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Nr. 70.

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Berliner Volksblatt.

28. Jahrg.

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Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutfchlands.

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Donnerstag, den 23. März 1911.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Ferusprecher: Amt IV, Nr. 1984.

Der Mord an dem Arbeiter Herrmann.

Die beiden großen Moabiter Krawallprozesse, die am erwarten, daß es im Interesse des Ansehens des Staates, der nach der 9. November 1910 und am 9. Januar 1911 vor dem Landgericht be- Behauptung seiner Leiter die Laufgabe hat, ohne Ansehen der Person Recht gannen und am 11. und 23. Januar mit der Verurteilung einer Anzahl und Gerechtigkeit zu üben, den berufenen Organen mit Aufbietung der Personen endeten, haben als gerichtlich festgestellte Tatsache ergeben, daß nötigen Energie gelingen werde, die Uebeltäter in der aufgebotenen Polizei­ein sehr erheblicher Teil der bei jenen Vorgängen im Interesse der mannschaft zu ermitteln und zur Verantwortung zu ziehen. Aber obgleich öffentlichen Ordnung und Sicherheit" wirkenden Polizeibeamten sich die seit dem Schluß der Moabiter Krawallprozesse mehr als zwei Monate gröbsten Erzesse und Roheiten gegen Männer, Frauen und Kinder hat zu- vergangen sind, verlautet nicht, daß es der Staatsanwaltschaft gelang, auch schulden kommen lassen. nur einen der polizeilichen Uebeltäter ausfindig zu machen.

Das Verhalten der betreffenden Beamten war der größte Hohn auf die ihnen zugewiesene Aufgabe, Diener des Staates, Säulen der Ordnung und Gesetzlichkeit, Hüter von Sitte und Moral zu sein".

Unter dem Druck der zahllosen Zeugenaussagen, von denen eine immer mehr als die andere die Polizeiorgane bloßstellte und brandmarkte, sah sich der im ersten Moabiter Krawallprozeß wirkende Gerichtshof gezwungen, zu erklären:

,, Es handelt sich nicht um vereinzelte Mikgriffe von Beamten, sondern das Gericht hat die Ueberzeugung gewonnen, daß dies in einer größeren Anzahl von Fällen, insbesondere durch grundlose Beleidigungen und vielfach durch Schläge geschehen ist."

Was aber das Volk in seinen weitesten Kreisen beunruhigen und aufs höchste empören muß, ist die Tatsache, daß es der Staatsanwaltschaft auch bis heute noch nicht gelungen ist,

die beiden Mordbuben ausfindig zu machen, die am Abend des 27. September den Arbeiter Herrmann, der auf der Suche nach seinem Sohn war, in der menschenleeren Wiclef­straße überfielen und ihn derart mit ihren Säbeln miß­handelten, daß der völlig unschuldige Mann an den Folgen dieser viehischen Mißhandlung starb.

Und einer der Verteidiger der Angeklagten war in der Lage fest­Dieser Mißerfolg der Staatsanwaltschaft veranlaßt uns, derselben in zustellen, daß von etwa 100 Beugen und die Gesamtzahl der ver- ihrem Bestreben, die beiden Verbrecher ausfindig zu machen, zu Hilfe zu nommenen Zeugen ging in die Hunderte kommen, und so erklären wir, demjenigen

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218 einzelne Fälle von Mihhandlungen und Brutalitäten aller Art

2000 Mark Belohnung

bezeugt worden seien. Darunter waren viele Fälle, deren Kenntnisnahme zu gewähren, der uns die erwähnten Verbrecher zu nennen oder so genau jedem ehrenhaften Menschen aus Zorn und Scham darüber das Blut zu bezeichnen vermag, daß ihre strafrechtliche Verfolgung möglich wird. ins Angesicht treiben mußte, daß Beamte des Staates in Ausübung ihres Hierauf bezügliche Mitteilungen bitten wir an unser Parteibureau, Amtes sich solche Roheiten und Gemeinheiten erlaubten. Man durfte Berlin SW. 68, Lindenstraße 69 IV, gelangen zu lassen.

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Berlin , den 22. März 1911.

Der Vorstand der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Bebel. Ebert. Gerisch. Liepmann. Molkenbuhr. Müller. Pfannkuch. Wengels. Luise Ziek.

Gießen - Midda.

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gegeben worden ist, hat der Vorgang zweifellos eine gewisse| Tagen auf die Werbekraft des entschiedenen" Liberalismus so viel fymptomatische Bedeutung. Er zeigt, daß die zu gute getan hat. Noch schlimmer aber ist der folgende Erguß:

fortschrittliche Wählerschaft wenigstens zum Teil politisch reifer und vernünftiger ist, als die in der Partei leitenden Elemente. Aehnliche Erfahrungen haben zur Beit Eugen Richters die Freisinnigen schon einmal gemacht. Auch damals fand der Versuch, die freisinnigen Stimmen in der Stichwahl den Sozialdemokraten gegen rechtsstehende Kandidaten zuzuführen, nur sehr geringen Anklang bei der frei­finnigen Wählerschaft. Die Kleinbürger, welche das Gros derselben ausmachen, waren nicht zur Abgabe sozial­demokratischer Wahlzettel zu bewegen."

Die Tägl. Rundschau" vollends erblickt in dem Ab­

Daß in Gießen Nidda ein nicht unerheblicher Bruch­teil der freisinnigen Wähler entgegen der Barole der Partei­Leitung, die zur Unterstützung des sozialdemokratischen Kandidaten aufgefordert hatte, für den Antisemiten stimmte, hat natürlich im Lager der Neaktion lebhafte Genugtuung hervorgerufen. Ist dies für den Freisinn so tief beschämende Faktum doch geeignet, die arg herabgedrückten Hoffnungen der Junker und ihrer Ver­bündeten wieder ein wenig zu beleben. Schon beginnt man wieder damit zu rechnen, daß der Freifinn bei den sicher sehr zahlreichen Stichwahlen zwischen der Sozialdemokratie und einem Reaktionär marsch der freisinnigen Wähler ins Lager der unverhülltesten sich wenigstens zum Teil doch wieder auf die Seite der Brot wucherer und Wahlrechtsfeinde schlagen und damit für den Schnaps­block das gefürchtete Strafgericht mildern werde. Die Junter- und Bentrumspresse gibt zwar ihrem Frohlocken vorsichtigerweise nur gedämpften Ausdruck, aber die freitonservative Presse äußert sich Ob sich die Hoffnungen der Neaktion erfüllen werden, hängt vor dafür umso unverhohlener. Die, Deutsche Tageszeitung" allen Dingen vom Freisinn selbst ab. Wenn der Freisim nennt die jammervolle Dersertion der anderthalbtausend Freisinnigen" die Beit bis zu den Neuwahlen dazu ausnutzte, seine Organisationen gewiß erfreulich", aber man dürfe das Ergebnis nicht als vor bildlich betrachten". Denn: Die Wähler Korells waren durch aus nicht sämtlich überzeugte und in der Wolle gefärbte Freifinnige und Fortschrittler. Es waren viele politisch ungeschulte Leute darunter, die auf feine Barteiparole eingeschworen waren." Etwas weiter geht schon die Germania ":

Neaktion eine bedeutsame Lebensbekundung des nationalen Blodgedankens", von dessen Erstarlung fie erhofft, daß er durch die engherzigen Berechnungen der Nurparteitaktiker so manchen Strich ziehen wird".

derart auszubauen und seine Anhänger politisch derart zu schulen, daß er ihrer sicherer ist als der Deserteure in Gießen - Nidda , so brauchte sich allerdings die Schmach vom 21. März nicht zu wieder­holen. Fraglich ist allerdings, ob der Freifinn diese unerläßlichen Ronsequenzen ziehen wird. Um so fraglicher, als selbst dasjenige freifinnige Blatt, das die offizielle Freisinnspresse an politischem Weit­" Das ist tief betrübend für die fortschrittlichen Gegner des blid gewöhnlich um ein Beträchtliches überragt, das Berl. Tage­schwarz- blauen Blocks", denn es beweist ihnen, daß felbst blatt", diesmal höchst befremdliche Ansichten zum besten fortschrittliche Wähler den Block", und wenn es gibt. Gewiß, das Blatt nennt die Fahnenflucht der anderthalb­fich selbst um antisemitische Männer handelt, tausend Wähler Korells selbst eine Schmach", die nicht wieder durchaus nicht so scheuen, wie sie es grund- borkommen dürfe. Einkehr, Organisation, Disziplin sei die fäßlich" tun müssen, und daß die Macher die Wähler überhaupt nicht so am Bändel haben, Forderung, die aus dem Gießener Mißerfolg für den Liberalis­wie fie glauben und wie sie es wünschen müssen, wenn ihre mus gezogen werden müsse. Aber was es im übrigen vorzubringen Hoffnungen auf die allgemeinen Wahlen sich verwirklichen sollen." hat, verrät alles eher, als liberale Entschiedenheit und flares Erfassen Den gleichen Gedanken drückt die Post" aus, nur in schärferer der politischen Verhältnisse und Notwendigkeiten. Formulierung und mit allgemeinerer Nuganwendung: Schon daß das Berl. Tagebl." darüber jammert, daß in Da es sich um den ersten Fall handelt, in welchem von Gießen- Nidda keine Kompromißkandidatur zwischen Freisinn und seiten der freisinnigen Wollspartei flipp und flar die Parole der Nationalliberalen zustande gekommen sei, nimmt sich nicht gerade Wahlunterstützung des sozialdemokratischen Kandidaten ausbesonders heldenhaft aus, zumal man sich doch erst vor wenigen

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Wir beklagen es aufs tiefste, daß von den 5059 fortschritt­lichen Wählern etwa 1400 fich teils der Stimme enthalten, teils dem Antisemiten ihre Stimme gegeben haben. Der Kandidat des schwarzblauen Blocks mußte unter allen Umständen beseitigt werden. Aber daß die Sozialdemokratie mit Herrn, Beckmann nicht viel Staat machen fonnte, das sollte sie sich eigentlich selbst sagen und die unbefangeneren Sozialdemokraten haben es fich wohl auch gefagt. Wer Herrn Beckmann selbst gehört hat, der hatte keinen sehr günstigen Eindruck diesem sozialdemokratischen Kandidaten. Und hier berührt man einen sehr wunden Punkt der ganzen sozialdemokratischen Wahlmache. Die Bedmänner werden geflissentlich in den Vordergrund geschoben. Irgendwelche kleine Partei­beamte, die von der Leitung böllig abhängig find, müssen fandidieren und werden vielfach auch in den Reichstag gewählt, in dem sie dann allerdings nichts zu sagen, sondern nur zu stimmen haben. Man hat hier ein rotes Gegenstück zu der Landratsfraktion auf der Rechten.

Ebenso töricht ist es, wenn der Vorwärts" aus der Gießener Wahl keine andere Lehre zu ziehen weiß, als daß die Sozial­demokratie alles daran sezen müsse, um aus eigener Kraft" zu fiegen. Man sollte sich doch auch im sozialdemokratischen Lager fagen, daß in Gießen ein sozialdemokratischer Erfolg so gut wie ausgeschlossen sei, und man sollte deshalb für das nächste Mal eine falsche Stich to a hI vermeiden. Wie viel flüger ist doch das 8entrum! Es hat in seinen im heutigen Morgenblatt mits geteilten wahltaktischen Grundsäßen mit aller Offenheit auss gesprochen, daß falsche Stichwahlen vermieden werden müssen. Das Zentrum will, wenn sein eigener Kandidat in der Stich wahl keine Aussicht hat, gewählt zu werden, dafür sorgen, daß unter dem Verzicht auf eine eigene Kandidatur rechtstehende Kan didaten in die Stichwahl gebracht werden.

Wenn die Sozialdemokratie die gleiche Taftit zugunsten der liberalen Parteien befolgen würde, dann könnte sie dem blauschwarzen Block besseren Abbruch tun als durch Aufstellung eigener Kandidaten in zweifelhaften Wahlkreisen, die fie nie selbst erobern wird, in denen sie aber durch ihre Kandidatur den Sieg der Reaktion herbeiführt."

Solchen Unsinn sollte doch das Berl. Tagebl." lieber die Herren Fischbeck und Wiemer verzapfen lassen! Wir würden es für