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Nr. 27.

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für 1894 unter Mr. 6910.

Vorwärts

11. Jahrg.

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Bolksblatt.

Zentralorgan der sozialdemokratischen Partei Deutschlands .

Redaktion: SW. 19, Beuth- Straße 2.

Freitag, den 2. Februar 1894.

Expedition: SW. 19, Beuth- Straße 3.

Der Kampf um den Lebenslohn. kommen, mit erträglichem und mit erbärmlichem einen und Wiſſenſchaft bieten; fie müssen mehr Wuße erstreben,

um

widerstanden hat. Es haben Arbeiter mit gutem Ein-| weckt werden für die verfeinerten Lebensgenüsse, die ihnen Kunst Während des letzten großen Bergarbeiter- Streits in solchen Grenzkampf geführt. Aber es war das erste Mal, um Kunstgenüssen nachgehen und sich wissenschaftlich fort­England kam das Wort vom Lebenslohn" auf. Den daß der Kampf um den Lebenslohn zum Feldgeschrei in bilden, in der freien Natur, in Sonnenschein Lebenslohn, the living wage, nannten die englischen Berg- einer großen Voltsbewegung wurde. Je mehr sich aber und Waldesduft sich den Alltagsstaub von der Seele spülen arbeiter denjenigen Lohn, den sie für sich selbst erforderlich fortan die Arbeiterschaft zu einer klaren Erkenntniß ihrer zu können. So steht alles mit einander im Zusammen­halten zur Bestreitung einer erträglichen Lebenshaltung. Stellung im heutigen Wirthschaftsleben hindurch arbeitet, hang, was das Seelen- und Gemüthsleben der Arbeiter Und die Einsicht, daß der erreichte Lohu, unter den die um so schärfer werden sich alle künftigen Lohn- fördert und alles, was ihre materielle Lage bessert. Der Grubenbesiger sie herunterdrücken wollten, gerade hinreiche, kämpfe großen Maßstabes als Vertheidigungsstreits siegreiche Ausgang fünftiger Streits um einen höheren um ihnen und ihren Frauen und Kindern das gewohnte zur Behauptung einer gewohnheitsgemäßen Lebenshaltung Lebenslohu wird nicht nur dadurch vorbereitet, daß die spärliche Maß von Lebensgenüssen zu verschaffen, gab ihnen oder als Angriffsstreits zur Erringung einer höheren, den Arbeiter für Ernährung, Kleidung und Wohnung in aus­daß sie die Kraft zu dem entschlossenen Widerstande, der schließlich gesteigerten Bedürfnissen entsprechenden Lebenshaltung ausgiebigerer Weise sorgen, sondern auch dadurch, zum Sieg über die Ausbeutungsgier der Unternehmer führte. prägen. Eo lange die heutige Wirthschaftsordnung währt, geistige Genüsse zu einem integrirenden Bestandtheil ihrer Diese Seite des großen Lohnkampfes, daß gerade die An- natürlich; denn in einer sozialistischen Gesellschaft wird gewohnheitsmäßigen Lebenshaltung machen. Darin liegt, forderungen der Arbeiter an Lebensunterhalt und Lebens feine ausgebeutete Klasse der ausbeutenden die nothdürftigen um nur ein Beispiel zu nennen, die Bedeutung der Volks bühnen für das wirthschaftliche Leben und den Klassen­genuß dabei als ausschlaggebendes Moment wirken, verleiht Unterhaltsmittel abzutrogen haben. dem vorjährigen englischen Bergarbeiter- Streit eine besondere Bedeutung.

Eine genaue Beobachtung der Lohnkämpfe zeigt uns, tampf. Sie haben ein neues Element den Lebensbedürfnissen daß der entschlossene Widerstand bei den Arbeitern von tausenden von Arbeiterfamilien eingefügt, sie haben deren Denn was ist dieser Lebenslohn? Was ist das Maß beginnt, nicht wo das Existenzminimum erreicht ist, nicht Lebensansprüche höher geschraubt, sie haben die Widerstands­von Lebensgenüssen, denen er als Aequivalent dient? Er also wo die allergrößte Dürftigkeit besteht, sondern grenze nach oben gedrängt, an der der entschlossene Kampf um reichen auf den britischen Inseln alle Arbeiter eine gleiche dort, wo es eine bestimmte Lebenshaltung, mag sie mehr den Lebenslohn beginnt. Weit entfernt davon, daß die Ver­Löhnung zur Befriedigung ihrer Bedürfnisse? Die Frage auf- oder minder entwickelt sein, zu vertheidigen gilt. Die vielfältigung der Lebensgenüsse der Arbeitersache schadet, werfen, heißt sie beantworten. Welche Unterschiede zwischen der Widerstandskraft aber, die dem Willen zum Widerstand den nützt sie ihr vielmehr. Durch solche Lebensbereicherung Lebenshaltung der irischen oder selbst der englischen Land- Sieg verheißt, hängt wesentlich ab von der individuellen werden die Arbeiter nicht abgezogen von gemeinsamen arbeiter und der der gelernten Arbeiter in den großen eng- Bähigkeit der einzelnen Arbeiter und von der Stärke ihres Ge- Unternehmungen, nicht entmuthigt im Klassenfampf, nicht lischen Industriezentren! Es wäre unmöglich, einen ein- meinfinns. Obgleich noch viele andere Ursachen, die wie die eingeschläfert; der Feind der Arbeitersache ist vielmehr die heitlichen Lebenslohn festzustellen für alle Arbeiter Groß- Lage des Marktes, die Höhe der angesammelten Streifgelder in verdammte Bedürfnißlosigkeit", die sich einreden läßt, daß britanniens, die in ihrer Lebenshaltung so außerordentlich äußeren Verhältnissen begründet sind auf den Ausgang es eigentlich gar nicht so übel sei, wenn es einem recht verschieden sind. Andererseits läßt sich der Lebenslohn, bei eines Lohnkampfes einwirken. Niemals kann ja auch auf schlecht gehe hier auf Erden, da ja alle Leiden da oben dem die englischen Bergarbeiter beharrten, aber auch nicht dem Wege der partiellen Lohnkämpfe innerhalb der heutigen zehntausendfach durch Himmelsfreuden vergolten würden,- auffaffen als das Mindestmaß, was dort zu Lande zur Wirthschaftsordnung für die Arbeiter das Vollmaß dessen jene verdammte Bedürfnißlosigkeit, die sich bei den nothdürftigsten Fristung des Lebens erforderlich ist. Jener errungen werden, was sie als Aequivalent für ihre schlimmsten Entbehrungen tröstet mit dem heuchlerischen Lebenslohn ist das Einkommen, das sie selbst zur Beschaffung Leistungen zu beanspruchen haben. Aber gerade weil der Philistersprichwort: Salz und Brot macht Wangen roth! der ihnen zum Lebensbedürfniß gewordenen Unterhalts- und Mehrwerth, den die Unternehmer- und Kapitalistentlasse Wo sich deshalb der Arbeiterklasse neue Lebensgenüsse Genußmittel gebrauchen. Sicher giebt es Arbeiterkategorien aus dem Produktionsprozesse für sich auf die Seite bringt, erschließen lassen, darf die Gelegenheit zur Erweiterung ihres Die Arbeiter in England, deren Lebenshaltung unter dieses Maß herunter den den Unternehmern als Arbeitslohn zukommenden Be- Bedürfnißkreises nicht unbenützt bleiben. gedrückt wurde, und andere, die eine höhere Lebenshaltung trag weit übersteigt und mehr als ausreichend ist zur Be- werden schon dafür sorgen, daß ihre Lebenshaltung gleichen gewohnheitsmäßig erreicht haben und zu deren Befriedigung streitung ihrer eigenen gewohnheitsmäßen Lebensbedürfnisse, Schritt hält mit ihren Lebensbedürfnissen und mit der daher auch einen höheren Lebenslohu bedürfen. Der Lebens- könnten die Arbeiter noch einen erheblich höheren Antheil Lebenshaltung auch der Lebenslohn. John einer Arbeiterkategorie wird stets bedingt durch das am Produktionsgewinn an sich ziehen, ehe sie die Unter­Maß ihrer eigenen gewohnheitsgemäßen Bedürfnisse. Je nehmer und Kapitalisten bis zu der Grenze zurückgedrängt

mehr sich die Bedürfnisse einer Arbeiterkategorie ver- haben würden, an der dieſe ſelbſt ihren eigenen Lebenslohu Politische Leberlicht.

Wille

zweigen und verfeinern, desto höher steigt auch der zu vertheidigen hätten. Da nun ferner die Kraft und von ihnen beanspruchte Lebenslohn, und um so schärfer der der Arbeiter zum Widerstand gegen werden sie es empfinden, wenn ihre thatsächliche Löhuu..g etwaige Vorstöße der Unternehmer unmittelbar bedingt wird hinter dem Lebenslohn zurückbleibt. Sie werden in ihren durch das Bewußtsein, daß es den Lebenslohu zu erhalten unbefriedigten Bedürfnissen stets den Sporn fühlen zur oder zu erringen gilt, und da der Lebenslohn das materielle Geltendmachung höherer Lohnansprüche; und je mannig Aequivalent ist für die empfundenen Lebensbedürfnisse, ist faltiger ihre Bedürfnisse sind, um so hartnäckigeren Wider- es von der größten Wichtigkeit für die Fortführung des stand werden sie leisten, sobald der Versuch gemacht wird, Klassenkampfes der Arbeiter, daß ihre Lebensbedürfnisse ihre Löhnung unter den zur Befriedigung jener Bedürfnisse stetig gesteigert werden. erforderlichen Lebenslohn herunterzudrücken. Nun ist es sicherlich nicht das erste Mal gewesen, daß eine Arbeiterschaft einem derartigen Versuche der Unternehmer

Feuilleton.

Nachdruck verboten.]

Helene.

( Alle Rechte vorbehalten. [ 32

Roman in zwei Bänden von Minna Kautsky . Es thut mir leid, daß Du mich dazu nöthigst, aber da Du wieder einmal wie gewöhnlich jede Rücksicht für mich bei Seite setzest, so muß ich es Dir mit deutlichen Worten sagen: ich werde niemals einen Sträfling in meinem Hause empfangen."

Einen Sträfling!" Empört fuhr sie empor, in ihrem fich aufbäumenden Rechtsgefühl. Einen Sträfling nennst Du den Mann, der für seine Ueberzeugungen gekämpft und gelitten hat, der sich nicht gefürchtet hat, für die Unterdrückten das Wort zu führen und offen und ehrlich die Wahrheit zu sagen, aber dann-"

Wilde rebellische Worte wollten sich über die bebenden Lippen drängen, aber sie erblaßte vor dem Blick, der sie traf, und die Furcht vor dem Mann, die Scheu vor dem Herrn ließen sie jäh verstummen.

D bitte, nur weiter," rief er und suchte in seine Stimme einen vernichtenden Hohn zu legen, ich be­komme da schöne Dinge zu hören, ein Weib, das für den Fremden Partei ergreift gegen den eigenen Mann, das den Abgestraften gegen den Juristen vertheidigt es ist eine Vermessenheit, deren nur die Unzurechnungs fähigkeit eines Weibes fähig ist. Ich muß wissen was Recht ist, nicht Du, Du verstehst von diesen Dingen nichts, Du fannst nichts davon verstehen."

Mit starken Schritten, im Vollgefühl seiner Ueber­legenheit, ging er in der Stube auf und nieder.

Tie Lebensbedürfnisse lassen sich nun nicht blos steigern dadurch, daß die Arbeiter sich gewöhnen an bessere Nahrung, bessere Kleidung, bessere Wohnung; es muß auch ihr Sinn ge­

Berlin, den 1. Februar. Aus dem Reichstag . Der heutige Schwerinstag wurde wider Erwarten mit den Verhandlungen über die Regierungsvorlage betr. die Abänderung des Unterstüßungs­wohnsitz- Gesetzes ausgefüllt. Eingeleitet wurde die Dis­fussion mit allgemeinen Erörterungen über den Werth der freien Armenpflege" in den Reichslanden.

Die Kommission hat eine Resolution in Vorschlag ge­bracht, nach welcher das Reichsgesetz über den Unterstützungs­wohnsiz baldmöglichst auch auf Elsaß- Lothringen ausgedehnt werden sollte.

Er hatte sehr wohl bemerkt, daß zwischen den Gatten wieder etwas vorgefallen sei, aber diese sich mehrenden Zer­würfnisse setzten ihn in die beste Laune.

Sie war an den Tisch getreten, ihre zitternden Finger berührten bald den einen, bald den anderen Gegenstand, ohne zu wissen, was sie unter den Händen hielt. Ihre Sinne sind verworren, fein klares Gefühl, Er käme als Abgesandter der Gesellschaft, berichtete er, fein klarer Gedanke ist in ihr, sie weiß nicht, was sie die vor Ungeduld über das verspätete Ausbleiben des Ehe soll und was sie darf, sie hat ein Gefühl von Schuld, das paars schier vergehe. übertäubt wird von dem zornigen Weh, denjenigen ohne Großmuth und Güte zu finden, der ihr Herr ist, dem fie gehorchen muß.

"

Aber ich weiß ja, woher Dir das kommt," sagt er, und tritt vor sie hin, und nachdrücklich und drohend fügt er hinzu:" Dein Vater mag sich in Acht nehmen."

Ta hebt sie den Kopf, sie wagt es, ihn anzusehen und aus all den wirren sich durchkreuzenden Gefühlen schießt das feindseligste, wie aus der Tiefe empor: " Und wenn ich dächte, wie mein Vater, wenn ich seine Ueberzeugungen theilte und nicht die Deinen?" Die Zornesader auf seiner Stirn schwoll noch merk licher au:

So lange Du unter meinem Dache schläfft, so lange Du mein Brot ißt, wirst Du glauben was ich glaube und denken wie ich denke."

So lange- ja-" hauchte sie. Betroffen sah er sie an, dann brach er in ein lautes höhnisches Lachen aus, das ihre ganze Nichtigkeit ihr klar inachen sollte.

Du bist absurd," sagte er und wieder begann er im Zimmer auf und ab zu gehen.

Da klopfte es abermals.

Baron Morre wurde genieldet, und ehe Erich Zeit hatte, einen Beschluß zu fassen, war er auch schon in der Thür.

Hartmann lud ihn ein, auf sein Zimmer zu kommen. Morre aber wußte das Feld zu behaupten.

"

Helene bat, sie zu entschuldigen, sie sei nicht wohl. Sie hat wieder ihre Migräne," versicherte Hart manu, für die Blässe dieses jungen Gesichtes eine Er­flärung gebend, und ich wollte meine arme Frau nicht allein lassen."

" D, wir lassen sie auch nicht allein," versicherte Morre, voll respektvoller Zärtlichkeit sich ihr entgegen neigend.

" Lassen Sie sich erbitten, gnädige Frau, glauben Sie mir, etwas Bewegung in frischer Luft, etwas Zer­Eine Stunde Lawn streuung wird Ihnen gut thun. tennis wird die entzückendste Frische auf ihre Wangen zaubern." Sieh nur das hübsche Müßchen, das sie sich dafür gemacht hat." Hartmann nahm es vom Tisch und zeigte es vor. Morre faßte es mit einer Zärtlichkeit an, als wenn er etwas Lebendiges berührte: Wie reizend."

" Ich habe es ihr vorhin anprobirt, fie sieht wie ein flotter Junge darin aus," lächelte Erich. Er war hinter ihren Stuhl getreten und neigte sich über sie.

"

Du gehst, nicht wahr?" bat er schmeichelnd. Ich wünsche es sehr," fügte er leiser hinzu. Sie nickte.

" Ja? Das ist hübsch von Dir." Er nahm sie unter dem Kinn, und ihren bloßen Kopf etwas nach rückwärts beugend, küßte er sie auf die Stirn.

Regungslos nahm sie den Kuß entgegen; ihr war, als wenn seine Lippen sie in diesem Augenblick zum letzten Mal