5.3 Allianzen und gemeinsame Organisierung von BIPoC und weißen Menschen in Ost und West, vor und nach der Wende Angeleitet von Gudrun Ehlert und Halil Can In diesem Begegnungsraum kamen ehemalige und gegenwärtig Aktive und Aktivist_innen sowie verschiedene Generationen aus Ost- und Westdeutschland zusammen, um sich über Solidarität, gemeinsame Kämpfe und Allianzen zwischen BIPoC und weißen Menschen vor und nach der Wende auszutauschen, voneinander zu hören und zu lernen. Dieser Austausch wurde durch die folgenden drei Schwerpunkte strukturiert: Zunächst ging es um den Ist-Zustand. Wie ist Mensch zur Zeit organisiert? Wo ist Mensch verortet? Wo bestehen Allianzen und worin bestehen die Herausforderungen und Barrieren für ihre Bildung? Anschließend wurde der Ideal-Zustand thematisiert. Was wünscht sich der Mensch und welche Allianzen und Selbstorganisationsformen strebt er an? Der dritte Schwerpunkt lag auf der Praxis: Wie kann der Mensch Zukunkftsvisionen, die aus der kritischen Reflexion mit dem Ist-Zustand heraus generiert werden, in der Praxis umsetzen und was braucht der Mensch für die praktische Umsetzung? Demnach ging es im ersten Teil des Workshops um biographische Erzählungen und einen Erfahrungsaustausch. Die Teilnehmenden des Workshops kamen aus der sozialen Praxis und waren als Student_innen oder Forscher_innen an Universitäten und Hochschulen angebunden. Aufgrund unterschiedlicher gesellschaftlicher Positionialitäten brachten sie jedoch, je nach dem, ob sie zur Mehrheitsgesellschaft oder zur Minderheitengesellschaft gehören, unterschiedliche Ressourcen und Erfahrungen mit. Demnach gab es Ambivalenzen in den Positionen. Der Raum, der geschaffen werden sollte, basierte auf der Idee, dass sich die Teilnehmenden mit ihren vielfältigen und unterschiedlichen Erfahrungen, Biografien und Positionalitäten vorstellen, ihre Unterschiede artikulieren und in einen kreativen Austausch kommen. Zentrales Anliegen war dabei das gemeinsame Erarbeiten der Frage, inwieweit aus diesen Differenzen und differenten Positionalitäten heraus Perspektiven für Allianzen, Selbstorganisationen im Sinne einer anderen Gesellschaft bereits bestehen und darüber hinaus visioniert und entwickelt werden können. 110 5. Parallelworkshops Im zweiten Teil des Workshops wurden folgende wünschenswerte Perspektiven und Visionen für Allianzen geteilt: - Idealerweise wäre in einer Allianz, einen sicheren Raum zu schaffen und zu wissen, dass es ein Bewusstsein für Rassismus[...] gibt - Der Grund dafür war, dass sich viele Menschen, die sich rassistisch äußern oder rassistisch handeln, der Konsequenzen und der Bedeutung ihres Handelns und ihren Aussagen nicht so wirklich bewusst sind und dass der Kernpunkt dessen, wie man das vielleicht überwinden könnte, eine kritische Selbstreflexion ist. [...] aber dass man auch Reflexion bei anderen Gruppen anregen kann und sich vielleicht auch dadurch viel verändern kann. - Ich möchte gar nicht mit jedem eine Allianz haben. Sondern mir geht’s um diese progressiven Minderheiten – also das ist kein Wort von mir – progressive Minderheiten, die tatsächlich Allianzen bilden sollten. Das wäre so ein idealer Zustand, den ich finden kann und der formuliert Ausschluss, über den ich mir bewusst sein muss.[...] Ja und dann haben wir noch den Idealzustand, dass in den entscheidenden Gremien und Institutionen die Diversität der Gesellschaft abgebildet sein muss, wenn überhaupt diverse Gesellschaft wahrgenommen werden soll und auch ausgestattet werden soll, eben mit Geld, z.B. um Gruppen und gesellschaftliche Arbeit leisten zu können. Weil das sonst immer Selbstausbeutung ist, die irgendwann in eine Verzweiflung führen kann oder auch in Aufgabe, in Weggehen, Ausweichen. Dabei wurde die „Paradoxie der Allianz“ festgehalten. Der Begriff der Allianz bedeutete, dass Menschen zusammenkommen und in Verbindung treten wollen, um sich auszutauschen und gegenseitig zu unterstützen. Das Paradoxe dabei sei – und das sei auch eine andere Feststellung –, dass Allianzen getrennte bzw. geschützte Räume brauchen, um überhaupt Allianzen realisieren zu können. Um Reflexionsund Dialogräume diverser Identitäten und Positionalitäten schaffen zu können und um sich gegenseitig zu stärken, sei es wichtig, vorher kleinere, getrennte und geschützte Räume für BIPoC vorauszusetzen, bevor sie in Allianzen mit größeren politischen Dimensionen treten. Dabei wurde auch die Notwendigkeit und Zentralität von Powersharing innerhalb von Allianzen diskutiert. Gerade bei Allianzbildungen sei es sehr wichtig, dass Menschen, die in einer machtstarken Position sind, diese Macht dafür nutzen, um machtschwache, in diesem Sinne z.B. BIPoC, zu stärken. Dazu zähle, dass BIPoC in der Schaffung eigener Empowerment-Räume unterstützt werden, sodass sie sich selbst empowern und dadurch machtungleiche Verhältnisse in den sozialen Positionierungen ausbalancieren können. 111
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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