Mr. 244.
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Für die Arbeitslofen!
H. St. Jena, 18. September.
Freitag, den 19. September 1913.
Die Sozialdemokratie allein ist seit vielen Jahren am Werke die dringendste soziale Forderung des Proletariats, sondern für die gewesen, um wenigstens das schlimmste Elend der Arbeitslosigkeit auszurotten.
Aufgabe aller Human Denkenden erklärte. Da war es diesem wohlgemeinten Enthusiasmus und Optimismus Winnigs gegenüber feineswegs unangebracht, daß Timm in seinem kernigen Schlußwort noch einmal auseinanderseßte, daß die Frage der Arbeitslosenversicherung von den einzelnen Klassen durchaus vom Standpunkte ihres wirtschaftlichen Vorteils aus nüchtern betrachtet werde. Man möge deshalb auch die theoretisch noch so gründlichen" Grörterungen bürgerlicher Sozialpolitiker nicht überschätzen. Auf der Genfer Konferenz habe man zwar die denkbar gründlichste" Erörterung gepflogen, aber leider sei es nicht zu einer ebenso gründlichen Verdichtung der Ansichten zu fategorischen praktischen Forderungen gekommen! Viel wertvoller sei es da gewesen, wenn z. B. der letzte Katholikentag in Mez entschiedene Stellung zu der Frage genommen hätte. Statt der gewichtigen Taten gebe es aber höchstens schöne Worte. Das Wichtigste und einzig Erfolg Versprechende bleibe deshalb
Sie forderte und fordert auch heute wieder zu ihrer Bekämpfung die schleunigste Jnangriffnahme aller zu vergebenden öffentlichen ArDie Sozialdemokratie trägt einen Januskopf. Sie hat zwei beiten. Aber nicht im Sinne von Notstands arbeiten zu herabGesichter. Wenigstens erscheint das ihren Gegnern so, die die in gefeßten Löhnen. Sie will keine Lohndrückerei, sondern Einhaltung fich geschlossene harmonische Bildung des Parteikörpers nicht zu be- der tariflich festgelegten Löhne oder wenigstens die ortsüblichen greifen vermögen. Die Sozialdemokratie lämpft in himmelan- Normallöhne. Sie bekämpft gerade nachdrücklichst die bürgerliche stürmendem Titanentroz für ihre legten politischen und Theorie und Praxis, daß die Arbeitslosigkeit zu Krisenzeiten die gesellschaftlichen Ideale. Aber die gleiche Partei, die ersehnte Gelegenheit gebe, die Arbeitslöhne zum ihre Sehnsucht und ihre Begeisterung soeben erst den fühnsten Vorteil der raffgierig brutalen Rapitalisten Zukunftsgesichtern zugewandt hat, findet sich im nächsten Augenblid lasse herabzudrücken und damit die Erfolge der Gewerkauch arbeitsfreudig und schaffenseifrig zu den Aufgaben zurüd, die fchaftsarbeit wenigstens zum Teil wieder zu bereiteln! gebieten, auf dem spröden, steinigen Boden der kapitalistischen Die Sozialdemokratie verlangt, daß eine öffentlich- rechtliche, auf Gegenwart die Ernte der Zukunft zu bestellen. Die Proletarier- breiter Basis aufgebaute Arbeitslosenversicherung den Elend der Die freien Gewerkschaftsfaust, die das Schwert zu schwingen hat für die Bahnung des Arbeitslosigkeit organisch steuere. haben bereits Gewaltiges auf Bukunftsweges, hat dennoch nicht verlernt, auch den Pflug in das organisationen haben bereits Gewaltiges auf diesem Ge- die großzügige Organisation der Kundgebungen für die Harte Erdreich zu drücken, damit den mühsam gezogenen Furchen die biete geleistet, unzählige Millionen aufgewendet, sie haben Arbeitslosenversicherung. tünftige Saat entsprieße. allein im Jahre 1912 für ihre Arbeitslosen annähernd neun Die prächtige Debatte fand ihren wirksamen Abschluß in der So entsprach es nur alter Partei- und Parteitagsgepflogenheit, Millionen in Deutschland verausgabt. Aber gegenüber so furchtbaren einstimmigen Annahme der von Timm empfohlenen Resolution. daß dem hizigen Meinungsstreit über unsere Taktik und der ernsten Strijenzeiten, wie sie jetzt über Deutschland hereinzubrechen drohen, Mag nun die Partei rüstig und unwiderstehlich ins Werk setzen, Wägung unserer künftigen Kampfesmittel unmittelbar die Ver- ist diese Selbsthilfe völlig ungenügend. Wir verlangen, daß der was ihre Vertreterschaft in Jena beschlossen hat! tiefung in eine soziale Aufgabe folgte, die die fraftvollste Staat, der unzählige Milliarden für den Rüstungswahnsinn verpraktische Gegenwartsarbeit zur Voraussetzung hat. schleudert, endlich auch hier tatkräftig eingreift. Und je mehr das Der Zukunft, der Erringung noch weit abliegender Positionen, der Scharfmachertum sich zusammenschart, um unter Ausnutzung der Verwirklichung unseres Endziels galt im tiefsten Grunde der Streit Wirtschaftskrise die Arbeiter in die Knie zu zwingen und rücksichtslos über den Massenstreit. Um die Erlösung des ganzen Volkes aus seiner Zohnstlaberei diensibar zu machen, desto fraftvoller muß auch den Ketten des Kapitalismus handelte sich's dabei. Aber mit dem die Arbeiterklasse sich rühren und durch straffstes Zusammenwirken gleichen leidenschaftlichen Interesse, mit nicht minderer Anteilnahme dem Staate und der Gesellschaft ihre Forderungen abzuringen suchen. beriet der Parteitag heute über die Mittel, um das Los der Arbeitslosen zu mildern, um diese Opfer tapitalistischer Wirtfchaftspolitik vor dem Schicksal zu behüten, in Elend und Vertommenheit hinabgestoßen zu werden.
Industrielles Scharfmachertum und Agrariertum gehen hier wie allezeit Hand in Hand. Dieselben Agrarier, die das Volt durch eine unerhörte Lebensmittelverteuerung ausbeuten, lassen mit den Schleiffteindrehern der Industrie um die Wette den Ruf nach Das Referat über diese wichtigste foziale Gegenwartsfrage hatte 3uchthausgeießen erschallen., Genosse Timm übernommen. Und ihm muß das Zeugnis aus- ungeheuer schwierigen Kampf unser Drängen nach gestellt werden, daß er seiner schwierigen Aufgabe im vollsten Um- Arbeitslosenversicherung voraussetzt, aber wir sind entschlossen, diesen fange gerecht wurde, daß er zwar eine Fülle von Einzelmaterial Kampf erfolgreich zu führen!
Die Nachmittagsjißung wurde durch das gründliche Referat des Genossen Wurm über die Steuerfrage ausgefüllt, dessen Gedankengängen die von ihm bereits seit Wochen der Oeffentlichkeit unterbreitete Resolution zugrunde lag. Wir werden auf Wurms Darlegungen bei der Würdigung der gesamten Steuerdebatte morgen zurückkommen.
Politische Ueberficht.
Antifozialpolitisches Unternehmerschußkartell. Wir wissen also, welch Immer deutlicher wird dem zwischen dem Zentralverband Drängen nach einer deutschen Industrieller, dem Bund der Landwirte und dem Reichsdeutschen Mittelstandsverband abgeschlossenen Bündnis in der konservativen Presse als nächstes erstrebenswertes Ziel der Kampf gegen die Arbeiterbewegung empfohlen, da in zur Beleuchtung des Problems zusammengetragen hatte, daß er aber Die Agrarier verhöhnen die Opfer der Arbeitslosigkeit. Sie ihrem Widerstand gegen die„ Herrschsucht" und den Terrogleichwohl nicht einen Augenblick die großen politischen und sozialen sprechen schamlos von Arbeitsscheu, fie verlangen Zurüd rismus" der verhetten Arbeiterschaft alle drei Gruppen völlig Gesichtspunkte aus dem Auge verlor. Die Linderung der Arbeits- führung der Arbeitslosen auf das platte Land. Dabei ist z. B. in einig seien und gleiche Interessen zu vertreten hätten. Auch Losenmisere galt ihm als dringlichste Gegenwartsaufgabe aber Bayern einwandfrei festgestellt, daß in der bayerischen Landwirt- die Kreuzztg." leistet sich jetzt in ihrer legten Nummer einen nicht um humanitärer oder sozialer Quadfalberei das Wort zu reden, fchaft gleichfalls bereits ein leber angebot von Arbeitskräften Leitartikel, in dem sie den Großindustriellen des Zentralsondern um durch Ausfüllung einer flaffenden Lücke unserer öffent- vorhanden ist, wie denn überhaupt die Landwirtschaft diesen geringen verbandes nachzuweisen sucht, daß sie, wenn sie den sogenannlichen und gewerkschaftlichen Sozialfürsorge das Proletariat reifer Teil der Opfer unseres Wirtschaftssystems höchstens für 1-2 Monate ten Streif- und Organisationsterrorismus der Arbeiter und tüchtiger zumachen für die viel größeren bevor- Unterschlupf zu gewähren vermöchte. Aber auch das Agrariertum brechen wollten, dies nur mit Hilfe der Agrarier und Mittelstehenden Emanzipationstämpfe der 3 ukunft. Gewiß sollen möchte gar zu gerne den Arbeitsmangel seinerseits zu rücksichts- ständler erreichen könnten, da die nationalliberale Not und Elend der Gegenwart gemildert werden, um losester Lohnbrückerei ausnützen.
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den Hunderttausenden die die verzweifelten Nöte des Daseins Diesen Attentaten gegen die Arbeiterinteressen gilt es den zu lindern; aber die Bewahrung dieser bemitleidens- organisierten Angriff des Proletariats gegen wertesten Opfer unseres brutalen Wirtschaftssystems vor förperlicher überzusehen: das ungestüme Verlangen nach der Arbeitsund geistiger Entartung soll zugleich das Mittel sein, um der losenversicherung. Längst sind ausländische Staaten mit gutem vollen Befreiung der Arbeiterklasse, der endgültigen Mensch Beispiel vorangegangen. Dänemark hat bereits die obligawerdung der Proletariermassen die Wege zu bereiten. torische Verpflichtung für Staat und Gemeinden eingeführt, den Das Referat des Genossen Timm soll nach Parteitagsbeschluß Gewerkschaftsorganisationen erhebliche Zuschüsse zur Arbeitslosenals besondere Werbeschrift die verdiente Verbreitung finden. Nichts- fürsorge zu gewähren. Dieser kleine Staat, der nur halb so viel destoweniger und trotz des eingehenden Verhandlungsberichts- Einwohner zählt wie Bayern , hat 1910/11 an staatlichem Zuschuß feien hier die leitenden Gesichtspunkte seines Vortrages wieder mehr als 766 000 M. und an Zuschuß der Gemeinden fast gegeben. 350 000 M. geleistet. In England sind seit furzem 2% Millionen
Der Redner begann mit der Kennzeichnung des kapitalistisch- von Arbeitern zwangsweise versichert und bereits viele MilVor allen imperialistischen Aberwizes. Ein wilder Völkermord hat die östlichen lionen an öffentlichem Zuschuß gezahlt worden. Teile Europas verwüstet, ungeheuere Opfer an Blut und Gut ver- Dingen beweist aber auch das Vorbild dieser Staaten, daß die schlungen, hat auch das vermeintliche alte Kulturreservat des test- staatliche 3wangsversicherung vorzüglich mit der Gin= lichen Europas in ein einziges Waffenarsenal verwandelt. Diese Selbstverwaltung der Arbeiterorganisationen in unseligen Zustände, die jeglicher Zivilisation, aller gefunden Vernunft Iang zu bringen ist! Der Redner ging dann auf die Erspotten, haben die ohnehin wieder einmal kritische Wirtschaftslage fahrungen der Einzelstaaten und Kommunen in Sachen der Arbollends erschüttert, haben der normalen Produktion die Mittel ent- beitslosenversicherung ein. Er führte dabei den bündigsten Nachzogen und Westeuropa mit einer neuen Armee von arbeitsuchenden weis, daß vor allem das sozialpolitisch so renommiersüchtige Zen= ausländischen Proletariern überschwemmt. Selbst nach dem führenden trum schmählichst versagt und die sozialdemokratischen Anträge Zentrumsorgan befindet sich zurzeit in Deutschland eine systematisch hintertrieben hat. Und wie in den EinzelMillion ausländischer Proletarier, wogegen in den verschieden staaten, so auch im Reich e. Natürlich seien die übrigen, speziell ften Industriezweigen, im Baugewerbe, der Textilindustrie usw., die liberalen Spielarten des Bürgertums, auch um kein Haar bereits die schlimmste Geschäftsflauheit eingetreten ist. In München besser und arbeiterfreundlicher; immerhin habe es sich in Bayern 3. B. find 8 Proz. Arbeitslose gezählt worden, und viele davon gezeigt, daß es doch gelingen könne, durch die rücksichtslose sind seit Jahr und Zag dem nacktesten Elend preisgegeben. proletarische Initiative auch die Liberalen vorwärts zu Aber nicht nur in der einen Großstadt, dem einen Landes- treiben durch die Furcht vor den Folgen des gleichen Wahlteil graffieren Arbeitslosigkeit und Reduktion der Arbeitszeit auf rechts! Kosten der Entlohnung, sondern in zahlreichen Großstädten, So sei es möglich, durch nachhaltiges, rücksichtsloses Drängen Industriezentren und Landesteilen finden wir das gleiche troft dem Bürgertum auch hier Zugeständnisse abzutrogen durch ein lose Bild. Selbst ehrliche bürgerliche Politiker und einfichtsvolle Drängen, das getragen sei von einer großen systematischen Sozialpolitiker haben längst dies Elend anerkannt und Abhilfe ge- Aktion der Voltsmassen. Möge die Arbeiterklasse alle fordert. Aber ihre Rufe sind in den Reihen ihrer eigenen ihre Straft einsehen für eine wichtige Kulturtat für die ArbeiterParteigen offen verhalt, sind in der Parteipraris völlig lasse, für die Menschheit! unbeachtet geblieben. Selbst ein Bismard hat seiner Zeit ge fordert, daß die Existenz aller Volksindividuen von Staats wegen ficher gestellt werde und heute befinden wir uns noch weltenfern von der Verwirklichung dieser Forderung!
In der Diskussion fanden die Ausführungen Timms vielfach die wertvollste Ergänzung durch zahlreiche Redner, die über Einzelerfahrungen zu berichten hatten. Besonders warme Töne fand Genosse Winnig, der die Arbeitslosenversicherung nicht nur für
Partei völlig versage. Man möge deshalb die Verständigung über zollpolitische Dinge vorläufig zurückstellen und dafür die Lösung gewisser anderer Fragen in Angriff nehmen:
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„ Als solche Fragen", heißt es weiter, find neben der Aufrechterhaltung der bisherigen Wirtschaftspolitik besonders genannt: nicht wie es in der Linkspresse heißt- Einschränkung der Sozialpolitik, sondern Abwehr übertriebener und unerfüllbarer, 11 m der Massengun st willen gestellted sozialpolitischer Forde= rungen, Wahrung der Autorität des Unternehmers in seinem Betriebe, besserer Schuh gegen Streit und Organisationsterrorismus, Schuh der Arbeitswilligen. Das sind gar nicht eigentlich tonservative Programmpunkte; besonders würden fie es dann nicht sein, wenn die konservative Partei, wie man ihr stets vorSondern es handelt sich wirft, cinseitige Agrarpartei wäre.
bei diesen Fragen in erster Linie um berechtigte Interessen des Unternehmertums in Stadt und Land, die eben, weil sie berechtigt sind, auch dem allgemeinen Interesse entsprechen.... Für eine gerechte Abwägung der Interessen auch des gewerb= lichen Unternehmertums versagt die nationalliberale Partei, wenn sie dem Großblock immer mehr sich annähert, wenn sie in allen Wahlkämpfen stramm gegen rechts mit dem der Sozialdemokratie auf Gedeih und Verderb eng berbündeten Fortschritt zusammenhält, wenn die Zahl ihrer Abgeordneten stetig wächst, die mit sozialdemokratischer Hilfe und auf Grund der Anerkennung sozialdemokratischer Bedingungen gewählt sind, wenn sie ihre Politik bewußt auf Massenpopularität abstellt, wenn sie die Bestrebungen auf Verbesserung des gesetzlichen Arbeitswilligenschutzes ablehnt, wenn sie den in Staat und Gemeinde scharf erfaßten Besitz einer direkten, auf Ersparnisse und Fortschritt gelegten Sondersteuer unterwirft, um sich nicht in den Bannkreis des schwarz- blauen Blocks zu begeben, und die Mehrheit der Linken zur Geltung zu bringen."
Und dieselbe Mahnung, zunächst gemeinsam die gewissenlosen Heber" zu bekämpfen richtet einer der Führer der Reichspartei, Herr Otto Arendt , im roten. Tag" an Großindustrielle und Agrarier:
,, Wie die Landwirtschaft, so ist auch die Industrie durch den Radikalismus bedroht. Der Radikalismus untergräbt die Autorität und zerstört den sozialen Frieden. Der Radikalismus ist freihändlerisch und versagt der Industrie den Schutz gegen das Ausland. Der Radikalismus treibt Konsumentenpolitik und übersieht dabei nur, daß die Vorausseßung jedes Konsums bie