Nr. 113.
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Vorwärts
Berliner Volksblatt.
29. Jahrg.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt Moritplak, Nr. 1983.
Die Kampfanlage Wilhelms II.
Es ist also richtig. Die Offiziösen hüllen sich in berlegenes Schweigen, die Aeußerungen des Kaisers tönnen nicht geleugnet werden. Es ist wahr, Wilhelm II. droht mit einem Staatsstreich, droht, die Verfassung Elsaß Lothringens in Scherben zu schlagen und aus dem Elsaß eine preußische Provinz zu machen.
Donnerstag, den 16. Mai 1912.
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Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplek, Nr. 1984.
" Der Kaiser hat im Privatgespräch mit englischen die Wahl just auf einen Staatssekretär a. D. gefallen ist, wird Freunden durch den Hinweis auf seine Haltung in einer für vielleicht dem Stadtfreisinn noch als eine besondere SchlauEngland schwierigen Zeit den Beweis führen wollen, daß er heit gelten. Ist auch Herr Wermuth sozusagen in Ungnaden berkannt und ungerecht beurteilt werde. Die Einsicht, daß die Veröffentlichung dieser Aeußerungen in England nicht die von entlassen worden, so darf doch darauf gerechnet werden, daß Seiner Majestät dem Kaiser erwartete Wirkung gehabt, in Deutsch seine Bestätigung als Oberbürgermeister keine Den Freifinnigen land aber tiefgehende Erregung und schmerzliches Bedauern herbor- Schwierigkeiten machen wird. gerufen hat, wird diese feste Ueberzeugung habe ich in diesen wäre es höchst peinlich gewesen, wenn vielleicht wieder ein schweren Tagen gewonnen den Kaiser dahin führen, fünftig neugewählter Oberbürgermeister so lange auf seine Beauch in seinen Privatgefprächen sich diejenige Zurückhaltung stätigung hätte warten müssen, wie einst Sherr Kirschner darauf aufzuerlegen, die für eine einheitliche Politik, die für die Autorität warten mußte. der Krone eine unerläßliche ist. Wäre dem nicht so, so könnte Herrn Kirschner, dem zum 1. September ausweder ich noch einer meiner Nachfolger dafür die scheidenden Oberbürgermeister, wurde in der geheimen Sigung Verantwortung tragen." Die Stadtverordneteneine besondere Ehrung beschlossen. bersammlung erklärte sich einverstanden mit seiner Ernennung zum Ehrenbürger Berlins und bewilligte ihm als Pension sein volles Gehalt.
Die offizielle Bestätigung.
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Es ist bezeichnend, daß wieder einmal die Nachricht über diesen politischen Eingriff des persönlichen Regiments zuerst in einem ausländischen Blatt gestanden hat, und daß die gesamte deutsche Presse genau so wie bei der Enthüllung des Daily Telegraph " zunächst der Meinung Ausdruck gab, es handele sich um eine tendenziöse, von der Feindschaft Damals war Herr v. Bethmann Staatssekretär. Wird gegen Deutschland diftierte Erfindung. Und wieder hat er jetzt beweisen, daß er als Reichskanzler nicht einmal fähig es fich gezeigt, daß keine ausländische Bosheit raffiniert, ist, das durchzusehen, was selbst ein Bülow als unerläß tein fremder Haß tief genug ist, um erfinden zu können, lich bezeichnet hat? was Wilhelm II. freitoillig den Gegnern Deutschlands als Waffe in die Hand gibt. Elsaß - Lothringens Verfassung ist Das Wolffsche Bureau verbreitet folgende Depesche: festgefügt und die Wilhelminische Drohung so leer, wie manche frühere Drohung auch. Und die Elsaß- Lothringer brauchten über die Aeußerungen Seiner Majestät des Kaisers gelegentlich des Straßburg , 15. Mai. Mit Bezug auf die vielen Besprechungen fich, wenn Wilhelm II. sich zum Sprachrohr alldeutscher Hetz- Empfanges am Montag im Zorn von Bulachschen Balais und anpolitik macht, schließlich nicht mehr beunruhigt zu gesichts der Aufbauschung(?) der Worte des Kaisers in der Presse fühlen, als diejenigen, die er dereinst mit dem Zer- hat Bürgermeister Dr. Schwander dem Wolfffchen Telegraphenschmettern bedroht hat und die sich eines gesunden bureau folgende Erklärung zur Veröffentlichung übergeben:„ Dem und fräftigen Lebens erfreuen. Aber wenn die Drohungen Sinne nach sind die Aeußerungen Seiner Majestät des Kaisers auch nicht allzu sehr zu fürchten sind auch zu einem Staatsstreich gehören zwei: der Herrscher, der ihn versucht, und das zutreffend, der Wortlaut ist jedoch in der Presse nicht authentisch streich gehören zwei: der Herrscher, der ihn versucht, und das wiedergegeben. Jedenfalls hat der Kaiser, wenn er gegenüber geVolt, das sich ihn gefallen läßt, so richten die Aeußerungen wissen Bestrebungen, das Land nicht zur Ruhe kommen zu lassen, Wilhelms doch wiederum unverantwortlichen Schaden an. bie Möglichkeit einer Ginverleibung des Landes Die elfäffische Verfassung sollte dem Volte Elsaß- Lothringens in Preußen erwähnte, dies nur in dem Sinne gemeint, endlich sein Recht auf politische Selbstbestimmung geben daß sie auf die I egalen Wege durch die gesetzgebenden Faktoren und zugleich dadurch das erzielen, was die dumme des Reiches erfolgen müßte." und brutale preußische Nationalitätenpolitit niemals erzielen Das ist also eine volle Bestätigung. Der Kommentar tann: die Beruhigung und moralische Eroberung des des Herrn Bürgermeisters, der besser daran getan hätte, fieber Landes. Zugleich sollte den chauvinistischen Hezern Frank- Wilhelin II. gegenüber direkt die Interessen seiner Stadt und feines reichs eine ihrer wirksamsten Waffen aus der Hand ge- Randes zu vertreten, hat für die Deffentlichkeit keine Bedeutung. schlagen werden. Und nun geht Wilhelm II. hin und unter dem Einfluß alldeutscher Politiker schlägt er dieses ganze Friedenswerk in Scherben.
Eine Anfrage im Reichstag.
Die Protestaktion
des russischen Proletariats.
Der erzreaktionäre Fürst Meschtschersky erzählt in seinem Organ, daß man sich in gewissen vornehmen" Birkeln Petersburgs über das blutige Lenaer Gernezel himmelhoch gefreut habe, als einem Aft eiserner Faust", durch den Rußland vor einem Generalstreit gerettet werden sollte. Die werten Menschenfresser haben sich aber verrechnet. Vor der Lenaer Statastrophe drohte der Generalstreit gar nicht unmittelbar. Und nach dem Gemezel drückten die Arbeiter Rußlands ihre Entrüstung mit einer schon längst nicht dagewesenen Kraft aus, das Gespenst des roten Oktober tauchte wieder über dem Lande auf.
Den Anfang machte der zweitägige Demonstrationsstreif der Lenaer Schiffahrtsbediensteten. Am 22. April bricht ein eintägiger Proteststreit von 1000 Arbeitern der Maschinenbauwerke in Siem aus. Am 23. April springt der Streit nach Charkow und Nikolajem über. Gleichzeitig dringt die Gärung auch in die Universitäten ein. Am 24. und 25. April streiken in Stiem bereits 4000 Menschen. Am 25. April ist in Riem feine einzige Zeitschrift außer dem nationalistischen„ Kijewlanin" erschienen.
Der Abg. Colshorn( Welfe) hat folgende kurze Anfrage" Und zugleich beweist er, daß er noch immer nicht die eingebracht: 3st dem Herrn Reichskanzler der authentische Grenzen, die ihm durch die Verfassung gezogen sind, ein Wortlaut der Kundgebung Seiner Majestät des deutschen zuhalten weiß. Immer wieder rüttelt er an den Rechten Kaisers, Königs von Preußen vom 13. Mai d. J. an den Bürgerdes Reichstags, immer wieder glaubt er selbstherrlich den meister von Straßburg i. E., Dr. Schwander, bekannt, welche eine Aber bis zu den Dumadebatten trug die Bewegung einen Boltsvertretungen entgegentreten zu können. Und es sind die eventuelle Aufhebung der elfaß lothringischen unsicheren Charakter, fie sondierte erst den Boden. nichtigsten Veranlassungen, die ihn zu den großen Worten hin- Verfassung und eventuelle Einverleibung. Elsaß - Lothringens Am 24. April gab der Minister des Innern vor der reißen. Die elsässisch- lothringische Kammer hat bisher nichts in Preußen zum Gegenstand haben soll? getan, was nicht vom demokratischen Standpunkt selbst- Ist der Herr Reichslanzler in der Lage, dem Reichstage den Duma seine Erklärung ab. Der Sinn seiner Rede war folgender: verständlich wäre. Sie hat die Regierung getadelt, weil sie authentischen Wortlaut dieser kaiserlichen Kundgebung bekanntBreußen nicht daran gehindert hat, aus politischen zugeben und übernimmt der Herr Reichskanzler die ber- Aber für uns, für die Leute des Staatsstreichs vom 3. Juni, ,, Die Forderungen der Arbeiter mögen bescheiden sein. Motiven eine Fabrik zu boykottieren und so die Arbeiters fassungsmäßige Verantwortung für dieselbe?" ist jede Regung der Arbeiter die größte politische Gefahr. schaft und die Industrie des Landes zugunsten rheinischDiese turze Anfrage wird am Freitag auf die Tagesordnung Tie Lenaer Arbeiter haben freilich bis zum 17. April nichts westfälischer Geschäftsinteressen zu schädigen. Sie hat die Ver- gesetzt werden. Widergeseßliches begangen. Sie könnten aber die Werke pachtung einer Jagd, die bisher dem Kaiser zur Verfügung stand, gefordert, die Verminderung der Repräsentationstoften nach dem 17. April zerstören. Dafür können wir Euch jetzt des Statthalters und die des kaiserlichen Gnadenfonds beschlossen, garantieren: diejenigen, die wir am 17. April niedermachten, Lauter Dinge, zu denen die Kammer durchaus berechtigt war. die werden schon keine Forderungen mehr stellen. Das ist Wilhelm II. aber leitet daraus das Recht für sich ab, mit dem die sicherste Handlungsweise. Begreifen Sie das doch.... Dem Heere bleibt nichts mehr übrig," so schloß wörtlich Staatsstreich zu drohen! Makaroff seine Rede, als zu schießen. So war es und wird es weiter sein!"
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Die Wahl des Berliner
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Oberbürgermeisters.
Diese, sogar im Munde eines zarischen Ministers nicht ganz gewöhnliche Rede, die nicht von ungefähr einem Jähzornigen entschlüpfte, sondern schlaff von einem Zettel von dem Kanzleihenfer abgelesen wurde, rief einen Entrüstungssturm hervor. Und diese Rede ließ sogleich eine ausgedehnte Protestbewegung entstehen, in die sich die gespannte Massenftimmung entlud.
Dumafraktion von allen Seiten des Landes. Ein Protesthagel überschüttete die sozialdemokratische Am 25. April reißt der Streik die wichtigsten Fabriken in
Die Oberbürgermeisterwahl wurde von der Stadtverord Der bürgerlichen Presse ist der Vorfall ja nichts weniger netenversammlung Mittwoch in einer außerordentlichen Sizung als angenehm. Die Liberalen haben soeben wieder einmal vollzogen. Gewählt wurde mit 72 von 116 abgegebenen ihre Regierungsfähigkeit bewiesen. Mit Hurra und ohne Debatte haben sie die Militär- und Marineforderungen an- Stimmen der Staatssekretär a. D. Wermuth, den genommen, nur von einem Gedanken beherrscht, sich in den der Berliner Stadtfreifinn sich zum Nachfolger des scheidenden imperialistischen Fragen ebenso zuverlässig zu erweisen, wie Oberbürgermeisters Kirschner ausersehen hat. Von den übrigen Kleritale und Konservative. Da ist es natürlich nicht an- 44 Stimmzetteln lautete einer auf Stadtrat Wiemer, einer war angenehm, sich plötzlich in einen Konflikt mit dem persönlichen ungültig und 42 waren unbeschrieben. Regiment verwickelt zu sehen und und den Konservativen Gelegenheit zu geben, sich wieder als die Stüßen des ergebnisses mit freudigem Bravo auf, wobei sie in ihrer Die Freisinnigen nahmen die Verkündung des WahrThrones und als Stüßen des Staatsstreichs zu erweisen. So seufzen und flagen sie mehr, als daß sie den Stampf Surraſtimmung sich nicht dadurch beeinträchtigen ließen, aufnehmen. Dazu kommt, daß ihre Leute in Elsaß selbst im daß 72 Stimmen für einen Oberbürgermeister eigentlich Odeſſa mit. Am. 26. greift er auf Saratoff und scharfen Stampf gegen das Zentrum stehen, das für die vom ein bißchen wenig ist. Die 42 unbeschriebenen Stimm- Elisabethgrad über. Am 27. erscheint von allen Zeitungen Staiser so scharf angegriffene Politit mit in erster Linie zettel rührten von den Sozialdemokraten und einigen Frei- Odessas nur die pogromistische Rußkaja Rietsch". An diesem verantwortlich ist. Das erflärt es auch, daß die„ Germania " sinnigen her. Der Versuch, auch die sozialdemo- Tage schließen sich dem Ausstand die kolossalen Rahrwalzwerke immerhin nicht leugnen kann, daß die Aeußerungen tratische Fraktion für den Kandidaten der Freisinnigen in Jekaterinoflaw an. Am 27. und 29. April streift des Kaisers zu scharfen Kommentaren Anlaß geben tönnen". zu gewinnen, hatte schon deshalb scheitern müssen, weil der die Mehrzahl der Werke, Fabriken und Werften Rigas. Im übrigen aber sucht sie den Kaiser als schlecht informiert Staatssekretär a. D. auf die Frage nach seinem platz in Petersburg zum Schauplatz einer Demonstration, die Am 28. April, an einem Sonntag, wird der Kasanskyhinzustellen und stellt als den eigentlichen Schuldigen den Programm die Antwort schuldig geblieben play in Petersburg zum Schauplak einer Demonstration, die Unterstaatssekretär Mandel hin, der bekanntlich vom war. Hätte nicht die sozialdemokratische Fraktion Herrn sich das proletarische Petersburg. An diesem Tage, den hauptsächlich aus Studenten besteht. Vom Montag an erhebt Raiser eben den Titel Exzellenz erhalten hat. Die konfer- Wermuth in aller Form aufgefordert, sich zunächst mal über 29. April, streifen in der Hauptstadt etwa 16 000 Arbeiter. bativen Organe halten sich noch zurück und die Deutsche Tageszeitung" will noch immer nicht glauben, daß der Kaises diesen bei einem Oberbürgermeister nicht ganz nebensächlichen In den Fabriken werden Meetings abgehalten. Am 30. April sich so ausgesprochen habe. So zeigt die bürgerliche Bresse der Punkt zu äußern, so wären ihm sogar die paar nichtssagenden dehnt sich die Bewegung aus, neue 32 000 tausend Arbeiter neuesten Stampfanfage des persönlichen Regiments gegenüber Redensarten erspart worden, mit denen er der Frage aus. proklamieren einen eintägigen Streik. Bei der Kasanskyrecht viel Seleinmut. Und man tann begierig sein, melche gewichen ist. Die Freifinnigen hätten, wie der Stadt- fathedrale und in den Arbeitervierteln werden StraßendemonStellung die Parteien bei der Erörterung der Angelegenheit verordnetenvorsteher dem Staatssekretär a. D. als dem ſtrationen veranstaltet. Am 1. Mai neuen Stils sind in im Reichstag einnehmen werden. alleinigen Kandidaten des Freisinns im voraus versichert hat, Petersburg neue 148 Fabriken und Werke mit 54 000 ArVor allem aber, was wird Herr v. Bethmann ohne weiteres verzichtet auf eine Erklärung darüber, was die beitern im Ausstand begriffen. An diesem Tage verschmilzt Sollweg sagen? Jedenfalls wird er sich nicht darauf Stadt Berlin von ihm erwarten darf. die Protestdemonstration mit dem proletarischen Feiertag der ausreden können, daß es sich um private Aeußerungen handele, Den Berliner Freisinnsmannen mag es nicht leicht gefür die er nicht die Verantwortung zu übernehmen brauche. Parallel dazu entfaltet sich die Bewegung in der Provinz. Auch bei den Aeußerungen, die der„ Daily Telegraph " ver- worden sein, den Posten des Oberbürgermeisters nicht wieder Am 29. April streitten in Jekaterinoslaw beinahe öffentlichte, handelte es sich um rein private Gespräche. Und mit einem der ihrigen zu befehen. Es wär' so schön gewesen, 10 000 Arbeiter, in Nishnij- Nowgorod die Arbeiter doch hat damals Fürst Bülow im Reichstag folgende Er- doch da es nicht hat sollen sein, so mußte man anderswoher von 15 Schneiderwerkstätten. Am 30. beginnt die Streif flärung abgeben müssen: nehmen, was man in den eigenen Reihen nicht fand. Daß bewegung in Moskau , in kishinew streiken die Sezer,
Weltsolidarität.