Nr. 260.
Erscheint täglich außer Montags. Preis pränumerando: Vierteljährlich 3,30 Mart, monatlich 1,10 mt, wöchentlich 28 Big frei in's Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags Nummer mit illuftr. Sonntags- Beilage Neue Belt" 10 Pfg. Post- Abonnement: 8,30 Mt.pro Quartal. Unter Kreuz band : Deutschland u. DefterreichUngarn 2 Mt., für das übrige Ausland 3 Mt.pr.Monat. Eingers. in der Poft Beitungs- Preisliste für 1893 unter Nr. 6708.
Vorwärts
10. Jahrg.
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Allo Rod
Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.
Sonnabend, den 4. November 1893.
müßten dies
Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.
Aus einem preußischen Beute miten bis endlich einmal einsehen! Allein nur der königlich preußische Bergmann kann nur gut gedeihen,
Musterbetriebe.
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Auf dem Kölner Parteitage ist der Thatsache gebührend Erwähnung gethan worden, daß die königlich preußische Bergwerksverwaltung der Saar - Kohlengruben den dortigen Rechtsschutzverein der Bergleute glücklich vernichtet hat, und zwar durch Manöver, die an den absolutistischen und despotischen Staat erinnern, sowie an das angenehme Vorbild des König Stumm, nur nicht an einen staatlichen Musterbetrieb. Statt der Vertretung im Rechtsschutzverein, in der freien Organisation, sind den Bergleuten nun bekanntlich auf dem Verordnungswege geführte Arbeiter Ausschüsse" bescheert worden, eine zweite staatliche Muster"-Einrichtung, die den Leuten statt der Verheßung" des Rechtsschutzvereins eine geordnete" Wahrnehmung ihrer Interessen bieten und sie völlig aussöhnen soll mit den idyllischen Zuständen, die auf den Saargruben herrschen. Nun wußte man ja wohl, welcher Art diese Ausschüsse seien, die nur unter dem Vorfig eines Bergraths tagen und außerdem nicht die geringste Befugniß der Verwaltung gegenüber haben. Aber daß in diesen Ausschußberathungen von Arbeiterrechten gar nicht, von deren Pflichten aber um desto mehr die Rede ist, so daß man sich baß wundern muß, daß sich immer noch Saarbergleute finden, welche dabei die Statistenrolle übernehmen, das wird doch erst so recht klar aus dem Protokoll einer Ausschußsigung, welches der bekannte amtliche Bergmannsfreund von der Saargrube Friedrichsthal unterm 15. Oktober dieses Jahres veröffentlicht. Da heißt es:
Vor einigen Tagen fand auf hiesiger Grube unter dem Vorsitz des Bergrathes Herrn Stapenhorst eine Versammlung des Arbeiterausschusses statt, welcher sämmtliche Vertrauensmänner beiwohnten. Auf die Tagesordnung waren folgende Punkte gefeßt: 1. Rechte und Pflichten der Vertrauensmänner, 2. Wahl der Beisiger zum Berggewerbegericht, 3. Zuständigkeit des Berggewerbegerichts u. 4. Besprechung des§ 13 der Arbeitsordnung.
durch
tadellos reine Förderung könne der Absah ge- wenn er sich immer hübsch zu seinen Vorgesetzten hält, und hoben werden, die unreine Förderung erschwere der gläubig, fromm und willig zu diesen auffieht; dann ist für sein Saartohle ungemein die Behauptung ihres Absatzgebietes Wohlbefinden gesorgt. Die neuen Arbeiter- Ausschußmitglieder und mache die Einlegung von Feierschichten unumgänglich werden sich diese Lehre wohl hinter die Ohren geschrieben nothwendig. Die Vertrauensmänner möchten daher bei der Belegschaft mit Nachdruck dahin haben! Und der Herr Bergrath vergaß nicht, ihnen eine wirken, daß nur reine Kohle zu Tage geschafft praktische Nuzanwendung sofort ans Herz zu legen: die würde. Bei der nun folgenden Besprechung des 1. Punktes Ermahnung, ja teine Schreier" zum Berggewerbegericht der Tagesordnung erläuterte der Herr Vorsitzende an der Hand zu wählen. Ja, keine Schreier"! Der Wuthschrei eines der diesbezüglichen Bestimmungen, daß es nicht Aufgabe des Gemaßregelten, der Nothschrei eines kümmerlich abgelohnten Arbeiterausschusses sei, Beschwerden und Wünsche einzelner Familienvaters, der Hungerschrei der Weiber und Kinder Bergleute, sondern nur solche, welche die Belegschaft im Ganzen flingt immer sehr häßlich, wenn er durch die Fenster in angingen, vorzubringen. Der frühere Ausschuß habe in dieser die behagliche Wohnung eines Bergrathes eindringt; deshalb Hinsicht seine Aufgaben vielfach verkannt, er habe z. B. auch keine„ Schreier", sondern„ ordentliche und tüchtige" Berg
geglaubt, daß alles in den Sizungen von ihm als
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Wunsch Vorgebrachte und Besprochene gleich bindende leute, die sich alles bieten lassen. Im Arbeiterausschuß" Beschlüsse seien. Diese Ansicht sei aber durchaus ver hat sich der Arbeitervertreter nur gutachtlich" zu äußern, fehrt, vielmehr hätten die Vertrauensmänner im Berg- Gewerbegericht fitt er als Richter mit; da ist also sich über die aufgeworfenen Fragen nur doppelte Vorsicht vonnöthen! Fördert gute, reine, prima gutachtlich zu äußern und die Ansicht der BeWaare, in diese kapitalistische Ermahnung flingt das Prolegschaft zum Ausdruck zu bringen. Nachdem bei tokoll ausschanzt und schafft, wie wir es brauchen, Punkt 2 der Vorsitzende zunächst die Einrichtung des Berg: dann habt Ihr Euren Beruf erfüllt. Gewerbegerichts im allgemeinen und dessen Organisation für
den Saarbrücker Bezirk im besonderen erläutert und auch den Wenn jemand das Protokoll einer Arbeiter- AusschußGang der Wahlhandlung erklärt hatte, theilte er den Ver- fizung" im staatlichen Musterbetriebe travestiren und ver trauensmännern mit, daß die Belegschaft der Gruben Friedrichs spotten wollte, hätte er keinen besseren Text erfinden thal und Maybach zusammen zwei Beisitzer zu wählen hätte, tönnen, als denjenigen, der oben vorliegt. Deshalb haben und daß der Termin zu dieser Wahl auf Donnerstag, den wir ihn aus seiner Berborgenheit herausgezogen und in 19. Oftober anberaumt sei. Er ermahnte nun, ber Bedas helle Tageslicht gestellt; hier stehe er als Schandmal Legschaft ans Herz zu legen, daß teine sogenannten, Schreier", fondern ordentliche und dafür, wie am Ende des 19. Jahrhunderts der größte tüchtige Berglente gewählt werden möchten, deutsche Staat im fistalischen Betrieb mit seinen Arbeitern die auch im stande seien, den Verhandlungen bei den umzuspringen wagt. Gerichtsfihungen unparteiisch zu folgen und ihrer Aufgabe das richtige Verständniß entgegenzubringen. Hierauf machte der Vorsitzende bei Punkt 3 den Vertrauensmännern flar, daß das Berg- Gewerbegericht nur für alle Streitigkeiten zuständig sei, welche sich auf
den Antritt, die Fortſezung oder die Auflösung des Arbeits Politische Leberlicht.
verhältnisses, auf die Aushändigung oder den Inhalt des Arbeitsbuches oder des Zeugnisses, sowie auf die Leistungen und Berlin , den 3. November. Entschädigungsansprüche aus dem Arbeitsverhältniß beziehe." Unser Parteitag, füber den die verkommene deutsche Nunmehr folgte eine hochwohlweise Belehrung darüber, daß dem Bourgeoispresse nur schimpfen kann, weil sie ihn nicht beBergmann die Militärdienstzeit im Grubendienst nicht anVor Eintritt in die Tagesordnung hieß der Herr Vorfigende zunächst die nach dem letzten Arbeiteraussiand neu gerechnet werden könne. Einige Ausschußmitglieder schienen greift, wird von der französischen Bourgeoispresse sehr geglaubt zu haben, man dürfe den Mordspatriotismus ihrer günstig beurtheilt. Der Temps", die vornehmste und eingewählten Vertrauensmänner willkommen, wobei er der HoffObersten ernst nehmen und von der Erfüllung der Militär- flußreichste der bürgerlichen Zeitungen von Paris , stellt, nung Ausdruck gab, daß er mit dem neuen Arbeiterpflicht eine kleine Erleichterung für den betroffenen Bergmann troß ihres grimmigen Sozialistenhasses, doch das Zeugniß ausschuß weiter tommen werde als mit dem erhoffen. Dem war selbstverständlich nicht so. Nachdem noch aus, daß das deutsche Arbeiterparlament" das anständigste früheren, der doch allzu sehr vom Rechtsschutzverein sich habe leiten laffen. Die Vertrauensmänner und die Beeinige fleinere Anliegen zur Verhandlung gekommen waren, und„ parlamentarischste" aller Parlamente sei, daß in wurde die Sigung geschlossen." legschaft würden jetzt wohl einsehen, daß das UnterKöln wahrhaft musterhafte Ordnung geherrscht habe, und nehmen des verflossenen Rechtsschutzvereins Macht so eine Arbeiter- Ausschußsizung" nicht einen daß hinter dieser Ruhe und Disziplin eine imposante von vornherein gänzlich verfehlt gewesen sei, das erhebenden Eindruck? Der königlich preußische Bergrath Macht sich verberge. Freilich zufrieden ist der" Temps" viele, gute Geld der bethörten Bergleute sei verloren und die führt in ihr das große Wort. Er scheint es als seine Auf nicht, denn er meint, die Mäßigung sei nur in der Form, wirthschaftliche Niederlage sei bedauerlicher Weise da. Die gabe zu betrachten, so viel zu reden, daß Arbeiter über das Wesen sei intensiv revolutionär und die deutsche Berwaltung selbst habe ein lebhaftes Interesse an ordentlichem haupt nicht zum Worte kommen können. Und was er alles Sozialdemokratie die gefährlichste aller revolutionären Absay, ihr wäre es viel lieber, wenn flott gefördert und abge- im Arbeiterausschuß" redet! Er erklärt zunächst dem ver- Parteien. Wir danken für das Kompliment. setzt werden fönne, als wenn wie dies gegenwärtig der Fall die Friedrichsthaler Kohle auf die Halde gestürzt wer- fossenen Arbeiterausschuß" seine höchste Ungnade, denn den müffe. Bei guter Förderung und ordentlichem Verkauf diese früheren Arbeitervertreter haben noch zu sehr mit der tönnten auch hohe Löhne gezahlt werden; die Verwaltung sei selbständigen Organisation der Bergleute zusammengehangen. stets bestrebt, dies Ziel zu erreichen und festzuhalten. Die Eine selbständige Organisation ist aber gänzlich verfehlt"; die gedankenlose Masse in despotischster Zucht und blindem
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Feuilleton.
Nachdruck verboten.]
Das Recht zu leben.
Soziale Skizze von Friedrich Thieme.
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In einem ganz besonders albernen Artikel machen die Münchener Neuesten Nachrichten" ihrem Aerger über das Gelingen unseres Parteitages Luft. Die Führer" halten
Ich bin kein Bettler, ich habe nicht dreißig Jahre meines Lebens gearbeitet, um zuletzt von Almosen zu leben." Der Arzt zuckte die Achseln.
„ Leben Sie wohl", sagte er, ich habe meine Pflicht
gethan.
Er ging. Draußen erwartete ihn Frau Wildung, die sich vorher entfernt hatte, um noch einige Worte mit ihm unter vier Augen wechseln zu können.
Keine Möglichkeit?" rief er fast heftig. Zwanzig Möglichkeiten, Mann! Sie brauchten nur plöglich in günstige Verhältnisse versetzt zu werden, brauchten die Mittel zu erhalten, sich Ihrer Sorgen zu entschlagen, Ihren Körper ordentlich pflegen, reine, gesunde Luft athmen, sich in jeder Hinsicht ordentlich erholen, ein gesundes Klima aufsuchen zu können ich garantire, Sie wären in einem Jahre wieder hergestellt. Glauben Sie mir, drei Viertel Armes Weib!" sagte er traurig. Du und die Ihrer Kollegen, die an dem gleichen tückischen Uebel zu wenn sie zur Kinder, Ihr müßt noch mehr darurter leiden, als ich. Grunde gehen, würden erhalten bleiben, Glauben Sie wirklich, Herr Doktor," begann sie mit Das ist das Loos des Arbeiters, für ihn giebt es keine rechten Beit an ihre Genesung denten könnten, wenn sie Thränen in den Augen, daß mein armer Mann auf diese Sicherheit der Eristez, er ist ein Spielball der Launen des die Mittel befäßen, gegen Ihren Körper Ihre Pflicht zu Weise noch gerettet werden könnte?" Zufalls. Solange wir arbeiten können und einigermaßen ver- thun!" " Ich glaube es", erwiderte der Jünger Aeskulaps. dienen, mag der Zustand manchmal leidlich scheinen, wir streben Wildung sah den Arzt mit einem bitteren, schmerzSo will ich versuchen, das Geld zu besorgen", sagte sie auch vorwärts und suchen wenigstens, da wir unter lichen Blicke an. bebend. Ich will mich für ihn an mildthätige Menschen heutigen Lohnverhältnissen nichts erübrigen können, für die Die Proletarierkrankheit," murmelte er in sich hinein, wenden. Er braucht es gar nicht zu erfahren, ich werde Unseren den Grund zu einer würdigeren Eristenz zu legen der Name ist gut gewählt". ihm sagen, daß ich die Summe irgendwo als Darlehen aufda kommt Krankheit oder Arbeitslosigkeit und das ganze„ Bei Ihnen ist das Uebel ja schon weiter vorgeschritten," Kartenhaus stürzt zusammen! Alles, was wir mühsam erfuhr der Dottor fort, aber trotzdem dürfte eine völlige genommen habe.. Bielleicht kann ich sie auch zurückzahlen." reichten, ist mit einem Schlage dahin, wir sind schlimmer Wärmewechsel, wohl noch zur Heilung führen. Könnten und schaute hinaus in den prächtigen warmen FrühlingsVeränderung aller Lebensbedingungen, verbunden mit einem Unterdessen war der Kranke an das Fenster getreten Der Kaffenarzt besuchte ihn von Zeit zu Zeit noch, Sie es nicht ermöglichen, ein paar Monate nach einem obgleich seine Verpflichtung hierzu schon lange erloschen war. Thüringer Luftkurorte zu gehen?" Als er eines Morgens wieder bei dem Schwindsüchtigen Scherzen Sie nicht, Herr Doktor," sprach der Kranke, vorsprach, um sich nach dessen Befinden zu erkundigen, fragte es ist gar zu grausam." dieser mit einem Versuche zu lächeln:
daran als Bettler!"
Nicht wahr, Herr Doktor, es geht bald mit mir zu
Ende?"
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Wo denken Sie hin, lieber Wildung?"
" Sagen Sie es mir nur ganz aufrichtig, es giebt keine Möglichkeit mehr für mich, zu genesen?"
Der Arzt faßte ernsthaft Wildung's abgemagerte Hand.
" Ich scherze nicht," erklärte dieser lebhaft ,,, ich rede in vollem Ernste, Frau Wildung, wenden Sie sich doch einmal an wohlthätig gesinnte Menschen-"
Herr Doftor!"
Wildung hatte sich erhoben, seine Augen blizten drohend, er zitterte am ganzen Leibe.
Was haben Sie?"
Der Arzt nickte beifällig.
morgen.
Die Sonne schien freundlich durch die schlechten Scheiben, in dem dürftigen Gärtchen vor dem Hause, das eigentlich nur dem Namen nach ein Garten war, blühten die wilden Heckenrosen, ein Finke schlug munter auf dem großen Apfelbaum.
D, wie starrte der franke Mann so schmerzerfüllt, so unsagbar sehnsüchtig hinaus!
Ein tief melancholisches Gefühl überkam ihn, dann erfaßte ihn eine wilde verzweifelte Stimmung, eine unendliche Berbitterung!