Nr. 5.
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Jezt geht die Uhr richtig!
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Dienstag, den 6. Januar 1914.
Die Fronde.
Gemeinwohl, die gerade bei diesen Behörden und gerade in dieser Umgebung an der Landesgrenze, besonders empfindsam und besonders entwickelt sein sollten. Sie werden überwuchert von dem Bestreben, das Gesicht zu wahren; eine Art falsch verstandener Ressortehre und bureaukratischer Eifersucht unterdrückt das Be
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systems, der Herrschaft des persönlichen Regiments, der Bureau wußtsein, daß diese Männer, Militärs wie Zivilisten, Diener des Es war ja gut und schön, daß die Herren Konservativen tratie, des Militärs auf der einen, der Ohnmacht des Staates, der Allgemeinheit sind und daß die öffentliche MeiFront gegen den Stanzler( und damit auch gegen S. M.) machten, Barlaments auf der anderen Seite? Werden sie endlich ein- nung ein Recht hat, sich zu verbitten, daß sie mit weil der Längliche, unzulängliche nicht voll und ganz die sehen, daß diese Standale, die nie abreißen, die sich auf immer ihren einlichen Häfeleien die allgemeinen Militärdiktatur proklamierte, sondern ein paar belanglose höherer Stufenleiter wiederholen, die eine immer wachsende schuß tun, wenn man behauptet, daß der Kronprinz den OffiInteressen schädigen. Auch wird man wohl keinen Fehl Phrasen zur Wahrung des Gesetzes und so murmelte. Desorganisation des ganzen Regierungsapparates offenbaren, schuß tun, wenn man behauptet, daß der Kronprinz den OffiEs war gewiß eine selbst für das Boruſſenland starte nur die notwendigen Folgen des absolutistischen Systems sind? zieren, denen er den Rücken steifen zu sollen glaubte, keinen Leistung, daß der v. Jagow das Banner der Opposition Werden sie sich damit begnügen, wieder ein paar Beruhigungs: Haltung bestärkt worden sein, die sie vor das Kriegsgericht Gefallen getan hat, denn sie würden dadurch nur in einer entfaltete und seine Rechtsüberzeugung" entdeckte, die in pillen zu verschlucken oder werden sie endlich den Kampf und auch in Konflikt mit ihren Vorgesetzten, letzten Endes mit dem so schroffem Widerspruch nicht nur zu der des Militärgerichts, um die Macht aufnehmen, den Kampf um ihre eigene Kaiser, führen mußte. Wie dem aber auch sei, dieses Hereinsondern auch zur Politik der Regierung stand. Aber all dem Macht, um die Macht ihres bürgerlichen Parlaments, und ziehen des Kronprinzen in die leidige Angelegenheit bestätigt unsere fehlte doch die Pointe, die Spitze. Jetzt leuchtet ste hell vor den Weg gehen, den ihnen die sozialdemokratischen Verfassungs- Ansicht, daß über dem Worte Zabern eine Art Verhängnis waltet den Augen des entzückten Deutschlands . anträge weisen? Ueber den Ernst des Konflikts können sich die bürger- daraus noch mehr Unheil erwachsen kann. und daß es hohe Zeit ist, den Bann von Zabern zu brechen, bevor Was dem Mut in der Brust die Spannkraft gab, was die Konservativen befeuerte und Herrn v. Jagom zum Ritt lichen Parteien einer Täuschung nicht mehr hingeben. ins oppositionelle Land antrieb, das war das hehre Wir sehen die offene Auflehnung des Militarismus nicht nur Der Fall Jagow erledigt? Bewußtsein, den Kronprinzen an der Tête zu wissen. gegen die Grundlagen des bürgerlichen Rechtsstaates, sondern Nieder mit Recht und Gesetz, es lebe der Kronprinz! Das die Rebellion gegen seine eigene Militärgerichtsbarkeit. Wir Der kühne Stratege und Berliner Polizeipräsident ist der Schlachtruf, mit dem die Triarier a. D. Sr. Majestät sehen die obersten Reichsbehörden, ja den Träger der b. Jagow kann nach wie vor in amtlicher Eigenschaft sich in die Schlacht ziehen. Souveränität selbst gelähmt durch den Widerstand, den ihnen durch furiose juristische Kritiken bloßstellen, ohne befürchten zu Und wirklich: Es lebe der Kronprinz! Er hat die Inhaber des staatlichen Machtapparates, Bureaukraten und müssen, daß ihm deswegen auch nur ein Härchen gekrümmt dent Obersten Reuter, dem Manne, der einen kleinen Aderlaß Militärs, unter dem moralischen Beistand des Thronfolgers zu die„ Pommersche Tagespost", aus durchaus zuverlässiger wird. Wie das führende konservative Organ in Pommern , am Zivil für eine nicht gerade unerfreuliche Maßnahme be- bereiten sich anschicken. Das deutsche Regierungssystem erweist Privatmeldung erfährt, beschränkt sich die ganze Aktion gegen trachtet, ein Telegramm gesandt, in dem er ihn beglück- fich unfähig, die Rechtsgrundlagen des Staates zu garantieren. Herrn v. Jagow auf eine amtliche Besprechung des Ministers wünscht und zu energischem Auftreten ermuntert. Er hat sich Es ist banterott. Wollen die bürgerlichen Parteien des Innern mit dem Polizeipräsidenten. damit auf die Seite des Militärs gegen das Zivil, auf die endlich diese Bankerotterklärung vollziehen, an seine Stelle die ministerium hat, wie das Blatt berichtet, sich mit der Sache Seite derer gestellt, die für ihre Taten zwar vor Gericht Herrschaft der Volksvertretung setzen? überhaupt nicht befaßt; der Minister des Innern aber habe stehen, aber von der gesamten Reaktion als Helden und Sie selbst sind an dem Zusammenbruch mitschuldig. Sie feine Veranlassung gefunden, gegen Herrn v. Jagow dienſtlich Märtyrer gefeiert werden. Seine Stellungnahme gibt dem selbst haben den militaristischen Größenwahn großgezogen. borzugehen, da seine publizistische Auslassung eine reine pri Konflikt erst seine volle Bedeutung und macht diese zugleich Jetzt stehen sie schaudernd vor den Konsequenzen. Das deutsche bate Aeußerung gewesen sei. auch dem Gleichgültigsten und Begriffsstüßigsten ungeheuer flar. Offizierstorps ist in seiner großen Masse längst fein unpolitiDie Herren Liberalen und Klerikalen waren schon ganz scher Störper mehr. Es ist politisiert, freilich nicht in dem
zufrieden. Gewiß, Bethmann war jämmerlich gewesen, Herr Sinne, daß in ihm verschiedene Parteianschauungen herrschen
Das Staats
Jetzt regiert Mars die Stunde!"
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b. Falkenhayn unerträglich. Die beiden hatten sie zu dem Miß wie im Volfe, sondern es ist einheitlich im reaktionärsten Geist, Jetzt regiert Mars die Stunde jetzt unbeschränkt der trauensvotum geradezu gezwungen. Es ging ja nicht anders. in Verachtung des Volkes und der Volksvertretung erzogen, Offiziersfäbel, so dachte Oberst v. Reuter, als er in Zabern Aber dann kamen die offiziösen Beruhigungsnoten, kam die durchtränkt vom Haß gegen die Sozialdemokratie, abhold der Zivilgewalt höchsteigenmächtig die Macht aus den Händen Verurteilung Forstners, die Anklage gegen den Obersten jedem politischen Fortschritt, erfüllt von kriegerisch- imperia- schlug und die Schreckensherrschaft der Bajonette etablierte. Mit Reuter. Die Sache schien wieder ins Lot zu kommen. Be- listischen Wünschen. Aus diesem Geiste sind die Vorfälle von welchem Schein von Recht er sich diese Gewaltherrschaft anmaßte, ruhigt atmeten die bürgerlichen Oppositionshelden auf. Zabern entsprungen, nur aus ihm zu erklären. Und einem haben wir seiner Aussage nicht zu entnehmen vermocht, obwohl Aber wieder einmal hatten die Schwachmütigen die Rech - solchen Geiste erscheint die Unterstellung unter bürgerliches er sich stolz darauf berief, daß er die einschlägigen Bestimmungen nung ohne die Starken gemacht. Die Junker und Militärs Recht freilich als unerhörte Zumutung. Ob er vorher genau durchgelesen habe. eine verschimmelte Kabinetsorder von Anno Tobak für das oberste Gesetz gehalten waren mit dieser Erledigung der Affäre nicht einverstanden, und Daß der Kronprinz zu diesem Konflikt Stellung ge- hat oder was sonst der Mann glaubte an sein Recht und schwört sie haben sie glücklicherweise vor dem Versumpfen gerettet. nommen und wie er sie genommen, das wird niemanden außer noch heute darauf. Trok der Schwurzeugen Jagow und Romen Die Junker frondieren, die tommandierenden Gene- dem liberalen Philister wundernehmen. Der freilich ist sehr hat der biebere Stnasterbart für die Juristen nur die tiefste Verrale laden Herrn v. Jagow als einzigen 3ivi- betrübt, daß in diesen schlechten Zeiten sebst die Tradition achtung. Als es ihm Zeit schien, Zivilbehörden und Polizei beilisten zu ihrem Festmahl, und der Kronprinz selbst des Kronprinzenliberalismus nicht mehr existiert, auf die er seite zu schieben und in einem friedlichen deutschen Städtchen wie stellt sich gegen die Regierung seines Vaters an die Spitze der seine schönsten Hoffnungen zu sehen stets dumm genug war. in Feindesland zu hausen, da begegnete er allen juristischen Bejunkerlich- militaristischen Opposition. Die Zivilgewalt oder Jetzt sind auch die Kronprinzen nicht mehr liberal, sondern schwörungen mit dem soldatischen Machtwort: Jcht hört alle deutlicher gesagt die Aufrechterhaltung von Recht und Gesez, alldeutsch und schrecklich zu sagen- sogar antisemitisch, Jurisprudenz auf" jekt regiert Mars die Stunde! die die Helden des Mißtrauensvotums bereits gesichert wenn auch bei dem deutschen Thronfolger der Antisemitismus Und wie regierte Mars! Mit der äußersten Schärfe sollten glaubten, ist von einer selbstherrlichen Soldatesta mehr durch seine Beziehungen zu Herrn Liman zugleich erklärt und die auf Markt und Straßen kommandierten Mannschaften vorbedroht als jemals und wir, die Feinde der Ordnung, die gemildert erscheint. Aber eben darum sollte es auch dem deut- gehen. Mit aufgepflanztem Bajonett und mit scharfen Patronen. deut- Wehe denen, die sich der dreisten Gewaltherrschaft des gesetzes. Umstürzler und Reichsfeinde sind berufen, sie zu schüßen. Es schen Philister endlich einleuchten, daß ihm Hilfe nicht von verachtenden Obersten widersetzt hätten! Er hätte im starren lebe der Kronpring! oben werden kann, daß er aus dem Skandal nur herauskommen Wahnsinn seines" Pflichtbewußtseins" Blut fließen lassen! Zweifelt jetzt noch jemand an der Indisposition Bethmanns, fann, wenn er nachholt, was er allzu lange versäumt hat: Als ihm der Bezirksamtmann entgegenhielt:„ Wollen Sie es die man damals als offiziöses Märchen belächelte, als faule Deutschland von der Herrschaft eines unmöglich gewordenen denn wirklich zum Aeußersten kommen lassen?", da antwortete Ausrede, erfunden, um den Unwillen des Reichstags Regierungssystems zu befreien und die Bahn für demokratische er:" Jawohl, es tann Blut fließen"." Ja, so fügte er zu besänftigen? Diese Indisposition bestand wirklich, Herr Entwickelung endlich frei zu machen. hinzu, es könne unter Umständen sogar sehr gut sein, wenn v. Bethmann ahnte die Fronde, er kannte das Telegramm Die Sozialdemokratie kann ruhig abwarten, ob Blut fließe, weil dann der Respekt vor dem Gözen Militarismus des Kronprinzen und es wurde ihm übel. Er war in der Ansturm der Fronde auch diesmal wie stets früher nur am raschesten wiederhergestellt werde. Eine rücksichtslose Landsknechtsnatur, dieser Mann. disponiert, die Furcht vor dem Kommenden raubte ihm die lässigen und halben Widerstand findet und so schließlich sein Bersönlichkeit, wie aus dem Rahmen des 30jährigen Krieges ge Besinnung und er bergaß" die Kabinettsorder aus Donau - Biel erreicht. Sie hat einen solchen Ausgang am wenigsten schnitten. Ein Mann nach dem Herzen unserer Junker, deren eschingen zu verlesen, bergaß" die Wahrung von Gesetz zu fürchten. Denn die Zersezung, der das System anheim- Weltanschauung und Rechtsempfinden ja um ein paar hundert und Recht unzweideutig als Ziel seiner Politik zu proklamieren gefallen ist, läßt sich nicht mehr aufhalten, und wir sind stark Jahre hinter unserer Zeitrechnung zurückgeblieben ist. und versicherte seine Solidarität mit dem Kriegsminister. Die genug, um uns vor Schaden zu bewahren. Es ist eine LebensFurcht vor der Kamarilla ließ ihn schweigen. frage für das Bürgertum ,, nicht für uns, ob es den Kampf, Jetzt wird er doch reden und die bürgerlichen Parteien den die übermütigen Frondeure ihm aufnötigen, führen will werden begreifen, daß sie handeln müssen. oder nicht. Die Sieger sind zulegt, wie immer der Kampf aus. Jahr für Jahr hat Deutschland seinen großen poli- gehen mag, doch wir. tischen Standal. Wir haben den Eulenburg- Skandal gehabt, den Kampf einer höfifchen korrupten Kamarilla gegen die verantwortlichen Kanzler. Wir haben die Stürme gegen das persönliche Regiment erlebt und den offenen Konflikt zwischen Die Kölnische Zeitung " gegen den Kronprinzen. Kanzler und Kaiser. Und jetzt proklamiert der Militarismus Die Köln . 3tg." schreibt über das Kronprinzentelegramm: seine Selbstherrlichkeit, erklärt sich unter dem Beifallssturm der Ob das wahr ist, wissen wir nicht; bemerkenswert ist aber, daß die Junter und Scharfmacher als über und außer Gesetz und Frankfurter Beitung" aus der Umgebung des Kronpringen zu Recht stehend und findet Bestätigung nicht nur bei hohen melden weiß, die Nachricht über die Absendung des Telegramms Staatsbeamten wie Jagow, sondern auch bei dem Thron- werde nicht dementiert werden. Trifft sie tatsächlich zu, so gilt von folger. dem Eingreifen des dem Throne am nächsten stehenden Dieners Verstehen endlich die bürgerlichen Parteien, daß die Stan- des Staates" um an ein Wort Friedrichs des Großen zu er dale kein Zufall, teine Ungeschicklichkeiten, keine Uebergriffe innern, das gleiche, was an der Haltung der Behörden zu rügen einzelner sind, sondern die notwendige Folge des Regierungs- list: ber Mangel an staatlicher Auffassung und an Rüdsicht auf das
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Das Verhängnis.
Eine
Und womit erklärte Oberst Reuter seinen staatsstreichlerischen Gewaltatt? Hatte in Zabern Aufruhr gedroht? War auch nur eine schwere Kränkung des Militärs ungeahndet geblieben? Ach nein: etliche junge Offiziere, die sich mißliebig gemacht, die die Zivilbevölkerung beleidigt hatten, waren verschiedentlich geneďt und gehänselt" worden, ohne daß ein Schußmann oder Gen= darm gleich die Plempe gegen die Schuldigen, Kinder oder Halbwüchsigen geschwungen hätten. Gegen Kinder und dumme Jungen erklärte der eisenfresserische Oberst den Krieg, gegen sie ließ er das Bajonett fällen und scharf laden, und wenn er dreißig er= wachsene Mannspersonen als Striegsgefangene im Panduren feller einlochen ließ, so geschah das auf den bloßen Verdurchführende Leutnant Schad selbst erflärte. Auf frischer Tat dacht hin", wie die rechte Hand des Obersten, der die Gyekution attrapierte man keinen, denn, so entrüstete sich der zwanzigjährige Leutnant Schad, die Bande war ja so feig", daß sie feinen Kriegsmann ins Gesicht hinein zu beschimpfen wagte. Auf den Verdacht hin" aber spundete man die Opfer in den Pandurenteller ein, bis sie schwarz wurden trok aller Reklamationen und Proteste der Zivilbehördent