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Nr. 77.

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Vorwärts

Berliner Volksblatt.

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Telegramm Adresse: Sozialdemokrat Berlin ".

Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morisplak, Nr. 1983.

Ein Attentat auf das deutsche Volk!

Um kommenden Sonntag foll die Bevölkerung Groß­Berlins ihre Antwort geben auf den perfiden Plan, dem Moloch; Militarismus neue unglaubliche Opfer in den unerfäftlichen Rachen zu werfen. Es gilt für alle denkenden Männer und Frauen, flammenden profe ft zu erheben gegen die infame 2bsicht, Deutschland zu einer einzigen großen Kaserne umzugestalten.

Das Verlangen unferer Militaristen und Kriegstreiber, den hunderttausenden Soldaten des stehenden Heeres neue 136 000 mann hinzuzufügen, ist so absurd und grotest, daß wohl niemand vor Veröffentlichung der Heeresvorlagen an die Wahrheit diefer wahnwikigen Forderung geglaubt

hätte.

Arbeiter Berlins ! Die Regierung wagt die Forderung, 136 000 Söhne des Volfes mehr als bisher in den Waffenrod zu stecken, in dem Augenblick zu stellen, wo Ihr in Uebereinstimmung mit der Arbeiterschaft der ganzen Kultur­welf einmüfig Euren willen dokumentiert habt zur Erhaltung des Bölkerfriedens.

Männer der Arbeit! Denkt daran, daß die enorme Ber­mehrung des fiehenden Heeres nach außen hin wie eine Provokation wirken muß, wie ein Drohen mit der gepanzerten Faust. Aber nicht genug mit der ständigen Berschärfung der Kriegsgefahr durch den Rüstungs­wahnwih! Die schimmernde Wehr" ist die ärgste Be­drängerin der Boltsfreiheit, des kulturellen Auf­ftieges der breiten Bolfsschichten. Denn letzten Endes soll der Militarismus eine furchtbare Waffe fein in den Händen der Herrschenden, den inneren Feind niederzuhalten; eine Waffe, die jederzeit bereit sein soll, gegen Vater und Mutter aufzumarschieren.

Arbeiter Berlins ! Haltet Euch vor Augen, daß die ungezählten Millionen, die der Rüftungsfaumel fordert, die Erfüllung dringend notwendiger kultur­aufgaben in nebelhafte Ferne rüden. Stets noch haben die Herrschenden versagt, wenn es sich um Bewilligung von Forderungen handelte, die der kulturellen Hebung der Bolksmaffen dienen sollten; dem menschenmordenden Militarismus aber wollen Eure Unterdrüder in wenigen Jahren neue tausende Millionen Mark opfern.

Frauen Berlins ! An Euch ist es, gemeinsam mit den Männern Eure Stimme erschallen zu laffen zum Protest gegen Rüftungswahn und Kriegstreiberei! Eure Söhne, die Ihr unter Schmerzen geboren habt, find es, die auf den Schlachtfeldern ihren Leib den Kugeln entgegen­stellen müffen! Eure Söhne find es, deren Knochen im Falle eines Krieges auf den Schlachtfeldern bleichen!

Donnerstag, den 3. April 1913.

Vergewaltigungsakte

des sterbenden Landtages.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplat, Nr. 1984.

Die große Schröpfung.

III.

Sozialdemokratie und Vaterlandsverteidigung. Die Sozialdemokratie bekennt sich offen als Gegnerin der Die Tätigkeit des derzeitigen Dreiklassenparlaments neigt sich bestehenden Heeresorganisation und verweigert ihr Menschen ihrem Ende zu. Ein paar Wochen noch und das Haus verfällt der und Mittel. Dft hat man deshalb der Sozialdemokratie Auflösung; leider nur, um einem neuen Dreiklassenparlament Mangel an Patriotismus vorgeworfen und gefagt, daß fie Platz zu machen, denn auf die Einlösung des Königswortes von das Vaterland durch ihr Verhalten wehrlos mache. Jahre 1908 harren ja die preußischen Wahlrechtsheloten noch nehmen diese Vorwürfe nicht tragisch, aber sie sind falsch. immer! Aber die Dreiflassenmehrheit hat sich derart an die Ver- Reine einzige Partei liebt ihr Vaterland stärker als die gewaltigung der parlamentarischen Minorität, die doch die Volks Sozialdemokratie; sie liebt seine Sprache und seine mehrheit vertritt, gewöhnt, daß sie es nicht unterlassen kann, noch Kultur, seine Dichter, Denter und Künstler, seine Berge, in letzter Stunde neue Konflikte heraufzubeschwören, neue Ver- Wälder und Auen mit all der heißen Inbrunst, mit gewaltigungsakte zu begehen! In ihrer unsäglichen Verblendung der man das liebt, was man nicht besigt, aber wagt sie noch zu allerlekt, dem Wolfe brutale Provokationen ins nur allzu gern besigen möchte. Was aber die Geficht zu schleudern, die geradezu aufpeitschend auf die Wähler- Sozialdemokratie nicht liebt, das ist der Kasten- und Klassen­massen wirken müssen. Freilich, die reaktionäre Dreiflassenmehr- staat mit seinen Herrschafts- und Machtverhältnissen, mit seiner beit pfeift ja auf das Volf, das in der preußischen Gesetzgebung Ausbeutung der großen Massen durch eine verhältnismäßig nichts zu sagen hat! Sie fühlt sich derart geschüßt in ihrem Regi- fleine Zahl von Kapitalisten. ment durch die Wälle des Geldsadwahlrechts, daß sie all ihren provokatorischen Gelüsten frönen zu dürfen glaubt, einerlei, ob fic die reiche Saat des Hasses und der Empörung noch um ein Erfleck­liches vermehrt!

Durch ihren Kampf für die Sozialgesetzgebung gegen Ausbeutung, Unterdrückung und Knechtseligkeit, trägt die Sozial­demokratie in hohem Maße dazu bei, Kraft und Gesundheit der Volksmassen zu erhalten und zu fördern und zeigt da­durch höheren Patriotismus als alle diejenigen, die ihn so oft im Munde führen. Goethe fagt einmal: Und was heißt denn patriotisch wirken? Wenn einer Lebenslänglich bemüht war, schädliche Vorurteile zu bekämpfen, engherzige Ansichten zu beseitigen, den Geist des Volkes aufzuklären, dessen Geschmack zu reinigen und dessen Gesinnungs- und Dentweise zu vereblen: was soll er denn da besseres tun? und wie foll er denn da patriotisch wirken?" Der Mann hat auch etivas von der Sache verstanden; von all dent aber, was sich heute als patriotische Gesinnung gebärdet, findet sich in Goethes Worten feine einzige Silbe.

Schon am Dienstagabend hatte die sozialdemokratische Fraktion Proteſt eingelegt gegen den von der Mehrheit im letzten Augenblick beschlossenen Beratungsplan zur Erledigung des wichtigsten preußischen Etats, des Kultusetats. Entgegen nicht nur allem bis­herigen parlamentarischen Brauch, sondern auch entgegen den klaren Bestimmungen der Geschäftsordnung, hatte man beschlossen, daß, unt die Verhandlungen rascher durchpeitschen zu können, diesmal die bei dem Titel Ministergehalt" übliche Generaldebatte über den stultusetat fortfallen sollte. Troß aller triftigen Gründe des sozial­demokratischen Fraktionsvorsitzenden, und trotzdem sich Polen und Freifinnige dem sozialdemokratischen Einspruch anschlossen, hatte Und was die Wehrlosmachung durch Verweigerung der die Mehrheit den Beschluß durchgedrückt, die Generaldebatte un­möglich zu machen. Als deshalb heute bei dem Titel Minister - nötigen Mittel trotz des Bestehens von Kriegsgefahr an­gehalt" unser Genosse Hoffmann versuchte, die allgemeine betrifft, so erwidern ivir: gewiß, auch die Sozialdemokratie Politik des Ministers der so dringend notwendigen zusammen- leugnet feineswegs die Kriegsgefahr der Gegenwart; aber fassenden Kritif zu unterziehen, wurde er von dem Präsidenten sie ist lediglich die Folge der bürgerlich- kapitalistischen Politif. daran gehindert. Vergebens berief sich Hoffmann darauf, daß es Wenn diese die modernen Kulturstaaten nach gewissen Zeit­doch eine arce ohne gleichen sei, über das Ministergehalt räumen in eine Sadgasse führt, aus der ein Krieg der einzige abzustimmen, ohne zuvor die Politik des Ministers ciner fritischen Ausweg scheint, so können wir nur antworten: es muß mit Beleuchtung unterworfen zu haben. Bergebens erflärte unser dieser Politit, die nicht die unsere ist, gebrochen werden. Redner, daß der Beschluß vom Tage zuvor durchaus geschäfts- Wir wollen also nicht das Vaterland ordnungswidrig sei, da das Haus absolut nicht das Recht habe, wehrlos machen, sondern nur die aus fapi­durch einen Gewaltakt der Mehrheit die Geschäftsordnung zuun- talistischen Gründen entstehenden Kriege aus der Welt schaffen, und eines der Mittel hierzu gunsten der Minderheit zu durchbrechen. ist die Lahmlegung des modernen Militaris. mus, woran die deutschen Sozialdemokraten ebenso arbeiten, wie ihre französischen, österreichischen und russischen Brüder.

4

Es nüßte auch nichts, daß der freifinnige Abgeordnete Wie mer fich gleichfalls gegen den neuen Brauch, die Minderheit einfach zu majorisieren, mit Entschiedenheit aussprach. Sofern feine Ein­Daß dies in Wirklichkeit teine Wehrlosmachung des mütigkeit des Hauses vorliege, sei es durchaus unzulässig, die bei dem Ministergehalt gebotene allgemeine Debatte auszuschließen. Die Vaterlandes bedeuten kann, beweist die Sozialdemokratie da­Konservativen hielten es nicht einmal der Mühe für wert, die Ver- durch, daß sie, ihrem Programm getreu, für die Wehr­gewaltigungsprattiken, für die sie unter Bruch der Geschäftsordnung haftmachung des gesamten waffenfähigen gestimmt hatten, zu beschönigen. Sie überließen die Verteidigung Voltes eintritt, deren Organisationsform des Gewaltattes ihren Komplizen, den Herren vom Zentrum, von nur die Miliz sein kann. Die militärische Leistungsfähigkeit der Miliz( Volkswehr) den Freikonservativen und Nationalliberalen. Der nationalliberale Abgeordnete Campe behauptete schlankweg, daß es sich nur um zu Verteidigungszwecken fann gar nicht mehr bestritten werden. einen Bruch mit einem bisherigen Usus" handele, keineswegs aber Stein Geringerer als Scharnhorst hielt sie für derart ge­um eine Frage von prinzipieller Bedeutung. Es solle auch keines- waltig, daß er bereits im Frühjahr 1806 schrieb: Nur da wegs jemand mundtot gemacht werden, denn die Sozialdemokratie durch, daß man die ganze Masse des Volkes bewaffnet, erhält fönne ihre Beschwerden ja bei den einzelnen Kapiteln vorbringen. ein kleines eine Art von Gleichgewicht der Macht in einem Diese Ausrede zerstörte aber sogleich der gelegentlich so rüd- Defenſivkriege gegen ein größeres, welches einen Unter­Frauen Berlins ! Empfindet Ihr es nicht wie einen fichtslos offenherzige Freiherr von 3edlik, indem er unum- jochungskrieg führt." brutalen Fauftschlag ins Gesicht, daß jetzt hunderte und aber- wunden zugab, daß der Beschluß der Mehrheit deshalb gefaßt wor- Seine späteren Erfahrungen haben ihm recht gegeben hunderte Millionen Mark aufgebracht werden sollen für den sei, um den Kultusetat möglichst rasch zu erledigen. Und und sogar gezeigt, daß die preußische Landwehr in der Schlacht Zwede der Mordtechnik, während noch vor wenigen Jahren Herr Herold vom Zentrum wußte nichts Durchschlagenderes vor- ebenso gut zur Offensive wie zur Defensive zu gebrauchen tein Pfennig vorhanden war, als es sich um die Ge- zubringen, als daß ja auch seine Partei erst in letter Stunde von war. In neuerer Zeit ist die militärische Tüchtigkeit der Miliz der Absicht, die Geschäftsordnung außer Kraft zu sehen, sichere" auch von Berufsoffizieren anerkannt worden; vielleicht denkt währung von Geburtshilfe für treißende Kenntnis bekommen habe. Als ob damit die Mitschuld des Zen- sogar der deutsche Kaiser anders über sie als früher. Denn Frauen handelte? Mit Hohnlachen haben damals die trums irgendwie vermindert werden könnte! Kurz und gut, nach wir nehmen nicht an, daß sein Ausspruch, die schweizerische Herrschenden Eure bescheidenen fozialen Forderungen ab- 1% ftündiger Geschäftsordnungsdebatte beschloß das Haus, daß der Miliz erspare ihm im Kriegsfalle vier bis fünf Armeeforps, gelehnt, dieselben Herrschenden, nach deren Willen dem Bolte Präsident bei seinem Vorgehen durchaus den Willen der vergewalti- eine bloße Höflichkeitsphrase war. Es gibt ja auch fo zahlreiche Beweise für nun furchtbare Casten für den Militarismus auferlegt werden gemäß weiter verfahren solle. Es nützte auch nichts, daß Genosse die gungslüsternen Mehrheit zum Ausdruck gebracht habe und dem­guten Leistungen der Volkssoldaten, und wir wie sie so klassische Zeugen Boyen, follen. Hoffmann dies Verfahren als noch etwas Schlimmeres brand- haben für Männer und Frauen! Mit Euch spielt man markte, als alle früheren Majorisierungsstreiche der Dreiklassen- Scharnhorst, Clausewiß, daß demgegenüber das Komödie! Zeigt den Regiffeuren dieses Spiels durch männer, und daß man deshalb beinahe rufen möchte: Komm doch wegwerfende Urteil eines beliebigen preußischen Parade­wieder, lieber Kröcher! Als Hoffmann, der nun nach generals nicht ins Gewicht fällt. Freilich für die von Euren hunderttausendfältigen Protest Protest am fommenden anderthalb Stunden den Faden seiner Rede wieder aufnehmen Scharnhorst so fein verspotteten Friedensschauspiele, die Sonntag, wie Ihr über die Akteure des Rüstungs- und fonnte, die Ablehnung des Gehaltes durch die Sozialdemokratie das Ergögen müßiger Gaffer und höchster Herrschaften find, Kriegsspiels urteilt! Euer Urteil wird und kann nur sein: fachlich begründen wollte, ereilte ihn nach dreimaligem Ruf zur würde eine Volkswehr feine Zeit haben, und die Uebung Sache und nach Befragen des Hauses die Wortentziehung! alles Striegsmäßigen bliebe ihre einzige Aufgabe. Und Gegen den menschenmordenden Militarismus! Daß das reaktionäre Plänchen die Sozialdemokratie teineswegs tenn man so alles für Schein und Glanz Be­δας im Frieden ja recht malerisch und abzuhalten vermag, alles Notwendige über die kulturwidrige rechnete, Für ein freiheitliches Volksheer! Politit des preußischen Kultusministers zu sagen, bewies Hoffmanns repräsentativ aussieht, beseitigte, so wäre man wiederum mit Scharnhorst, der durch Rede zu einem Spezialtitel. Das mildert aber auch nicht im ge- in Uebereinstimmung Gegen die Kriegsfanatiker! ringsten die Schuld der Dreiklassenmehrheit, die sich wieder einmal die Reorganisierung eines verlotterten Heeres unter strupelloser Hinwegschung über die Bestimmungen der Ge- rechtigten Ruhm eines allerersten Sachverständigen schäftsordnung zu einem nebelungsversuch der Min- worben hat. derheit hinreißen ließ!.

Für friedliche Verständigung der Nationen! Gegen die Unkultur des Militärregiments! Für Friede, Volksfreiheit und Kultur!

Das Dreitlassenhaus hat damit das Maß seiner Sünden zum leberlaufen gebracht. Das preußische Bolk wird bei der Wahl die Antwort geben!

den be­Cr­

Und wenn die meisten militärischen Kreise sich mit einer gewissen Geringschägung über die sozialdemokratischen Miliz­forderungen äußern, so können wir uns mit dem Ge­danten trösten, daß es Scharnhorst auch nicht besser