Nr. 84.
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Telegramm- Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin".
Zentralorgan der fozialdemokratifchen Partei Deutfchlands.
Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Fernsprecher: Amt Morikplak, Nr. 1983.
Donnerstag, den 10. April 1913.
Eine Tiederlage der Militariften.
Auf Ihren Beifall verzichte ich!" Generalmajor a. D. Haeusler.
Rede parlamentarisch schlecht bekommen. Das Zentrum ließ ihn nicht wieder zu Wort kommen, es schickte bei MilitärMit einem Sturme leidenschaftlicher Erregtheit hat am fragen statt dieses Fachmannes lieber den Alleswisser und Mittwoch die erste Beratung der neuen Wehrvorlage im Reichs- Allesbesserwisser Erzberger vor, der seine besondere Berechtitage ihr Ende erreicht. So gewaltig durchbrausten die Wogen gung, über militärische Fragen mitzureden, vor allen Dingen der Erregung das Haus von einem Ende bis zum anderen, darauf zu stützen scheint, daß er selber niemals Soldat gedaß fast unbemerkt von den Abgeordneten und ohne besondere wesen ist und sich daher von irgendwelchen praktischen ErfahAbstimmung der Präsident das gefährdete Schiff der Vorlage rungen nicht beschwert fühlt. Im vorigen Jahre, bei der Bein den rettenden Hafen der Kommissionsberatung steuern ratung der damaligen Militärvorlage, stand Herr Haeusler konnte. Dadurch wurde auch die sozialdemokratische Fraktion zwar endlich wieder einmal auf der Rednerliste. Aber das daran gehindert, durch eine Abstimmung zu bekunden, daß sie Bentrum- man denke: das Zentrum!- verhinderte durch die Wehrvorlage ohne Kommissionsberatung abzulehnen einen schnell eingebrachten Schlußantrag, daß sein eigenes gewillt war. Dieser Wille war freilich durch die Reden der fachkundiges Fraktionsmitglied zu Wort kam. fozialdemokratischen Abgeordneten schon vorher unzweideutig genug zum Ausdruck gebrachi worden. Nach dem Verlaufe des zweiten Tages hatte man kaum Hoffen dürfen, daß der dritte Tag ihn an Bedeutung, an wuchtiger Remonſtration gegen den kulturfeindlichen Militarismus übertreffen würde. In Wirklichkeit hat er ihn aber erfreulicherweise noch in den Schatten gestellt, er wurde in feinem ganzen Verlaufe zu einem so schwarzen Tage für die Militaristen mit und ohne Uniform, wie ihn diese herausfordernde, selbstbewußte Oberschicht des herrschenden Klassenstaates felten erlebt hat. Der preußisch- deutsche Militarismus hat am Mittwoch eine Schlacht verloren!
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Er ist darum selbstverständlich noch lange nicht besiegt. Dafür wurzelt er zu fest im Boden und im Wurzelgeflecht der bürgerlich- kapitalistischen Interessen. Wir sind auch feinen Augenblick darüber im Zweifel, daß die Wehrvorlage viel leicht ein wenig gerupft und zugeftugt im wesentlichen aber unverändert aus der Kommissionsberatung heraus und wieder vor das Plenum des Reichstages gelangen und daß sie schließlich mit großer Mehrheit von allen bürgerlichen Parteien angenommen werden wird.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Nr. 1984.
Der dramatische Schluß der Verhandlung, besonders die schlagfertigen Erwiderungen der Genossen Ledebour und Frank auf die tolpatschigen Herausforderungen des Parlaments durch den bayerischen Militärbevollmächtigten, ließen flar erkennen, daß die Militärdiktatur in Preußen- Deutsch land ein Ende haben kann und haben wird, sobald im Deutschen Reichstage eine entschlossene demokratische Mehrheit vorhanden ist.
Daß daran leider noch zurzeit und wahrscheinlich noch auf lange Zeit hinaus nicht zu denken ist, darin beruht die traurige Besonderheit der preußisch- deutschen Zustände. Und darum wird sich der Militarismus bald wieder von der heutigen Niederlage erholen. Es ist die Aufgabe des arbeitenden Volkes, der Sozialdemokratie, durch unausgeseßte Aufklärung und nimmermüde Agitation die Niederlagen des Militarismus zu häufen und so dem militärpolitischen Ziele der Zukunft näher zu kommen: Volkswehr an Stelle der stehenden Heere!
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Zwischen den Schlachten der Generäle ließ sich auch noch einmal der Herr Reichskanzler vernehmen. Er betonte aber mit verdächtigem Eifer, daß er zu dem letzten Teil der Debatte nicht reden wolle. Vielleicht fürchtete er, als simpler Major der Landwehr von den Generälen des Kriegsministeriums und dem streitlustigen bayerischen General z. D. in solchen Dingen nicht für voll angesehen zu werden.
Am Mittwoch wagte das Zentrum diese schnöde Vergewaltigung nicht wieder, so daß nach unserem Genossen Frank Herr Ha e usler die Rednertribüne besteigen konnte. Er hat hier wie ein aufrechter, tapferer Soldat gestanden und für seine Ueberzeugung gefochten. Es hat ihn nicht beirrt, daß seine eigene Fraktion in betretenem Schweigen den Atem anhielt, aus Sorge, ob ihr der unerschrockene Bayer auch wohl gar zu arge Unbequemlichkeiten bereite. Er hat sich nicht gescheut, auszusprechen, was er für recht hielt, obwohl er stürmischen Beifall fast nur von der linken Seite und Er wandte sich einem anderen Gebiete der deutschen ganz besonders von den Sozialdemokraten erhielt. Er fiel Politik zu, aber nur um die militärische Niederlage durch eine nicht um, als ihm von den Bänken der Konservativen diplomatische zu ergänzen. Die scharfe Zurückweisung seiner grimmige Zurufe über die Unterstützung von links gemacht unglücklichen Bemerkungen über den Kampf des Germanen wurden. Schneidig parierte er den Hieb durch das rückhalt- tums gegen das Slamentum durch Scheidemann öffnete ihm lose Geständnis:" Auf Ihren Beifall verzichte ich!" Bor noch einmal den Mund. Er hat sich inzwischen überzeugen z. allen Dingen aber scherte sich der bayerische General 3. D. den müssen, daß selbst die hypothetische Anwendung eines solchen Teufel um die unsagbare Verblüffung und Fassungslosigkeit, gefährlichen Schlagwortes durch den leitenden Staatsmann die seine vernichtende Kritik am deutschen Militärsystem auf des Deutschen Reiches gefährliche Rückwirkungen haben kann. den Bänken des Bundesrats und bei den Generälen des So bemühte er sich, die Geister zu bannen, die er zwei Tage Kriegsministeriums bewirkte. Gleichmütig schob er schon in zuvor durch seine ungeschickte Bemerkung selbst wachgerufen den Eingangsworten seiner Rede die aufgedonnerte Autorität hatte. Es war die denkbar stärkste Selbstwiderlegung, die der militärischen Sachverständigen, die die Regierung des man sich denken kann. Deutschen Reiches beraten und für die gegenwärtige Heeres- Er suchte ferner den Nachweis Haases zu entkräften, daß vorlage verantwortlich sind, beiseite. Er ist sich selber Au- er und das Kriegsministerium sich erst durch die Treibereien torität genug. des Wehrvereins zu der gegenwärtigen Vorlage hätten Und man muß zugeben, daß er Anspruch auf Autorität zwingen lassen. Herr Bethmann Hollweg erklärte mit einem in militärischen Dingen besitzt. Das zeigt seine ganze Ver- gewissen Stolze, daß er selbst sich schon im November vorigen gangenheit. Nach dem Reichstagshandbuch besuchte Haeusler Jahres zu dem Entschluß durchgerungen habe, eine neue das Realgymnasium zu Würzburg , die polytechnische Hoch- Militärvorlage einzubringen. Da diese Behauptung im schule in München , die Kriegsschule, die Artillerie- und stärksten Widerspruch zu allem steht, was noch im Dezember Aus der zweiten Reihe der Redner zur Wehrvorlage Ingenieurschule und die Kriegsakademie in München . Aber die offiziösen Blätter geschrieben haben, so bleibt nur zweifelhatten sich die bewilligungsfrommen Parteien sans phrase, neben seinen militärischen Studien hat er auch noch an der Haft, ob der Reichskanzler damals oder heute die Oeffentlich-. die Konservativen und die Nationalliberalen, streichen lassen- Universität München orientalische Sprachen, Staatsrecht und feit irregeleitet hat. als freiwillige Opfergabe im Opferjahr zur schnelleren Ver- politische Dekonomie studiert. Für seine Qualifikation zum Nach der Erledigung der ersten Beratung der Wehrvor. abschiedung der Heeresvorlage! So fam am Mittwoch von militärischen Kritiker, besonders in den Augen der bürger- lagen ging der Reichstag troß der vorgerückten Stunde und den großen Parteien nur noch ein Vertreter der Fortschrittlichen lichen Parteien und der Regierung, spricht auch seine eigent- trotz der hochgehenden Wogen der Erregung sofort an, die erste Volkspartei zu Wort. Dann begann schon die dritte Reihe liche militärische Laufbahn. Er hat als Gemeiner, kaum Lesung der Deckungsvorlagen. Der Schazsekretär der Redner, an deren Spitze unser Genosse Frank stand. siebzehn Jahre alt, am Feldzug 1871 gegen Frankreich teil- ihn bemühte sich, sie dem Reichstage schmackhaft zu Frank wandte eine andere Art zu reden an als Scheide- genommen; er hat dann in der Infanterie, in der Feld- machen. Der alte Herr trug feine neuen Gründe vor, so daß mann, aber sie war nicht minder wirkungsvoll. Mit ruhiger, artillerie und im Generalstab gedient, wurde 1874 Leutnant, er schließlich nur vor wenigen Abgeordneten seinen überlegener Satire pacte er die Gegner, und so unvermutet 1887 Hauptmann, 1900 Oberst, 1903 Generalmajor und ist monotonen und matten Vortrag hielt. bersetzte er ihnen oft den wohlvorbereiteten Stoß, daß mancher in dieser Eigenschaft 1905 zur Disposition gestellt worden.. Am Donnerstag wird es auch in diesen Fragen etwas Gegner selbst dann noch munter mitlachte, wenn er in Aber Haeusler hat sich auch in der Welt ungesehen, er hat lebhafter im Reichstage zugehen. den Augen der andern schon längst als Gezeichneter Rußland , Persien und die Türkei bereist. Und dann verumtherlief. Frank nahm sich besonders das Zentrum vor, das zeichnet das Handbuch noch die interessante Tatsache:„ saß
Und doch hat das herrschende Militärsystem am Mittwoch einen betäubenden Schlag erhalten, von dem ihm einige Zeitlang der Schädel brummen wird und von dem auch zu hoffen ist, daß er die nicht mit dem herrschenden Militär flüngel verschwesterten und verschwägerten Streise des Bürgertums und die noch der Belehrung und Aufklärung zugänglichen Elemente unter den Bürgern und Bauern zum Nachdenken über die Unfehlbarkeit des preußisch deutschen Militarismus veranlaßt.
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für das Schicksal der Wehrvorlage die Entscheidung in der von Anfang Oktober bis Weihnachten 1894 als ruffischer Um zwanzig Millionen- Frieden!
Hand hält. Er hielt den vorlauten Herrn Erzberger , der am Staatsgefangener im 10. Pavillon der Zitadelle zu Warschau ." Tage vorher im munteren Wortschwall alle möglichen Reform- Leider gibt Haeusler nicht an, warum er mit den russischen
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Sowohl aus Paris als aus Rom kommen Nachrichten, vorschläge für das Heer gemacht hatte, fest beim Wort Gefängnissen Bekanntschaft hat machen müssen. Aber daß daß Montenegro doch noch zum Einlenken sich veranlaßt sehen und fündigte ihm und seinen Freunden für die Kommissions- er diese Tatsache nicht verschweigt, sondern sie ausdrücklich könnte. Es werde auf Skutari verzichten und dafür eine finanzielle Entschädigung erhalten. Man spricht beratungen Anträge an, durch deren Annahme sie zeigen könnten, und ohne Nötigung erwähnt, beweist zum mindesten, daß er von 20 Millionen Frank. Die Nachricht klingt zunächst etwas ob ihre Reden nur leerer Schall gewesen sind, nur Sand sich ihrer nicht zu schämen braucht, sondern sie für eine Ehre hält. operettenhaft, aber sie gewinnt gerade dadurch an innerer für die Augen harmloser Zentrumswähler, oder ob ihnen Dieser militärische Sachverständige hat am Mittwoch Wahrscheinlichkeit. Diese Lösungsart würde die Leistungen der demokratische Ausbau des deutschen Heereswesens eine eine Rede gehalten, die von einigen Einzelheiten ab- der europäischen Diplomatie würdig krönen und die intergesehen so durchaus den Geist und die Tendenz der sozial- nationale Flotte könnte wieder abdampfen. Der Friede wäre. ernste Sache ist. Für einen solchen Ausbau bedürfte das Zentrum gar demokratischen Militärkritik widerspiegelt, daß die Partei damit sicherlich nicht zu teuer erkauft. Nikita hätte sein nicht einmal des sozialdemokratischen Rates. Es hat in seinen nichts Besseres tun kann, als diese Nede so schnell wie möglich Taschengeld, die österreichische Regierung ihren Willen und Europa endlich Ruhe. eigenen Reihen einen Fachmann, der in ausgezeichneter Weise und so weit wie möglich in Deutschland zu verbreiten. Der Gedanke, die Sache mit Geld zu erledigen, ist- im deutschen Heere Bescheid weiß, und der sich darin nicht Und diesem militärischen Sachverständigen antworteten wer könnte daran zweifeln zuerst russischen Regierungsnur mit den Augen eines weltfremden und volksfeindlichen ein preußischer und ein bayerischer General! männern gekommen, und von der italienischen Regierung verBerufsmilitärs umgesehen hat, sondern der trotz seiner einſti- Sie waren in keiner beneidenswerten Lage, da sie diesen ständnisinnig aufgenommen worden. Beide Mächte wollen, gen hohen militärischen Charge demokratisches Empfinden Kritiker nicht wie andere bürgerliche Kritiker mit dem über- falls ihre Vorschläge von den übrigen Mächten angenommen zu besitzen scheint und zugleich den Willen zur Reorganisation legen- herablassenden Tone des unfehlbaren Gamaschenknopfes werden, einen dringenden Schritt in Cetinje fun. An des Heeres im Sinne der Demokratie mitbringt, Das ist abtun konnten. Aber daß sie alle beide so jämmerliche Figuren Montenegro und die Türkei soll dann die Forderung gestellt der ehemalige bayerische Generalmajor Haensler, Ver- machten, daß sie nichts zu sagen wußten, als haltlose und werden, Skutari an eine internationale Truppenmacht aus. treter des unterfränkischen Wahlkreises Neustadt a. S. inhaltlose Redensarten, daß sich der bayerische Stavallerie- zuliefern. Montenegro erhält vielleicht außer der finanziellen Der Abgeordnete Haeusler hat schon einmal vor Jahren general noch dazu bis über beide Ohren in die dicite Tinte auch noch eine territoriale Kompensation. im Reichstage eine aufsehenerregende Rede gehalten, in der parlamentarischer Unbeholfenheit hineinritt das beweist Nachricht aus das beweist Nachricht aus Sofia vor, in der die Bereitwilligkeit er gegen den Paradedrill und Kommißgeist und für mili- nur die bejammernswürdige Dürftigkeit ihrer Gründe und Bulgariens zur sofortigen Unterzeichnung des Präluminartärische Reformen eintrat. Damals ist ihm seine mannhafte ihrer ganzen militärischen Stellung.
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Auch über den Friedensschluß liegt eine günstige
friedens ausgesprochen wird.