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Nr. 38.

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Telegramm- Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin"

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Mr. 1983.

Weg mit dem Kartoffelzoll.

Donnerstag, den 15. Februar 1912.

Einer Einfuhr von Kartoffeln vor dem 15. Februar be­gegnete im vergangenen Jahre, abgesehen von den sonstigen wirtschaftlichen und verkehrstechnischen Hinderungs­

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Mr. 1984.

Die Hetze gegen Baffermann.

gründen, noch der niedrige Wasserstand der Flüsse, der den Der Sabotageversuch der Kleritalen und Konservativen Heute tritt der Startoffelzoll wieder in Kraft. In der vor allem in Frage kommenden Wassertransport unmöglich ist mißlungen, der Reichstag hat sich sein Präsidium gegeben nächsten Woche wird die Interpellation der sozialdemokratischen machte oder start verteuerte, sowie der starke Frost, der die und ist in die Etatsberatung eingetreten. Die Abstimmung Fraktion über die Aufhebung des Kartoffelzolls Startoffeln beim Eisenbahntransport der Gefahr des Erfrierens bei der Präsidentenwahl hat wieder gezeigt, daß Sozialdemo und die der Fortschrittlichen Volkspartei über die Suspendierung aussette. Schon abgeschlossene Lieferungen konnten daher fraten und Liberale zusammen über die Mehrheit verfügen des Kartoffelzolles bis zum 1. Mai d. J. zur Verhandlung nicht realisiert werden; sie lagern noch außerhalb Deutschlands . tönnen. Nur die Unzuverlässigkeit der National­Die Kartoffel kommt auch als wichtiges Futtermittel in liberalen, bei denen der rechte Flügel nichts davon

tommen.

Infolge der starken Verteuerung aller Lebensmittel durch Betracht. Die Landwirte werden sie in diesem Jahre weniger wissen will, was der linke tut, ist schuld daran, wenn die Zoll- und Steuerpolitik der agrarischen Parteien muß bei als je aus dem Auslande beziehen können und noch mehr zur es den Konservativen und Klerikalen überhaupt gelungen ist, den arbeitenden Massen der Genuß der wertvolleren Verfütterung von Roggen greifen müssen. So wird der eine solche Verwirrung anzurichten. Deshalb sind auch die Nahrungsmittel, Fleisch, Hülsenfrüchte, Brot, Butter) hinter Startoffelzoll auch weiter die Preissteigerung von Nationalliberalen mit der ganzen Verantwortung dem der weniger nahrhaften Kartoffel start zurücktreten. Wäh- Fleisch und Getreide befördern.

rend die wasserhaltige Kartoffel nur einen Bestandteil der Schließlich bedürfen wir, da bereits jetzt die Startoffel Mahlzeit bilden sollte, ist sie in vielen, den unterernährten vorräte in Deutschland fast ganz aufgebraucht und die im Schichten des Volkes zum Haupt- oder alleinigen Gericht ge- Ausland auch nicht bedeutend sind, ungehinderte und worden. Eine Preissteigerung dieses Nahrungsmittels wirft sofortige Einfuhr der südlichen Frühjahrs. daher nicht nur für alle Konsumentenkreise drückend; sie ist kartoffeln. geradezu als eine Gefahr für den schon durch Unterernährung Regierung und bürgerliche Parteien werden wiederum geschwächten Teil unseres Volkes anzusehen. Die Kartoffelpreise vor die Frage gestellt, ob ihnen die Gesundheit des Voltes sind aber im vergangenen Jahre infolge der ungünstigen höher steht als die Gewinnsucht der Agrarier. Der Wille des Sommerwitterung start gestiegen. Bereits im Juli 1911 Volkes ist deutlich genug bei den Wahlen tund geworden. mußte man im Kleinhandel in den städtischen Schon bei dieser gegen die gesamte Zollpolitik verhältnismäßig Markthallen Berlins für neue Speisekartoffeln 13 bis 25 Pf. geringfügigen Angelegenheit wird sich beweisen, ob Regierung pro Kilogramm bezahlen, während die entsprechenden niedrigsten und Reichstag geneigt sind, diesem entschiedenen Willen des und höchsten Preise im Jahre 1910 nur 7 und 10 Pf. be- Wolfes zu folgen. trugen. Im Jahresdurchschnitt 1911 wurden für 1000 Stilo­

gramm guter Speisekartoffeln in Berlin 59,70 m., in Magde­ burg

58,08 M ,, in Breslau 59,79 M. gezahlt. Der Jahres Die Cöfung der Präsidentenkrife

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Beginn der Etatsberatung.

Aus dem Reichstag wird uns geschrieben:

durchschnitt für 1910 dagegen stellte sich in Berlin auf 40,69 m., in Magdeburg auf 37,58 m., in Stettin auf 40,63 m. Der Preisunterschied zwischen beiden Jahren betrug also pro 1000 Kilogramm 20 M. Inzwischen find die Preise infolge mangelnden Angebots noch höher ge­Die Maschine, die Zentrum und Konservative am liebsten ftiegen. Bereits im Dezember 1911 kosteten die genannten nie unter Dampf sehen möchten, läuft nach acht Lagen endlich. Sorten Kartoffeln pro 1000 Kilogramm in Berlin und Ueber die Obstruktionsgelüfte der schwarzblauen Blockbrüder, Stettin 80 M.( gegen 44,17 M. im Dezember 1910). m Februar d. J. wurden in Berlin für 1000 Stilogramm 110 m. die heute wieder in der Abgabe weißer Bettel bei der Wahl gegen 50 M. im Vorjahr notiert. Seit 1900 hat damit der eines Präsidenten und Vizepräsidenten zur Geltung famen, Kartoffelpreis seine höchste Höhe erreicht.

Man zahlte:

in Berlin in Breslau Mart

Mart

1900

45

88

1901

39

31

1902

36

28

1903

45

36

1904

56

51

1905

53

50

1906

35

33

1907

53

41

1908

54

38

1909

50

41

1910

41

36

1911

60

55

BURUK

hat das Haus sich eine, freilich nur provisorische, Arbeits­fähigkeit geschaffen. Als habe er sein halbes Leben lang dem Parlament präsidiert, so gelassen und sicher eröffnete Genosse Scheidemann diese zweite Sizung unter sozialdemo­fratischer Geschäftsführung und erledigte die ersten Aufgaben. Das Schreiben des Herrn Paasche, in dem er seinen Rück­tritt von dem Posten eines zweiten Bizepräsidenten ankündigt, wird von der Linken mit einem verständnisvollen und ironischen Aha! zur Kenntnis genommen.

Gegen die sofortige Neubesetzung dieser Stelle hat das Haus nichts einzuwenden, und so vollziehen sich ohne Zwischen­fälle unter dem zweimaligen ermüdenden Namensaufruf der Dreihundertfiebenundneunzig die Wahlen des Präsidenten und des zweiten Vizepräsidenten. Das Resultat überrascht Für die Monate bis zur Sommerernte ist eine weitere niemand, und Herr Kaempf übernimmt das Präsidium. Steigerung zu erwarten. Sie wird um so sicherer eintreten, Herr Dove tritt an Paasches Play, so daß die Fraktion, da am heutigen Tage der Kartoffeleinfuhrzoll als neue Ursache die in der Hauptwahl nicht einen Mann durchbrachte, jett in Straft tritt. Während vom 1. August bis 14. Februar die mit awei Mitgliedern im Präsidium vertreten ist. Einfuhr von Kartoffeln zollfrei ist, wird sie in der Zeit vom Mit einem gewissen inneren Uff der Erleichterung wird 15. Februar bis zum 31. Juli mit einem Zoll belastet, der 2,50 M. pro 100 Rilo beträgt, durch die Handelsverträge nun an die regelmäßige Erledigung der Tagesordnung ge­aber auf 1 M. herabgesetzt worden ist. Zur Begründung gangen. Die Interpellation Bassermann über die Zucker­dieser Zollbelastung wurde von den Agrariern geltend ge- fonvention soll nächste Woche verhandelt werden, zur sozial­macht, daß er nur die aus südlichen Ländern im Frühjahre demokratischen Interpellation Albrecht und Genossen über eingeführten frischen Startoffeln treffen solle. Nur die Malta - Aufhebung des Kartoffelzolles bemerkt Staatssekretär Wer­fartoffeln" Malta , Cypern, Algerien und Gibraltar liefern muth, daß bei der Regierung Erwägungen schweben", Star­die ersten teuern Kartoffeln würden als Lurusware den toffeln vorjähriger Ernte von dem Zoll auszunehmen. Zoll zu tragen haben. Tatsächlich sind die genannten Dann beginnt die erste Lesung des Etats. Der Staats­

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Länder nur in geringem Maße an der Einfuhr beteiligt. Im Jahre 1910 wurden insgesamt 3 106 520 Doppelzentner ein- sekretär des Reichsschapamtes bietet dem Hause seine Rede geführt. Gibraltar , Malta und Cypern lieferten davon nur als eine fühle, nüchterne und sorgfältig polierte Bureau­52570, Algerien nur 5100 Doppelzentner. Im Jahre 1911 fratenarbeit dar, die weder im Guten noch im Schlimmen ge­betrug der Anteil Gibraltars, Maltas und Cyperns( der ver- eignet ist, politische Leidenschaften zu entfesseln. So bleiben schwindend fleine Algeriens ist noch nicht bekannt) nur 97 098 denn Beifall und Widerspruch recht spärlich. In seinem Doppelzentner von insgesamt 7941 896 Doppelzentnern. Die historischen Ueberblick über die Reichsfinanzen gedenkt Herr Hauptmengen liefern vielmehr Länder, deren Klima sich von Wermuth mit leiser Wehmut der fetten Jahre nach 70, dem Deutschlands nicht so wesentlich unterscheidet und deren als die Bundesstaaten noch gutgefütterte Rostgänger beim Ernten daher ebenfalls in den Sommer fallen. So wurden aus den Niederlanden 3,875 Millionen, aus Reich waren. Von der Finanzreform spricht er nicht mit der dem europäischen Rußland 2,185 Millionen, aus Belgien Begeisterung, wie sie wohl dem schwarzblauen Block genehm 0,970 Millionen Doppelzentner im Jahre 1911 eingeführt. wäre und läßt auch durchblicken, daß das System der Einfuhr­Diese Mengen enthalten durchaus keine Qurusware, sondern scheine den finanziellen Ertrag der Getreidezölle nicht gerade Speise- und Futterfartoffeln in Sorten, die denen Deutsch zu heben geeignet sei. Im Zusammenhang mit einer bevor­ähnlich sind. Würden nur die Luxuskartoffeln stehenden Stärkung der Wehrmacht weist der Staatssekretär Lands ganz aus füblichen Ländern vom Zoll getroffen, so hätten 1910 dann auf die kommenden neuen Steuern hin, ohne ihr Wesen nur 57 600 Doppelzentner, 1911 nicht viel mehr als im einzelnen zu umreißen.

100 000 Doppelzentner besteuert werden dürfen. Tatsächlich Ein inzwischen eingegangener Bertagungsantrag der vier wurden aber 1910 952 457 Doppelzentner und 1911 genau größten Parteien wird angenommen und die Sigung auf 1040 484 Doppelzentner Kartoffeln bei der Einfuhr mit Zoll Donnerstag 1 Uhr vertagt. Seute beginnt die Etats­belegt. Nicht die Lurusware allein, auch noch neun bis zehnmal so große Mengen mehr sind also verzollt worden. debatfe. Erster Redner ist Genosse Dr. Frank. Die Zuschauer auf den reich besetzten Tribünen, die Der Zoll verteuert den Preis aller, auch der einheimischen, Kartoffeln. Er bedeutet nichts anderes als eine Belastung des irgendein Ereignis erwartet hatten, gingen enttäuscht von großen Konsums, eine Schädigung gerade der ärmsten Teile dannen. Sogar Bethmann Sollwegs Sit war, wider unferes Voltes. Brauch und Gepflogenheit, leer geblieben.

belastet, wenn in diesem Reichstag die bei der Wahl Ge­schlagenen wiederum zu Macht und Einfluß gelangen. Die Krise, in die die schwankende und haltlose Politit, die Quertreibereien der schwarzblauen Agenten Schiffer, Friedberg , Schifferer und Konsorten die nationalliberale Bartei gestürzt haben, dauert fort. Die Nationalzeitung", die zu­gleich den findlichen Dementierungsversuchen der parteiamt­lichen Korrespondenz entgegentritt, jagt darüber:

Wir befinden uns im Einvernehmen mit den maßgebenden Parteiführern des rechten und des linken Flügels, wenn wir feststellen, daß schwere Disziplinwidrigkeiten, die in feinem Parteiverbande geduldet werden dürfen, geschehen find. Das ist kein Geheimnis, denn sie haben sich leider und das ist gerade das Gravierende vor der Oeffentlichkeit vollzogen. Es wäre eine traurige Vogel- Strauß- Politik, wollte man das Offenkundige leugnen, daß die Partei nach außen hin in diesen Tagen ein wahrlich wenig erquidliches Bild dar geboten hat. Um so unerquicklicher, als die Meinungsverschieden heiten auch eine persönliche 3uspigung, die in dieser heiklen Situtation doch unbedingt hätte vermieden werden müssen, erfahren haben.

Wenn aber das nationalliberale Organ hinzufügt, daß die Erfahrungen der letzten Zeit bei den Nationalliberalen so stark gewirkt haben, daß eine baldige Ueberbrückung der

luft zwischen links und rechts" nicht zu erwarten sei, so ist das Verhalten der Partei bei der Präsidentenwahl nichts weniger als eine Bekräftigung dieser Ansicht. Und die Rechts­nationalliberalen feben alle Straft ein, um die Partei zum An­schluß an die Schwarzblauen zu zwingen. Namentlich gegen Bassermann richtet sich der Sturm. Es ist ein fleines, aber bezeichnendes Detail, das die Auffassung dieser Kreise drastisch und roh, aber richtig wiedergibt, wenn Herrn Basser­mann aus Eisenach ein Briefchen zugeschickt wird, das eine seidene Schnur enthält und ein Begleitschreiben:" Nach rich­tigem Gebrauch wird die politische Lage geflärt sein."

"

Die konservative Presse sucht ihrerseits alles für diesen richtigen Gebrauch vorzubereiten. Die Kreuzzeitung " ver­höhnt den großen" und" nationalen" Führer Bassermann folgendermaßen:

1. Unter der genialen" Führung Bassermanns beschloß seine Fraktion, feinen Sozialdemokraten zum ersten Bize= präsidenten zu wählen, sondern nur zum zweiten. Trotzdem haben von seiner Fraktion mindestens die Hälfte sogar für Herrn Bebel als Präsidenten gestimmt, und fast die ganze Fraktion hat für Herrn Scheidemann als ersten Vizepräsidenten geftimmt.

2. Die nationalliberale Fraktion hat es abgelehnt, ein Präsidium zu bilden aus Spahn, Dietrich und Paasche, also aus einem Zentrumsmann, einem Konservativen und einem National­liberalen, obwohl ein solches Präsidium kein Präsidium der Rechten gewesen wäre. Trotzdem haben die Herren es nicht ver­schmäht, hinter dem Sozialdemokraten Scheide­mann den Posten des zweiten Vizepräsidenten anzunehmen. 3. Nachträglich erklärten die Nationalliberalen, das Prä­fidium Spahn, Scheidemann und Paasche wäre ihnen ganz recht gewesen. Wie reimt sich das damit zusammen, daß fie fast sämtlich gegen Spahn gestimmt und ihm zu einem er= heblichen Teile sogar Herrn Bebel vorgezogen hatten?

4. Die Nationalliberalen geben sich als die größten Feinde des Zentrums, trotzdem erklären sie jest, an einem Präsidium nicht mehr teilnehmen zu können, weil Herr Spahn, gegen den sie doch selbst gestimmt hatten, den Präsidentenposten nieder­gelegt hat.

Kann man sich eine Topflosere Saltung vorstellen? Wie war das möglich unter der Führung eines Mannes, der nach seiner Ueberzeugung nur in einem Atemzuge mit Bismard genannt werden kann?

Derselbe Hohn in der Deutschen Tageszeitung", die Herrn Bassermann beschuldigt, Deutschland bor Europa blamiert zu haben. Und die Post" verlangt den Anschluß an die Rechtsparteien, damit" die Farce ein Ende" habe

Diesen Anschluß verlangen eine ganze Anzahl national­liberaler Organisationen und Blätter, denen nur wenige jungliberale Stimmen entgegentreten. Und überall ist das Mißtrauen gegen Bassermann bald stärker, bald schwächer- herauszuhören.

Wie diese Krise ausgehen wird, ob die geforderte Ein­berufung des Zentralvorstandes oder eines Vertretertages fie beenden fann, ist noch nicht abzusehen. Klar ist aber wohl das eine, daß die Wankelmütigkeit und Unentschlossenheit die Forteristenz der Partei immer mehr gefährdet. Die unter nationalliberaler Maske verborgenen Freikonservativen for­dern die Unterwerfung unter ihre Diktatur und scheinen ent­schlossen, lieber die Partei zu spalten, als auf die Durchsetzung ihres Willens zu verzichten. Von außen aufs ärgfte bedrängt, bon innen bedroht, hängt das Schicksal der Nationalliberalen