Nr. 31.
Abonnements- Bedingungen: Abonnements- Preis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 Mt., monatl. 1,10 M., möchentlich 28 Pfg. frei ins Haus. Einzelne Nummer 5 Bfg. Sonntagsnummer mit illustrierter Sonntags Beilage, Die Neue Welt" 10 Bfg. PostAbonnement: 1,10 Mark pro Monat. Eingetragen in die Post- ZeitungsBreisliste. Unter Kreuzband für Deutschland und Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mart pro Monat. Bostabonnements nehmen an: Belgien , Dänemark , Holland , Italien , Luxemburg , Portugal , Rumänien , Schweden und die Schweiz .
Ericheint täglich außer Montags.
ab 28. Jahrg.
Die Infertions- Gebühr beträgt für die fechsgespaltene Kolonels zeile oder deren Raum 50 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereinsund Versammlungs- Anzeigen 30 Pig. ,, Kleine Anzeigen", das erste( fettgedruckte) Wort 20 Pfg., jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafstellen- Anzeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Buchstaben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet.
Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin"
Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Sonntag, den 5. Februar 1911.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Nun ist die schwere Stunde des Abschieds gekommen! Fünf Tage haben wir uns auf Dann, nachdem der erste Ansturm abgeschlagen, kam die Zeit des mühevollen Wiederdiesen Gang der Trauer vorbereiten können. Doch nur noch schwerer ist er uns geworden. aufbaues, des zähen Kleinkrieges der Neueroberung Schritt für Schritt und Mann an Mann. Denn jeden Tag fühlten wir aufs neue den Verlust, den wir erlitten, fühlten, wie eng ver- Da entfaltetest Du all Deine Gaben: die Umsicht und Ruhe des geschickten Organisators, die wachsen dieses Leben, das jetzt verloschen, mit den Leben der Partei war. Wenn wir in Beharrlichkeit und Siegeszuversicht des unermüdlichen Stämpfers, die kluge Erkenntnis des frohen und in düsteren Stunden an unser Höchstes, an unsere Partei dachten, dann dachten derzeit Möglichen und die klare Prinzipienfestigkeit, die nicht um des fleinen Vorteils bon wir auch an die Alten, die mit der Partei. gewachsen, die durch die Partei zur Größe auf- heute, fünftige Möglichkeiten größerer Errungenschaften preisgibt. Du warst ein guter und gestiegen waren, wie die Partei groß und mächtig geworden war, durch ihre Arbeit. Dann dachten wir auch an Dich, Paul Singer ! Jekt muß sich trennen, was miteinander untrennbar verwachsen schien. Einer der Besten und Treuesten hat uns berlassen.
In den Tagen des Sozialistengesezes tamst Du zu uns. Damals, als jene Hezjagd auf die kleine und schwache Partei begann, als die Schmutzwellen der Verleumdung sich über ihre Wortführer ergossen, als die Schufte der Geheimpolizei von einem schurkischen Minister auf die noch lose und locker gefügten Reihen der kämpfenden Arbeiter losgelassen wurden, als feile Richter alle Härten des Schandgesetzes durch ihre Sprüche noch verschärften, als Tag für Tag die Polizisten in die Wohnungen unserer Vertrauensleute einbrachen, um sie in das Elend der Verbannung zu jagen, damals tamst Du, Paul Singer , zu uns! As viele wantten, auf die wir fest gebaut hatten, da trieb es Dich zu bekennen: Auch ich bin ein solcher. Auch ich gehöre zu denen, die die Mächtigen jagen wie geheztes Wild, die sie verleumden als den Abschaum der Menschheit, die sie schlimmer verfolgen als die schlimmsten Verbrecher. Mich drückt nicht persönliches Elend und nicht die Last der Armen. Aber das Leid der Enterbten und Unterdrückten, ich fühle es als eigenes und ich weiß es, daß die, die heute verfolgt sind, die Träger alles dessen sind, worauf die Zukunftshoffnung der Menschheit beruht. Die Armen von heute sind die Gründer der fünftigen Welt, die den Klassengegensatz nicht mehr tennt, die den Reichtum schafft, ohne 3leich das Elend zu schaffen, die di gewaltigen Mittel der Produktion beherrscht, ohne sich von ihnen beherrschen zu lassen; den Erlösern
से
gewissenhafter Arbeiter und wieder fandest Du Deinen Lohn nur in dem Wachstum und der inneren Erstartung der Partei. Und da blieb Deine Arbeit nicht ungelohnt. Die Organisation ward wieder hergestellt, im Geheimen wurde beschlossen, was öffentlich ausgeführt wurde, jede neue Wahl wurde ein neuer Triumph, das alte Siegesvertrauen erfüllte wieder die Reihen und an der Macht der Arbeiterbataillone zerschmetterte der brutale Stoß der Feinde. Die Partei war siegreich und mit ihr warst Du Sieger. Das Sozialistengeset fiel, sein Urheber stürzte. Und Deiner warteten neue Aufgaben.
Das große organisatorische Talent, das Du in den schwersten Tagen bewährtest, hast Du dann, als größere Bewegungsfreiheit errungen, wieder in den Dienst der Partei gestellt, die Dir stets alles gewesen ist. Im Vorstande der Partei hast Du die schwierigen und verantwortungsvollen Pflichten vor allem auf Dich genommen, die die geschäftliche Führung stellten. Kaum war die Möglichkeit wieder da, in Deutschland die sozialdemokratische Presse neu erstehen zu lassen, als Du alles daran zu setzen bereit warst, um in Berlin der Partei ein würdiges Drgan zu schaffen als wichtigste Waffe zu neuen Kämpfen. Und als das Blatt dank Deiner Dir so selbstverständlichen Hilfsbereitschaft und Opferwilligkeit erschienen war, da umgabst Du seine ersten Schritte mit all Deiner reichen Sorgfalt, Deiner tatbereiten Wachsamkeit und warst stets sein treuer Berater.
Im Vorstand der Fraktion, der Du als der geliebte Vertreter des bierten Berliner Wahlkreises angehörtest, hast Du mit stets aufs neue bewunderter Geistesgegenwart, mit
aus den Fesseln der ökonomischen und politischen Knechtschaft will ich zugehören und Eure| prachtvoller Umsicht und nie versagender Klugheit im ersten Treffen gestanden, wenn es galt Verfolgungen haben nur bewirkt, daß der Entschluß, der lange in mir gereift war, jezt zur Vergewaltigungsversuche der Feinde abzuwehren, der Stimme der Freunde Gehör zu verTat wird. schaffen. Als Führer der Stadtverordneten Berlins hast Du unermüdlich für die arbeitenden Massen dieser Stadt Dich gemüht und bist vorbildlich gewesen für die Tätigkeit der Sozialdemokratie in den Kommunen.
So kamst Du, Paul Singer , zu uns, das haben wir Dir nie vergessen und immer wirst Du, so wie Du zu uns gekommen, in unserem Gedächtnis fortleben: Als Stolzer, Aufrechter, Unerschütterlicher, der zu uns tam in großer Not, als andere uns verließen. Was Du damals versprochen, treu hast Du es gehalten. Du kamst und gabst uns alles, was Du geben konntest. Die Ausweisungen und Verfolgungen haben Hunderte und Tausende in Elend gestürzt. Klein war die Partei und arm. Hilflos stand sie dem großen Elend gegenüber. Du warst reich. Wo Du helfen konntest, halfest Du, wo Du lindern konntest, lindertest Du. Dank hast Du nicht verlangt, Du tatest nur, was Pflicht Dir schien. Aber wir wußten, daß wir auf Dich bauen konnten.
Ein Leben lang hast Du im harten Kampfe gestanden. Die Gegner haben Dich nic geschont und die Freunde Deine Kraft immer in Anspruch genommen. Aber alle Härten des Strieges, alle Bitternisse des Streites haben Dein Wesen nicht zu berühren vermocht, dieses Wesen, das Güte und Liebe, Treue und Lauterkeit war. Für die arbeitende Menschheit hast Du gearbeitet, an die Menschheit hast Du geglaubt. Das danken wir Dir heute und nie werden wir Deiner vergessen. Im Herzen der kämpfenden Arbeiter hast Du, Paul Singer , Dir das Denkmal errichtet, das nimmer bergehen wird.
Wir grüßen Dich zum letztenmal!
83