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Nr. 211.

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Ericheint täglich außer Montags.

Vorwärts

Berliner Volksblaff.

29. Jahrg.

Die Infertions- Gebühr

beträgt für die fechsgespaltene Stolonel geile oder beren Raum 60 Pfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins. und Bersammlungs- Anzeigen 30 Pig. ,, Kleine Hnzeigen", das fettgedruckte Wort 20 Pfg.( zuläffig 2 fettgedrudte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Stellengesuche und Schlafftellenan zeigen das erste Wort 10 Pfg., jedes weitere Wort 5 Bfg. Worte über 15 Buch­staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Expedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet.

Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin"

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt Morikplak, Nr. 1983.

Sofortige Hilfe!

Dienstag, den 10. September 1912.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Nr. 1984.

Billiges Fleisch.

Gefrierfleischverkauf.

grundbefizer wieder 100 Millionen Mark als Belohnung dafür bekommen, daß sie dem deutschen Volte das so dringend In Züricher Blättern erläßt das Gesundheitsamt der Stadt notwendige Brot verteuern. Und dies muß fofort folgende Anzeige: geschehen, ehe die Kontrakte zu umfangreich geworden find und die zu treffenden Maßregeln unwirksam Bufolge Uebereinkommens zwischen dem Stadtrate Zürich und Daß etwas gegen den Fleischnotrummel", gegen das machen. Der Reichstag muß Gelegenheit bekommen, seine dem Meggermeisterverein der Stadt Zürich übernimmt der letztere " Fleischnotgeschrei" geschehen muß, das dämmert allmählich Entscheidung unverzüglich zu fällen. Verein die Einfuhr und den Verkauf überseeischen Gefrier selbst einer erleuchteten Regierung. Hat ja der bayerische Es ist eine einzigartige Situation! Das ganze Bolt ist fleisches. Minister v. Soden auch schon versprechen müssen, einen Ber - einig in dem Ruf nach Abhilfe. Nicht vielmehr als 20000 Das Fleisch wird von Freitag den 14. Juni 1912 ab in den such" mit der Zulassung von Gefrierfleisch zu vertreten. Und Großgrundbesitzer stemmen sich diesem Verlangen entgegen. nachverzeichneten Verkaufsstellen, während der ganzen nachdem die Nationalliberalen aus Angst für die Eisenzölle Und doch ist es ganz ungewiß, ob die Regierung nicht auch Dauer der Geschäftszeit, also wie das frische Fleisch, zu wenigstens für eine vorübergehende Aufhebung der Viehzölle, ferner versuchen wird, den Willen der 20 000 den nachverzeichneten Preisen verkauft: 65 Millionen aufzuzwingen. Das ist die deutsche Verfassung, das ist das Recht des Volkes in diesem Reich der Reichen, in diesem Paradies der Junter! 20000 sind mehr als 65 Millionen, das ist bisher stets die politische Arithmetik der Regierung gewesen. Soll es auch diesmal stimmen, soll auch diesmal diese ungeheuerliche politische Rechnung ohne Bruch aufgehen?

für Aufhebung der Futtermittelzölle und für Einfuhr des Ge­frierfleisches eintreten zu wollen scheinen, um den Wolfssturm gegen die herrschende Wirtschaftspolitik zu beschwichtigen, wird es nachgerade auch für die Offiziösen Zeit, andere Töne anzu­schlagen. Denn ihre Ableugnungen finden jetzt felbst in rechtsstehenden Organen scharfe Zurückweisung. So bringt die Neue polit. Korresp." einen Artifel, der zunächst die enorme Fleischteuerung feststellt. Seit Juli 1901 ist danach gestiegen Rindfleisch um 46 Pf. pro Pfund, Kalbfleisch um 32 Pf., Hammelfleisch um 44 Pf., Schweinefleisch um 20 Bf., ge­räucherter Speck um 15 Pf., geräucherter Schinken um 52 Bf. und Schweineschmalz um 26 Pf. Dazu schreibt die ., Korresp.":

3. Nierstück( Roastbeef).

0

Das halbe Kilo

->

mit Knochen ohne Knochen 1. Fettes Gefrierfleisch... 50 Np.( 40 Pf.) 2. Magere Stüde . 75 Rp.( 60 f.) 95 Rp.( 76 f.) . 95 Rp.( 76 Pf.) 1,20 Fr.( 96 f.) 4. Filet( nur ohne Knochen). 1,50 Fr.( 120 23f.) Die Preissteigerung auf mageren und Nierenstücken ist Jedenfalls hat noch selten eine so tiefgehende Erbitterung eine Folge des Steigens der Einkaufspreise. Dieses dürfte nur das deutsche Volt erfüllt wie diesmal und die stürmische Protest- borübergehend sein und es werden beim Fallen des Einkaufs­bewegung im ganzen Reiche zeigt, daß die Voltsmassen an- preises auch die Verkaufspreise wieder erniedrigt werden. fangen, die Geduld zu verlieren. Die gegenwärtigen Ver­Verkaufsstellen: fammlungen sind nur der erste Auftakt. Zunächst haben jekt ( folgen 17 Läden). die Frauen das Wort. In Berlin werden am Zürich , den 8. Juli 1912. Das Gesundheitsamt. 24. September die Frauen sich versammeln, um unserem Protest gegen die Volksausplünderung neuen Nachdruck zu Für 60 bis 80 Bf. erhält man demnach in Zürich gutes, verleihen. Die Einsicht in die Unhaltbarkeit der gegenwärtigen mageres Fleisch, für 40 Pf. fettes Fleisch. Dabei sind für magere Zustände erfaßt immer weitere Streise, die Abonnentenziffern und Nierenstüde sogar noch Preisermäßigungen zu erwarten. unserer Parteiorgane, die Mitgliederzunahme unserer Organi­Auch die deutsche Arbeiterschaft will die niedrigen Fleischpreise, fationen zeigen rasches Wachstum. Auch die Konsumbereins- beren fich Zürich erfreut. Die Verwirklichung dieses Willens ist bewegung weist große Fortschritte auf. Die Regierung täte möglich; nur der Widerstand der Agrarier und der Regierung steht ihr entgegen. gut, diese Stimmung sehr genau zu beachten.

Eine solche Entwickelung, die der ernstesten Fürsorge bedarf, ist nicht mit mehr oder weniger oberflächlichen Argumenten abzutun. Und wenn man auf der einen Seite fagt, die Bevölkerung möge den Fleischgenuß in gewisser Weise beschränken, man möge zweimal in der Woche den Fleisch­genuß ausiegen, so vergißt man dabei, daß gerade für die schwer arbeitenden Teile der Bevölkerung Fleisch ein unersegliches Kräftigungsmittel zu sein scheint, trotz aller Versuche der Naturheilbewegung. Und man bergißt des weiteren, daß an diesen Um gegen die herrschende Leuerung wirksame Abhilfe zu beiden Tagen doch schließlich etwas anderes genossen werden muß, schaffen, dazu sind eingehende und umfassende was wiederum nach volkswirtschaftlichen. Grundsäßen eine Ver- Reformen auf dem Gebiete unserer ganzen Wirtschafts, teuerung der dann mehr gebrauchten Mittel und damit wieder Sozial- und Steuerpolitik durchzuführen. Dazu muß dem eine Annäherung an die Fleischpreise mit sich bringt. Auch die Reichstag 3eit gegeben werden, deshalb ist seine gegenseitigen Beschuldigungen, daß die Landwirte nicht genügend sofortige Einberufung die dringendste. Notwendigkeit. Wir produzieren können oder der Zwischenhandel an der Verteuerung Sozialdemokraten brennen förmlich darauf, positive Arbeit schuld sei, sind keine Abhilfemittel." zur Abhilfe der Not zu leisten. Wird es die Regierung wirk­Aber die Regierung wird sich nicht nur entschließen müssen lich wagen, uns daran zu hindern? Glaubt sie, daß das zu handeln, sondern rasch zu handeln. Es ist wirklich nicht deutsche Volt wirklich eine solche Obstruttiion gegen einzusehen, warum das deutsche Volk drei Monate seine Wohlfahrt sich dauernd gefallen lassen wird? länger hungern soll, nur deshalb, weil es der Regierung beliebt hat, den Reichstag bis Ende November zu vertagen. Herr v. Bethmann wird schon einsehen müssen, daß Volks= not ein genügender Grund ist, diesen Fehler zu korrigieren und das Parlament sofort einzuberufen.

Dies ist um so notwendiger, weil bei längerer Untätigkeit wieder wie im Vorjahr nicht wieder gut zu machender Schaden entstünde. Die Not verschärft sich immer mehr. Die Fleisch preise sind im August weiter gestiegen. Die Statistische Korrespondenz" bringt dafür in ihrer neuesten Nummer die amtliche Bestätigung. Man zahlte zweite Hälfte August 1912 191,8

für Rindfleisch

*

Amtliche Jrreführung über die Höhe des Fleischkonsums.

Ein Artikel in der Amtlichen Zeitung des Deutschen Fleischer­Verbandes erklärt, daß die Fleischkonsumberechnungen der Regie­rung irreführend seien, weil sie die Veränderungen im Durch­schnittsgewicht nicht berücksichtigten. Nach den amtlichen Berech­nungen wäre der Fleischkonsum im ersten Halbjahre 1912 so reich­lich gewesen, wie in keinem der Vorjahre. Das steht mit den täg­lichen Erfahrungen im Widerspruch. Die Wiegestatistik der öffent­lichen Schlachthöfe ergibt, daß das Durchschnitts- Lebendgewicht für August 1911 August 1909 Rinder am Berliner Markte von 1906 bis 1910 um 55 Kilogramm oder 9 Proz., in Hamburg von 1900 bis 1911 um 76 kilogramm oder 13,5 Proz., das Schlachtgewicht in Breslau um 15 Pro3, Chemnih 11,3 Broz., Leipzig 6,4 Proz. abgenommen hat. Bei den Kälbern betrug der Gewichtsrückgang bis 1910/11 in Berlin 10, Breslau 24 Proz. Diese Zahlen zeigen deutlich, daß das Durch­schnittsgewicht der Rinder vom Beginn des Jahrhunderts bis zum letzten Jahre allerwärts erheblich abgenommen hat. Der Rüdgang beträgt im Durchschnitt reichlich 10 Proz.

156,0 173,8

169,9

Kalbfleisch

202,0

185,6

"

"

Hammelfleisch

196,6

183,6

169,5

"

Schweinefleisch( Keule) 203,1

165,2

179,6

"

Schweinespec

200,7 80,7

170,0

77,9

"

.

.

185,3 74,9

Sucht man an der Hand der Zahlen festzustellen, ob der Rück­gang des Gewichtes in irgendeiner Verbindung mit der Preis­bewegung steht, so ergibt sich für die Mehrzahl der Märkte und Jahre, daß dies offensichtlich der Fall ist.

Roßfleisch Gegen den August 1909 betrug demnach die Steigerung für Rindfleisch 35,8 Pf.; für Stalbfleisch 28,2 Pf.; für Hammel­fleisch 27,1 Pf.: für Schweinefleisch 23,5 Pf.; für Schweinespec Auch bei den Kälbern beobachtet man in demselben Zeitraum 15,4 Pf. Und selbst Pferdefleisch ist fast um 6 Pf. in einen erheblichen Rückgang des Gewichtes, während bei den die Höhe gegangen, der beste Beweis für den zunehmenden Schweinen das niedrigste Durchschnittsgewicht hauptsächlich in dem Notstand. Aus diesen Durchschnittsziffern der Fleischpreise von Teuerungsjahr 1905 erreicht worden ist. Auch hierbei findet man, 50 preußischen Orten geht demnach eine so erhebliche Verteuerung daß die Schwankung zwischen höchstem und niedrigstem Gewicht hervor, daß audy die Regierung einsehen muß, daß Hilfe sofort sich auf ungefähr 10 Proz. beläuft. nötig ist. Und zwar aus zwei Gründen: einmal dürfen die Massen nicht länger ausgeplündert werden; dann aber ver­führen die exorbitant hohen Preise dazu, daß noch schlacht­unreifes Vieh zu Markte gebracht, daß die die zur Aufzucht nötigen Bestände in unzulässiger Weise vermindert und so die Fleischnot auch für die Zukunft erhalten bleibt und noch gesteigert wird. Deshalb tut Gile not. Der Reichstag muß die Grenzen für die Einfuhr von Vieh und Fleisch öffnen und den§ 12 des Fleischbeschaugesetzes aufheben, der die Einfuhr von Gefrierfleisch fast unmöglich macht. Er muß die Futtermittelzölle beseitigen, damit den viehzüchtenden und späterhin bei ungenügendem Angebot und hohem Preise ein Landwirten die Aufzucht erleichtert und die inländische Pro­duktion gefördert wird. Und je schneller diese Maßregeln er­griffen werden, desto wirksamer sind sie, desto mehr wird Deutschland vor einem weiteren Rückgang seiner Fleisch­versorgung bewahrt.

Auch über das Einfuhrscheinsystem muß im Reichstag unverzüglich gesprochen werden. Die Ernteergebnisse find ja in Deutschland im allgemeinen zufriedenstellend, wenn auch die Qualität unter der Ungunst der Witterung gelitten hat. Noch aber ist das Schicksal der Kartoffelernte im Un­gewissen, die durch die Nässe bedroht erscheint. Die Preise des Getreides sind hoch und in Deutschland infolge des Bolls und der Ausfuhrprämien die höchsten der Welt. Da muß berhütet werden, daß auch von der neuen Ernte zumal die besseren Qualitäten ins Ausland verschleudert und die Groß­

Die Ursachen hierfür sind handgreiflich: Viehknappheit ist regel mäßig die Folge ungünstiger Ernte- und Futterverhältnisse, und diese bedingen entweder frühzeitiges Losschlagen oder eine nicht vollständige Mast, während bei faft geleerten Ställen die starke Nachfrage und die hohen Preise zu demselben Uebel führen.

Jst nun aber flar erwiesen, daß bei mangelhafter Futterernte Rückgang des Durchschnittsgewichtes eintritt, der ungefähr 10 Proz. beträgt, so kann die Statistik bei Berechnung des Fleischkonsums nicht achtlos hieran vorübergehen. Die amtliche Feststellung des durchschnittlichen Schlachtgewichtes im Jahre 1906 fußt auf den höheren Gewichten zu Beginn des Jahrhunderts und deshalb kann die amtliche Berechnung des Fleischkonsums nicht als auch nur an­nähernd richtig betrachtet werden, weil sie einen so maßgebenden Faktor außer Betracht läßt, wie er in dem durch ungenügende Futterernte, Viehmangel usw. hervorgerufenen Mindergewicht der Schlachttiere begründet sei.

Würde man von der eingangs erwähnten amtlichen Berechnung des Fleischkonsums von 20,75 Kilogramm im ersten Halbjahre 1912 nur 10 Broz. absetzen, so würde das Bild ein viel trüberes werden, als es die amtliche Statistik zeigt; zudem ist die schwere Not erst im zweiten Halbjahre kraß in die Erscheinung getreten.

Protest der Unternehmer.

Im Anschluß an die Resolution der Breslauer Fleischerinnungen gegen die Einfuhrverbote schreibt die Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker"( Nr. 71):

Es ist die höchste Zeit, daß die Gewerbestände unter Hintan­fegung ihrer sonstigen politischen Anschauungen sich einmal die Tätigkeit der politischen Parteien daraufhin ansehen, wie diese sich zu den auf eine Verteuerung der Lebensmittel hinauslaufenden gesezgeberischen Maßnahmen Ausfuhrprämien für Getreide, Grenzabsperrungen gegen Vieheinfuhr stellen. Der Kampf zwischen den Arbeitgebern und Arbeitnehmern der Industrie ist großenteils berschuldet durch bie fortgefegte Berteuerung der Nahrungs­mittel, an der gewisse Parteien und die Regie rung, wenn nicht die ausschließliche, so doch sicherlich die Hauptschuld tragen."

wie

Wenigstens in einzelnen Gewerben scheint man jetzt einzusehen, sehr man sich ins eigene Fleisch schnitt, als man dem agrarischen Bollwucher zustimmte.

Die Verseuchung des Viehstandes.

Die Agrarier begründen ihren Widerstand gegen die Oeffnung der Grenzen mit der Behauptung, daß das ausländische Vieh ber­feucht sei und jede Einfuhr mit gewaltigen Gefahren für den Ge­fundheitsstand des deutschen Biehes verbunden sei. Nun trotz der hermetischen Abschließung der Grenzen gegen alles ausländische Vieh hat die Verseuchung des Biehstandes gerade in Ost- und West­ preußen einen ganz außerordentlichen Umfang angenommen. In Ost- und Westpreußen und Posen waren am 31. August in 66 Streifen 216 Gemeinden mit 286 Gehöften verseucht. Gegen den Stand vom 15. August ist das eine Zunahme von 78 Gemeinden mit 109 Gehöften. Von den 29 westpreußischen Kreisen sind nicht weniger wie 23 berseucht. Eine Verschlimmerung fann also selbst bei schrankenloser Oeffnung der Grenzen nicht eintreten, vielleicht fogar dient die Zufuhr ausländischen Biches zu einer Auffrischung und Verbesserung des deutschen Bichſtandes.

-

Maßnahmen der Kommunen.

Der Sonneberger Gemeinderat hat auf Antrag des ein­zigen sozialdemokratischen Vertreters einstimmig beschlossen, die Regierung zu ersuchen, der Fleischteuerung durch Deffnung der Grenzen entgegenzuwirken. Der weitere sozialdemokratische An­trag, dänisches Fleisch seitens der Stadt einzuführen, wurde ab­gelehnt, da feine Kühlanlagen vorhanden seien. In Tilsit , der zweitgrößten Stadt Ostpreußens , beherrscht der Freifinn die Stadtverordnetenversammlung. Unsere Genossen hatten den Antrag gestellt, den Magistrat zu ersuchen, an den Bundesrat und Reichstag eine Eingabe zu richten, in der unter Darlegung der herrschenden Notlage gefordert wird: die sofortige Aufhebung der Zölle auf Vieh, Fleisch, Getreide und Futtermittel, die Oeffnung der Grenzen für die Einfuhr von Schlachtvich, die Aufhebung der Einfuhrscheine und des§ 12 des Fleischbeschau­gefehes. Obwohl allgemein der Notstand zugegeben wurde, fand der Antrag doch nicht Annahme. Man meinte, er fomme zu spät. Schnelle Hilfe tue not, und daher müßten Seefische an die Be­öfferung verkauft werden. Ein Redner erklärte, durch den Antrag der sozialdemokratischen Stadtverordneten würde eine noch schlim mere Stalamität entstehen, die Zölle könnten nicht aufgehoben werden, da die Leute sich auf sie eingerichtet hätten. Bei der Ab­stimmung über den sozialdemokratischen Antrag stimmte nicht ein einziger der freisinnigen Stadtverordneten für ihn.

Im Görlißer Stadtverordnetenkollegium beantragten unsere Genossen, den Magistrat zu ersuchen, an den Bundesrat und den Reichstag eine Eingabe zu richten, um Maßregeln zur Abwehr der sich immer mehr verschärfenden Lebensmittelteuerung zu treffen; ferner wird der Magistrat ersucht, selbst Maßnahmen zu ergreifen, die geeignet sind, der Teuerung entgegenzuwirken. Der Magistrat ist dem sofort nachgekommen. Denn schon bereits zu derselben