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Nr. 224.

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Berliner Volksblatt.

29. Jahrg.

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Telegramm- Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt Morigplatz, Nr. 1983.

Mittwoch, den 25. September 1912.

Keine Antwort!

Was denkt sich denn der Herr Reichskanzler eigentlich?[ und eine Regierung, die das nicht begreifen will, die als Glaubt er denn wirklich, daß sich das deutsche Volt aber Ausschuß der Junker mit absolutistischen Mitteln den Not­auch alles bieten lassen wird? stand verlängern will, wird auf einen Widerstand stoßen, den sie vielleicht nicht erwartet.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Nr. 1984.

berechnungen, die für die absolute Höhe der Preise noch ein zu günstiges Bild liefern, st i egen die Preise pro Kilo gegen den September 1911 für Rindfleisch um 23,2 Pf.; für Kalbfleisch lum 18,2 Bf.; für Hammelfleisch um 15,4 Bf.; für Schweinefleisch fleisch um 37,1 Bf.; für Schweineschinten um 42,6 Bf.: Pf. für Schweinefped um 34 f.

Pferdefleisch erhöhte sich um 5,4 Pf. im Preise. Gerade das Schweinefleisch, das durch seine Billigkeit fast allein Die stärkste Fraktion des deutschen Reichstags, die Ver­auf den Tisch des Arbeiters gelangen konnte, hat die stärkste treter eines Drittels des deutschen Voltes, richten an den Ob die da oben eine Vorstellung von der Stimmung der Breiserhöhung erfahren. Es ist heute nur um weniges Reichskanzler einen Brief mit dem dringenden Ersuchen, den Massen haben? Wilhelm II. hat gemeint, heute könne jeder billiger als die übrigen Fleischsorten, aber beträchtlich teurer Reichstag einzuberufen. Ein Notstand, so groß, daß selbst die Arbeiter seines Lohnes froh sein! Und sein Kanzler regiert in als Rind- und Hammelfleisch vor einem Jahre. In früheren De­interessierten Nußnießer des Voltshungers ihn nicht mehr zu diesem Sinne. Die Herren täten gut, etwas mehr auf die batten über die Fleischteuerung wiesen Regierung und Agrarier leugnen wagen, herrscht im Lande. Die Volksvertretung soll Stimmen der Arbeiter selbst zu achten. Gestern abend haben immer darauf hin, daß zwar Rind-, Kalb- und Hammelfleisch im Hilfe schaffen, das Notwendige beschließen. Nicht nur die in Berlin die Frauenversammlungen stattgefunden und Zu- Preise gestiegen seien; das träfe aber nur die Begüterten. Das stärkste Partei im Reich und Parlament fordert es. Längst friedenheit war wirklich nicht die vorherrschende Stimmung. Fleisch des kleinen Mannes, das Schweinefleisch, sei dafür billiger schon haben sich die großen Städte und ihre Vertretungen Die Versammlungen waren massenhaft besucht und die Er- geworden. Und tatsächlich stellten sich auch die Schweinefleischpreise diesem Vorgehen angeschlossen. Aber der Herr Reichskanzler bitterung dieser armen Frauen, die nicht mehr wissen, wie sie in den Jahren 1910 und 1911 etwas niedriger als 1909. Seit An würdigt die Fordernden nicht einmal einer Antwort. Der mit dem Einkommen noch den Haushalt bestreiten sollen, die fang dieses Jahres ist aber Schweinefleisch sehr rasch im Preise ge­hochmütige Bureaukrat hat für die Not des Voltes, für dessen brauchte wirklich nicht erst durch die Hetzer" erzeugt zu werden. stiegen. Heute sind sämtliche Fleischsorten für den Arbeiter uner­tonftitutionelles Recht nur verächtliches Schweigen. Ist das Die war da und brach immer wieder in den stürmischen schwinglich geworden. zu ertragen? Zwischenrufen durch. Und die Entschlossenheit ist nicht minder Die Regierung wird jetzt neuen Stoff zu neuen Erörte groß. Diesmal muß etwas geschehen! Die Zeit rungen haben. Dann aber wird man die Konferenzen ber­zum Hundeln darf nicht wieder verpaßt und verzettelt werden. schieben, bis die Statistik für den Oktober bearbeitet ist. Und so Der Not muß Abhilfe werden!

Was ist denn dieser Herr v. Bethmann Hollweg

eigentlich?

weiter!

der

Fleischvergiftungen!

Daß er eine Persönlichkeit ist, glaubt ja doch höchstens Onkel Breysig. Irgendwelche politischen Verdienste, die es Die Regierung tut nichts oder doch sie hält Konferenzen etwa erträglich erscheinen ließen, daß der Herr sich als der ab. Aber davon werden wir nicht satt. Und überhaupt reichen Die Armen, die die Agrarier reich machen müssen, büßen jetzt absolute Beherrscher des deutschen Volkes aufspielt, der in die kleinen Mittelchen, mit denen die Regierung dem Volke ihre Begehrlichkeit mit dem Tode. Da sie nicht ganz auf Fleisch und einer das Wohl des Volkes so unmittelbar berührenden Frage vielleicht die Augen auswischen will, um die Wucherprofite Wurst verzichten wollen, gutes Fleisch aber teuer ist, essen diese Un­den Reichstag achtlos beiseite schieben dürfte, hat doch der den Agrariern auch für die Zukunft zu sichern, nicht genügsamen jetzt schlechtes und berdorbenes Fleisch und schädigen fünfte Reichstanzler wahrhaftig nicht aufzuweisen. Er ist aus. Da muß der Reichstag handeln, da müssen dadurch unverantwortlicherweise die nationale Volfstraft. So wird aus Köln telegraphiert: Die Fleischbergiftungen nehmen allerdings der Vertrauensmann des Bundes der Landwirte, die Gesetze, die die Grenzen sperren, Vich und Fleisch ber einen großen Umfang an. In einem Viertel des südlichen der konservativen und klerikalen Großgrundbefizer. Daß er teuern, das deutsche Getreide ins Ausland treiben, geändert Stadtteils sind zwanzig Personen unter schweren deren Interessen allein, einzig und allein, vertritt, daß werden. Und deshalb muß der Reichstag zusammenberufen Bergiftungserscheinungen ertrantt. Der elfjährige er, dessen folgenschwere Untätigkeit im Vorjahre so sehr zu werden dem bureaukratischen Absolutismus zum Trok! Sohn einer Familie ist bereits gestorben, die Mutter liegt im der herrschenden Teuerung beigetragen hat, für die Interessen Herr v. Bethmann Hollweg aber zögert noch immer; Sterben. Heute find wieder neue Erkrankungen gemeldet worden. der überwältigenden Majorität des deutschen Volkes gar er will die Volksvertreter nicht zu Worte kommen Die Erkrankten sollen bei ein und demselben Metzger das Fleisch nichts übrig hat, daß er ihr bitterster Feind ist, diesen lassen und glorreich allein weiter regieren. Um so gekauft haben. Eine eingehende Untersuchung wurde eingeleitet. Das Resultat dieser Untersuchung wird dann wieder dankens­Beweis zu führen, hat er ja nicht mehr nötig. Daß er ein dringender ist es, daß das Volt wenigstens außerhalb des Verächter der Demokratie ist, wie all die kleinen Geister, die Parlaments das Wort nimmt. Gestern haben die Frauen wertes Material für die Erörterungen in den täglichen Konferenzen sich bei gleicher Verteilung von Wind und Sonne nie durch ihre steigende Not geklagt. Sonntag soll der Herr der Minister liefern. segen fönnten, weiß man ebenfalls. Aber berechtigt denn all Reichskanzler hören, wie die arbeitenden Massen Berlins Doppelzüngigkeit des Zentrums. das wirklich diesen Mann, dem deutschen Volke sein wichtigstes darüber denken, daß er die Forderungen des Volkes tot- Dem Zentrum wird vor den Folgen seiner Lebensmittelwucher­tonstitutionelles Recht, das Recht auf seine Vertretung in der schweigen zu können glaubt. Er soll hören, wie die Berliner politik doch einigermaßen bange. Namentlich die christlichen Arbeiter Zeit vorzuenthalten, wo es deren am dringendsten bedarf? Sozialdemokratie es empfindet, daß er die Eingabe ihrer Ver- fangen nachgerade an, schwierig zu werden. Nun sind zwar die Was ist denn Herr v. Bethmann politisch? treter feiner Antwort würdigt. Herr v. Bethmann Hollweg Arbeiter dem Zentrum recht erwünscht als Stimmvieh, aber wirklich Er ist der dem Deutschen Reichstag einzig verantwortliche glaubt fluge Politik zu treiben, indem er unsere Abgeordneten vertreten werden von den den Konservativen verbündeten Klerikalen Beamte. Er ist kein Vertrauensmann des Parlaments und daran berhindert, pofitive Arbeit zur Hebung des Notstandes nur die großagrarischen aber nicht die Arbeiterinteressen. Daher die abscheuliche Doppelzüngigkeit der Zentrumsleute, wenn sie auf den schon gar nicht ein Vertrauensmann des deutschen Volkes. Er zu leisten. Nun so haben unsere Abgeordneten wider ihren Arbeiterfang ausgehen. So schreibt die M.- Gladbacher Korrespondenz: hat seine Stellung durch das Belieben Wilhelms II. Willen Zeit, die Massen aufzuklären, wer die Schuld trägt, Als Hauptpunkt, um den sich das Interesse an den zur gegen Und die Art, wie dieser Handlanger des persönlichen wenn sie hungern müssen, wen die Verantwortung trifft, wärtigen Teuerung vorgeschlagenen Abhilfemitteln Konzentriert, fann Regiments die Forderung des Volkes auf Einberufung wenn noch immer nichts geschieht, was längst hätte ge- man wohl die Einfuhr von Gefrierfleisch bezeichnen. des Reichstags zu behandeln wagt, enthüllt so zugleich das schehen müssen! Die arbeitenden Massen Berlins Die Meinungen hierüber sind freilich sehr geteilt( nämlich zwischen den Großagrariern einerseits und der übrigen Bevölkerung ganze Verfassungselend des deutschen Volkes. dem neuen Kampfruf, der an sie ergeht, andererseits!). Während die einen sich geradezu phantastische Hoff In der Tat, das politische und das materielle Elend, sie sind Folge leisten. Am Sonntag werden sie als Avantgarde nungen zu machen scheinen, erheben sich in anderen Kreisen die beide untrennbar verknüpft und kein anderes Volk würde den der Viermillionenpartei Abrechnung halten mit einer schlimmsten Befürchtungen. Es dürfte darum angezeigt erscheinen, materiellen Notstand ohne Hilfe so lange ertragen müssen als Regierung, die entgegen dem Geist der Konstitution das Mit- die tatsächliche Lage der Dinge einmal ruhig zu erörtern. das auch politisch verelendete deutsche. Ueberall anderswo bestimmungsrecht des Volkes und seiner Vertretung mißachtet, würde eine Regierung die Mitarbeit des Parlaments be- mit einer Regierung, die der stärksten Partei des Reichstags grüßen, würde seine Einberufung als eine elementare konsti- mit verächtlichem Hohn begegnen zu dürfen glaubt, die im tutionelle Selbstverständlichkeit längst veranlaßt haben, wäre Interesse einer kleinen Schar von Volksausplünderern die sie längst mit den notwendigen Vorschlägen vor die Volts- Massen in Knechtschaft und Elend halten will. vertretung getreten. Nur in Preußen- Deutschland verachten, Der Herr Reichskanzler hat für das Volk keine Antwort. die Herrschenden die Voltsvertretung, suchen ihre Rechte zu Er wird aber das Volk nicht abhalten können, ihm und seinen verkümmern und treiben ununterbrochen Sabotage und Auftraggebern die sehr nötige Antwort zu geben! Obstruktion gegen das Parlament. Freilich, Schuld daran

tragen auch die bürgerlichen Parteien, die einen, die Non­servativen und das Zentrum, weil sie im innersten Wesen Feinde des Parlamentarismus sind, die anderen, die Libe­ralen, weil sie in Schwäche und Aengstlichkeit nie das Recht des Reichstags zu wahren und auszunüßen verstanden haben. Selbst jetzt sucht man vergebens ein energisches Auftreten der liberalen Parteien, obwohl die höhnische Nichtbeachtung des Verlangens der stärksten parlamentarischen Fraktion nicht nur diese trifft, sondern einen Schlag gegen das Ansehen des Parlamentarismus überhaupt bedeutet.

werden

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Die Regierung

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überlegt!

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Es ist ohne Zweifel richtig, daß die Einfuhr von ausländischem Gefrierfleisch dann unter allen Umständen vermieden werden müßte, wenn feststände, daß sie der heimischen Viehzucht Schaden bringen würde. Sie müßte dann unterbleiben, nicht etwa der Agrarier" willen, sondern um der Zukunft unseres Fleischkonsums willen; das Gefrierfleisch könnte in dem angenommenen Fall höchstens nur eine furze augenblickliche Erleichterung bringen; nachher würden die letzten Dinge schlimmer werden wie die ersten, es würde sich dann sicher das Wort bewähren:" Billige Wochen, teure Jahre". Auch wird zu­zugeben sein, daß für Deutschlands Fleischversorgung unter allen Umständen die Inlandslieferung die Hauptsache sein muß; wir würden uns sonst über furz oder lang den größten weltpolitischen wie wirt­schaftlichen Schwierigkeiten ausgesetzt finden.

Jedoch kann bei der gegenwärtigen Lage der Dinge doch die Ueber­Ein offiziöses Papier bringt folgende Aufreizung zu Haß Beugung zu Recht bestehen, daß jezt diese Befürchtungen nicht zutreffen. Auch bei Einfuhr des gefrorenen Fleisches und Verachtung: werden diejenigen, die sich bei den teuren Preisen Fleischnahrung verschaffen können, das frische Fleisch nach wie vor dem gefrorenen vorziehen. Würden die Frischfleischpreise, etwa infolge gesteigerter Produktion oder besonders als Folge des allmählichen Wegfalls der Wirkungen des Futterausfalls der letzten Jahre, finten, so werden auch diejenigen, die notgedrungen zum billigeren Gefrierfleisch haben greifen müssen, sicher dem Frischfleisch sich wieder zuwenden. Diejenigen Streife jedoch, die bei den hohen Fleischpreisen Frischfleisch nicht mehr erichwingen fönnen, kommen ja jezt als Käufer des inländischen Fleisches ohnedies nicht in Betracht, ihr Einkauf von Frostfleisch kann darum dem inländischen Fleisch den Markt nicht be­einträchtigen."

Die Frage der Fleischnot wird andauernd von den maßgebenden Instanzen der Reichsregierung erörtert.(!) Diese Instanzen betrachten sie als eine der wichtigsten An­gelegenheiten, mit denen die Regierungen sich zu beschäftigen haben. Dementsprechend vergeht kaum ein Tag, an dem nicht Konferenzen(!) über die Frage stattfinden. So hat der Reichskanzler gestern über diese Sache tonferiert, während Aber das überschwächliche Verhalten der Parteien erklärt gleichzeitig im Reichsamt des Innern in der gleichen Angelegen vielleicht, aber rechtfertigt nicht die Dreistigkeit dieses Bureau- heit eine Situng abgehalten wurde. Die Schwierigkeit der kraten, der höhnisch mit den Achseln zuckt, wenn er an seine Materie berzögert den Abschluß der Verhandlungen; end verdammte Pflicht und Schuldigkeit erinnert wird. Und gültige Entscheidungen liegen noch nicht vor." Wer aber meint, daß das Zentrum und seine Korrespondenz jedenfalls haben die deutschen Arbeiter keine Lust, diese Be­Wirkt das nicht auf Euch, Darbende, sehr tröstlich?! nun etwa die Forderung der Aufhebung des§ 12 des Fleischbeschau­leidigung ihrer Vertreter ruhig hingehen zu lassen. Wenn der Weiteres Steigen der Fleischpreise. gefezes energisch fordern würde, der wäre getäuscht. Die Kore Herr Reichskanzler das Parlament verachtet, dann paßt er respondenz will warten, ob die Regierung Recht hat mit ihrer Während die Regierung täglich man dente! überlegt eben nicht für sein Amt, und Wilhelm II. , der ihn eingesetzt man dente!- und erörtert, steigen die Fleischpreise. Sie sind so nicht mehr. Unterdessen sucht sie glauben zu machen, es sei zweifel­lästerlichen Behauptung, die Gefriertechnik bedürfe der Aufhebung hat, muß einen Handlanger wählen, der das konstitutionelle illoyal, sich gar nicht um die Prophezeiungen des Kanzlers, der haft, ob Argentinien und Australien genügend Fleisch liefern könne Recht etwas mehr respektiert. Denn die Zeiten des Minister und der Nordd. Allg. 8tg." zu fümmern. Nach den von und wendet sich dann mit langen Ermahnungen an die Absolutismus sind vorüber auch in Deutschland , der Statistischen Korrespondenz" angestellten Durchschnitts- om mnt. ffo der alte Schwindel!

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