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Nr. 216. d) scolille

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Telegramm- Adresse: ..Sozialdemokrat Berlin ".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt Morikplak, Nr. 1983.

Sonntag, den 15. September 1912.

Expedition: SW. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Nr. 1984.

Der Parteitag in Chemnitz .

Kriegsgefahr war das Zeichen, in dem der Parteitag in Jena zusammentrat, und Judem der Parteitag den Kampf um die gründliche Reformierung der deutschen Wirt­im Zeichen der Teuerung bersammelt sich das Parlament der deutschen Arbeiterklasse in schaftspolitik proklamieren wird, wird er zugleich den Kampf gegen den Imperialis­Chemniz. Und wie für Jena die machtvollen Demonstrationen gegen den Strieg, so bildet mus proklamieren. Dieselbe Entwickelung, die sich ökonomisch in der Teuerung ausdrückt, jetzt die erregte Protestbewegung gegen die verruchte Wirtschaftspolitik den Auftakt für die drückt sich politisch aus in der bedrohlichen Verschärfung der Gegensätze zwischen den kapita­Chemnitzer Tagung. Kampfzeiten sind es, in denen wir leben, immer schärfer und under- listischen Staaten, in dem Streben nach immer neuen Absatzgebieten, in der kolonialen Gewalt­föhnlicher scheidet sich Hüben und Drüben, und unter dem Druck der stetig an Macht, Drga- politit, im Wettrüsten und im ständig wachsenden Steuerdruck. Auch diese Tendenzen sind der nisation und Einsicht zunehmenden Arbeitermassen vollzieht sich unter immer neuen neuesten Entwickelung des Kapitalismus eigentümlich, sind international und können endgültig Hemmungen, unter immer wiederholten Widerstandsversuchen der Herrschenden, unter Opfer nur mit dem Kapitalismus selbst überwunden werden. Aber auch hier muß der Kampf zu­und Gefahr, aber dennoch unaufhaltsam der geschichtliche Aufstieg unserer Klasse. gleich um unmittelbare Erleichterung geführt werden. Die staatlichen Gegenfäße sind durch die Zollabsperrung über das im Kapitalismus unvermeidliche Maß gesteigert worden, und das Wettrüsten wird selbst zu einer akuten Kriegsgefahr. Der Parteitag wird die bürgerliche Welt vor die Frage stellen, ob sie wirklich unfähig geworden ist, den Frieden auf die Dauer zu sichern. Er wird fordern, daß das Wettrüsten eingestellt, daß durch inter­nationale Vereinbarung mit der Vergeudung der Steuergelder ein Ende gemacht, der Alp der Gefahren eines Weltkrieges von den Massen genommen werde.

Der Chemnizer Tag findet die Partei auf stolzer Höhe. Viereinviertel Millionen zählen ihre Wähler, eine Million ihre politische Organisation, einundeine halbe Million beträgt die Auflage ihrer Presse und die Gewerkschaften umfassen zweiundeinhalb Millionen Kämpfer. Und diese Riesenpartei ist heute einiger und geschlossener als je, fampfbereit und auch schweren Entscheidungen gewachsen. In dem gleichen Maße, wie die Gefahren, zugenommen haben, die der Kapitalismus über die arbeitende Menschheit verhängt, ist auch die Abwehrkraft der Arbeiterklasse gewachsen.

Die Befürchtung einzelner Genossen, daß diese Forderung der Arbeiterklasse die Erkennt­Teuerung und Kriegsgefahr sind nur Begleiterscheinungen derselben Entwicklung, die nis über das Wesen des Imperialismus trüben tönnte, erscheint uns unbegründet. Im uns das Referat des Genossen Haase über Imperialismus skizzieren wird. Die stürmische Gegenteil, gerade der Widerstand, den die herrschenden Klassen der sozialdemokratischen Friedens­Entfaltung des Kapitalismus, die 1895 einsetzt, deren dritte, alle früheren an Ausdehnung politit entgegenstellen, belehrt die Massen besser als alle theoretischen Erläuterungen über die Stärke kapitalistischer Interessen, die heute den Frieden bedrohen. Auch hier gilt, was von und Intensität übergipfelnde Hochkonjunkturperiode wir eben durchleben, ist ökonomisch be- allen unseren Kämpfen von augenblicklichen Reformen gilt: enden sie siegreich, so stärken sie gleitet von einer ständig zunehmenden Erschwerung der Lebenshaltung. Noch bis zur Jahr- unmittelbar die Macht der Arbeiterklasse; tann der Wiederstand der Herrschenden aber zunächſt Hundertwende konnte es scheinen, als wäre diese kapitalistische Sturm- und Drangperiode nicht überwunden werden, so wächst die Einsicht der Arbeiterklasse in die Notwendigkeit der zugleich auch eine Periode rascher Verbesserung der Lebenshaltung für viele Arbeiterschichten. völligen Beseitigung der kapitalistischen Produktion, es wächst ihre Entschlossenheit und ihr nicht überwunden werden, so wächst die Einsicht der Arbeiterklasse in die Notwendigkeit der Die Gewerkschaften erlebten nicht nur einen glänzenden organisatorischen Aufschwung, ihre unmittelbaren Erfolge waren sehr bedeutend, und während die Belebung der Industrie die Stampf wird breiter und umfassender. So wird die Behandlung der Probleme der Zeuerung und des Imperialismus dem industrielle Reservearmee auf das dem Stapitalismus unentbehrliche Minimum reduzierte, Barteitag Gelegenheit bieten, die Vereinigung unserer sozialistischen Grundauffassung mit der ſtiegen die Löhne für viele Berufe rascher als die Preise der Lebensmittel. Eine optimistische unserer ständigen Reformbereitschaft getreu unseren marxistischen Grundsägen zu demonstrieren. Auffassung, die eine beständige Milderung der Klassengegenfäße voraussehen zu können und wir hoffen, daß diese Verhandlungen über Deutschlands Grenzen hinaus auf die glaubte, die weder auf ökonomischem noch auf politischem Gebiete Hemmungen einer stetig nternationale wirken werden. Im nächsten Jahre findet der internationale Stongreß vor sich gehenden allmählichen Reformtätigkeit, erkennen wollte, griff um sich, und die im in Wien statt, über den Genosse Moltenbuhr referieren wird. Dieselben Probleme, die Gründe alte, längst widerlegte Lehre liberaler Apologeten von der Interessenharmonie in der Kapitalistischen Welt feierte eine neue Auferstehung und fand in den mannigfachsten uns beschäftigen, bewegen auch die Internationale. Der Parteitag wird den unerschütterlichen Modifikationen und Abwandlungen Anhänger auch in manchen Streisen der Partei. Für diese Friedenswillen der stärksten Partei der Welt zum klaren Ausdruck bringen, er wird den Kriegs­wiesen die Vertreter des Marrismus vergebens auf die dem Kapitalismus innewohnenden und Kolonialfanatikern schärfften Kampf ansagen und dadurch, daß er jeder chauvinistischen Erregung der Massen vorbeugt, die stärkste Sicherung des Weltfriedens schaffen. Tendenzen hin, die dieser Auffassung entgegenständen. Ihre Warnungen wurden verhöhnt, internationale Kongreß wird den Beweis liefern, daß diese Friedensarbeit, die einen ungleich ihre wissenschaftlichen Auffassungen als angeblich veralteter Dogmatismus abgetan. Nun sichereren Erfolg verspricht als irgendwelche im voraus bestimmte mechanische Striegsverhinderungs­haben die Tatsachen gesprochen und entschieden. Heute gibt es niemand in der Partei, mittel, wie von dem deutschen so von dem ganzen Proletariat der Welt unbekümmert um der nicht mit wachsender Sorge und Erbitterung beobachtet, wie die schwer errungenen gewert alle nationalistische Hetze geleistet wird. schaftlichen Erfolge bedroht werden von der Teuerung. Nie vielleicht hat es eine Periode so Zu der Behandlung der wichtigen Probleme, die die neueste Entwickelung dem prole­glänzender Hochkonjunktur gegeben, von deren Früchten die Arbeiterklasse so vollständig aus­geschlossen war. Wenn sonst die Hochkonjunktur die Zeit war, wo die Lohnsteigerung einen tarischen Kampf gestellt hat, kommen auf dem Parteitag eine Reihe wichtiger innerer Wir haben schon betont, wie die ökonomische und politische Ent­wenn auch freilich stets recht fümmerlichen Ausgleich bot für die Entbehrungen der Parteiaufgaben. Depression, diese Hochkonjunktur, daran kann niemand zweifeln, hat solchen Ausgleich nicht nur nicht gebracht, sondern die Steigerung der Lebenskosten ist weit stärker gewesen als die der Löhne. Die dem Kapitalismus innewohnende Tendenz der Verelendung, lange Zeit durch den Kampf der Organisationen erfolgreich überwunden, bedroht wieder die mühsam errungene Lebenshaltung und jeden weiteren Fortschritt.

Der

wickelung selbst dazu geführt hat, daß viele und tiefgehende Differenzen, die früher die Partei bewegt haben, an Schärfe sehr verloren haben. Nichts komischer als die Urteile der liberalen Presse, die einige Leistungen verärgerter und meist abseits sich haltender Literaten als Symptome einer Parteizerklüftung jubelnd begrüßen, zur selben Zeit, wo die harten Tatsachen uns alle fester als je zusammenschmieden. Wir wissen, daß es anders ist, und wenn jene zu belehren wären, was schließlich nicht unser Bedürfnis ist, so mögen sie die Ergebnisse des Und diese Teuerung trifft die Arbeiterklasse in einer Zeit stürmischster Vermehrung des Parteitages eines Bessern belehren. Man mag z. B. über die Frage der Sonderkonferenzen kapitalistischen Reichtums, in einer Zeit, wo der Strom der Waren breiter dahinflutet wie je denken, wie man will, das eine muß man zugeben, daß in den zahlreichen aus den ver­zuvor, wo die Entwicklung der Produktionsträfte alle Erwartungen übertrifft, die Beherrschiedensten Parteiorten kommenden Beschlüssen, die diese Sonderkonferenzen verurteilen, der schung der Natur und die Aneignung ihrer Schätze der Menschheit die Befriedigung all ihrer Wille zur Einheit und Geschlossenheit der Partei mit der stärksten Energie vernünftigen Bedürfnisse gewährleistet. Nie ist dieser kapitalistische Wahnsinn, durch den der zum Ausdruck kommt. größte Reichtum für die Massen zur Quelle des größten Elends wird, krasser, höhnischer, Und die Sorge um die Geschlossenheit und Schlagfertigkeit der Partei allein wird auch herausfordernder in Erscheinung getreten als heute. Niemals früher wurde aber auch diese die Beschlüsse über die Neuorganisation diftieren. Sicher ist, daß unser Statut in einigen Herausforderung von einer solch kampfbereiten, der Notwendigkeit der sozialistischen Um- Punkten verbesserungsbedürftig, daß die stetig wachsenden Aufgaben der Partei auch er­gestaltung so bewußten, zur weltumfassenden Partei organisierten Klasse aufgenommen wie heute. höhte Mittel beanspruchen. Strittig ist dagegen das Problem der obersten Parteileitung. Die stürmische Entwicklung, von der wir sprachen, hat die Profite der Industrie an- Hier scheint aber die Erkenntnis zu überwiegen, daß durchschlagende Gründe zur Aenderung dauernd gesteigert, und für die wichtigsten ihrer Zweige hat die durch das Schutzzollsystem nicht vorhanden sind, daß jedenfalls die bisher gemachten Vorschläge nur eine größere Schwer­treibhausmäßig geförderte Kartellierung und Monopolisierung riesige Extraprofite geschaffen. fälligkeit, eine Erschwerung der Entschlußfähigkeit oder eine Minderung des Verantwortlich­Die Anarchie der kapitalistischen Produktion aber bewirkt, daß für die Verteilung der Pro- teitsgefühls bewirken könnten. Jedenfalls wird der Parteitag das schwierige Problem einer duktion nicht die Bedürfnisse der Massen in die Wagschale fallen, sondern die Profit- gründlichen Diskussion unterziehen, die darüber Klarheit schaffen wird, ob und welche Maß­möglichkeiten der Kapitalisten. So sehen wir, daß, während die Industrie sich riesig ent- nahmen zur Erhöhung oder Festigung der Schlagfertigkeit allenfalls erforderlich sind, min­wickelt, während ihre Ueberschüsse als Kapital in alle Welt exportiert, und die Produkte, destens die Frage als noch nicht spruchreif ansehen. die die europäischen und amerikanischen Arbeiter erzeugen, ihnen von den Kapitalisten vor­

Der Bericht über die Reichstagswahlen wird ein stolzes Bild von dem Fort­

enthalten werden und zur Schaffung kapitalistischer Produktion in Asien und Afrika dienen, schreiten unserer Bewegung entwerfen können; er wird aber auch Anlaß zu einer Diskussion daß während dieser selben Zeit die Landwirtschaft vernachlässigt wird, weil das Kapital die über das Stichwahlabkommen geben. Auch diese Diskussion wird sich um so mehr in durch­profitablere Industrie bevorzugt und so zugleich mit den fartellierten Industrieerzeugnissen aus ruhigen Formen abspielen fönnen, als der eigentliche Streitgegenstand ja der Vergangen­und noch schneller als diese alle Lebensmittel fortwährend im Preise steigen. Nicht daß etwa heit angehört. Die Einwände beziehen sich auch nicht auf das Wahlübereinlommen überhaupt, die Möglichkeit landwirtschaftlicher Produktion sich vermindert hätte; noch warten in sondern nur auf die Frage, ob das Zugeständnis der Dämpfung" nicht für die Erreichung Argentinien und Kanada , in Australien und Vorderasien und anderswo riesige Landstrecken des Zieles, eine konservativ- kleritale Majorität zu verhindern, zu groß gewesen ist. Es ist der Erschließung. Es ist die Planlosigkeit des Kapitalismus, die in letter Instanz die durchaus begreiflich, daß dieser Punkt des Abkommens von einer großen Anzahl der be­Teuerung verursacht. Deshalb ist die Leuerung allerdings eine internationale Erscheinung. treffenden Wahlkreise störend und unangenehm empfunden worden ist, obwohl es sich gezeigt Deshalb genügt es allerdings nicht, bloß eine bestimmte kapitalistische Wirtschaftspolitik allein hat, daß unsere Wähler auch ohne besondere Agitation im zweiten Wahlgange in gleicher An­für sie verantwortlich zu machen. Deshalb ist die liberale Heilslehre des Freihandels für zahl zur Urne gegangen find wie im ersten. Die Frage ist nur, ob bei der ungewöhnlichen uns Sozialdemokraten nicht das letzte Wort. Deshalb können wir nicht nur Freihändler, Situation, wo der Entscheid über die Majoritätsbildung im Reichstage von unserer Haltung sondern müssen vor allem Sozialisten sein. Denn nur der Sozialismus, die bewußte bei den Stichwahlen in erster Linie abhing, nicht das Allgemeininteresse der Partei es un­Regelung und Beherrschung der Produktion, kann uns endgültig von den Verelendungs- möglich machte, an der Dämpfung" das Abkommen scheitern zu lassen. Wir glauben, der tendenzen ves Kapitals befreien, von der Ausbeutung der Massen im Dienst und zum Parteivorstand konnte damals nach seiner Beurteilung der ganzen Sachlage nicht anders Nußen einer fleinen Anzahl. handeln, als er gehandelt hat. Wir begreifen aber nicht nur, sondern begrüßen bis zu einem

Daß aber die Teuerung international, entschuldigt nicht, sondern flagt nur um so härter an gewissen Grade den Widerstand gegen das Abkommen als erfreuliches Symptom dafür, wie die deutsche Zollwucherpolitik, welche über das allgemeine Niveau hinaus die deutschen Konsumenten stark in der Partei das gesunde Gefühl für möglichst große Unabhängigkeit unserer Taktik zum Nußen der Großgrundbefizer und Kartelmagnaten ausplündert. Und hier wird der lebt. Daß in der Zukunft die Dämpfung sich wiederholen werde, halten auch wir für aus­Parteitag ein ernstes Wort zu sprechen haben. Er wird der Stimmung der Massen Ausdruck geschlossen, nicht deshalb, weil wir sie etwa als prinzipiellen Verstoß ansehen, sondern weil geben, die nicht gesonnen sind, die Untätigkeit der regierenden Agenten des Bundes der Land- die taktische Situation nicht wiederkehren wird und die praktische Wirksamkeit nicht besonders wirte geduldig zu ertragen. Die Entschlossenheit, Abhilfe gegen die Not auch einer wider- groß war. strebenden Regierung abzuringen, lebt heute in der überwältigenden Majorität des deutschen Volkes und die Arbeiter warten nur auf den Kampfruf, den der Parteitag ergehen lassen wird, um, was sie bereits begonnen, fortzuführen. Die Regierung des Elends darf nicht durch das Elend der Regierung verewigt werden. Dem Volke muß Erleichterung werden!

Rampfzeiten sind es, in denen unser Parteitag zusammentritt. Auf große Fort­schritte der Partei können die Delegierten stolz zurückblicken. Daß der Parteitag zu neuen Kämpfen rufe, daß er der Ausgangspunkt neuen, noch stürmischeren Fortschreitens set, das wünschen die deutschen Arbeiter beim Zusammentritt ihrer Vertrauensmänner.