Nr. 21.
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Berliner Volksblatt.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Ruhr
Die Lohnbewegung der Ruhrbergleute.
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Mittwoch, den 25. Januar 1911.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
In einem furiosen Gegensaß zu diesen Bedenken" der Deutschen Tagesztg." steht die Genugtuung der" Post", die herausgefunden hat, daß das Schwurgerichtsurteil die Ausführungen des Reichskanzlers im Reichstag bestätigt:
" Die Worte bekunden die vollständige Uebereinstimmung des Gerichtshofes mit den Ausführungen, welche im Reichstage der Reichskanzler, im Abgeordnetenhause der Minister des Innern und der Abg. v. Jedlib über die Moabiter Vorgänge gemacht haben und widerlegen auf das bündigste die Behauptungen der Verteidigung und der demokratischen Preise, als ob an den Vorgängen in Moabit die Polizei die Schuld trage. Nach diesem Ausspruch des Gerichtshofes kann nunmehr kein Zweifel darüber bestehen, daß die Sozialdemokratie an den bis zum Aufruhr gesteigerten Krawallen in Moabit nicht nur die moralische Mitschuld, sondern die Hauptschuld trägt." Wie zahlreich ist doch die Gattung des Nindvichs ver
politik und christliche Gewerkschaftsbewegung sind so nahe verwandt und stehen in so enger Verbindung, daß sie sich gar nicht trennen lassen. Ihrer Parteigesinnung nach sind die christlichen Gewerkschaftssekretäre, von den paar evangelischen Rockvögeln abgesehen, Zentrumsleute. Das Zentrum ist der Schöpfer und Förderer der christlichen GewerkschaftsWie auf politischem Gebiete der Sturz des Bülowblocks bewegung, insonderheit des Gewerkvereins. Ohne das Zentrum eine überraschende Klärung herbeigeführt hat, so ist auch durch mit seiner Geistlichkeit, seiner Presse und seinem Bürgerdie Lohnbewegung der Ruhrbergleute, bei der die Führer des tum sind die christlichen Gewerkschaften rein gar nichts; christlichen Gewerkvereins als Streitbrechergenerale vor aller fie würden sofort zur Bedeutungslosigkeit verschwinden, wenn Welt gebrandmarkt wurden, auf gewerkschaftlichem Kampffelde, sie dieses nicht in dem Rücken hätten. Folglich müssen soweit die Bergarbeiter in Frage kommen, völlige Klarheit die Gewerkschaftsbeamten Zentrumspolitik machen und geschaffen worden. wenns auch gegen ihre Natur ist. Nur so ist das Seit der Gründung des christlichen Gewerkvereins wurde Verhalten der Beamten bei der Reichsfinanzreform zu die von den Führern eingeschlagene Taftit oft geändert und verstehen. Nun ist das Zentrum durch seine arbeiterschädigende richtete sich in der Hauptsache nach den Personen, die am Politik wegen der nächsten Reichstagswahlen sehr in Ruder waren. Bei der Gründung war zwar das Wort ge- Bedrängnis geraten. In einer ganzen Reihe von Wahlkreisen treten! sprochen worden, der Gewerkverein sei ein Nichtkampfverein, im Westen kann es sich nur noch gegen den Ansturm der feine Hauptaufgabe werde in der Bekämpfung der Sozialdemo- Sozialdemokratie retten, wenn es mit den Nationalliberalen tratie erblickt. Als aber August Brust gegangen wurde und ein Kompromiß abschließen kann. Das Kompromiß bei den mit einer Pension und einer Lebensversicherungspolize ab- Sicherheitsmänner- und Knappschaftsältestenwahlen sollte ja gefunden war, weil er sonst Minen sprengen" wolite, da schon die Probe aufs Erempel abgeben. Trotz der hierbei fam die Imbusch- Effert- Steger- Clique ans Ruder. erlittenen Niederlage hoffte man, daß Polen noch nicht verloren Es hatte oft den Anschein, daß die Geister, die da gerufen sei. Da fonnten die christlichen Führer doch furz vor den Reichsworden waren, nicht wieder zu bannen feien. Wer die Reden tagswahlen ihre Bergvölfer nicht gegen die Grubenherren ins nicht gehört hat, die christliche Agitatoren oft gegen die Feld führen, wo sie gedachten, sie einige Monate später an Stohlenjunker hielten, der kann sich fein Bild von dem dieselben Grubenherren zu verschachern. Den christlichen fanatischen ,, Radikalismus" diefer Leute machen. Dft tam man Stumpels" wäre dieser Umschwung der Stimmung troß ihrer auf den Gedanken, ob es doch nicht dem oder jenem unter bewunderungswerten Einsichtslosigkeit doch vielleicht aufgefallen diesen Elementen mit ihrer Meinung ernst sei und sie nur und sie hätten Heeresfolge versagt. Da war es schon besser, durch mancherlei Umstände auf falsche Bahnen geleitet wären. jezt Streifbruch zu predigen, dieweil es die Zentrumspolitik Als aber bei der Reichsfinanzreform die christlichen Gewert verlangte. So spielt das Zentrum Schindluder mit den Bergbereinssekretäre ohne Ausnahme die Erbschaftssteuerschluckten", leuten. Wie lange noch? als sie noch obendrein die ungeheure Verteuerung der Lebensmittel verteidigten, da mußte sich jeder sagen, die Brüder sind doch alle mitsamt nichts anderes als Komödianten. Die wenig ehrlich Denkenden, die darunter sein mochten, waren zu charafterschwach, Opposition zu erheben, oder waren durch den tagtäglichen Umgang mit den schlechten verdorben. Man konnte sich schon sagen: Wer zu diesen Dingen fähig ist, wer eine solche Bedrückung der Arbeitermassen ruhig geschehen läßt, der ist auch noch zu etwas anderem fähig, der wird auch noch den offenen Verrat vollbringen. Dies ist bei der jetzigen Lohnbewegung der Bergarbeiter geschehen.
Zwei vaterländische Preẞitimmen.
Die reparierte Kirche.
Aus Paris wird uns geschrieben: Es ist unleugbar, daß die Befriedigung der religiösen Bedürfnisse den Katholiken in manchen Gegenden Frankreichs jetzt erheblich schwerer fällt als ehedem. Daran hat die Politik des Vatikans die Hauptschuld, und etwas tommt auch auf die Rechnung des Egoismus, der in der Hierarchie vorherrscht. Der Vatikan hat die Gläubigen der Vergünstigungen beraubt, die das Trennungsgesetz und das Vereinsgesez den religiösen Assoziationen darboten. Weiter aber verfahren die Frommen in den einzelnen Diözesen, ohne auf ihre Nachbarschaft viel Rücksicht zu nehmen. Es gibt noch immer fette Pfarren und fette Bistümer, aber von ihren Einkünften fließt wenig nach den Gegenden, wo die Geistlichen wirklich Hunger leiden und die Kirchen in Trümmer fallen. Wenn sich der Bischof Castellan von Digne, wie er einer Zeitung mitteilt, mit einer evangelischen Armut abfindet, in der seine Dienerschaft auf eine greise Wirtschafterin, seine Wirtschaftsausgaben auf 600 Ft. fährlich beschränkt sind, wenn er mit geflicten Kleidern und Schuhen Es ist ganz selbstverständlich, daß die Presse der Land- einhergeht und als Transportmittel Omnibus und Trambahn bebündler und der Epigonen der ehemaligen Strauchritter mit nüht, so hat er sicher auch weniger eingeschränkte und weniger entdem Moabiter Schwurgerichtsurteil nicht zufrieden ist, so fagungsfähige Kollegen. Im ganzen aber ist zu sagen, daß die Kirche hart auch dieses Urteil ausgefallen ist. Dem eigenartigen fo liegt, wie sie sich gebettet hat, wobei ja nicht geleugnet werden " Rechtsgefühl" dieser Presse wäre nur dann Genüge geschehen, soll, daß der freidenkerische" Gifer mancher vulgärradikalen wenn das Schwurgericht bei den meisten Angeklagten die Bezirksgrößen hie und da einiges an Nadelstichen hinzugibt. Frage auf schweren Landfriedensbruch bejaht und dement- Gegen diese Barbiere des professionellen Antiklerikalismus ist sprechend auf langjährige Strafen erkannt hätte. nun Herr Maurice Barrès als feierlicher Don Quichotte ins Geld geritten. Barrès gibt sich gar nicht die Mühe, selbst ein Gläubiger zu fcheinen. Gleich manchen anderen Gr- Anarchisten hat er sich einen snobistischen Triditionalismus zurechtgelegt, worin Bedenken, und zwar ernster Art, müssen wir aber gegen fich Monarchismus, Religion und jeglicher Plunder der Ver den Passus der Urteilsbegründung erheben, in welchem es als gangenheit unterbringen läßt. Er entrüstet sich ungeheuer, weil mildernder Umstand für Gewalttätigkeiten betrachtet wird, daß morsch gewordene Dorfkirchen mitunter demoliert werden. Mit sie ihren Ursprung in einem Lohntampfe hatten. Sicher tann den Kirchengebäuden steht es in Wirklichkeit folgendermaßen: der in manchen Fällen ein Arbeiter, der im Verlaufe eines Lohn- Staat und die Gemeinden überlassen sie den Gläubigen un= kampfes zu Ausschreitungen kommt, in milderem Lichte er- entgeltlich zur Benukung. Diejenigen, die irgendwie kunstscheinen als der Aufrührer aus bloßer Luft an Gewalttaten. geschichtlich interessant sind, werden klassifiziert" und dann auf Andererseits aber ist das freie Arbeitsrecht ein so hohes Kultur- Staatskosten instandgehalten. Die Klerikalen haben aber die Angut und ein so notwendiges Postulat des Rechtsstaates, daß maßung, daß auch Kirchen, die gar nichts Merkwürdiges haben, es mit allen Kräften geschüßt werden muß; auf Gemeinde- oder Staatskosten repariert werden sollen, als und sind weite reise unseres Volkes der Zentren der„ religiösen Emotivität" und als angeblich unerfeßliche Ueberzeugung, daß der gegenwärtige Schutz befruchtende Quelle der Zivilisation. Derlei schöngeistiges Gerede, dieses Rechtsgutes nicht ausreicht. Ob es unter das neuerdings wieder in Mode kommt und mit Berufungen auf Der Bergarbeiterverband fam nun her und setzte sich mit diesen Umständen angebracht war, in der Urteilsbegründung die Psychologie von James und die Erkenntniskritik von den übrigen Organisationen in Verbindung. Die Polen , die eine Auffassung auszusprechen, die der ohnehin in bedauerlich Bergson verbrämt wird, läuft im Grunde auf die berühmte Hirsch- Dunckerschen Bergarbeiter erklärten sich sofort zur steigendem Maße entwidelten Neigung, Gewalttaten im Arbeits- Weisheit hinaus:" Die Religion muß dem Volfe erhalten bleiben." Waffenbrüderschaft bereit, der Vorstand des christlichen kampfe anzuwenden, schwerlich entgegenwirten kann, muß Darum war auch Briands sicher weniger schön stilisierte Antwort Gewerkvereins sagte jedoch ab. Als hierauf die drei mehr als zweifelhaft bleiben!" von besonderem Interesse. Briand , der jetzt in hochvornehmer Ge Verbände, die zusammen über etwa drei Viertel der Organi - Die Folgerung ist: Einschränkung des Koalisellschaft verkehrt, wies natürlich die klerikalen Ansprüche mit fierten verfügen, dennoch in die Lohnbewegung eintraten, tionsrechts und verstärkter Schutz jener staatserhaltenden guten Gründen zurück, aber er hat erklärt, daß es ihm besondere kamen die Christen her und trommelten alle gutgesinnten arbeitswilligen Elemente, die in Moabit durch die vater- Genugtuung bereite, wenn die Gläubigen die zur Reparatur Bürger und Arbeiter zu Protestversammlungen gegen die ländischen Hingeschen Siebenmonatskinder repräsentiert von solchen künstlerisch bedeutungslosen Kirchen nötigen Summen Lohnbewegung zusammen und erklärten offen, daß sie bei einem wurden. aufbringen. Seine Weltlichkeit" geht also nicht mehr bis zur
Die Kohlenherren hatten die schlechte Konjunktur weiblich dazu ausgenußt, die Löhne zu reduzieren; über 100 Millionen haben sie in den Jahren seit 1907 weniger an Arbeitslohn ausbezahlt, und haben sich so für die Verluste schadlos gehalten, die ihnen der schlechte Geschäftsgang gebracht hatte. Niedrige Löhne und hohe Lebensmittelpreise bedrücken den Bergmann . Es steht so elend um die Lage der Bergarbeiter, daß selbst hohe Grubenbeamte erklären, sie hätten wahrnehmen müssen, daß die Arbeiter bei ihrer aufreibenden Tätigkeit sich nicht einmal mehr ein belegtes Butterbrot zur Grube mitnehmen tönnten. Bada"-Margarine oder billiges Schmalz muß zum Bestreichen des Brotes dienen. Wenn die Bergarbeiter um eine Lohnerhöhung eintamen, so waren sie angesichts dieses Umstandes und angesichts der Millionenüberschüsse nicht nur berechtigt, fie waren es sich selbst und ihren darbenden Angehörigen schuldig.
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Diese Presse findet deshalb auch allerlei an dem Urteil auszusetzen. Vornehmlich hat natürlich die ehrsame„ Deutsche Tagesztg." schwere Bedenken. Sie meint:
Politifche Uebersicht.
Streit Streifbruch proflamieren würden. In diesen Ver- Doch mit den obigen Ausstellungen sind die Beden- Gleichgültigkeit angesichts des Verfalls der Religion und ihrer sammlungen wurde den Getreuen vorgerechnet, daß eine ten" der Deutschen Tagesztg." noch nicht erledigt. Auch Stätten. Denn das metaphysische Bedürfnis der Herrschenden mag 15 prozentige Lohnerhöhung den ganzen Profit, den die die Rechtsbelehrung der Geschworenen durch den Vorsitzenden in der Comédie Française Befriedigung finden, dem Volk aber in der Comédie Française Befriedigung finden, dem Volk aber Grubenbesitzer einheimsten, verschlingen würde. Das Blaue des Schwurgerichts hält sie für höchst bedenklich, besonders muß die Religion erhalten bleiben". vom Himmel herunter schwindeln diese Burschen ihren betörten den Bassus, daß es nicht rechtswidrig sei, wenn jemand sich Schäfchen über die schlechte Lage der Industrie vor. Die christ- gegen einen ihn überfallenden und brutal mißhandelnden Katholischen Kumpels müssen eben jetzt umlernen", denn die Polizisten zur Wehre setze. Zeit der radikalen Periode ist vorbei. Der Führer Hüskes erklärte ihnen, daß die Bergleute von nun an nicht mehr die Grubenbesiger als bollgefressene Strümpfe" anzusehen hätten, diese Zeit sei vorüber. Auch fühlte er sich berufen, die chriftlichen Arbeiter für die schmähliche Verschacherung eines Reichstagsmandates an die nationalliberalen Grubenbefizer zu gewinnen.
Was werden sich die Herren Kohlenbarone ins Fäustchen gelacht haben, als sie dies lafen. Wenn die christlichen MaulHelden aber glauben, dadurch würden sie bei den Grubenbesizern moralische Eroberungen machen, dann sind sie schwer im Irrtum. Wer hat wohl vor solcher Verräterei Respekt? Den Bergleuten und den Arbeitern aller anderen Berufe tann dieser schmähliche Verrat der Christenführer nicht eindringlich genug gezeigt werden, damit diese Gesellschaft so schnell wie möglich abwirtschaftet.
Gehen wir nun den Ursachen dieses Verhaltens auf den Grund, so finden wir, daß dasselbe mit dem Wechsel in der politischen Situation in nahen Beziehungen steht. Zentrums
Berlin, den 24. Januar 1911. Die Verteilung der Beute.
" Fraglich will es uns, erklärt das Oertelsche Blatt,„ dagegen immer noch erscheinen, ob der Vorsitzende gut daran getan hat, den Revolver in diesem Zusammenhange zu nennen; und es wird auch nicht recht verständlich, weshalb er über- Aus dem Reichstag , 24. Januar. Am Freitag haupt auf den bestimmten Fall exemplifiziert dachte man schon zu Ende zu kommen mit der zweiten Lesung hat. Allerdings mußte er in seiner Rechtsbelehrung alle Mög- der Reichswertzuwachssteuer, und als das nicht gelang, da lichkeiten in Betracht ziehen, da das Urteil über die Tatsachen- fegte man den Dienstag an als den Tag der unwiderruflich frage ja Sache der Geschworenen ist. Aber das hätte sich doch letzten Debatte zur zweiten Lesung. Aber es fam wie gesehr gut ohne Hinweis auf diesen Einzelfall wöhnlich anders als man denkt. Geredet wurde und geredet. ausführen lassen. Ja dieser bestimmte Fall will uns Und so wurde aus Mittag und Abend der sechste Tag. gar nicht recht als in die ganze Situation hineinpassend er- Fertig aber war man noch lange nicht. Nur 4 Paragraphen, scheinen; denn bei den Angeklagten handelte es fich doch eben 49, 49a, 49b und 50 wurden aus einem schier unendlichen Bust von nur um dritte, oder doch jedenfalls nicht von selber von der Unteranträgen zurechtgestimmt, so daß schließlich selbst die Polizei rechtswidrig Angegriffene; und eine solche Erwähnung eifrigsten Mitwirker in der Kommission und im Plenum sich des Falles Herrmann konnte u. G. um so weniger nahe liegen, nicht ganz klar darüber waren, welchen Nuteffekt die Abals das Gericht überdies als festgestellt erachtet hat, daß über- stimmungen zuwege gebracht hatten. Der Abg. v. Savigny haupt keine der vorliegenden Straftaten in riet deshalb schließlich um 6 Uhr zur Vertagung, damit vor direktem Zusammenhange mit einer polizei- der Weiterberatung man erst den Wert dessen, was heute zur lichen Ausschreitung gestanden hat!" Strecke gebracht wurde, abwägen könne.