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Nr. 58.

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I S

Vorwärts

Berliner Volksblatt.

29. Jahrg.

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Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Nr. 1983.

Sonnabend, den 9. März 1912.

Das Reichstagspräsidium.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Mr. 1984.

Präsident Kaempf läßt nunmehr den Namensaufruf zur Wahl des ersten Bizepräsidenten

Ivornehn

vornehmen.

Es werden abgegeben 388 Stimmen, davon 25 ungültig. Die absolute Majorität beträgt 180. Erhalten haben: Dr. Paasche( natl.) 197 Stimmen

Scheidemann ( S08.)

155

·

Dietrich( f.)

2

Dr. Frant( Soz.).

1

1

1

Stadthagen ( S08.)..

Dr. Cohn( Soz.) Davidsohn( Soz.)

Abg. Dr. Paasche( natl.) erklärt, er nehme die Wahl an.( Bravo ! bei den Nationalliberalen und rechts.)

Abg. Gröber( 3.): Jch beantrage, die Sigung auf eine halbe Stunde auszufezen.( Widerspruch bei den Sozialdemokraten.) Präsident Kaempf läßt über diesen Antrag abstimmen. Die Bertagung wird gegen die Stimmen der Freifinnigen und Sozialdemokraten beschlossen. Schluß 8 Uhr.

a empf den Ramensaufruf zur Nach Wiederaufnahme der Signng um 8, Uhr läßt Präsident Wahl des zweiten Bizepräsidenten

Unsere Hundertundzehn find doch ein starker Keil, den Die Rechte hatte aber vorher erklärt, daß sie für Herrn die Arbeiterklasse mit wuchtigem Hammerschlag zwischen die Dove als zweiten Vizepräsidenten stimmen werde, Herr Dove bürgerlichen Parteien getrieben hat. Im fleinen wie im aber es zunächst abgelehnt, das Amt aus den Händen der Rechten, großen orientiert sich die bürgerliche Politit nach diefer ge- anzunehmen. Die Nationalliberalen boten der Rechten während schlossenen Phalang und das Wort Caprivis, daß die Re- der Pause an, für Herrn Schulz von der Reichspartei zu gierung jede Maßregel auf die Wirkung prüfe, die sie auf die stimmen; die Konservativen aber lehnten dies ab, da sie eine Sozialdemokratie ausübe, ist heute mehr, wie je zur Binsen- Vertretung der Rechten im Präsidium nicht mehr wollten. wahrheit geworden, und alles, was die anderen tun, geschieht Bei der Wahl erhielt dann Herr Dove, die Stimmen der mit dem ängstlichen Seitenblick auf unsere wachsende Macht. Rechten und Nationalliberalen, wogegen seine eigene Partei Ja, wenn die Herren von der Rechten fönnten, wie sie mit uns auch diesmal für Scheidemann stimmte. Herr wollten! Aber das Schwert, das Herr v. Heydebrand so Dove erklärte die Annahme der Wahl, womit auch die Sozial­gerne im Munde führte, haben ihm die vierundeinhalb demokratie, da ihr Kandidat in der Minderheit geblieben, ein­Millionen zunächst einmal aus den Zähnen geschlagen und verstanden sein konnte. statt an neue Ausnahmegesetze zu denken, mußten die Herren Es ist also der Rechten und der Regierung gelungen, der vorerst dafür Sorge tragen, daß das Schreckliche ungeschehen, Sozialdemokratie ihren berechtigten Anspruch vorzuenthalten, der Vertreter der Sozialdemokratie aus dem Reichstags- aber die Rechte selbst bleibt vom Präsidium ausgeschlossen, präsidium entfernt werde. in dem jetzt nur die Vertreter der bürgerlichen vornehmen. Die Nationalliberalen haben ihnen dazu Linten fizzen. Die Wahlniederlage der Schwarzblauen Es werden abgegeben 878 Stimmen, davon 18 ungültig; bie berholfen. Sie haben sich mit den Schwarzblauen ber- bringt diese Zusammenſegung ebenso symbolisch zum absolute Majorität ist also 181. Davon erhalten: bunden, um der Sozialdemokratie die parlamentarische Gleich- Ausdruck, wie das Fehlen des Sozialdemokraten auf den berechtigung zu versagen. Die Rücksicht auf die Wünsche der reaktionären Charakter der Nationalliberalen hinweist. Die Regierung und des Hofes galt ihnen mehr als der Anspruch Fortschrittspartei aber, die in der Präsidentenfrage von An­der Arbeiterklasse auf gleiches Recht. Sie haben wieder die fang bis zum Ende eine klare und entschiedene Haltung ein­liberalen Grundsäße preisgegeben, wie stets, wenn diese Grund- genommen hatte, sieht wider ihr eigenes Erwarten ihre Re­sätze der Arbeiterklasse zu gute kommen sollen. Sie sind präsentanten wiedergewählt. Und auch dies drückt symbolisch wieder Schrittmacher der Reaktion gewesen, haben dem Befehl die Tatsache aus, daß der Liberalismus eine Machtstellung des Herrn v. Bethmann Hollweg gehorcht und der reaktionären heute nur einnehmen kann, wenn er fest und entschlossen sein Regierung und ihren Auftraggebern zu einem Erfolge ver- politisches Programm erfüllt, und es deshalb der Arbeiter­holfen. Sie haben Buße getan für den Anfall von Courage partei möglich macht, ihm unbeschadet des sonstigen Gegen­und sich wieder so fraftlos und unzuverlässig gezeigt, wie fazes ihre mächtige Unterstüßung zu leihen. stets. wenn die Stunde Kraft und Entschlossenheit erforderte. Die Sozialdemokratie aber darf auf die mit dem gestrigen Nicht, daß sie gegen uns fämpfen, machen wir ihneh Tage vorerst abgeschlossene Präsidentenfrage mit Genugtuung zum Vorwurf. Beileibe nicht! Die Nationalliberalen find zurückblicken. Sie hat und wir haben das hier an auf

und

Dove( Bp.) 200 Stimmen Scheidemann ( Soz.). 147 Graf Bosadowsty Bassermann Müller- Meiningen . Davidjohn

1

1

1

1

lebhaftem Beifall der Freifinnigen und Nationalliberalen an.- Abg. Dove( Vp.) ist gewählt und nimmt die Wahl unter Bierauf bet tagt sich bas Haus.

Lefung des Etats des Reichsamts des Innern.) Nächste Sizung: Dienstag 1 Uhr.( Fortfegung der zweiten Schluß 4%, Uhr.

Der Generalitreik der englischen Bergarbeiter.

London , 7. März 1912.( Eig. Ber.)

Die Friedensverhandlungen sind von der Regierung

im wesentlichen die Vorfämpfer des großen Kapitals, seiner dem Tage der Wahl Scheide nanns gesagt schutzzöllnerischen und imperialistischen Interessen, und nie hat die Vertretung im Präsidium nie einen übertriebenen Wert fich ein Sozialdemokrat darüber getäuscht, daß ein Abgrund gelegt, fich nie darüber getäuscht, daß diese Stellung viel die Partei der Arbeit von jenen trennt. Aber die Versagung mehr Symbol unserer Macht ist, die wir uns draußen in den wieder aufgenommen worden. Es besteht aber heute ebenso der parlamentarischen Gleichberechtigung ist ein Widerspruch Volksmassen erobert haben, als daß sie uns neue Macht gibt. wenig Hoffnung wie am 1. März, daß der Kampf bald zu gegen den Grundgedanken des Liberalismus Die Sozialdemokratie hat keinen Moment lang daran gedacht, Ende kommen wird. Auf der einen Seite stehen die Berg­des Parlamentarismus und insbesondere sich auf demütigende Bedingungen einzulassen, und hat auf arbeiter unter guter Führung, die auf alle Situationen vor­unentschuldbar, wenn sie von der Regierung, von Konservativen ihren Anspruch bestanden. Ihre Gegner haben ihr ihr Recht bereitet ist und sich nicht bange machen läßt. Auf der anderen und Klerifalen gefordert ward. Als Handlanger der Reaktion versagt, die Gleichberechtigung unserer Partei niedergestimmt. Seite steht die Regierung, unentschlossen, hilflos, sich selbst haben die Nationalliberalen gehandelt, als ein festes Beharren Sie waren nicht stärker, als wir Scheidemann ins Präsidium nicht sicher, ob sie das Problem auch voll und ganz begreift. auf dem Boden des gleichen Rechts für die zurückgebliebenen brachten, und wir sind heute nicht schwächer, wo unser Ver- Und diese Schwäche der Regierung bildet für die Unternehmer deutschen Verhältnisse immerhin einen Fortschritt bedeutet hätte, treter den Präsidentensiz verläßt. Unser Anspruch aber der beste Schuß. und das macht ihre Schwäche zum politischen Verbrechen. bleibt bestehen, wir werden stärker werden und, was Die nationalliberale Haltlosigkeit hatte übrigens eine nette uns heute die Gegner noch versagen werden, wir werden es Verwirrung geschaffen, die die Sozialdemokratie mit un- erringen, erringen aus eigener Kraft, und Wichtigeres getrübter Genugtuung beobachten konnte. Die Schwarzblauen als eine Vertretung in einem Präsidium. fonnten sich mit den Nationalliberalen nicht einigen. Die Fortschrittspartei stellte Herrn Kaempf wieder als Kandidaten

Der Verlauf der Sitzung.

fällt den Ordnungsmännern" auf die Nerven. Sie scheinen Das planmäßige und sichere Vorgehen der Bergarbeiter etwas enttäuscht zu sein, daß sich die Bergknappen keine Aus­schreitungen zu schulden kommen lassen. Das schlimmste, was sich bis jetzt berichten ließ, war der Jur, den sich die Jungen in einem Bergarbeiterdorf leisteten, indem sie die weidenden Grubenponys nahmen, und auf ihren alten unterirdischen um nun aber doch die Bergarbeiter beim Publikum an­Kameraden einen lustigen Ritt im Mondschein unternahmen.

für den Präsidentenposten auf, lag ja auch kein Grund vor, Draußen viele Neugierige, drinnen lebhaftes Treiben, bis das bisherige Präsidium, das sich gut bewährt hatte, nicht zum Beginn Fraktionsberatungen, die Tribünen überfüllt. schwärzen zu können, hat man ein anderes Mittel erfunden. wiederzuwählen. Da die Sozialdemokratie sicher war, daß Bräfident Kaempf eröffnet und übergibt dem Vize- Die Bergarbeiter spielen so heißt es übereinstimmend in die Fortschrittspartei für Scheidemann stimmen werde, trat präsidenten Scheidemann sogleich den Vorsitz. Scheide- der fapitalistischen Preffe- spielen(!), während wir sie gleichfalls für die Wiederwahl Kaempfs ein. Den mann läßt den Namensaufruf mit dem Buchstaben St be- schwarze Tintenfleden weinen. Sie spielen Golf, Fußball, Nationalliberalen blieb nichts anderes übrig als sich dem ginnen. Auf Rufe& oder H, ſagt er: St wie Stamel, und gehen ins Theater, halten Hundewettrennen ab und was der­St anzuschließen. Da drohte neue Gefahr. Die Rechte erklärte, Spannung wächst, obwohl die Wahl Kaempfs ziemlich sicher ähnlichen Herzlosigkeit gehört? Leider hört man nicht, womit stürmisches Lachen ertönt. Der Namensaufruf erfolgt, die gleichen fündige Dinge mehr sind. Hat man je von einer nach der Wahl Kaempfs tein Interesse an der weiteren erscheint. Schließlich verkündet Scheidemann das Resultat und sich die Unternehmer augenblicklich beschäftigen. Und inmitten Zusammensetzung des Präsidiums nehmen und weiße auf Staempfs Annahmeerklärung ertönt lautes Bravo links. dieser Entrüstungsrufe hört man die Drohungen und Kraft­Stimmzettel abgeben zu wollen. Die Wahl Scheide- Kaempf übernimmt den Vorsitz, Scheidemann reicht ihm morte der ungeduldigen Reaktionäre. Der" Daily Telegraph " manns mit den Stimmen der Sozialdemokraten und Fort gratulierend die Hand und verläßt das Präsidium, froh, schreibt heute: schrittler wäre dann nicht mehr zu verhindern gewesen. von einer Würde befreit zu sein, die für den forschen Kämpfer Guter Rat war teuer, doch die Hilfe tam von oben. doch mehr eine Bürde war. Herr Wahnschaffe, Bethmanns Ablatus, trat in Aftion und befchwor die Konservativen, doch nicht durch ihre Abstinenz die Wahl des Sozialdemokraten zu ermöglichen. Und neben den Regierungseinflüssen waren auch höfische bei den Konser­vativen wirksam. Die Trugiglichen gaben nach, sie fügten sich in ihre Ausschaltung, um nur den verhaßten den Namensaufruf vornehmen. Er teilt mit, daß der Aufruf mit Sozialdemokraten aus dem Präsidium zu entfernen. dem Buchstaben& beginnt. Auf vielfache Stufe rechts: St?? ant­wortet Vizepräsident Scheidemann : Ja, wie Ramel( Große Geiterfeit.) Bizepräsident Scheidemann : Es find abgegeben worden 883 gültige Stimmen. Davon haben erhalten: Dr. Kaempf. 192 Stimmen Dr. Spahn 187 Schwerin- Löwik...

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Nachstehend der Sizungsbericht: Auf der Tagesordnung steht die

Wahl des Präsidiums für die Dauer der Seffion. Bizepräsident Scheidemann übernimmt den Vorsiz und läßt zur Wahl des Präsidenten

Herr Kaempf wurde mit den Stimmen der Sozial­demokratie, der Fortschrittspartei und der Nationalliberalen mit 192 Stimmen einer Stimme Majorität über die ab­gegebenen gültigen Stimmen- zum Präsidenten für die Dauer der Seffion gewählt. Dann wählten die National­liberalen und die Rechte Herrn Paasche zum ersten Vize­präsidenten. Herr Paasche erhielt 197 Stimmen, 155 fielen auf Scheidemann , den neben Fortschrittlern und Sozial­demokraten auch einige Wilde, darunter wohl mehrere Elsässer, wählten. Jezt beantragte das Zentrum Ver­tagung, um einen neuen Ruhhandel zu ermöglichen. Bravo! lints.)

v. Heydebrand.

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Die abfolute Majorität ist 192, demnach wäre Herr Abg. Dr. Raempf gewählt. Ich frage ihn, ob er die Wahl annimmt.

Abg. Dr. Kaempf( Bp.): Ich nehme die Wahl an.( Lebhaftes

Die Bergarbeiterföderation Großbritanniens ist nach der An­schauung der Sozialisten und Syndikalisten die am besten organi­fierte und mächtigste Getverkschaft im Lande; aber ivenn not­wendig muß fie in Stüde geschlagen werden, und der jeweiligen Regierung, die als Verwalter der Prosperität der Nation fun­giert, gefügig gemacht werden. Dies war die Ansicht, die gestern nicht nur von den Kohlenbesißern, sondern auch von zahllosen anderen Häuptern großer Geschäftsunternehmungen geäußert wurde, die einsehen wie denn auch niemand umhin kann, ein­zusehen daß, wenn es den Bergarbeitern gestattet wird, den Präzedenzfall, den sie aufzustellen beabsichtigen, einzuführen, die Gesellschaft nie wieder hoffen kann, einen Monat grieden oder Befreiung von sozialer Unruhe und wirtschaftlicher. Unordnung au genießen."

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Die leitenden Mitglieder der Arbeiterpartei suchten gestern den Vorstand der Bergarbeiterföderation auf, um sich offiziell über den Stand der Bewegung zu informieren. Jedenfalls handelte es sich für sie darum, Material für die Barlamentsdebatte über den Streit zu bekommen, die sich nicht mehr lange hinausschieben läßt. Die Nachricht, daß der Vor­stand die Intervention der Arbeiterpartei rundweg abge­schlagen hat, ist wie so viele andere Meldungen der Unter­