Einzelbild herunterladen
 

Nr. 321.

Abonnements- Bedingungen: Abonnements Breis pränumerando: Bierteljährl. 3,30 M., monatl. 1,10 m., wöchentlich 28 Pig. frei ins Haus. Einzelne Nummer 6 Pfg. Sonntags. nummer mit illustrierter Sonntags. Beilage Die Neue Welt" 10 Big. Post­Abonnement: 1,10 Mar! pro Monat. Eingetragen in die Post- Zeitungs. Breisliste. Unter Areuzband für Deutschland und Desterreich Ungarn 2,50 Mart, für das übrige Ausland 4 Mart pro Monat. Postabonnements nehmen an: Belgien , Dänemart, Holland , Italien , Luxemburg , Portugal , Rumänien , Schweden und die Schweiz .

Ericheint täglich.

OSA

Vorwärts

Berliner Volksblatt.

30. Jahrg.

Die Infertions- Gebühr beträgt für die sechsgespaltene Stolonel­geile oder deren Raum 60 Bfg., für politische und gewerkschaftliche Vereins­imd Bersammlungs- Anzeigen 30 Big. ,, Kleine Anzeigen", das fettgedrudte Wort 20 Pfg.( zulässig 2 fettgedruckte Worte), jedes weitere Wort 10 Pfg. Etellengesuche und Schlafstellenan zeigen das erste Wort 10 Pig., jedes weitere Wort 5 Pfg. Worte über 15 Bitch­staben zählen für zwei Worte. Inserate für die nächste Nummer müssen bis 5 Uhr nachmittags in der Expedition abgegeben werden. Die Erpedition ist bis 7 Uhr abends geöffnet.

Telegramm Adresse: ,, Sozialdemokrat Berlin".

Zentralorgan der fozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: S. 68, Lindenstrasse 69. Fernsprecher: Amt Morikplay, Nr. 1983.

Warten und

-

hungern!

Die Verhandlungen im Reichstage über die Arbeits­lofen Interpellation der Sozialdemokraten bilden eine bezeichnende Fortsegung der Auseinandersetzungen an den beiden Tagen vorher. Zeigen sie doch, daß dieselbe Gesell­schaft, die für den Militarismus unbegrenzte Lasten dem ar­beitenden Volfe auferlegt, vollständig versagt, wenn es gilt, auch nur die dringendsten der allgemein als berechtigt an­erkannten Forderungen der Arbeiter zu erfüllen. Daß es sich hier in der Tat um dringende und berechtigte Forderungen der Arbeiter handelt, mußten sowohl die Re­gierungen als auch die Redner der großen Mehrheit des Reichstages zugeben. Genosse Silberschmidt begründete in sehr wirksamer Weise die Interpellation. Er legte ausführlich dar, wie notwendig die von uns verlangten Maßnahmen zur Hilfe für die arbeitslosen Arbeiter sind. Er führte eine Fülle bon Tatsachen an, die unwiderleglich beweisen, daß das, was bisher für die arbeitslosen Arbeiter geschehen ist, in feiner Weise genügt, und daß auch die Gemeinden allein nicht in dem nötigen Maße helfen können, sondern daß das Reich endlich eingreifen müſſe.

Der Vertreter des Reichskanzlers, der Staatssekretär im Reichsamt des Innern, Herr Dr. Delbrüd, ließ es in seiner Antwort auf die Interpellation an schönen Worten nicht fehlen. Er gab ausdrücklich zu, daß sich auch das Reich um die Hilfe für die arbeitslosen Arbeiter fümmern müsse.

Sonnabend, den 6. Dezember 1913.

Expedition: S. 68, Lindenstrasse 69.

Fernsprecher: Amt Moritplak, Nr. 1984.

Arbeitslosenversicherung nicht tragen fönnen. Im vorigen Staatssekretärs, wobei sie allerdings mehr oder weniger Jahre dagegen bei den gewaltigen neuen Ausgaben für das freundliche Worte für die Arbeitslosenversicherung hatten. Militär, da hieß es: die Ausgaben müssen gedeckt werden; Sie begnügten sich ebenfalls mit der Hoffnung, daß vielleicht da gab es keine Rücksicht darauf, ob unser Wirtschaftsleben dereinst einmal eine bessere Statistik vorliegen werde und die durch die Entziehung so großer Summen für unproduktive Schwierigkeiten durch Untersuchungen und Erwägungen ver­Zwecke nicht auch aufs schwerste geschädigt werde. Aber frei ringert werden. Dann werde die Arbeitslosenversicherung lich! Bei der Arbeitlosenversicherung handelt es sich ja nicht kommen. um schneidige Offiziere, sondern mur um hungernde Der Konservative Graf v. Carmer- Ziesewitz und der Arbeiter. Freikonservative Wermuth traten offen gegen die Arbeits­So können die arbeitslosen Arbeiter, wenn es nach der losenversicherung auf. Der erste befürchtete, daß nach Durch Rede des Staatssekretärs fommt, noch lange auf die Arbeits- führung der Arbeitslosenversicherung noch mehr Arbeiter als Tosenversicherung warten und- hungern. bisher aus der liebevollen Behandlung der Junker entlaufen würden, und der andere Herr wiederholte all die geistreichen Einwände der Arbeitgeber- Zeitung".

Auch von den bürgerlichen Parteien haben sie nichts zu erwarten. Die meisten Abgeordneten hielten es gar nicht der Mühe wert, den Verhandlungen beizuwohnen. Der Redner des Die Beratung wird heute fortgesetzt. Aber schon jetzt ist Zentrums, Abgeordneter Giesberts, der Nationalliberale jeder Zweifel darüber geschwunden, daß es noch vieler Arbeit Dr. Quard( Coburg ) und Abgeordneter Weinhausen der aufgeklärten Arbeiter bedarf, um die Arbeitslosenver­von der Fortschrittlichen Volkspartei folgten dem Beispiele des sicherung zu erringen.

Ein Anfang oder ein Ende?

Donaueschingen , 5. Dezember. ( W. T. B.)| sprüchen der eljässischen Regierung, seine mächtige Unter­Se. Majestät hatten für heute vormittag den Reichs- stüßung gewährt hätte. Was geschieht mit dem Herrn fanzler, den Statthalter und den Kommandierenden v. Deimling? Darauf erhalten wir keine Antwort. General v. Deimling nach Donaueschingen befohlen, um Und noch weniger auf die andere, bedeutungsvollere weitere Vorträge über die bekannten Vorgänge in Frage, ob trop des Spruches des Reichstages die Herren 3abern entgegenzunehmen. Se. Majestät haben v. Bethmann und Falkenhayn noch länger ein Amt darauf zu bestimmen geruht, daß die Garnison versehen sollen, zu dem sie sich in schicksalsschwerer Stunde so von Zabern bis auf weiteres nach den völlig unfähig erwiesen haben.

Am liebsten hätte der Herr mit dieser allgemeinen und ganz unverbindlichen Redensart die sozialdemokratische Inter­pellation abgetan. Das ging aber nicht. Die Sozialdemo fraten hatten ja ausdrücklich nach den Maßnahmen gefragt, die der Reichskanzler zur Hilfe für die arbeitslosen Arbeiter Truppe übungsplay verlegt wird. Die Diese Antwort kann freilich nicht aus Donaueschingen durchzuführen gedenkt, und insbesondere wollten sie wissen, schwebenden kriegsgerichtlichen Verfahren kommen, die kann nur der Reichstag selbst geben. Herr ob der Reichskanzler dem Reichstage den Entwurf werden mit Beschleunigung zu Ende geführt. v. Bethmann freilich scheint zum Bleiben entschlossen, und eines Arbeitslosenversicherungs- Gesetzes vorlegen werde. schon beginnt die Stimmungsmache, um alles als unglückliches Ueberdies hatte Genosse Silberschmidt eingehend die Der Reichskanzler hatte jämmerlich versagt. Der Mißverständnis erscheinen zu lassen. Aus dem Reichskanzler­einzelnen Forderungen für die arbeitslosen Arbeiter betriegsminister hatte die brutalen Willkürakte der amt geht eine sonderbare Meldung in die Welt, die behauptet, sprochen. Er hatte verlangt, daß wir die Grenzen für die Militärmacht herausfordernd verteidigt. Der Sieg der Sol der Kanzler sei wegen Indisposition nicht in der Lage ge­Einfuhr billiger Lebensmittel öffnen, daß wir unsere Arbeiter datesta über Recht und Gesetz war vollständig. Da griff der wesen, im Reichstage mitzuteilen, welche Maßnahmen der fchutzgesetzgebung beffer ausbauen und daß wir den von den Reich 3 tag ein und mit überwältigender Mehrheit sprach Staiser veranlaßt habe, um den Konflikt in Babern beizulegen, freien Gewerkschaften und der sozialdemokratischen Partei ge- er als Vertretung des empörten und entrüsteten Voltes der Schon seit drei Tagen liege die Kabinettsorder über die Ver­wiesenen Weg zur Arbeitslosenversicherung beschreiten. Ueber die Arbeiterschutzforderungen sprach der Staats- erbärmlichen Haltung der Regierung das vernichtende Urteil. legung des Regiments Nr. 99 von Zabern nach dem Truppen­fekretär fein Wort. Trotz aller Mahnungen und Anträge der und vor diesem Urteil, vor dem aufflammenden Zorn der übungsplaße vor. Auch sei in einem Schreiben an den Reichs­Sozialdemokraten hat dieser Reichstag zur Verbesserung des Massen sind die übermütigen Militaristen nun doch zurück fanzler Anweisung ergangen, daß eine sorgfältige Unter­gesetzlichen Arbeiterschußes so gut wie gar nichts geleistet. gewichen. Einen fleinen Schritt nur, aber doch einen Schritt suchung nach allen Richtungen hin durchgeführt werden müsse. Diese Tatsache zeigt nur zu deutlich, wie es in Wahrheit mit rückwärts! Durch die Kommandierung des Generalmajors Kühn sei der Arbeiterfreundlichkeit der Regierungen und der bürger- Oberster Hüter und Wächter der Verfassung zu sein, ist erste bereits Oberst Reutter faltgestellt worden und eine Ver­lichen Barteien bestellt ist. Daher ist es begreiflich, daß der Pflicht des Reichskanzlers. Doch untätig und schwachmütig hat jezung des Leutnants von Forstner werde erfolgen. Die Staatssekretär es vorzog, über die Arbeiterschußforderungen er zugesehen, wie Recht und Gesetz unter sporenklirrende Füße offiziöse Mitteilung über die Maßnahmen, die im Falle mit Stillschweigen hinwegzugehen. Dagegen leistete der Herr sich den Scherz, mit der getreten wurden. Er hat das herausfordernde Pronunziamento 3abern getroffen werden sollen, werde vorbereitet. ernstesten Miene von der Welt zu versichern, daß die be­des übermütigen Reaktionärs, der als Kriegsminister fungiert, Sonderbar! Von einer Indisposition, wenigstens von währte" Bollwucherwirtschaft auch den Arbeitern zum Nuken nicht nur geduldet, er hat sich mit dem Verteidiger mili- einer physischen, haben wir nichts bemerkt, und eine gereichter erntete damit auf der linken Seite des Hauses taristischer Selbstherrlichkeit noch solidarisch erklärt. Der psychische wäre vielleicht eine Erklärung, aber keine Kanzler hat seine Pflicht verlegt, er hat versäumt, was seines Entschuldigung des Auftretens des Kanzlers und wirk­Sehr ausführlich beschäftigte er sich aber mit der Arbeits- Amtes ist, er ist in Angesicht des staunenden Auslandes, an- lich noch weniger eine Rechtfertigung seines Bleibens. Losenversicherung, unt alle möglichen und unmöglichen gesichts des empörten Deutschlands vor der triumphierenden Im übrigen aber läßt diese Darstellung die Hal­Schwierigkeiten, die sich bei diesem Unternehmen zeigen Militärmacht in den Staub gesunken. Er hat versagt, wo er tung der Regierung nur noch schlimmer, noch unverantwort­könnten, in den lebhaftesten Farben auszumalen. Ein Zuruf nicht versagen durfte, er hat sich selbst erledigt. erinnerte den Herrn daran, daß wir auf dem Gebiete der licher erscheinen. Ist sie wahr, so sagt sie nichts anderes, als An seine Stelle trat der Reichstag . Er erfüllte die Pflicht, daß der Kanzler gegen die eingerissene Arbeiterversicherung schon einige Erfahrungen haben. Darauf die dem Kanzler oblag, rief nach Donaueschingen hinüber, Anarchie noch weniger sagen und tun wollte, antwortete Herr Delbrück , daß sich die Arbeitslosenversicherung was zu sagen des Kanzlers Aufgabe war. Er und die Regie- als es selbst Wilhelm II. und dem Militär­in vielen wichtigen Punkten von den andern Versicherungen des Reichs unterscheide, und daß gerade aus diesem Grunde rung nicht wahrte Recht und Gesez. Der Reichstag und nicht fabinett nötig schien. Dann war Herr v. Bethmann die Durchführung dieser Versicherung besonders schwierig sei. der Stanzler wies die Gesetzlosigkeit des Militarismus zurück. Hollweg noch militaristischer als die Militaristen, dann zog Allerdings kann kein verständiger Mensch die Unterschiede Der Reichstag und nicht der Kanzler gab dem verzweifelnden er es vor, mit dem Kriegsminister die Gesezlosigkeit zu recht­übersehen. Aber nach den Erfahrungen mit den Arbeiterver- Elsaß- Lothringen das Selbstvertrauen wieder. Der Reichs- fertigen, nur um es sich mit der mächtigen militärischen ficherungen des Reichs und mit den Arbeitslosenversicherungen tag und nicht der Kanzler rettete in diesem Momente Samarilla nicht zu verderben. Konnte man bisher annehmen, der Gewerkschaften find die Schwierigkeiten leichter zu über- die niedergetretene Würde des deutschen Volkes. Der Reichs der Kanzler habe gegen bessere Ueberzeugung aus Ohnmacht winden als seinerzeit die Schwierigkeiten bei der ersten Reichstag und nicht der Kanzler erzwang das erste Zurückweichen und unter dem Zwang der militärischen Machthaber alles versicherung, als noch jede Erfahrung auf diesem Gebiete der Militärmacht. fehlte. preisgegeben, was zu wahren seine verdammte Pflicht und Offenbar sind aber auch für den Staatssekretär jene Es ist ein moralischer Sieg des Parlaments Schuldigkeit gewesen wäre, so müßte man jezt glauben, er Schwierigkeiten durchaus nicht entscheidend. Wichtiger ist über die Bureaukratie, ein bedeutungsvoller Schritt auf einem habe aus freiem Entschluß der Militärmacht die Verfassung vielmehr die Furcht, daß die freien Gewerkschaften durch die zukunftsreichen Wege. Aber auch nur ein Schritt vorwärts, preisgegeben. Dann ist ein Weiterverhandeln Arbeitslosenversicherung gestärkt werden können. Die Gewerk- dem andere folgen müssen, soll er seine Bedeutung bewahren. mit diesem Reichskanzler für den Reichstag schaften wollen den Arbeitern möglichst günstige Lohn- und Der Militarismus hat durch die feste Haltung des Reichs- erst recht unmöglich.

die wohlverdiente Heiterkeit.

Arbeitsbedingungen erringen. Das ist ihr ganzes Verbrechen. tags eine Schlappe erlitten. Aber nur aus einem kleinen Es ist auf jeden Fall unmöglich! Ein Nachgeben des Um dieses Verbrechens willen sucht der Staatssekretär alles Vorhutsgefecht hat er seine Vorposten zurückgezogen. Die Reichstages gäbe alles auf, was eben errungen ist. Die Ueber­zu vermeiden, was irgendwie zu einer Stärkung der Gewerk­fchaften führen könnte selbst wenn dadurch Tausende von Hauptmacht ist unerschüttert. Das ruhmbedeckte Regiment macht der regierenden Uebermacht über die Bureaukratie bliebe Arbeitern dem furchtbarsten Elend preisgegeben werden. Eine wird endlich Zabern verlassen, der Leutnant v. Forstner erhalten und der militaristische Uebermut erhöbe rasch aufs schöne Auffassung von der Aufgabe des Ministers für wird zur Rechenschaft gezogen werden und der Oberst neue sein Haupt. Deshalb muß der Reichstag ganze Ar­Sozialpolitik! Aber glaubt denn der Herr wirklich, daß er Reutter ist faltgestellt. Es sind Selbstverständlichkeiten, beit machen und Garantien schaffen, die ein für allemal mit dieser vermeintlich fo guten Gesinnung jene Gefahr, die die, wenn sie sofort bei Ausbruch des Konfliktes erfolgt wären, das Entstehen solcher Vorgänge unmöglich machen. Es ist Stärkung der Gewerkschaften, vermeidet? Das Gegenteil vielleicht ausgereicht hätten. Heute kommen sie zu spät und unerträglich, daß die Zivilgewalt ohnmächtig zusehen muß, tritt ein. Je mehr die Arbeiter in ihrer Hoffnung auf die sind völlig ungenügend. Die Forstners und Reutters wenn es dent Militarismus gefällt, sich über Gesetz und Recht Silfe der herrschenden Klasse enttäuscht werden, um so weitere find ja nicht die Hauptschuldigen und ihre Verießung hinwegzusetzen. Die verfassungsmäßige Verantwortung des Kreise der Arbeiter werden sich ihren Gewerkschaften an und Kaltstellung ist noch lange feine genügende Sühne. Reichskanzlers muß sich auch auf die Akte der obersten fchließen, um mit deren Hilfe ihr autes Recht zu vertreten. Was geschieht aber mit den Anstiftern? Die Herren von Kommandogewalt erstrecken, der Absolutismus des Militär­Zum Schluß seiner Rede spielte der Staatssekretär noch seinen Babern hätten nicht so lange ihr Mütchen an den unglücklichen fabinetts gebrochen, die Unterordnung der Militärmacht Haupttrumpf aus, mit dem er denn auch das Spiel menigstens bei den Unternehmern- ficher gewinnt: er ver- Bewohnern fühlen können, wenn das Generalfommando in unter den Willen der Volfsvertretung stabilisiert werden. ficherte. daß vorläufig die Unternehmer die Kosten der Straßburg ihnen nicht, entgegen den so sehr berechtigten An- Das Verbleiben Bethmann Hollwegs ist keine Personenfrage,