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Nr. 217.

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Vorwirts

Berliner Volksblatt.

28. Jahrg. fo

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Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin ".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.

Der kommende Wahlkampf.

Jena , den 15. September. Gleich nach Beginn der Sigung beginnt Bebel seine fast anderthalbstündige große Rede über die bevorstehenden Reichstagswahlen. Er sieht heute noch frischer und wohler aus, als am gestrigen Tage, und tatsächlich zeigt sich während des ganzen Verlaufes der Rede in seinen Zügen nicht das geringste Zeichen der Ermüdung. Er spricht, obgleich sich zeitweilig seine Stimme zu den höchsten leidenschaftlichen Afzenten steigert, ohne ersichtliche Anstrengung und streut vielfach in seine Rede launige satirische Bemerkungen ein, die stürmische Zustimmungen wecken.

Bebel führt aus, daß voraussichtlich im Januar nächsten Jahres der neue Reichstag gewählt und schon Anfang Fe­bruar zur Tagung berufen werde. Er schildert dann die Vor­gänge bei der Wahl im Jahre 1907, den Mandatsverlust der Sozialdemokratie und die Gegenfäße im Hottentottenblock, zwischen dessen Parteien alsbald innere 3wistigkeiten aus­brachen, da er nicht homogen war, wie der jetzige schwarz­blaue Block,

Bebel geht dann näher auf die Taktik der Parteien des schwarzblauen Blods, namentlich des Zentrums ein, das er als die grundsazloseste aller deutschen Parteien charakterisiert. Er erinnert daran, wie Bischof Bettinger mit dem verstorbenen Genossen Ehrhart im Dom zu Speyer bei den Kaisergräbern über die Stich­wahlen verhandelt habe, und ermahnt die Delegierten, diese Tatsachen in der Wahlagitation gegen das Zentrum auszu­nuger

Sonnabend, den 16. September 1911.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.

Schwierigkeiten und Gefahren zu leisten.

wird die Debatte geschlossen. Bebel nimmt zu einer furzen ungeheueren Schlußrede das Wort und verteidigt die vom Parteivorstand Jedoch der Zarismus hat es anders gewollt. vorgelegte Reichstagswahl- Resolution, die dann der Partei­tag einstimmig gutheißt. Sie hat folgenden Wortlaut:

Unfähig hat sich Stolypin erwiesen zu allem andern, als mit brutaler Henkersfaust alles niederzuschlagen, was in dem Der Parteitag erwartet, daß, soweit es noch nicht geschehen unglücklichen Lande zur Fortentwickelung strebte. Feldgerichte sein sollte, die Parteigenossen in allen Wahlkreisen, in denen die und Strafexpeditionen hatten den Beginn seiner Ministerschaft Partei Anhänger besißt, unverzüglich die Vorbereitungen zur Reichstagswahl treffen, um selbständig in die Wahl einzutreten. bezeichnet. Die Auflösung der Duma, die Verhaftung und Der Parteitag erwartet weiter, daß die Parteigenossen die Einferkerung der Volksvertreter, schließlich der infame Wahlagitation gründlich ausnutzen, um sowohl neue Mitglieder Wahlrechtsraub, der die dritte Duma zu einer lächer­für die Parteiorganisation, wie neue Abonnenten für die Partei- lichen Karikatur der Volksvertretung machte, bildeten die Fort­presse zu werben. fegung. Und selbst dieses reaktionärste aller Parlamente Insbesondere muß die Wahlagitation auch für Erlangung war dem skrupellosen Werkzeug der forruptesten Bureaukratie noch des allgemeinen, gleichen, direkten und geheimen Wahlrechts im nicht gefügig genug. Die Verhöhnung des Staats. Sinne des Parteiprogramms für die Wahlen zum Landtag in Preußen wie in den Staaten, die das allgemeine, gleiche, direkte treichs zeigte Rußland , daß nicht einmal der Schein des Stonstitutionalismus mehr gewahrt werden sollte. und geheime Wahlrecht noch nicht besitzen, ausgenutzt werden. Wo nach dem Ausfall der Hauptwahlen die Parteigenossen Barismus scheute den Eidbruch gegenüber dem eigenen Volke bei engeren Wahlen eine Entscheidung zwischen gegnerischen so wenig, wie gegenüber dem Finnlands . Und während der Kandidaten zu treffen haben, dürfen sie nur demjenigen Kandi- ganzen Zeit dieser Herrschaft des Schreckens, der Korruption, daten ihre Stimmen zuwenden, der sich verpflichtet: der Schamlosigkeit und Unfähigkeit oben, jenes fürchter­unten in 1. für Aufrechterhaltung des bestehenden Wahlrechts für den Ii che Massenmorden den Bergwerken -- Reichstag; Sibiriens , in den entsetzlich überfüllten Gefängnissen, wo zu Bestien entartete Direktoren unaufhörlich peitschten, folterten, meuchelten, was der Typhus noch verschonte. Das ist die

2. gegen eine Beschränkung des Vereins- und Versammlungs­rechts und des Koalitionsrechts;

3. gegen eine Verschärfung der sogenannten politischen Para­

graphen des Strafrechts;

4. gegen ein wie immer geartetes Ausnahmegesek;

5. gegen jede Erhöhung oder Neueinführung von Zöllen auf die Verbrauchsartikel der großen Masse;

6. gegen jede Neueinführung oder Erhöhung indirekter Steuern auf Verbrauchsartikel der großen Masse einzutreten und zu stimmen.

Der betreffende Kandidat ist zu ersuchen, seine Erklärung bor Zeugen oder schriftlich abzugeben.

Stehen in der engeren Wahl zwei Kandidaten, die beide bereit sind, die aufgestellten Bedingungen zu erfüllen, so ist der Liberale dem Nichtliberalen vorzuziehen.

Der

Regierung Stolypins gewesen; sie hat Gewalt gesät und nun Gewalt geerntet.

Noch läßt sich nicht sagen, welche Folgen der Schuß Bagrows haben wird. Als einzelne Tat ist er ein nugloses Opfer. Aber wie die Bombe, die Blehwe tötete, nur das Zeichen war, daß die revolutionäre Spannung unerträglich geworden war, wie die Aktionen der Massen selbst damals sich immer mehr und mehr steigerten, bis schließlich die gewaltige Revolution das Niesenreich bis in seine tiefsten Tiefen aufwühlte, so ist auch diefes Attentat nur ein Zeichen und eine nicht überhörende Warnung. zu

Der

Sodann unterzieht Bebel die Sozial- und Steuerpolitik des Zentrums einer einschneidenden Kritik, die hinüberleitet zur Kennzeichnung der lächerlichen Mittelstandsretterei der Antisemiten und ihrer sogenannten nationalen" Wirtschaftspolitik. Er kritisiert auf das schärfste die heutige Reichssteuerpolitik, die das Reich auf indirekte Steuern basiert, das heißt die Kosten der Erhaltung des In jedem anderen Falle ist strikte Stimmenthaltung zu pro- Despotismus muß fallen, er tann nicht mehr er­Deutschen Reichs den ärmeren Volksschichten aufbürdet, und halten bleiben. Von der Fähigkeit der Herrschenden, die kommt dann auf die enormen Ausgaben für Heer und Flotte Der Annahme der Resolution folgt starter Beifall. Der furchtbare Mahnung zu beherzigen, wird es abhängen, unter zu sprechen. Und doch steht, wie die Rede des Kaisers in Ham­ burg schon anfündigte, eine neue, größere Flotten- Parteitag hat das Bewußtsein, daß gute Arbeit ver- welchen Umständen der Fall der Autokratie sich vollzieht. Es vorlage bevor, wie auch Herr Delcassé in Frankreich richtet, der kommende Kampf wohl vorbereitet worden ist. sind ernste Zeiten, die Bagrows Schüsse fünden. eine Reform der Marine angekündigt hatte. Auch Engworden ist, das wird im ganzen Reiche Früchte tragen. Die Was an diesen beiden Tagen in diesem Saale gesprochen I and rüste weiter.

flamieren.

Eine furchtbare Warnung.

Bebel geht dann auf die heutige Lebensmittel. Wahlen sollen es uns zeigen. teuerung ein, die, wenn auch zeitweilig infolge besserer Ernten eine Preisverbilligung eintreten mag, doch eine dauernde sein wird. Das aber nötigt die Arbeiter zu neuen größeren Lohnkämpfen, zu höheren Lohnan­sprüchen an das Unternehmertum. Um so notwendiger ist, daß jeder Arbeiter seiner Gewerkschaft bei­tritt. Die Folge der Teuerung wird sein, daß die Preissteige­

Riew, 14. September. Während der heutigen Vor­stellung im Theater wurde auf den Ministerpräsidenten Stolypin ein Anschlag verübt, wobei dieser schwer berwundet wurde. Der Täter wurde verhaftet.

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Wie das Attentat geschah.

Riew, 15. September. Stolypin war mit dem Barenpaar zur Enthüllung eines Denkmals Alexanders II. nach Kiew gelommen. Abends wohnte er in der Zarenloge einer Festvorstellung im Theater bei. Der Vorstellung wohnten nur geladene Gäste bei. Ein Drittel des Publikums" bestand aus Geheimpolizisten. Während Sto Iypin im zweiten Zwischenaft der Oper Bar und Sultan " von Rimsti Korsatow, an die Rampe gelehnt und das Gesicht dem Publikum zugefehrt, mit den umstehenden Personen sprach, näherte fich ihm ein innger Mann im Frad, der aus einer rung der Lebensmittel zur Kardinalfrage des Den Henker der Revolution hat das Schicksal ereilt, Entfernung von zwei Schritt zwei Schüsse aus ganzen deutschen Wirtschaftslebens wird. Und die hohen Lebensmittelsölle müssen und das er so vielen der Besten des russischen Volkes bereitet hat. einem Browning gegen ihn abgab. Stolypin fuhr mit der Hand werden fallen. Bei einer Theatervorstellung in Kiew , der auch der Zar bei- gegen die Brust und fiel in seinen Sessel. Die Umstehenden trugen den verwundeten Ministerpräsidenten zum Ausgang, während das Bebel schildert dann die Kämpfe, die der neue wohnte, feuerte der Rechtsanwaltsgehilfe Bagrow aus Publikum in Entrüstungsrufe ausbrach und die Nationalhhinne Reichstag zu führen haben wird auf dem Gebiete der nächster Nähe mehrere Schüsse gegen Stolypin ab. Der forderte. Nachdem der Vorhang aufgegangen war, näherte sich der die mitwirkenden Künstler Strafgesetzgebung, der Zoll- und Handelsverträge, det Ko- Ministerpräsident ist schwer verwundet und an seinem Auf- Kaiser der Logenbrüstung und Das lonialpolitik und des Wahlrechts. Deshalb müssen wir bei den fommen wird gezweifelt. Bei der Vernehmung erklärte der fangen knieend die Nationalhymne. ganze Theater er­nächsten Reichstagswahlen mit allen Kräften fämpfen. Aber Täter, daß er Stolypin auf Beschluß des sozial- zitterte unter dem Kaiser dargebrachten Kundgebungen, wie verhalten wir uns bei den Stichwahlen? Täuschen wir revolutionären Romitees töten sollte, weil er bis der Herrscher seine Loge verließ. Stolypin wurde bei uns nicht, die Liberalen werden meistens für die Konservativen eine für Rußland unheilvolle Politik treibe. Angeblich sollen vollem Bewußtsein in die Privatheilanstalt des Dr. Makowski ge stimmen. Aber trotzdem keine allgemeine Stimmenenthaltung, bracht. Die Kugel hatte ihn an der Brust unter der linken Brust­wenn sich in der Stichwahl Liberale, Konservative und Ben- auch mehrere Mitschuldige verhaftet sein. Die Schüsse, die da bei der Galavorstellung im Theater warze getroffen. Im Krankenhause ersuchte er, feine Gemahlin zu trumsleute gegerüberstehen. Aber wir werden Forderungen beruhigen und ihm einen Priester zu schicken. Der Täter ber­stellen, auf die jene, welche unsere Unterstützung wollen, sich zu Kiew gefallen sind, unterbrechen plötzlich die Ruhe des fuchte nach dem Anschlag durch einen Seitenausgang zu entfliehen, verpflichten müssen. Als solche Forderungen bezeichnet Grabes, die so lange über dem Reiche Nikolaus II. zu lasten schien. wurde aber von Offizieren ergriffen. Man fand Bebel vornehmlich: Aufrechterhaltung des Reichstagswahl - Die Revolution ist tot", hatte Stolypin verkündet. Die Dokumente bei ihm, die auf den Namen des Rechtsanwalts. rechts, feine neuen Zölle oder weiteren Bollerhöhungen, feine Sonterrevolution muß sterben", antworten die gehilfen Bagrow lauteten. Eine zweite Kugel, die den neuen indirekten Steuern, teine Beschränkungen des Vereins- Schüsse. Alle Gewalt, alle Schurkerei, alle Infamie, die der Ministerpräsidenten an der Hand gestreift hatte, traf den im und Versammlungsrechts. Mit einem leidenschaftlichen Appell schließt Bebel seine Barismus in unendlichen Greueln fünf lange Jahre gehäuft Orchester befindlichen Konzertmeister Bergler und verwundete ihn Der amtliche Krankheitsbericht. große Nede. Immer mächtiger steigert sich seine Stimme, bis hat, sie sind vergebens gewesen. Die Konterrevolution hat am Fuß. er feiner flammenden Aufruf mit den Worten endet: Auf ihr Ziel nicht erreicht und der Barismus ist heute ohnmächtiger Petersburg, 15. September. Heute nachmittag wurde folgender marich, durch!" als je. Die Machtmittel des Staates sind vernichtet, die amtliche Krankheitsbericht ausgegeben. Beim Ministerpräsidenten Kampf, vorwärts marsch, durch! Flotte zerstört, die Armee desorganisiert, die Bureaukratie Stolypin find zwei durch eine Feuerwaffe verursachte Wunden Minutenlang hält der Beifall an. An die Rede schließt sich eine längere Debatte. Bern verfault und verkommen und die politische Polizei, trotzdem festgestellt worden, die eine auf der rechten Bruſtseite, die andere stein und luptsch begründen ihre Anträge, eine Bro- alles Sinnen und Trachten der Herrschenden ihrem Ausbau an der rechten Hand. Die Eingangsöffnung der ersten Wunde befindet schiire über die politischen Beziehungen Deutschlands zu Eng. galt, unfähig, auch nur das Leben der Minister oder des sich zwischen der sechsten und siebenten Rippe, innerhalb der Papillar­linie. Eine Ausgangsöffnung ist nicht vorhanden. Die Kugel ist unter land zu veröffentlichen und die Arbeit am Wahltage ruhen Baren zu sichern. Rußlands Autokratie ist heute der zwölften Rippe in einer Entfernung von drei Zoll vom Rückgrat au laffen. Scheibe( Bochum ) macht die Mitteilung, daß fondiert worden. In den ersten Stunden nach der Verwundung sich im rheinisch- westfälischen Industrierevier die Scharf.unhaltbarer als je. Wie ungeheuer muß die Spannung sein, wenn solch ein trat große Schwäche bei heftigen Schmerzen ein, die der macher und das Zentrum oder vielmehr die Führer der christlichen Gewerkschaften dar- Attentat möglich war! Noch vor furzer Zeit schien die sozial- Minister mit Gleichmut ertrug. Den ersten Teil der Nacht vers brachte er unruhig, gegen Morgen trat eine Besserung ein. Die auf geeinigt haben, daß die christlichen Ge- revolutionäre Partei, die im Gegensatz zur russischen Sozial- Temperatur betrug 37, der Puls 92. Privaten Nachrichten zufolge soll die Leber verlegt und der Zu­werfschaftler schon bei der Hauptwahl für demokratie die terroristische Taftit befürwortete, durch die Ent­Die nationalliberalen Kandidaten einhüllungen über Asem völlig desorganisiert. Die Sozialdemo- stand sehr ernst sein. Unbelehrbar. treten. Als Entgelt haben die Scharfmacher versprochen, fratie aber, die von jeher nur von der Organisation der feine gelber Gewerkschaften mehr zu gründen. Massen und nicht von den Verzweiflungstaten Einzelner die Darauf sprechen König( Dortmund ) über die Ben politische Befreiung erwartet hat, war gerade in der letzten frumsagitation im Ruhrrevier; Hartleib( Hannover ) über die Ausstattung der Wahlflugblätter: Düwell über Zeit eifriger als je bemüht, die verschwindend kleinen die Physiognomie des Zentrums; Saupt( Magdeburg ) ver- Möglichkeiten gesetzlicher Betätigung in Rußland selbst auszu langt, daß in der Stichwahl zwischen zwei Gegnern jener unter- nügen, gewerkschaftliche, konsumgenossenschaftliche und politische stützt wird, dessen Partei Gegenunterstützung verbürgt. Dann Drganisationsarbeit nach westeuropäischem Muster trotz der

zum

Petersburg, 15. September. Nowoje wremja" brudt die drückt

Hoffnung aus, daß das Kiewer Attentat keine Aenderung in Mit der Stellvertretung Stolypins wurde Finanz­dem bisherigen Kurse des Staatsschiffes herbeiführen werde. miniſter Sto to w zew, ein erklärter Feind des Konstitutionalismus, betraut. schmetternden Eindruck gemacht haben.

Auf den garen soll das Attentat einen nieder.