Nr. 222.
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Redaktion: SW. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1983.
Hungersnot und Regierung.
Freitag, den 22. September 1911.
von Fufelgift verwendet, wobei allerdings ein Teil der in diesen Futterstoffen enthaltenen Nährwerte erhalten bleibt als Schlempe. Aber eben nur ein Teil! Die Schlempe, die bei der Verarbeitung von einem Zentner Kartoffeln oder Roggen zu Fusel gewonnen wird, enthält natürlich nur einen Die preußisch- deutsche Regierung denkt nicht daran, ernst- Bruchteil an Nährstoff der Kartoffeln und des Getreides. liche Maßnahmen zu ergreifen, um der in Deutschland drohenden Jett fehlt es an Startoffeln und Getreide. Folglich sollte man Hungersnot abzuhelfen. Seit zwei Monaten steht es für jeder- annehmen, daß die Vernunft gebietet, die Produktion des mann fest, daß ein Mangel an Futterstoffen in bisher nicht Fuselgiftes, wenn nicht gänzlich einzustellen, so doch auf ein dagewesenem Umfange eintreten muß. Dieser Mangel führt Minimum zu beschränken. Es würden dann 2,5 Millionen dazu, daß eine für die gesamte Volkswirtschaft gefährliche Tonnen Kartoffeln und 340 000 Tonnen Getreide( so viel verReduktion der Viehbestände eintreten muß und damit zu arbeiteten im letzten Jahre die Brennereien) als Viehfutter gleich eine weitere Preissteigerung. Denn auf der einen Seite verwendet werden. Freilich gebe es dann keine Schlempe, werden alle jene Landwirte, die Futterstoffe zukaufen müssen, aber mit diesen Kartoffeln und dem Getreide kann viermal die Aufzucht junger Tiere, der Kälber und Schweine, auf ein so viel Vieh ernährt werden, als mit der Schlempe. Die Regierung Minimum einschränken und ebenso die Mast; auf der anderen in ihrer Weisheit will aber das Gegenteil: sie will den Junkern Seite werden, wenn auf solche Weise das Angebot an Schlacht die Möglichkeit geben, das einträgliche Geschäft der Fuselfabrikation bieh zurückgeht, die Preise rasch steigen-was wiederum nicht einzuschränken, sondern auszudehnen. Allerdings würden zahlreiche Landwirte bewegen wird, auch den noch übrigen dann diese Junker so schlau sein, die auf ihren Gütern ge Bestand an Vieh zu reduzieren. wachsenen Kartoffeln nicht in den Brennereien zu verwenden, Um die Ernährung der Bevölkerung in den nächsten sondern sie zu verkaufen und würden den Fusel aus Mais Monaten sicher zu stellen und gleichzeitig einer derartigen brennen, den sie vom Auslande beziehen. Aber das würde Reduktion der Viehbestände vorzubeugen, gibt es ein einfaches zur Folge haben, daß der Mais sofort start im Preise steigen Mittel: es muß sowohl Fleisch als Futterstoff nach Deutsch - würde zum Schaden der Kleinbauern, die diesen Futterstoff land geschafft werden zu möglichst niedrigen Preisen. Das ist möglich, wenn die Grenze für die Zufuhr von gekühltem und gefrorenem Fleisch sowie von Schlachtvieh freigegeben wird unter Aufhebung des Zolles, und wenn ferner alles geschieht, um die Preise der Futterstoffe aller Art herabzudrücken.
notwendig brauchen, um ihr Vieh durchzuhalten. Somit ist diese Maßnahme geeignet, die Futternot nicht zu mildern, sondern eher noch für die Kleinbauern zu verfchärfen. Wie ein so törichter Plan entstehen kann, ist allerdings begreiflich: er würde den Junkern Millionen einbringen. Sie würden ihre für die Brennereien bestimmten Kartoffeln teuer verkaufen und trotzdem die profitable Fuselfabrikation, die so fette Liebesgaben bringt, nicht einzuschränken brauchen.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt IV, Nr. 1984.
Ueber die noch vorhandenen Differenzen macht der Matin" folgende Angaben:
, Deutschland sagt uns: Wir geben Euch Marokko . Gut. Man soll uns Maroffo frei von jeder Hypothet geben, die eine Einmischung in gutunft möglich oder wahrscheinlich macht. Deutschland gibt uns Marokko nicht, wenn es kraft des Madrider Vertrages im ganzen Lande die Gingeborenen in deutsche Untertanen verwandeln fann; es gibt uns Marotto] nicht, wenn seine Konsuln in Marotto von den Eingeborenen Schutz genossensteuer erheben und über sie die bürgerliche und Strafgerichtsbarkeit ausüben. Deutschland sagt uns ferner: Wir begreifen, daß all das für Ench in Zukunft eine Belästigung darstellt. Wir unsererseits sind bereit, darauf zu verzichten, aber natürlich nur unter der Bedingung, daß auch die anderen Mächte ihren Rechten entsagen. Darauf antwortet Frankreich : Es ist flar, daß Ihr nicht verzichten fönnt, wenn die anderen Mächte ihre Rechte bewahren. Wir werden denn auch unser möglichstes tun und sind ungefähr sicher, bei allen Mächten Erfolg zu haben, um die Unterdrückung der Konsulargerichte und die Abschaffung des Madrider Bertrages zu erlangen. Wir verlangen von Euch nur, daß Ihr erklärt, diese Bedingung grundsäglich anzunehmen und uns bei der Erlangung der An nahme durch die übrigen Mächte behilflich zu sein. Das ist die Wechselrede, die vorgestern und gestern zwischen Paris und Berlin stattgefunden hat. Die Formel, die den Niederschlag dieser Unterredung jetzt bietet, wird also erklären, daß die grundsäglich beschlossene Abschaffung der Konsulargerichts barkeit in Marotto zur Tatsache wird sowie die französischen Gerichte im Lande vollkommen eingerichtet sind, und daß während der Uebergangszeit das gegenwärtige Rechtsprechungssystem in Straft bleibt."
Die Regierung denkt indessen nicht daran, ernstliche Maßnahmen zu ergreifen. Alles was bisher geschehen ist, besteht in der Herabsetzung der Eisenbahntarife für eine Anzahl Es handelt sich also in der Tat um so untergeordnete Futterstoffe Hackfrüchte, Delfuchen, Heu und Stauhfutter aller Aber allem jetzt die Tatsache die Krone auf, daß nach Differenzen, daß die Einigung nicht lange mehr auf sich warten Art. Diese Ermäßigung erstreckt sich indessen zunächst nicht auf wie vor deutsches Getreide nach dem Auslande geht lassen kann, umso mehr da die Börsen unter der Be Getreide, das zu Futterzwecken Verwendung finden kann und und die Regierung für jeden ausgeführten Zentner unruhigung des Publikums und unter der Geldklemme leident hat somit nur eine ganz minimale Bedeutung. Denn es ist Weizen, Roggen und Hafer eine Ausfuhr prämie und die hohe Finanz mit der weiteren Hinauszögerung eine Tatsache, daß Heu und Rauhfutter kaum aufzutreiben ist, za hlt. Zur Beschwichtigung weist man darauf hin, unzufrieden ist. Nun sind ja noch über die Kongo daß ferner sowohl dieses Rauhfutter als auch Kartoffeln und daß die Getreideernte Deutschlands reichlich sei. Indessen darf kompensationen zu verhandeln sein, doch wird allFutterrüben selbst dann, wenn der Frachttarif auf die Hälfte nicht vergessen werden, daß auch in den letzten beiden Jahren, gemein angenommen, daß diese Verhandlungen glatt von reduziert wird, durch den Eisenbahntransport auf größere in denen Deutschland Rekordernten in Getreide hatte, die Zu- statten gehen werden. Entfernungen derart verteuert werden, daß die Landwirte fuhr an Getreide enorm war. So betrug 1910 die MehrDie gestrige Erklärung des Unterstaatssekretärs Zimmerganz außer stande sind, diese Futtermittel zu beziehen. Wenn, einfuhr an Weizen über 2 Millionen Tonnen, während die wie immer noch zu hoffen, die östlichen Provinzen infolge der einheimische Ernte, von der noch die zur Aussaat notwendigen mann an die Bankwelt wird heute offiziös abzuschwächen Regenfälle der letzten Wochen einigen Ueberschuß an Kartoffeln Mengen abzuziehen sind, nicht ganz 3,9 Millionen ergab, die versucht. Herr Zimmermann habe nur mit Herrn Fürstenhaben werden, so ist doch gar nicht daran zu denken, daß die Mehreinfuhr an Gerste rund 3 Millionen Tonnen, bei einer berg, dem Direktor der Berliner Handelsgesellschaft gesprochen, Landwirte im Westen und Süden diese Kartoffeln als Vieh- Eigenproduktion von 2,9 Millionen. Bei Roggen ergibt sich mit den anderen Herren nur telephoniert; er hätte auch nicht futter beziehen können, da der Preis unerschwinglich hoch dagegen eine Mehrausfuhr von rund 430 000 Zonnen und bei von zwei oder drei Tagen, sondern von einigen Lagen" Geändert wird mit diesem Abschwächungsversuch bleiben muß. Hafer halten sich Einfuhr und Ausfuhr die Wage. In diesem gesprochen. Erst in den letzten Tagen hat sich weiter die Regierung Jahre ist die Getreideernte erheblich geringer als im Vor- natürlich nicht das geringste an der Tatsache, daß das Auswärtige entschlossen, auch den Tarif für Mais und Futtergerste um jahre, und es kommt hinzu, daß unter allen Umständen die Amt den großen Finanziers Auskünfte erteilt hat, um die die Hälfte zu ermäßigen. Indessen auch dieser Maßnahme Landwirte erhebliche Mengen Roggen an das Vieh ver- Börsenstimmung zu verbessern. Entweder war das„ diplomatische dann durfte es nicht preisgegeben fann feine große Bedeutung beigemessen werden, denn auch füttern werden, weil sie keine anderen Futterstoffe haben. Geheimnis" nötig,
bei Mais und Futtergerste ist der Bezug per Bahn nur auf Somit fann von einem Ueberschuß an Getreide offen werden, oder es war nicht nötig und dann war es eine geringe Entfernungen möglich. Die Regel ist, daß diese bar teine Rede sein. Trotzdem wurde noch im August& rivolität, erst das Drängen der Finanz abzuwarten Getreidearten, die in großen Mengen aus dem Aus der deutsche Roggen als Viehfulter nach Dänemart, und nicht sofort, dem deutschen Bolte zu sagen, daß jede Gelande eingeführt werden, von den Häfen auf dem Finnland und Polen verkauft, weil die Erporteure ihn fahr beseitigt ist.
Sehr hübsch ist übrigens, wie der Wert der Halbstellt sich immerhin noch billiger als der Transport per Bahn als einheimischer Hafer fostet. Jetzt allerdings ist der Preis amtlichen Verlautbarungen, die die französische und deutsche zu den reduzierten Tariffägen. Nur jene wenigen Landwirte, in die Höhe geschnellt, die Ausfuhr lohnt nicht mehr, weil Regierung fürzlich veröffentlichen ließen und die die Ursache die darauf angewiesen sind, Mais und Futtergerste von den der Preis in Deutschland um den vollen Zoll höher ist, als der Beunruhigung der Börse waren, jetzt in der offiziöfen Städten an den schiffbaren Flüssen per Eisenbahn zu beziehen, im Auslande. So hat man künstlich den Getreide- Presse beurteilt wird. Der Offiziosus der Köln . 3tg." meint, erfahren also eine kleine Erleichterung. Da es sich dabei um preis in die Höhe geschraubt, troß der die Noten wären besser ganz unterblieben, der der den Transport auf geringe Entfernung handelt, wird es sich günstigen Ernte. Es ist erreicht! Zu den hohen Fleisch- Frants. 8tg." versichert gar, sie wären ja gar nicht um Ersparnisse von ein paar Pfennigen pro Doppelzentner preisen, zu den unerschwinglichen Preisen des Gemüses kommen ernst gemeint gewesen, da zur Zeit, als sie veröffenthandeln. Bestehen aber bleibt der Zoll, der pro Doppel- hohe Brotpreise. Aber eine weise Regierung denkt weder an licht wurden, bereits zwischen beiden Unterhändlern ein Auszentner Gerste 1,30 M. beträgt, pro Doppelzentner Mais die Beseitigung des Getreidezolles, noch an die Aufhebung der gleich formuliert worden war. Nicht ernst gemeint", 8 M. Daß bei der gegenwärtigen Marktlage dieser Zoll voll- Einfuhrscheine, d. H. der Ausfuhrprämie. Auch das hat ja wenn also die Offiziösesten der Offiziösen solche Kritik an ständig von den inländischen Verbrauchern gezahlt werden seinen Grund: die Agrarier erzielen bei einer reichlichen der Diplomatie üben, was sollen dann erst unabhängige muß, daran zweifelt wohl kein Mensch. Dabei beträgt er Getreideernte Preise, wie sie noch nie in Deutschland erzielt Kritiker sagen? bei Mais ein Fünftel des Preises der unverzollten Ware, bei wurden.
Wasserwege transportiert werden, und dieser Transport dank der Ausfuhrprämie dort billiger abgeben konnten,
Gerste ein Sechstel. Es ergibt sich also folgendes: der deutsche So arbeitet die Regierung darauf hin, die Not des Volkes Landwirt bedarf dringend der ausländischen Futterstoffe. Sie nicht zu lindern, sondern zu steigern. Die blutigen Ereignisse werden durch den Einfuhrzoll horrend verteuert, aber die Re- in Wien , die Hungerrebolten in Frankreich und Belgien , gierung hebt den Zoll nicht auf; dafür aber setzt sie den lassen die junkerliche Regierung kalt. Sie baut auf die Eisenbahntarif herab, was eine Verminderung der Transport Flinten und Säbel. Wohin sie damit kommt, wird sich kosten um eine Rappalie bedeutet. Welche Fürsorge, welche zeigen. Weisheit!
Die Marokkoaffäre.
Nachdem die gestrige Unterredung zwischen dem Botschafter so wünschenswert er ist, nicht nur von der Antwort aus Berlin , Cambon und dem Staatssekretär v. Kiderlen, Baechter sondern auch von der Aufnahme in Paris abhängt. Es scheint mun die Neigung Deutschlands bestätigt hat, den Boden nach alledem, daß die Antwort, die von Paris zu erwarten ist, durcheiner endgültigen Verständigung mit Frankreich über aus günstig sein wird." Matin" schreibt: Informationen aus Maroffo zu suchen, tann man der Ansicht sein, daß nach der Prüfung Berlin und Paris gestatten es, einen baldigen Abschluß mit des deutschen Standpunktes, dem sich die französische Regierung in Optimismus vorauszusehen. diesen Tagen widmen wird und nach einer endgültigen Ausarbeitung der vorliegenden Formeln ein Einverständnis wird erzielt werden können.
Paris , 21. September. Die optimistische Stimmung der Blätter hält auch heute an. Man ist beruhigt über die Verſicherungen, die der Unterstaatssekretär 3 immermann den Vers tretern der Berliner Großbanken über den bald bevors ste benden Abschluß der Verhandlungen gegeben hat. Der Berliner Korrespondent des Figaro" erzählt, ein Diplomat, hinter dem man nach gewissen Andeutungen einen französischen Aber die Regierung tut noch etwas: sie will eine Aendevermutet, habe ihm am Sonnabend erklärt: Ich hoffe, das Abrung des Branntweinsteuergefeges bewilligen. Es handelt kommen wird nächster Tage in einer für Deutschland sich da um folgendes: es sind bekanntlich die junkerlichen Schnapsbrenner privilegiert, sie zahlen von dem in land- Man darf nun endlich ziemlich sicher sein, daß die Ver und Frankreich vorteilhaften Weise perfekt werden. Ich glaube, wirtschaftlichen Brennereien hergestellten Fusel eine geringere handlungen kurz vor ihrem Abschluß stehen. Deutschlands Antwort wird um zwei Tage verschoben werden. Man Steuer, als andere Brenner. Als landwirtschaftliche Brenne- Eine halbamtliche Note der französischen Regierung besagt: darf nicht übertrieben optimistisch sein, weil der endgültige Abschluß, reien gelten solche, die Rohstoffe aus dem eigenen Landwirt. schaftlichen Betriebe der Besizer verarbeiten und die Nebenprodukte, die Schlempe, in dem eigenen Betriebe an das Vieh berfüttern. Aus den Andeutungen der offiziösen Presse geht hervor, daß diese einschränkenden Bestimmungen durch eine Verordnung des Bundesrats aufgehoben werden sollen. Die Folge würde sein, daß diese landwirtschaftlichen Brennereien Entlassung der französischen Reservisten. nunmehr auch gekaufte Produkte verwenden würden. Das, so folgern die Offiziösen, würde bewirken, daß mehr Paris , 21. September. Eine Note der„ Agence Havas" besagt: Schlempe zum Viehfutter zur Verfügung stehen würde. Fehlt auch auf deutscher Seite eine offizielle Bestätigung, Die Entlassung der Reservisten muß am 24. und 26. SepDie Logit dieser Ausführungen ist schier unglaublich. so läßt die offiziöse Presse doch deutlich erkennen, daß die tember für das 6. und 20. Korps stattfinden, vom 24. September ab In normalen Zeiten wird ein Teil der in Deutschland ge- deutsche Regierung die optimistische Auffassung der französischen für das 7. und 2. Korps, vom 26. September ab für das 1., 9. und ernteten Kartoffeln sowohl als des Getreides zur Produktion teilt. 14. Korps, für alle anderen Korps am 24. September.