhäuser, besonders in den ärmeren Quartieren, in regelmäßigen Zwischenräumen zu be fichtigen und zu kontrollieren hätten. In weiterer Folge würde man dann natürlich zu der Forderung kommen, daß solche Wohnungen, die bestimmten hygienischen Minimalforderungen nicht entsprechen, nicht weiter bewohnt werden dürfen, und daß eventuell gegen Vermieter, die solche Wohnungen dennoch ver­mieten, eingeschritten werden müßte."

entsprechend wohnen, so wird sie mindestens eine Wohnung bon zwei heizbaren Zimmern mit Küche haben müssen. Solche Wohnungen sind aber für Berliner Arbeiter vollkommen unerschwinglich. Im Jahre 1905 foftete eine Wohnung be­stehend aus Küche und einem heizbaren Zimmer im Durch­idhmitt 280 M.. eine Wohnung bestehend aus Küche und zwei beizbaren Zimmern im Durchschnitt 432 M. In der Königlich Sächsischen Ministerialverordnung vom 31. März Mit einigen schalen Späßen, wie z. B., daß mit solchem 1903 an die sächsischen Gemeinden heißt es nun: Als zu teuer wird eine Wohnung dann erachtet werden müssen, auf welche Antrage die Sozialdemokratie nach noch mehr Polizei" ver­der Inhaber mehr als ein Sechſtel seines Einkommens zu lange, lehnte die Versammlung unter Bustimmung der Magi­berausgaben hat." Legt man diesen gewiß nicht zu hoch ge- stratsvertreter den Antrag ab. Am 1. Oktober 1910 griffenen Maßstab zugrunde, so müßte eine Arbeiterfamilie ist nun von unserer Nachbargemeinde Char­in Berlin ein Einkommen von sechsmal 432 M. gleich 2592 M. Iottenburg ein städtisches Wohnungsamt haben. Wieviele Arbeiter mag es in Berlin geben, die über ins Leben gerufen worden, welches genau auf der ein solches Einkommen verfügen? Nach dem neuesten stati- bon unseren Genossen ffizzierten Grundlage aufgebaut ist, stischen Jahrbuch haben von allen in Berlin zur Einkommen- und die Begründung der Vorlage durch den Charlottenburger steuer herangezogenen Benfiten 92,16 Proz. ein Eintom- Magistrat deckt sich vollkommen, fast wörtlich mit der Begründung, die unsere Genossen damals im einzelnen ihren men unter 2700 Mark! verschiedenen Vorschlägen gegeben haben.

Der Magistrat von Berlin aber hat, ebenso wie die Stadtverordnetenversammlung, in fonstanter Braris bisher jedes Eingreifen in die Wohnungsverhältnisse abgelehnt. " Derjenige, der die Verpflichtung anerkennt, für Wohnungen zu sorgen, fann es unmöglich ablehnen, auch billige Feuerung zu schaffen, billige Kleidung, billige Nahrung und wir fommen auf diesem Wege, das ist meines Erachtens unzweifel­haft der Dinge letter Schluß, zu demjenigen Staate, der eben Rechnet man zu den Kleinwohnungen im weitesten Sinne Die Errichtung eines mit einer Wohnungsinspektion ber­von der sozialdemokratischen Partei gewünscht wird." Das alle Wohnungen mit drei oder weniger heizbaren Zimmern, war der Kern der Ausführungen, welche der Oberbürger- fo gehörten nach der Aufnahme von 1905 unter allen bewohn- bundenen Wohnungsamtes ist der erste Schritt, ja die Boraus­meister Kirschner namens des Magistrats 1900 auf den An- ten Wohnungen ohne Gewerberäume 91 Proz. zur Kategorie segung für ein besserndes Eingreifen in die Wohnungsver­trag der Sozialdemokratie machte, mit der Versammlung in solcher Kleinwohnungen. In ihnen wohnten von je hundert hältnisse. Auch mit einer solchen Maßnahme hat Berlin sich gemischter Deputation über die herrschende Wohnungsnot und Personen der anwesenden Bevölkerung 88, in Wohnungen von Charlottenburg überflügeln lassen. Dabei liegen in Charlottenburg die Dinge bei weitem nicht so schlimm wie bei die Mißstände auf dem Gebiete des Wohnungswesens zu be- mit nur einem heizbaren Zimmer von je hundert 43! Genaue neuere Ziffern betreffend die Wohnungsüber- uns. Wann wird Berlin dem Charlotten­Der Antrag wurde abgelehnt, und das gleiche völkerung im einzelnen gibt es unseres Wissens nicht; es burger Beispiel folgen? Schicksal erlitten die zahlreichen spezialisierten Anträge, welche unterliegt aber keinem Zweifel, daß die Wohnverhältnisse unsere Genossen im Laufe der langwierigen, fich über fast in Berlin auch nach diefer Richtung hin traurig bestellt sind. Kein Tag ohne Provokation! zwei Jahre erstreckenden Ausschußverhandlungen gestellt Schon seit langem hat sich das Schlafgängerwesen mit all hatten. Das ganze Ergebnis all dieser Beratungen bestand nur den Nachteilen und Gefahren, die es mit sich bringt, in Berlin Die führenden tonservativen Organe geben sich die erdenklichste in der geringfügigen Unterstüßung einer Baugenossenschaft stärker ausgebreitet als in den meisten anderen Großstädten. Mühe, in jeder neuen Nummer die Richtigkeit der Annahme zu be­und dem Wunsch, die statistischen Beobachtungen auf dem Ge- Nach der Zählung von 1890 batten 56,2 Pro 3 weisen, daß die Straßenschlachten der letzten Wochen nichts find als biete des Wohnungswesens möchten derart erweitert werden, der Haushaltungen eine Schlafstelle, 29,5 bas Wert der Hegarbeit der Junker, die durch daß möglichst alljährlich ein genaues Bild über die Wohnungs- deren zwei, 10,5 deren drei, 27 deren vier. Fast fyftematisch betriebenen Aufruhrschwindel Wahlmache treiben, verhältnisse gewonnen werde, sowie drittens in der Gründung genau drei Viertel dieser Haushaltungen waren Haushal- durch Erzielung reaktionärer Wahlen die volksfeindliche Truß­der König- Friedrich- Stiftung", jener famosen Stiftung, die tungen mit Kindern! Daß diese Verhältnisse sich seitdem politik verewigen und obendrein eine brutale Knebelpolitik gegen mit einer Million Mark ausgestattet, dazu beitragen sollte, irgendwie gebeffert haben sollten, ist nicht anzunehmen. Im die Arbeiterklasse inszenieren möchten. Diese Absichten der Realtion die Wohnungsnot in Berlin zu lindern! Gegenteil! Es ist zweifellos, daß, insbesonders in den letzten find so durchsichtig, daß selbst ein so gemäßigtes Matt Damals hatten wir eine Wohnungsnot, so scharf und Jahren, auch hierin eine Verschlechterung eingetreten ist. wie offische Beitung Bossische Zeitung" erklären muß, unseren Gewalt­afut, wie sie bisher kaum je in Berlin aufgetreten war. Troß- Lie ungeheuerliche Auswucherung durch die preußischen politikern sei nichts erwünschter, als wenn es gelänge, furz vor den dem wurde jedes gemeindliche Eingreifen abgelehnt. Die Junker, die foloffale Breissteigerung der notwendigsten Wahlen blutige Straßenfrawalle zu provozieren. Immer, sagt die Sozialdemokratie steht nun gewiß auf dem Standpunkt, daß Lebens- und Gebrauchsmittel zwingt die Massen, ob sie wollen Boffische Zeitung", wenn Ritter und Heilige ihre Herrschaft wir keinerlei spezifische Mittel zur Beseitigung der Wohnungs- oder nicht, zu Einschränkungen der bisherigen Lebenshaltung; sichern und wiederherstellen wollten, zeigten sie das rote Gespenst not innerhalb der heutigen Gesellschaft anerkennen und gut- und zuerst wird an der Wohnung gespart. Wie also sollte man nicht verstehen, daß den Reaktionären von der heißen können; nur im Rahmen des großen Kampfes, den Man nimmt Schlafleute auf, um billiger zu wohnen. Wie es schärferen Tonart, die sich in Sehnsucht nach Staatsstreich und wir für die allgemeine Befreiung der Arbeiterklasse führen, in solchen übervölferten Wohnungen aussieht, darauf haben Dittatur verzehren, ein gelindes Blutbad in Moabit werden wir imstande sein, dem Wohnungsproblem beizu- die so überaus dankenswerten, von den Grundbesitzern mit oder auf dem Wedding als eine rettende at er tommen und gute, gesunde Wohnungsverhältnisse für die wildem Haß verfolgten Wohnungsenqueten, die Albert Kohn fcheinen kann."

"

breite Masse des Voltes zu schaffen; nichtsdestoweniger ist im Auftrag der Örtskrankenkasse für den Gewerbebetrieb Die Krenzzeitung" schilt zwar auf diese widersinnige" Auf­auch von uns niemals bestritten worden, daß nicht auch inner- der Kaufleute alljährlich veranstaltet, erschreckende Streif- faffung der Voffischen Zeitung". Aber ihre eigenen Worte strafen halb der heutigen Gesellschaft das Wohnungselend gelindert lichter geworfen. Solche dumpfen, übervölkerten Wohnungen fie Lügen. Ist doch die Kreuzzeitung " nicht minder eifrig als die werden könnte. Wäre jener Kompler von Maßnahmen, die sind Brutstätten für Krankheiten aller Art. Hier erwächst zum Deutsche Tageszeitung" am Werke, den Rottoller unserer Polizei­