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Nr. 96.

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Berliner Volksblaff.

30. Jahrg.

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Telegramm- Adresse: Sozialdemokrat Berlin ".

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritplatz , Nr. 1983.

Genossen und Genossinnen!

Noch

Der 1. Mai, der Weltfeiertag der Arbeit, naht. imposanter als früher muß das Proletariat seine Maifeier in diesem Jahre gestalten.

Das Proletariat hat zum Schuhe für Leib und Leben der Arbeiter seit vielen Jahren wirksameren Arbeiterschuh, vor allem den Achtstundentag verlangt. Die Antwort war Hohn und Spoff. Staff verbessertem Urbeiterschutz gab es neue Steuern auf Lebensmittel und unentbehrliche Gebrauchs­gegenstände.

Die Arbeiterschaft forderte gegenüber dem behördlichen und Unternehmerterrorismus Sicherstellung des Koalitions­rechts. Man drohte dagegen mit weiterer Einschränkung, ja geradezu mit Bernichtung des Koalitionsrechts.

Dienstag, den 22. April 1913.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Moritzplatz , Nr. 1984.

Folgen des Krupp- Krachs.

Die Treibereien gegen den Kriegsminister.

Der arme Kriegsminister scheint sich durch sein Verhalten in der Krupp- Affäre recht unsanft zwischen zwei Stühle gesetzt zu haben. Im Reichstag hat es bei allen Parteien Unwillen und Erstaunen hervorgerufen, daß der Herr Minister, in dem Moment, wo er alles Wesentliche der Liebknechtschen Enthüllungen zugeben mußte, den Patriotismus der Firma zu preisen begann. Die Angriffe des Lok.- Anz." beweisen aber, daß Herr v. Heeringen den mächtigen Protek­toren der Firma, dessen Beziehungen ja bis in die aller höchsten Kreise des Hofes und der Armee reichen, noch zu wenig getan hat

War man im Reichstag geneigt, das merkwürdige Lob der Firma Krupp der notorischen Unbeholfenheit des Ministers zugute zu halten, so zeigt sich jezt deutlich, daß dies Urteil falsch und für den Kriegsminister noch zu günstig gewesen ist. geheuren Einfluß der Firma sehr genau kennt, sich von vorn­Vielmehr suchte offenbar Herr v. Heeringen, der den un­herein zu decken. Daß dieses Bestreben vergeblich gewesen ist, tann Herr v. Heeringen aus dem bereits erwähnten Die Arbeiterschaft forderte mehr Fürsorge für die Artikel des Lokal- Anzeiger" erkennen. Wieder spricht das Kranken, Invaliden und Veteranen, und ausreichende Hilfe sonst so regierungsfromme Blatt im Namen der Armee. für Witwen, Waisen und Säuglinge. Die Antwort lautete: Sriegsministers. Herr v. Heeringen hätte besser getan, Und es fordert nicht weniger als den Rücktritt des Das Reich hat kein Geld, denn es braucht seine Mittel für die Vertretung der Heeresvorlage einem Nachfolger zu über­mehr Soldaten und Mordwaffen. So werden die Kulturauf- lassen, dessen Autorität durch keine Sünden der Vergangenheit geschmälert sei. Und dann heißt es: gaben vernachläffigt.

Schier ungeheuerliche Summen müssen für Zwecke der Kriegsvorbereitungen aufgebracht werden. Seit Jahren jagt eine Rüstungsvorlage die andere. Bald handelt es sich um Heeres-, bald um Marinevorlagen. Und dem Beispiele Deutschlands folgen die übrigen Großftaaten Europas .

Die Laften, die in diesem Jahre dem deutschen Bolte auf­gebürdet werden sollen, sind unerhört. Nicht weniger als weitere 136 000 Soldaten werden gefordert. Frankreich , das nicht in der Lage ist, sein Heer in der gleichen Weise zu ver­größern, will aus Anlaß des deutschen Vorgehens einen Uus­gleich dadurch herbeiführen, daß es wieder zur dreijährigen Dienstzeit zurückkehrt. Hüben und drüben also gesteigerte Bor­berzifungen zum Kriege.

Unsere Maifeier fällt in die Zeit des preußischen Land­tagswahlkampfes und fie foll benutzt werden, um Sturm zu laufen gegen die Feste der preußischen Reaktion.

Entschloffener und rücksichtsloser als jemals muß deshalb der 1. Mai in diesem Jahre zu einer wuchtigen Demonftration des Proletariats werden.

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Genoffen und Genoffinnen! Bereitet die Mai- Demon­ftrationen vor! Sorgt dafür, daß die diesjährige Maifeier alle früheren Veranstaltungen bei weitem übertrifft. Eindringlicher denn je zuvor muß es den herrschenden Gewalten in die Ohren gellen:

Wir fordern volle ftaatsbürgerliche berechtigung!

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Alles für die Firma!

So ficht man sich jetzt vor die Tatsache gestellt, die in der preußischen Armee mit ihrer vielgerühmten Disziplin bisher fast als unmöglich gehalten worden ist, daß Armeekreise eine Ministerstürzerei gegen den Kriegsminister betreiben. Die Tat sache ist zwar nicht mehr ganz neu, und der Kriegs minister ist es auch nicht allein, gegen den sich derartige mili. tärisch politische Quertreibereien richten. Sieß es doch in der Täglichen Rundschau", die diesen Quertreibereien schon längst ihre Spalten geöffnet hat, vor einigen Monaten, als man im Kriegsministerium die Vorarbeiten für die neue Wehr­vorlage bereits in Angriff genommen hatte:" Das Kriegs. ministerium schläft." Derartige aus Armeetreisen stammende Kundgebungen gegen den Kriegsminister und gegen das gesamte Kriegsministerium sind höchst unerfreuliche Erscheinungen der neueren Zeit, auch wenn sie nicht so lebhaft an das politisch- militärische Jungtürtentum erimern würden, dessen Erfolge" wahrlich nicht zu einer Nachahmung im Deutschen Reiche anreizen können.

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Glaubt man etwa besonders dadurch, daß der Fall Krupp und die freundschaftlichen Beziehungen des Kaisers zur Familie Krupp sind ja bekannt

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so scharf und eingehend hervorgehoben wird, in deutsch - jung­türkischen Kreisen die Uebersendung der feidenen Schnur" beschleunigen zu können?

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Es wird abzuwarten sein, welchen Erfolg diese Be­strebungen, den Kriegsminister v. Heeringen und mit ihm viels leicht auch noch einige andere hohe Offiziere aus dem Kriegs­ministerium zu stürzen, haben werden. Wir wollen in dieser Beziehung nicht prophezeien. Aber das glauben wir gegenüber den Stimmungen in Armeetreisen", wie sie der Berliner Lotal- Anzeiger" befundet, als eine Stimmung aus politischen Kreisen bezeichnen zu dürfen, daß mit derartigen politi. schen Kundgebungen aus militärischen Kreisen. der Armee selbst und insbesondere dem Zu standekommen der Wehrvorlage ein schlechter Dienst erwiesen wird."

Daß der Kriegsminister auf die Anschuldigungen des Abg. Liebknecht gegen die Firma Krupp trok prinzipieller Ver­wahrungen doch näher einging, obwohl die Angelegenheit zur­zeit bei den Gerichten anhängig ist, wird kaum noch mit irgendwelchen Nebenabsichten zu entschuldigen sein. Er scheint nicht bemerkt zu haben, daß es der Sozialdemokratie mur darauf ankam, durch stundenlanges Debattieren über Dinge, von denen einstweilen nichts Zuverlässiges bekannt ist, eine starke Suggestion auf die öffentliche Meinung und auf die Ges richte auszuüben, die mit der Prüfung der Angelegenheit be­faßt sind. Sehr merkwürdig berührte es auch zu hören, In der Tat, wir sind in Deutschland zu daß der Kriegsminister mit Herrn Liebknecht, diesem 3uständen gekommen, wie sie etwa zur Zeit enragiertesten Feinde des preußischen Heeres, einen förmlichen der Affäre Dreyfus in Frankreich bestanden Paft einging, um ihn dazu zu bestimmen, sein Material gegen haben. Der Einfluß hoher Armeekreise auf die Strupp der Deffentlichkeit einstweilen vorzuenthalten. Wir müßten Regierung und die entscheidende Stelle" ist ein ganz uns über die Stimmungen in Armeetreisen sehr außerordentlicher geworden, und dieser Einfluß täuschen, wenn diese seltsame, aber wohl berbürgte Stunde wirkt zusammen und parallel mit dem des aus dem Reichstage nicht allenthalben mit ungläubigem Rüstungsfapitals. Beide Einflüsse vereinen sich jetzt, Staunen aufgenommen werden sollte." um im Fall Krupp zu retten, was zu retten ist. Die rüstungskapitalistische Presse hat den Auftrag erhalten, Lieb­knecht und die Sozialdemokratie zu verleumden und zu be­schimpfen, und die Regierung soll gezwungen werden, so viel wie irgend möglich zu vertuschen. Krupp ist mächtig und weit und hoch hinauf reicht der Einfluß der Firma. Und alles für die Firma das ist gegenwärtig die nationale Parole!

Soweit die Hintermänner des Lot.- Anz." Die Bedeu tung dieser Angriffe wird noch durch eine Erklärung an der Spize der die da lautet: Nordd. Allg. Zeitung" unterstrichen,

Berliner Montagsblättter beschäftigen sich mit einem Artikel des Berliner Lokal- Anzeigers", der in der Tat dadurch auffällt, daß er im Zusammenhang mit den Reichstagsverhandlungen über die Kruppiche Angelegenheit völlig beplacierte Angriffe auf den Kriegsminister v. Heeringen richtet. Auf den haltlosen Vorwurf, daß dieser mit dem Abgeordneten Lieb Inecht einen Baft eingegangen sei, scheint sich uns eine Antwort zu erübrigen."

Und doch wird alles vergeblich sein. Die An­ftrengungen der Patriotarden beweisen aufs beste, daß an der Wahrheit der Enthüllungen Liebknechts nicht im geringsten zu zweifeln ist. Das weiß das deutsche Volf, und diese Ueber­zeugung kann nicht mehr erschüttert werden, ob die Ver­tuschungsversuche nun gelingen oder ob die Regierung den Mut aufbringt, die Wahrheit rücksichtslos an den Tag zu bringen. Das frivole Spiel.

Die letzte Bemerkung ist schon deshalb richtig, weil der Abg. Liebknecht natürlich weder Grund noch Neigung hatte, übrigen finden wir die Erklärung recht schichtern. Aber mit Herrn v. Heeringen einen Pakt abzuschließen. Im Aus Frankfurt a. M. meldet uns ein Privattele freilich, die Regierung weiß genau, welch mächtige gramm: Die Frankfurter Zeitung " nimmt zu den Ent­Kreise sich hier im Interesse der Firma hüllungen unseres Genossen Liebknecht im Reichstage in einem Leit­Gleich- rupp und im eigenen an die Arbeit der artifel Stellung. Sie schreibt u. a.: Um ein Dokument von ebenso Minister stürzerei gemacht haben. Hat fie doch großer fulturhistorischer, wie staatshistorischer Bedeutung sind wir die Macht dieser Kreise zu fühlen bekommen, als sie gegen damit bereichert worden. Freilich um eines, zu dessen Kennzeich die eigene beffere Ueberzeugung zur Einbringung der nung kein. Wort der Entrüstung zu scharf sein kann. Der Reiche Heeresvorlage gezwungen wurde. tag hat ja mit einer Einmütigkeit, die von der Vertuschungs­

Wir fordern den Achtftundentag! Wir fordern befferen Arbeiterfchutz! Wir fordern gefichertes Koalitionsrecht! Wir erheben proteft gegen das Wettrüften! Nieder mit der neuen Deeresvorlage! Boch die Sozialdemokratie! Doch der Völkerfrieden!

Berlin , den 21. 2pril 1913.

Der Vorstand

der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

In Wirklichkeit hat der Krupp- Skandal in diesem taftit der reaktionären Presse wohltuend absticht, und Miniſterſtürzungsversuch einen neuen geboren. Zeigt die fittlich das einzig Reinliche in dieser ganzen Affäre ist, sich doch auch darin die politische Diktatur, die sich sein Urteil über die von dem Abg. Liebknecht aufgedeckten Prak­gewiffe hobe Kreise der Arme e anzumaßen wagen. tiken in der Rüstungsindustrie gefällt. Er hat insbesondere der Daß dem so ist, muß selbst ein so reaktionäres Blatt wie die Firma Krupp jetzt wohl flargemacht, was wir bereits am Same­Germania" bestätigen. Das führende Zentrumsorgan tag an dieser Stelle geschrieben haben, daß nämlich alle Er­

schreibt:

Die Stimmungen in Armeetreisen"... darin liegt das charakteristische Merkmal dieser ganzen Kund­gebungen gegen den Kriegsminister v. Heeringen. Im Berliner Lokal- Anzeiger" befand sich auch der Artikel Die Forderungen der Armee" vor Bekanntwerden der Militärvorlage, worin der Kriegsminister offenbar von militärischer Seite angegriffen wurde, und als der Kriegsminister sich dagegen wehrte, hieß es auch, dieser Artifel sei aus der Voltaseele heraus" geschrieben worden. Aber mit derartigen Versuchen, den Verdacht der Urheberschaft von den wirklichen militärischen Ur­hebern abzulenken, wird man kein Glück haben. Wer die Stim­mungen in Armeetreisen" richtig zu beurteilen glaubt, wird diese Stimmungen auch kennen, und er kann sie nur kennen, wenn er selbst den Armeetreifen angehört.

"

klärungen und Versicherungen der Firma jeht gar nichts mehr nüßen, daß vielmehr jetzt der Tatbestand schonungslos aufgedeckt werden muß, und daß nur aus einer solchen schonungslosen Untersuchung Klarheit über Schuld oder Nicht­schuld der Firma gewonnen werden kann.

Aber der Reichstag hat sein Interesse, wie uns scheint, allzuschr auf den Fall Krupp konzentriert. Das Gebaren der Deutschen Waffen- und Munitionsfabriken ist dadurch in seinen Debatten allzusehr in den Hintergrund getreten, und doch ist es nötig, dieses Gebaren in das hellste Licht der Oeffentlichkeit zu rüden. Denn dieser Fall ist, wenn möglich, noch skandalöser und gefährlicher als der andere. Das schallende Gelächter des Reichstags sei die einzigrichtige Antwort auf die Erklärung des Kriegsministers für den Brief der Deutschen Waffen­und Munitionsfabriken gewesen."