Nr. 179.
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Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69.
Mittwoch, den 16. Juli 1913.
Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplatz, Nr. 1984.
Der ruffiich- deutsche Handels- tejahre untereinander, so ergibt sich eine Gesamtausfuhr prämien ſehr unzufrieden find, ist es wahrscheinlich, daß auch
vertrag.
I.
Ueberhaupt ist die Getreideausfuhr Rußlands in den Deutschland , herausbilden. Da auch die Schweizer und Jahren bedeutend zurückgegangen. Vergleicht man die nordamerikanischen Müller mit den deutschen Ausfuhrvon Getreide 1909/10 von 683 Millionen Pud, 1910/11 782, diese Länder Gegenmaßregeln gegen die Ausfuhrprämien 1911/12 423 und 1912/13 gar bloß 412 Millionen Pud. Auf politik Deutschlands ergreifen werden. Welchen Zweck werdiese Tatsache hinweisend, erklären die russischen Industriellen, den aber dann die Einfuhrscheine noch haben? daß Rußland nunmehr gar kein Interesse habe, von Deutsch - Was die Entwickelung der russischen Industrie unter Die gesellschaftliche Meinung Rußlands beschäftigt sich land die Herabsehung der Getreidezölle zu fordern, daß Ruß dem Einflusse der Zollerhöhungen der legten Jahre betrifft, sehr intensiv mit der bevorstehenden Erneuerung des Handels- land immer mehr selbst sein Getreide verbrauchen werde und so sind die russischen Industriellen, wie schon erwähnt, damit vertrages zwischen Rußland und Deutschland . Nicht nur die eher dazu übergehen solle, Einfuhrzölle auf deutsches Getreide recht unzufrieden. Rußland schüßt bekanntlich sowohl seine Industriellen und die Landwirte haben spezielle Stommiffionen einzuführen. Da Rußland sich industrialisiert, so' berwandelt Rohstoffgewinnung als auch die Fabrikindustrie, das Resultat zu dem Zwecke eingesetzt, um ihre Wünsche der Regierung in Er- es sich aus einem Ausfuhr- in ein Einfuhrland. Daher aber der geradezu unerhört hohen Schutzölle ist ein völlig innerung zu bringen, sondern die Regierung selbst scheint diese habe es kein Interesse an niedrigen deutschen Getreidezöllen. flägliches. Die Einfuhr steigt von Jahr zu Jahr. Frage sehr ernst ins Auge gefaßt zu haben. Sind doch von Nein, so stehen die Verhältnisse noch nicht. Der innere drei Ministerien spezielle Regierungskommissionen gebildet Markt ist doch bei weitem nicht so groß, da die großstädtische Beworden, um den Vertrag vorzubereiten. So leicht wie völkerung bloß 5,2 Proz. der Gesamtbevölkerung( in Deutsch 1906 will fich die russische Regierung nicht mehr übers land 20,8 Proz.) ausmacht. Allerdings drückte die Steuerlast nicht Dhr hauen lassen. Zwang die politische Konstellation so start den Bauer, der selbst hungert und trotzdem sein Gefrüher Rußland zum Nachgeben, so will man heute in Ruß- treide verkauft, so würde Rußland unter den jetzigen Produk land Revanche nehmen, Deutschland bessere Vertrags- tionsbedingungen taum viel Brot verkaufen können. bedingungen abzwingen. Welche Forderungen und Wünsche Es wurden nämlich produziert und konsumiert( in Pud stellen nun die interessierten Kreise an den neuen Handels- pro Kopf der Bevölkerung): bertrag? Das ist von erheblicher Bedeutung auch für die Weizen Roggen Gerste Hafer Kartoffeln deutsche Arbeiterklasse, die doch ebenfalls im Begriffe ist, den Produktion( 1906/1910). 6,70 8,0 3,4 5,4 12,0 Stampf um bessere Handelsverträge mit dem Auslande und Sonsumtion( 1907/1911). 5,76 7,8 2,4 5,2 12,2 gegen die wucherischen Agrarzölle zu beginnen. Zunächst Ueberschuß. 0,94 0,2 1,0 0,2-0,2 aber müssen wir uns flar machen, welchen Einfluß der Man sieht daraus, daß der Ueberschuß der Produktion neueste Handelsvertrag Rußlands mit Deutschland auf die über die Konsumtion in den Jahren 1906/1910 tatsächlich russische Volkswirtschaft ausgeübt hat. gering war. d all id duit
Die Einfuhr von Rohstoffen und Halbfabrikaten ist int letzten Jahrzehnt um 61 Proz., die Einfuhr von Fabrikaten gar auf mehr als das Doppelte gestiegen. Daß die russische Produktion trok aller Begünstigungen feine solche Erfolge aufweisen kann, geht schon daraus hervor, daß sich die Zahl der Fabritarbeiter von 1901/1905 bis 1910 von 1,67 auf 1,90 Millionen oder nur um 13 Proz., die der Kohlenbergarbeiter von 1905 bis 1909 von 120 000 auf 170 000, die Roheisengewinnung von 1905 bis 1911 von 165,9 auf 219,1 Millionen Pud erhöht hat.
Aus diesen wenigen Zahlen geht also deutlich hervor, daß die russische Industrie nicht imstande ist, den einheimtischen Bedarf zu decken, daß die Einfuhr trot des fast prohibitiven Bolltarifes immer mehr steigt, während die russische Snustrie nur geringe Fortschritte aufweist.
Die Erklärung dieser Erscheinung liegt darin, daß die
Einmal hat Deutschland die Einfuhr von russischem Man darf aber nicht vergessen, daß Rußlands Landwirt- russische Industrie vollständig fartelliert ist und daß die KarGetreide höher belastet und dadurch erschwert, und die Ein- fchaft noch sehr rückständig ist, daß der Bodenertrag in felle sich wohl die hohen Zölle gefallen laffen, keineswegs aber fuhr von Vieh und Fleisch fast gänzlich verboten. Anderer Deutschland in den Jahren 1907/1910 bei Weizen dreimal, daran denken, die Produktion auszudehnen. Das wurde feits hat Rußland eine Reihe von Einfuhrartikeln aus bei Roggen, Gerste und Hafer zweieinhalbmal und fürzlich einwandfrei von Tugan Baranowsky bei der Deutschland mit höheren Zöllen belegt, so für verarbeitetes bei Kartoffeln zweimal so groß ist als in Rußland . Unter Behandlung der Frage der Naphtateuerung in Rußland ' festGußeisen, für Eisen- und Stahlwaren, für Nähmaschinen, normalen Verhältnissen könnte also Rußland noch lange gestellt. Aehnlich haben auch die Kohlengrubenbesitzer und gewöhnliche Maschinen, für elektrotechnische Apparate, für Jahre hindurch Getreide ausführen. Aber auch schon jetzt die Eiſenindustriellen eine künstliche Preistreiberei in diesen geschlagene Baumwolle, für gesponnene Wolle usw. Die steigt der Erport von Futtermitteln an. So führte Deutsch - Produkten hervorgerufen. Im Zeitalter der Karrussischen Industriellen sind also beim Abschluß des land Mais aus Rußland 1909 1,38 Millionen Doppelzentner, telle und Trusts fördern also die Hölle nicht Handelsvertrages bort 1904 beffer davongekommen als 1912 aber 2,4 Millionen Doppelzentner ein. Ebenso müßte mehr die Produktion, die kontingentiert ist, die Agrarier. Trotzdem sind heute weder die Industriellen, Rußland bei einigermaßen normalen Verhältnissen viel Vieh, sondern treiben bloß den Kurs der Aktien noch weniger natürlich die Agrarier mit diesem Vertrag Fleisch, Wilcherzeugnisse usw. ausführen können. So führte in die Höhe. zufrieden. Die russischen Landwirte haben gewiß Grund genug, Rußland an Vieherzeugnissen aus: 1902/1906 für 20,6 Mil- Daß die Rohstoff- und Halbfabrikatzölle die Entwicke sich über den Handelsvertrag zu beklagen. Sie verweisen auf lionen Stubel, 1910 für 28,9 und 1912 für 30,1 Millionen lung der weiterverarbeitenden Industrie und speziell die der die Tatsache, daß der Unterschied zwischen dem verzollten und Rubel. Dabei macht sich gerade hier der Drud der un- Maschinenindustrie aufhalten, fonstatiert ein so guter Renner unverzollten Roggen feineswegs immer den vollen Betrag geheuerlichen Steuerlast und der feudalen Neste einerseits der russischen Eisenindustrie wie Raffenarus( in den des Bolles ausmacht. Noch mehr. Durch die Einfuhrscheine und die Absperrung der deutschen Grenze andererseits be- Russischen Nachrichten" vom 9. März 1912). Er beruft sich begünstigt, steigt die Roggenausfuhr aus Deutschland von sonders fühlbar. Denn den Bauern mangelt es für eine dabei auf die Erklärungen der Unternehmer selbst und beJahr zu Jahr, drückt den Weltroggenpreis und verdrängt rationelle Viehzucht an nötigem Rapital, das die Regierung weist, daß für die weitere Entwickelung der russischen InRußland von den Märkten der Nordstaaten. und der Adel ihnen abnimmt; fie finden ferner noch relativ duſtrie gerade die Ermäßigung der Zölle auf Fabrikate und Die Richtigkeit dieser Anklagen ist gar nicht zu be- geringen Absatz für die Viehprodukte, weil die Stadtbevölke- fast völlige Abschaffung der Bölle auf Rohstoffe und Halbstreiten. Durch die Einfuhrscheine wurden Zollbeiträge be- rung noch gering, der deutsche Markt so gut wie ge- fabrikate notwendig ist. Tugan- Baranowsky andererseits glichen:
1906 1910
.
1911
1906-1911.
.
56,8 Min. Mark
121,9 104,6 534,6
"
"
"
In den sechs Jahren nach dem Inkrafttreten des neuen Zolltarifs wurden also den deutschen Agrariern über eine halbe Milliarde Mart als Ausfuhrprämien gezahlt. Was Wunder, wenn die Ausfuhr von Getreide, speziell von Roggen, aus Deutschland start gestiegen ist. So wurden ausgeführt ( in Millionen Doppelzentnern):
0,9
1900/1902 1903/1905 2,9 1906/1908. 3,5
•
.
1908/1910 1911
1912
7,3
7,7
7,9
schlossen ist.
Wer also die Tatsachen objektiv betrachtet, muß zugeben, daß die russische Landwirtschaft noch für viele Jahre an einer erleichterten Ausfuhr nach Deutschland großes Interesse haben wird
II.
beweist, wie Deutschland gerade die Einfuhr von Rohstoffen aus Rußland begünstigt, so die von unverarbeitetem Holz, und empfiehlt eine ähnliche Politik. Dagegen treten die Industriellen für die Einführung von Rückvergütungen für die Erporteure ein, das heißt für die Zahlung von Exportprämien durch die Regierung. So wie heute die Dinge in Rußland liegen, wo die Regierung auf die Unterstützung des Betrachten wir nun die verschiedenen Aeußerungen der Großkapitals angewiesen ist, kann man annehmen, daß ruffischen öffentlichen Meinung in bezug auf den kommenden die russischen Industriellen wohl ihren Willen durchsetzen Abschluß des Handelsvertrages. Die bekannten Volts- und höhere Zölle und Ausfuhrprämien erhalten werden. wirtschaftler, so Tugan- Baranowsky, der Mos- 3war rief kürzlich berärgert ein russischer Minister den Infauer Profeffor Manuilow u. a., fordern, daß man beim dustriellen zu: Nun Schluß mit den Regierungsliebesgaben! Abschluß des Handelsvertrages die heutigen Interessen der Lange genug hat man Euch auf Kosten des RegierungsLandwirte wahren soll. Dagegen meint Rokowzew, der fäckels und der Bauern gefüttert! Er mußte aber bald darauf Deutschland führt also heute mehr Roggen aus als Ruß- ruffische Ministerpräsident, daß der Gegensatz zwischen den seine Worte zurücknehmen, und man braucht kein Prophet zu sein, land. Nur 1911 war der Getreideerport Rußlands größer Landwirten und den Industriellen auch in Rußland nunmehr um vorauszusagen, daß sich in dieser Beziehung feine Mendeals der Deutschlands . Aber schon 1912 und noch mehr im der Vergangenheit gehöre, daß ihre Interessen vielmehr rung vollziehen werde: sowohl die Industriellen als auch die laufenden Jahre ist Rußlands Getreideerport start gesunken. zusammenfallen. Diese ganz unbegründete Ansicht hat Großgrundbefizer werden sich vom Regierungstische aus nac Es ist daher selbstverständlich, daß die so erstartte Kon- Kokowzew in seinen zahlreichen Ansprachen an die russischen wie vor mästen lassen. Nach nie hat die selbstherrschende" furrenz Deutschlands den russischen Agrariern recht unan: Industriellen immer aufs neue wiederholt. Sie hat dann Regierung gegen den Willen der Industriellen aufkommen genehm wurde. Dabei macht sich diese Konkurrenz selbst auf auch warme Verteidiger unter den Volkswirten der„ neuen können, und heute, wenn die revolutionäre Bewegung dem russischen Markte fühlbar. Schule von Struve" gefunden, die im Gegensatz zu den alten wiederum ihren Kopf erhebt, weniger als je. Nur der Druc russischen Volkswirtschaftlern, die die Interessen des anderer Länder wird die russischen Industriellen zwingen, Bolkes", das heißt des Bauerntums, vertreten, sich offen auf ihren Appetit etwas zu mäßigen. Nur die Abschaffung der Die Seite des industriellen Großkapitals stellen. Agrarzölle in Deutschland wird den russischen Industriellen Früher extreme Freihändler, weil der Freihandel die den Wind aus den Segeln nehmen. Ein günstiger Vertrag Doktrin der liberalen" Semstwomänner war, wollen fie mit Rußland ist nur auf diesem Wege abzuschließen. Günstiger liegen die Verhältnisse für die Einfuhr von heute von jedem Entgegenkommen den Landwirten gegenWeizen aus Rußland . Der Zoll auf Weizen ist relativ über nichts wissen. Die Industriellen selber find praktischer geringer, weil Weizen bekanntlich im Osten Deutschlands nicht und suchen die Agrarier dadurch für einen hohen Industrieangebaut wird, so daß die ostpreußischen Junker an ihm schuß zu gewinnen, daß sie ihnen die Einführung von Agrarweniger Interesse haben. Dabei hat die amerikanische Ron- zöllen als Kompensation versprechen. Darauf scheinen denn furrenz in Sen letzten Jahren abgenommen, der Weizen- auch die Neden Kokowzews von der Interessensolidarität preis ist stark in die Höhe gegangen, so daß die Nachfrage beider Klasse, der Agrarier und er Großinustrie, hinauszu- Vom Kriegsschauplage liegen Nachrichten von Belang nicht nach russischem Weizen in Deutschland im Steigen begriffen laufen: in der Ausbeutung der Konsumenten treffen die vor. Die rumänische Armee sezt ihren Vormarsch fort. Mit war. Außerdem fällt hier der Boll gänzlich zu Lasten des Interessen der russischen Agrarier und des fartellierten der Türkei hat sich Bulgarien friedlich geeinigt; es zieht seine deutschen Konsumenten, weil Deutschland beständig an Weizen Kapitals zusammen. Truppen aus dem der Türkei gehörenden thrazischen Gebiete. Rußland droht also die Gefahr, nicht allein noch höhere Die Verhandlungen, die zum Abschluß des WaffenstillBis 1912 hat Rußland in steigendem Maße Weizen Industriezölle, sondern auch zugleich noch Getreidezölle zu bestandes führen sollen, sind noch im vollen Gange und geben, nach Deutschland geliefert. 1912 hat sich die Lage für Ruß kommen! Bleiben die Einfuhrscheine in Deutschland auf- da sie geheim geführt werden, Anlaß zu allen möglichen Kom Land wiederum verschlechtert. Zum Teil sind es zufällige rechterhalten, so ist es sehr wahrscheinlich, daß auch die
Der Anteil Rußlands an der deutschen Roggeneinfuhr ist umgekehrt gesunken. Absolut ist die Einfuhr von russischem Roggen auf rund die Hälfte bis Zweidrittel herabgegangen; relativ ist die Verminderung geringer, immerhin tritt auch hier ein Zurückweichen Rußlands deutlich zutage.
Mangel leidet.
-
Vor dem Waffenftillitand.
Momente die Striege der letzten Jahre und die Dardanellen - ruffifchen Agrarier darauf eingehen werden, Getreidezölle als binationen. So wird in der„ Times" erzählt, Serbien und sperre- zum Teil aber scheint es, daß Rußland für die Gegenmaßregeln zu fordern. Der Zustand, der vor der Griechenland verlangten erst die Abrüstung Bulgariens , ehe nächsten Jahre ebenfalls weniger Weizen ausführen werde. Brüsseler Zuckerfonvention auf dem Buckermarkte eriſtierte, fie sich auf einen Waffenstillstand einlassen könnten. Die Betrug doch die gesamte Weizenausfuhr Rußlands 1911 wird sich dann allmählich auch auf dem Roggenmarkte, Richtigkeit dieser und ähnlicher Sensationsmeldungen kann 240,5 Millionen Pud und 1912 nur noch 160,9 millionen Bud. wenigstens in bezug auf den Verkehr zwischen Rußland und nicht nachgeprüft werden.