Einzelbild herunterladen
 

Nr. 70.

Erscheint täglich außer Montag Abonnements- Prets für Berlin : Vierteljährlich 3,30 Mart, monats lich 1,10 Mart, wöchentlich 28 Pfg. fret in's Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags- Nummer mit dem ,, Sonntags Blatt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 3,30 Mart pro Quartal. Unter Kreuzband : Für Deutschlandu.Desterreich- Ungarn 2 Mart, für das übrige Ausland 3 Mart pro Monat, Eingetragen in der Post- Zeitungs- Preisliste

für 1891 unter Nr. 6469.

Vorwärts

8. Jahrg.

Insertions- Gebühr beträgt für die fünfgespaltene Petitzeile oder deren Raum 40 Pfg., für Vereins- und Versammlungs- Anzeigen 20 Pfg. Inferate für die nächste Nummer müssen bis 4 Uhr Nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist an Wochentagen bis 1 Uhr Mittags und von 8 bis 7 Uhr Nachmittags, an Sonn- und Festtagen bis 9 Uhr Vormittags geöffnet.

Fernsprecher: Amt 6, Nr. 4106.

Berliner Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: Beuth- Straße 2.

Stöcker's Staatsideal.

Wenn Einer, so ist Herr Stöcker Meister in der Kunst, mit vielen Worten nichts zu sagen, was den herrschenden Klassen unbequem sein könnte. Er ist der Virtuose jener Dialektik, welche von den politischen Klopf­fechtern auf das höchste geschätzt wird, die im Nachsaye immer das zurücknimmt, was sie im Vordersatze zugestan­den hat, die aus richtigen Prämissen mit klarer, bewußter Absicht falsche Schlüsse zieht und die Thatsachen um= frempelt wie Handschuhe. Seine Beweisführung schielt, und fein Satz steht fest, ehrlich, gerade da, der Vorbehalt, die Mentalreservation, lauert hinter jedem Worte des neuen Luther . Ohne Entstellung, ohne Beimischung einer Un­richtigkeit, einer mehr oder weniger objektiven unwahrheit kann die Logik des Herrn Stöcker nicht vorwärts kommen in dieser harten, bösen Welt, welche dem Guten so viele Anfechtungen bereitet. Und nicht jeder Kleriker ist so sattelfest und unerschütterlich wie der heilige Antonius.

In der Flugschriften- Sammlung Evangelisch- soziale Beitfragen" ist fürzlich auch ein Pamphlet Stöcker's: Sozialdemokratie und Sozialmonarchie erschienen, das den Herrn Hofprediger außer Diensten wieder einmal im Kampfe gegen die Mächte der Finsterniß einem staunenden Publiko vor Augen führt. Es ist selbstverständlich, daß auch auf diesen paar Dutzend Druckseiten Stöcker ganz Stöcker ist und das bestätigt, was wir soeben über seine Eigenart ausgeführt haben.

Dienstag, den 24. März 1891.

Expedition: Beuth- Straße 3.

Wie steht es aber heute? Herr Stöcker erklärt: die Privilegien der Herrschenden nicht antastet, welcher Diesmal aber ist es mit dem Hereinbrechen einer neuen die Ausbeutung der arbeitenden Klasse durch die Besitzenden Epoche etwas anderes. Sonst wenn die Revolutionen einer in ihren mannigfachen Schattirungen und Schichtungen Geistesrichtung Bahn zu brechen unternahmen, stand es immer sanktionirt, zur höheren Weihe aber sie mit einem Tropfen so, daß die neuen Gedanken nur auf einer Seite lebendig waren. pfäffischen Dels salbt. Der durchführbare" Sozialismus In einer bestimmten Volksklasse herrschte eine Gährung, die

"

fich allmälig zu einem Voltssturm zusammenballte. Heute ist ist derjenige, welcher praktizirt wird auf Kosten der Armen es anders; der Sozialismus ist nicht das Eigenthum der revozu Gunsten der Reichen, derselbe Sozialismus, welcher Iutionären Richtung, welche man Sozialdemokratie nennt,

"

sondern, soweit er gesund und durchführbar ist, die überwiegende Agrar- und Industriezölle den Massen aufhalst, Ausnahme­Geistesrichtung aller Klassen und Stände. Die Fürsten wollen gesetze ein Jahrzehnt und darüber mit eiserner Gewalt soziale Reformen, die Regierungen folgen ihnen, die national- verhängt und ausführt, durch Scheinreformen und kleinliche ökonomische Wissenschaft hat vorgearbeitet und steht mitthätig Zugeständnisse die Arbeiter zu fesseln sucht und sofort am Wert, große Schichten unseres Voltes, auch unter den Be Schiffbruch leidet, wenn es sich um positive, wirkliche schaftlichen Anschauungen den Abschied gegeben und wollen Sozialpolitik, um Arbeiterschutz, um Erleichterung der auf mithelfen, daß die unvermeidliche Sozialreform sich friedlich dem Volte ruhenden Bürden handelt. Und im Munde vollziehe. Das, was die Sozialdemokratie als Vertreterin der des Herrn Stöcker, der Alles gethan und bewilligt hat, arbeitenden Klaffen Gutes hat, wollen mit Ausnahme einiger was geeignet war, die arbeitende Klasse zu unterdrücken, furzsichtiger und zurückgebliebener Geister im Grunde wir alle; und das Schlechte daran, den Umsturz und den Unglauben, die sei es, daß er für das Sozialistengesetz, sei es, daß er für Vernichtung der persönlichen Freiheit und des Familienlebens die Lebensmittelzölle, sei es, daß er für irgend welche fann fein Bernünftiger wollen. Gewiß, es macht durchaus den andere volksfeindliche Maßregeln stimmte, im Munde dieses Eindruck, als ob ein neues Reich von Gedanken im Anzug Mannes gerade klingt es wunderbar, wenn er die Sozial­wäre. Die absterbende Dynastie von Manchester hat keine An­hänger mehr; sie ist auch nicht werth, daß man ihr eine Thräne demokratie beschuldigt, sie wolle die Vernichtung der nachweint. Auf ihren Trümmern erhebt sich das Königthum persönlichen Freiheit"! des Sozialismus, das in der Form des sozialen Königthums So versteht sich leicht, was das soziale Königthum" bereits angebrochen ist. In seinem tiefsten Grunde ist es jedem des Herrn Stöcker, die Sozialmonarchie", bedeutet, welche Die achtzehnhundert Jahren ein Reich begründet, das nicht blos im er mit dem demokratischen Sozialismus kontrastirt. Arbeiterstande, sondern unter allen lebendigen Gläubigen feine politischen Kämpfe der allerjüngsten Zeit, die Vorgänge freudigen Bürger und Bekenner hat." im Reichstag, die Opposition der Stützen des Thrones", Das ist der Kern der Broschüre, der Fünftelsaft der sobald es sich um die Verbesserung der Arbeiterzustände Die Geschichtsauffassung unseres Autors fehrt sich Stöcker'schen Darlegungen, und wenn in späteren Zeiten handelt, man denke an die Arbeiterschutz- Debatten nicht an die wirkliche Entwicklung der Dinge, sondern schafft von dem geliebten Gottesmann" nichts erhalten würde, und an die Agitation in Sachen des deutsch - österreichischen sich die Zustände so, wie sie ihm in den Kram passen; als diese Sätze, so könnte ein historischer Cuvier ohne Handelsvertrages illustriren die Stöcker'schen Aus­auf diese Art formt er die historischen Ereignisse nach seinem große Schierigkeiten aus diesen Ueberresten den ganzen führungen vortrefflich. Schritt für Schritt weicht die Re­Bilde und hat keine Mühe, jedesmal das zu beweisen, was Menschen wie er war wiederherstellen. Die neue Epoche, gierung vor dem Ansturm des Kapitalismus zurück, und er bewiesen haben will Der Mißbrauch der Worte: in der wir leben, ist zwar die Zeit der Klassenkämpfe; in die Thatsache, daß im Klassenstaate der beste Wille fozialistisch, Sozialismus ist das Mittel, mit welchem er unseren Tagen wird der Gegensatz zwischen Besitzenden nichts vermag gegen die Organisation der Klasseninteressen, die Geschichte sich und seinen gläubigen Lesern konstruirt. und Besitzlosen, zwischen Kapital und Arbeit zwar mehr tritt klipp und klar zu Tage. Was die Arbeiterklasse vom Dann hat er nicht nöthig, die verschiedenartigen Lebens- und mehr erweitert, vertieft, verschärft, die proletarische heutigen Staat erlangen will, muß sie erkämpfen, was sie bedingungen, die treibenden Kräfte der einander ablösenden Bewegung, der moderne Sozialismus ist anerkannter Maßen erlangt hat, verdankt sie ihrer Kraft, ihrer politischen Er­Geschichtsperioden richtig darzulegen und zu würdigen, und der reine Ausdruck dieser gewaltigen sozialen Umwälzung starkung, der Furcht des Bürgerthums vor der Arbeiter­im Nu verschwinden die grundlegenden Differenzen zwischen und Zersetzung, doch diese Thatsachen fechten Herrn Stöcker bewegung. Jede Konzession ist ein Ergebniß des Klassen­der Antike, dem Mittelalter und der Befreiung der Bour- nicht an. Der Sozialismus ist das Gemeingut aller kampfes, ist ein Zugeständniß, das der naturgesetzlich geoisie. Der antisemitisch- konservative Stöcker geht also Klassen, so sagt Herr Stöcker, alle sind Sozialisten, sagt vorwärtsschreitenden, immer machtvoller sich auswachsenden Hand in Hand mit der lustigen Person des National- Herr Stöcker; der Sozialismus, soweit er gesund und Bewegung des klassenbewußten Proletariats gemacht wird. liberalismus, Herrn von Eynern, über dessen historisches durchführbar ist", lautet seine Formel. Der Großgrund- Das Gemengsel von halben Wahrheiten und ganzen Kapriccio wir kürzlich zu berichten Gelegenheit hatten. So besitzer, der Schlotbaron, der Börsianer, der Großrheder unwahrheiten, mit denen Herr Stöcker seinen sozial­bringt es Herr Stöcker fertig zu sagen, daß jedesmal und last not least der Hofprediger sind durch die monarchischen Salat garnirt, verdient es nicht, genauer sozialistische Bewegungen großen Volksstürmen voraus- Bank Anhänger des Sozialismus, soweit er die untersucht zu werden. Daß er seinen Fandango auf Eiern den den Unternehmerprofit, gegangen sind", daß die französische Revolution", diese Grundrente, Kapital- bis zum Ende tanzt, Lassalle, trotzdem diese Fabel zehn­die Geburtshelferin der bürgerlichen Gesellschaft, in ihren Anzins, Handelsgewinn, fetten Pfründen mal widerlegt ist, zu einem Fürsprech des sozialen das ist Königthums" stempelt, daß Der gute" Sozialismus, er wie fängen mehr sozialistischer Umsturz als politische Um- nicht tangirt. der eifrigste wälzung war." derjenige, welcher die Klaffengegensätze bestehen läßt, welcher Selbsthilfer das Lob des Sparens singt, daß er die

"

Feuilleton.

Nachbruc verboten.]

( 19

Die Falkner von St. Vigil. Roman aus der Zeit der bayerischen Herrschaft in Tirol

den

"

zäunen, welche die Landstraße auf beiden Seiten einfaßten, weiter. Ein Ziel hatte er nicht, aber seine Füße trugen ihn mechanisch nach Hause.

Wie die Flamme aus trockenem Reisig, wenn ein bren­neuder Span daran gehalten wird, rasch und hoch auflodert, so war das Bewußtsein seiner Liebe zu Stafi in einer jähen Auf der Brücke, die über den Spitzhörndlbach führte, Feuersäule in ihm emporgestiegen, als Ambros das Mädchen zur Zeugin für sich aufgerufen hatte. Der Brennstoff war blieb er stehen und schaute in die wirbelnden Fluthen. schon lange in seinem Herzen aufgehäuft gewesen, ohne daß Sonst enthielt der Bach nur wenig Wasser; heute war er es wußte. Der Regen vom Himmel hatte das Feuer er vom Regen geschwellt und brauste und toste zwischen nicht zu löschen vermocht, das Beten wollte es auch nicht den Steinen und schlug schäumend über denselben zu­Und dort stand die Kanzel, auf der er nur gestern sammen. Die Wellen flutheten triumphirend über jedes thu. von Robert Sa, weichel. so stolz auf seine priesterliche Mission das Haupt erhoben Hinderniß fort, und Hannes fragte sich, warum er sich Wo er kniete, waren die Fliesen naß. Der zerklüfteten hatte! Er wagte nicht hinzusehen, als er die Stätte ver- widerstandslos einem fremden Willen gebeugt hätte? Er Eisengabel gegenüber ist ein kleiner See, dessen grünes Wasser ließ, au der er umsonst zu seinem Herrn und Meister ge- erinnerte sich, wie er in seinen ersten Universitäts- Sommer­in dem Dickicht alter Tannen schlummert. Nur um die Mittags- rufen hatte. Gesenkten Hauptes schlich er an der Kanzel ferien von Innsbruck über den Brenner nach Hause ge­stunde an sonnigen Tagen öffnet er sein flares Auge. vorüber. Wie war der Priester in ihm gedemüthigt, und wandert war, nur einen mühsam ersparten Gulden in der Bemooste Felsblöcke, die einst von dem Gipfel der Eisen- ein unsäglich bitterer Zug umspannte seine schmalen Tasche, denn der Vater hielt ihn sehr knapp, war er doch nicht der Erbe des Klosterhofes. Ja, wäre es dem Ambros gabel herabgestürzt sein mögen, lagern zwischen den ge- Lippen.

waltigen Stämmen. Dort hatte Hannes zuletzt gesessen oder Es hatte aufgehört zu regnen, der Wind die Wolken in den Sinn gekommen, sich Studirens halber in Innsbruck gelegen; von dort ihn ein Erbrausen über seinem Haupte auseinander gerissen, und in Fetzen hingen sie an den Berg- aufzuhalten, der hätte den Hosensack voll Batzen und aufgejagt. Es war der Wind, der sich erhoben; er aber wäldern und Felsen, von denen sie allmälig aufgesogen wurden. nicht nöthig gehabt, seine Füße demüthig heute unter diesen, hatte die Stinime zu hören geglaubt, vor der sich Adam im Die Dolomiten hoben ihre weißen Glieder aus den Wolten morgen unter jenen Tisch zu stecken, um sich wenigstens Paradiese versteckte. Ich hörete Deine Stimme im Garten und Dünften. Hier glänzte ein Haupt, dort eine Schulter einmal am Tage satt zu essen. Aber Hannes gedachte auf und fürchtete mich, denn ich bin nackend." Ja, Hannes er in der untergehenden Sonne auf. An den Gräsern jener Wanderung nicht der Demüthigungen durch fromme kannte, daß er nackend war, er, der Priester, nackend gleich und Fruchthalmen funkelten die Regentropfen und wenn Almosen. Nie war ihm die Welt so schön erschienen. einent gewöhnlichem Sterblichen, denn er hatte wie Adam der Wind die Bäume schüttelte, sprühten Demanten von Bisher hatte er den Beruf, für den er von dem Vater von der Frucht der Erkenntniß genossen. Und er floh in ihren Kronen. Die Sperlinge kamen unter den schüßenden bestimmt worden, als etwas Selbstverständliches hin­das Gotteshaus von St. Vigil und rang die Hände Zweigen und Dächern hervor; Schwalben blitzten im nie- genommen und er war ja auch gläubig und fromm, und im Gebet. Nein, er fonnte nicht beten, er stammelte: brigen Fluge über die Felder hin, und hier und da ver- keine religiösen Strupel regten sich in ihm, als er von dem " Und führe uns nicht in Versuchung, sondern erlöse uns suchte eine Meise, Ammer oder ein Fink schüchtern den Brenner auf Glockensaß und das gen Süden streichende Eisackthal hinabschaute. Aber zum ersten Male hatte feine von dem Uebel;" aber er fühlte, daß es unnütze Worte Wohllaut seiner Kehle. waren, denn er war ja der Versuchung bereits erlegen; er Die Wolfen in dem Gemüthe des jungen Geistlichen Seele ihre Schwingen frei von jedem Drucke entfaltet, hatte liebte, er, der Priester! zerstreute kein Luftzug. Müde ging er zwischen den Stangen- er den Impuls von reicheren Lebens- und Geistes­