Nr. 30.
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Berliner Volksblatt.
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Sand in die Augen.
Mit einem komischen Eifer stürzt sich die„ Deutsche Tagesztg." am Sonntag auf das neue Steuergesetz, das die preußische Regierung soeben dem Landtag vorgelegt hat. Nach Gerechtigkeit schreit des Agrariers Herz, und deshalb kann er es nicht vertragen, daß der preußische Finanzminister hinfort die Gewinne aus Spekulationsgeschäften, sofern sie nicht gewerbsmäßig betrieben werden, steuer frei laffen will. Die höchsten Töne sittlicher Entrüstung findet das Agrarierblatt ob solchen Unrechts!
" Der einfache Verstand des werftätigen Mannes, der durch feine förperliche oder geistige Arbeit das zu seinem und seiner Familie Unterhalt notwendige Einkommen erwirbt, wird es nicht begreifen, sondern es als eine schwere Ungerechtigkeit empfinden, wenn man dieses besteuert, derartige mühelose" Gewinne aber ohne weiteres von der Steuer befreit."
Zwar gibt der Minister( in der Begründung des Gesezentwurfs) an, die Feststellung, ob in einem speziellen Falle ein Spefulationsgeschäft vorliegt oder nicht, sei stets fo schwierig gewesen, daß doch nichts Rechtes dabei herausgefommen sei. Aber solchen Grund läßt der Gerechtigkeitsfanatismus der Deutschen Tagesztg." nicht gelten. m Gegenteil," meint sie, sollte dies doch nur den Gesetzgeber anspornen, nach Mitteln und Wegen zu forschen, diese oft nur auf Kosten der nationalen Arbeit sich bereichernde, aber sich vorsichtig der Deffentlichkeit entziehende Plusmacherei endlich auch in gerechter Weise zu den Lasten des Staates heranzuziehen." Da bleibt ja fein Auge trocken, sagt der Berliner . Wer wollte jezt nicht der Deutschen Tagesztg." bescheinigen, daß fie von einem wahren Fanatismus für gerechte Steuerzahlung beseelt sei!
Dienstag, den 6. Februar 1912.
Soll den Landräten das Geschäft der Einschäßung abge- rung rechtfertigen, die Empörung über die Maßnahme ommen oder sollen sie wenigstens von den großen Grund- des Kohlenkapitals vielleicht gar auf die begehrlichen I hesizern unabhängig gemacht werden? Das sind denn doch Arbeiter ablenken. weit wichtigere Fragen als die, ob der Staat die halbe Wie alle anderen, setzen auch die ultramontanen Blätter Million aus Spekulationsgewinnen hinfort bekommt oder ihren Lefern die Preßnotizen aus dem Unternehmerlager ganz un
nicht.
kritisch vor. Der Wahlpakt der Ultramontanen mit den ScharfDie Deutsche Tagesztg." weiß natürlich genau, weshalb machern verpflichtet zu solchen Liebesdiensten. Auffällig ist, daß die sie an diesen Dingen vorübergeht. Sie müßte sonst nämlich Unternehmer bescheiden verschweigen, in welchem Maße sie die Löhne Das Ausmaß dieser der Oeffentlichkeit mitteilen, daß die Agrarier beim Steuer- bon 1907 bis 1909 her abgesezt hatten. zahlen in Zukunft genau so hartleibig bleiben werden wie fozialen Zäätigkeit rüdt die Lohnsteigerungen erst in die richtige bisher: sie haben es durchgesetzt, daß einfach alles beim Beleuchtung und es läßt unter Berücksichtigung der veränderten alten bleibt! Ueber die Frage, ob die Landräte zur Sohlenpreise erkennen, welche Opfer" die Unternehmer bringen. Einschäßung geeignet feien, äußert sich die Regierung Das Verfäumte sei hier nachgeholt. überhaupt nicht. Sie läßt einfach den Baragraphen weisungen über die Ergebnisse des Kohlenbergbaues im Oberberg bestehen, der die Landräte in der Regel zu Vorsitzenden der amtsbezirk Dortmund ergeben sich für das dritte Quartal der aufVeranlagungsfommissionen macht, ohne doch auch den Vor- geführten Jahre folgende Zahlen: wurf Delbrüds mit einem Wort zurückzuweisen. Was aber Finanzminister ganz fühl: die Buchführung der Landwirte betrifft, so meint der Herr
1907 1908
•
1909
9
Belegschaft
Nach den amtlichen Nach
Lohn pro Arbeiter pro Schicht
Gesamte Lohnfumme M.
im Viertel
jahr
M.
M.
292 309
120 904 583
414
4,94
323 303
126 730 096
392
B
4,82
114 843 804
351
4,48
119 050 918
361
4,57
126 764 170
376
4,72
327 003 1910 829 967 1911.. 837 091
Bislang ist man über die Grundzüge der landwirtschaftlichen Buchführung noch keineswegs zu einer einheit lichen und einwandfreien Auffassung gelangt." Deshalb könne man den Landwirten nicht wie den Raufleuten- eine bestimmte Buchführung vorschreiben. Auch habe die berufene Vertretung der Landwirtschaft", nämlich Demnach waren die Löhne im 3. Vierteljahr 1911 noch um 22 Pf. das Landesökonomiekollegium, sich ausdrücklich niedriger als im Jahre 1907! Auf das ganze Bierteljahr begegen die Unterstellung der Landwirte rechnet macht das Weniger den Betrag von 38 Mart aus! So unter gleiche Veranlagungsvorschriften, wie steht es mit den reflamehaft in die Welt hinausgeschrienen Lohnfie für die zur Führung von Handelsbüchern erhöhungen! Auffällig ist, daß trok fortgesetter Zunahme der verpflichteten Raufleute gelten, ausge- Belegschaftsstärke die Gesamtlöhne start zurüdgingen. Es brochen." Wozu man wissen muß, daß zwei Drittel der wurden mehr Leute eingestellt, dafür aber die Löhne so energisch Mitglieder des Landesökonomiekollegiums von den 2and- beschnitten, daß für die größere 8ahl Arbeiter eine wirtschaftskammern gewählt werden, die ihrerseits leinere 2ohnsumme zu zahlen war. Da diese Entwickelung Nun liegt uns natürlich nichts ferner, als Steuerbe- nur aus größeren Landwirten bestehen. zusammenfällt mit einer enormen Verteuerung aller Nahrungsmittel, trüger irgendwie in Schuß zu nehmen. die industriell kapita- Was hier der Finanzminister anführt, sind also im bedeutet sie unstreitig auch eine erhebliche Verschlechterung der Listischen ebensowenig wie die agrarischen. Aber um die Er- wesentlichen dieselben Gründe wie bei den Spekulationsge- Lebenshaltung.„ Opferbereitschaft“ und„ Arbeiterfreundlichkeit" der regung der Deutschen Tagesztg." richtig einzuschäßen, muß winnen: man fann von den Agrariern nicht so viel heraus- Kohlenfürften fann aber erst dann vollständigt werden, wenn man man wissen, daß die ganze Steuersumme, die der preußische holen, wie sie schuldig find, weil wegen der unzureichenden die Entwidelung der Kohlenpreise ebenfalls mit Staat bisher aus folchen Spekulationsgewinnen zieht, höch- Buchführung die Feststellung ihres Vermögens und Einfom- berüdsichtigt. Nach den amtlichen Angaben kostete nämlich stens eine halbe Million Mark pro Jahr aus- mens zu schwierig ist. Sollten hier nicht ebenfalls die Worte die Tonne: macht. Und der Finanzminister meint, das sei die folossale der Deutschen Tagesztg." gelten, daß solche Schwierigkeit Arbeit nicht wert, die die Feststellung solcher Gewinne den Gesezgeber erst recht anspornen müßte, nach Mitteln und bei dem bekannten Raffinement der Spekulanten den Wegen zu forschen, um diese Besitzenden endlich auch in geSteuerbehörden macht. Mit anderen Worten: hier sei die rechter Weise zu den Lasten des Staates heranzuziehen"? Elle länger geworden als der Kram, deshalb solle man lieber und die Mittel und Wege dürften gar nicht mal so schwer zu auf die halbe Million verzichten. finden sein. Denn uns soll man nicht erzählen, daß für einen landwirtschaftlichen Betrieb keine geordnete Buchführung möglich sei. Solches Märchen mag der preußische Finanzminister glauben; aber Leute, die das praktische Leben und die praktische Buchführung fennen, glauben es nicht.
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Fettfohlen, ab Wert Effen magere Kohlen, ab Werk
•
1906 1907 1908 1909 1910 1911 M. M. M. M. M. M. 11,80 12,50 12,80 12,80 12,80 12,75 10, 10,80 11,- 10,60 10,50 10,50 10,30 11,10 11,30 10.90 10,80 10,75
Essen. 8,70 9,50 10,40 10,50 10,20 10,- Seit 1906 find die Preise sämtlicher Sorten gesteigert worden. Als die Löhne fanten, stiegen die Preise! Sogar im Vergleich mit dem Jahre 1907, in dem die höchsten Löhne gezahlt worden sind, ergibt sich für 1911 bei den wichtigeren Sorten noch ein höherer Erlös, bei Stüdfohlen um 25 Pfennig, bei
Ob diese Ansicht des Finanzministers richtig ist oder nicht, wird das Abgeordnetenhaus nachzuprüfen haben. Wenn aber die Deutsche Tagesztg." wegen der halben Million Spekulationsgewinne einen so furchtbaren Radau schlägt, wie steht es dann mit den sehr viel größeren Steuer- Wenn demnach das führende Agrarierblatt an den hinterziehungen, die den Besitzenden seit Jahr und Tag na ch- bielen, vielen Millionen stillschweigend vorübergeht, die der gewiesen worden sind und die bei der jetzigen Regelung Staat alljährlich durch den Steuerbetrug der großen Bedoch vor allen Dingen erfaßt werden müßten? Hier fiber verliert, wenn es ganz damit einverstanden ist, daß mageren Kohlen um 50 Pfennig. Demgegenüber fallen die Erhandelt es sich nicht um eine halbe, sondern um mehrere daran auch in Zukunft nichts geändert werden soll, dann steht mäßigungen für Puddel- und Fettfohlen weniger ins Gewicht. Zu Hundert Millionen. Aber darüber schweigt des es ihm wahrlich schlecht an, sich wegen der halben Million alledem ist auch noch die Förderung der Zechen des Kohlensyndikats Sängers Höflichkeit! Kein Sterbenswörtchen davon findet aus Spekulationsgewinnen die Haare auszurupfen. Das ist fast fortgefekt gesteigert worden, von 80,1 Millionen Tonnen im man in der Deutschen Tagesztg.". Und doch läge gerade nur Sand in die Augen der Deffentlichkeit. Auch wir sind Jahre 1907 auf rund 87 Millionen Tonnen im Jahre 1911. bei den neuen Steuergeseßen Anlaß genug dazu vor. selbstverständlich für die Steuerfreiheit irgend welcher tapi- Gesamtergebnis unserer Feststellungen über die Syndikatspolitik wäre talistischen Einkünfte nicht zu haben, und für die der Speku- folgendes: lanten am allerwenigsten. Aber darum wollen wir doch nicht, daß die allgemeine Aufmerksamkeit von den sehr viel größeren Verlusten abgelenkt wird, die die Herren Agrarier dem Staat verursachen.
Die Bergarbeiterlöhne als Köder.
Das
Gesteigerte Produktion, höhere Preise und niedrigere Löhne!
Dieses Resultat erklärt die Sucht der Grubenbarone, durch irres führende Pressenotizen gute Stimmung für sich zu machen!
Friedensitimmen aus England.
Unsere Leser werden sich erinnern, daß der Vorwurf der Steuerunterschlagung( im Betrage von etwa 120 Millionen Mark für den Umfang des preußischen Staates) allen Befizenden gemacht und ziffernmäßig belegt und bewiesen worden ist. Raum war das veröffentlicht, so meldete sich mit einer besonderen Wut die agrarische Presse, an ihrer Epiße die Deutsche Tagesztg.", und wies für die ländliche Besitzenden mit Entschiedenheit den Vorwurf zurüd. Die Folge davon war, daß sich fortan die Diskussion vorzugsweise um den Steuerbetrug der Agrarier drehte, obwohl ursprünglich die Besitzenden aus den Kreisen von Industrie, Handel, Bank und Börse genau ebenso beschuldigt worden waren wie die Agrarier. Bei dieser Diskussion wurden Dinge bekanntgegeben, die man bis dahin für unmöglich gehalten hätte. Man erfuhr, daß es Buchhaltungsbureaus gibt, die sich speziell damit beschäftigen, für große Grundbesitzer die Bücher zu führen und die Abschlüsse so einzurichten, daß gar fein oder nur ein sehr geringes Einkommen herausgerechnet wurde. Es wurden große Güter angeführt, deren Wert der Steuerbehörde viel zu niedrig angegeben war; fo erzählte Professor Delbrüd von einem Gut, das um die Kleinigkeit von einer Million unterschäßt" ist. Endlich wurde mitgeteilt, daß die " Der gegenwärtige Augenblick verspricht große politische Möglichkeiten. Das deutsche Volt hat in einer überLandräte als Vorsitzende der Einschätzungskommissionenwältigenden Kundgebung in den Wahlen seine friedfertigen erstaunlich leichtgläubig feien, und daß gerade hierin die Absichten dokumentiert. Wenn auch die deutsche Regierung nicht Hauptursache liege, warum der Steuerbetrug den großen Nach einer Meldung haben viele Zechen bereits weitere Lohn- wie die englische der Ausdruck des Volkswillens ist, so fann sie ihn Agrariern so leicht werde. Professor Delbrück ging sogar so erhöhungen eintreten laffen, andere follen bereit sein, auf dem be- doch nicht vollständig ignorieren. Im Gegenteil, alle Anzeichen deuten weit, zu behaupten, daß ein Landrat, der es unternehmen tretenen Wege zu folgen. Ferner hört man, daß bei An darauf hin, daß das offizielle Deutschland die gleiche wollte, die großen Herren seines Kreises richtig einzuschäßen, halten der jezigen günstigen Konjunktur der höchste Stand vom Friedensbereitschaft hat wie das demokratische. Es ist feine ganze Karriere aufs Spiel sebe. Das sind Dinge," Jahre 1907, demnächst wieder erreicht werden soll? Man notorisch, daß der Kaiser den Frieden wünscht. Diese Haltung schrieb Herr Delbrüd, die jedermann weiß, der einmal mit beachte:„ bei Anhalten" und demnächst! In einer bringt ihn ständig in Konflikt mit der deutschen Jingopartei. der preußischen Verwaltung Fühlung gehabt hat." anderen Notiz wird mitgeteilt, die Zechen seien bereit, ungefähr die Der Wunsch des Reichstanzlers, der ein einfacher offener Man sollte nun meinen, wenn heute ein agrarisches Blatt Hälfte der kürzlich beschlossenen Preiserhöhung für Lohn- Mann ist und dessen politische Aufrichtigkeit man nicht anfich mit solchem Eifer über die neuen Steuergeseze hermacht, aufbesserungen zu verwenden. Der Hinweis auf die Preis zweifeln darf, geht auf eine Verständigung mit England. dann läge es ihm am nächsten, einmal zu erörtern, was denn erhöhung enthüllt den 3 wed der ganzen Uebung! Die Die Sympathien der deutschen Finanzwelt liegen in die Regierung tun will, um die agrarischen Steuerbetrüger Ueberschwemmung der Preise mit Notizen über hohe und steigende gleicher Richtung. Wir können also die Idee, Deutschland , hinfort besser zu fassen. Sollen die Landwirte zu einer Bergarbeiterlöhne soll die unter fistalischer Mit sei es nun die Regierung oder das Volt, wünsche uns richtigen Buchführung verpflichtet werden? lwirtung vorgenommene rigorose Preissteige- lanzugreifen, als falfo zurüdweifen. Andererseits muß man
Die Breßabteilung des Vereins der rheinisch- westfälischen Gruben fapitalisten entwidelt eine fieberhafte Tätigkeit. In die gesamte bürgerliche Presse lancierte sie Notizen, laut welchen die Löhne der Politik Sir Edw. Greys, die zu einem scharfen Gegensatz zu Man weiß, daß ein großer Teil der englischen Liberalen mit der Bergarbeiter im Industriegebiet seit 1909 schon sehr start gestiegen Deutschland geführt hat, sehr unzufrieden ist und mit einer Energie, feien und die Steigerung trotzdem noch weiter anhalte. In den die den deutschen Liberalen sehr zu wünschen wäre, gegen die verschieden redigierten und mit verschiedenem, die Unternehmer ministerielle Politik Front gemacht hat. herausstreichendem Beiwert versehenen Notizen wird gleichlautend Opposition nicht ohne Erfolg geblieben ist, und gleichzeitig wird aus Es scheint, daß diese folgendes über die Lohnentwidelung gefagt: London gemeldet, daß zwischen Berlin und London gegenwärtig „ Während des dem Aufschwung des Jahres 1907 folgenden wichtige Verhandlungen schweben, um zu einer VerständiNiederganges erreichten die Löbne der Bergarbeiter des Ruhr- qung zu gelangen. In diesem Zusammenhang gewinnt auch ein bezirks im zweiten Viertel des Jahres 1909 mit 4,45 M. auf den Artikel der„ Daily News", die zu dem linken Flügel des liberalen Kopf der Gesamtbelegschaft und 5,28 m. der Hauer ihren tiefsten Stabinetts Beziehungen hat, an Bedeutung. Das Blatt schreibt: Stand. Seitdem ist zunächst eine langsame, im abgelaufenen Jahre stärker hervorgetretene Aufwärtsbewegung der Löhne erfolgt, welche sie im dritten Viertel des Jahres 1911 auf 4,72 und 5,58 M. brachte. Für das vierte Duartal dürften sich Löhne von 4,80 und 5,70 M. ergeben."
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