kollektive Erfahrungen in diese Singularität hineinzupressen. Intersektionale Erinnerungen an die Wendezeit erzählen von Orten, die bisher Leerstellen geblieben sind, und kommen damit zu einer komplexeren und anderen Einschätzung und Bewertung der historischen Abläufe. Die„friedliche Revolution“ z.B. funktioniert damit nicht mehr als kollektives Erinnerungsnarrativ, sondern als ein temporär eingefrorener Bewegungsmoment(der seine Bedeutung und Wichtigkeit hat). Darüber hinaus kommen Erfahrungen, die durch dieses hegemoniale Narrativ überlagert und marginalisiert werden, zum Tragen und ermöglichen eine inklusive kollektive Erfahrung. Eine intersektionale Erinnerung ist daher auch immer machtkritisch und natürlich für unsere Arbeit immer im feministischen Wissen tief verankert. Eine intersektionale Erinnerung speist sich aus transnationalen Archiven, die nicht singulär danach fragen, was am 9. November in Berlin stattgefunden hat. Sie arbeitet mit und verfügt über transnationale Gedächtnisse und hinterfragt natürlich damit auch immer wieder Deutungsperspektiven. Im dritten Teil dieser Arbeit möchte ich das nun am Beispiel der Schwarzen feministischen Bewegung kurz konkretisieren. Wir blicken im Jahr 2021 auf eine ca. 35-jährige Geschichte der Schwarzen feministischen Bewegung in Deutschland zurück. Nun könnten Sie mich sofort herausfordern und fragen, wie wir eine kollektive Erinnerung denn dann formal zeitlich so bemessen und eingrenzen können. Wir bemessen die Bewegung allerdings nicht an singulären Ereignissen oder daran, dass Menschen zentral gesetzt wurden, die wir nun zeitlich einordnen können. Vielmehr gehen wir davon aus, wie und wann Erfahrungsgeschichte sprechbar gemacht und damit für andere Menschen zugänglich werden könnte. Für die Schwarze feministische Bewegung können wir das am Erscheinen und am Wirken des Buches„Farbe bekennen“ festmachen, in dem Schwarze Frauen zum ersten Mal in der deutschen Nachkriegsgeschichte ihre geteilte Erfahrung hörbar machten, eine Sprache für ihre Selbstbezeichnung fanden und ihre Erfahrungen aufgeschrieben haben. In den 1980er Jahren beginnt damit bereits eine Erinnerungsarbeit dieser Schwarzen feministischen Bewegung, zu der ich dann später nach dem Mauerfall auch dazu kommen konnte. Ich habe selber erlebt, wie unglaublich wichtig es ist, diese Erfahrungen zu hören, diese Geschichten zu hören, auch von den Frauen aus diesen frühen Jahren. Sie haben sich transnational mit Schwarzen Frauen- und Lesbenkollektiven in den Niederlanden, in den USA und in Großbritannien verbunden. Das war für mich aus der Thüringer Kleinstadt ein Aha-Erlebnis. Es hat sich mir sofort erschlossen, dass wir nicht in ein nationales Narrativ hinein tappen können und wollen. So hat diese feministische Bewegung Räume geschaffen, die für Andere Neues ermöglichten und für sie hörbar, sichtbar und erreichbar waren. Und das ist, so glaube ich, ein ganz wichtiger Punkt; was wir selber auch in BIPoC Geschichten, in BIPoC Erinnerungen manchmal nicht würdigen und ernst nehmen, weil wir in die Geschichtsbücher blicken, weil wir selbst auch viel zu häufig in das singulär geeichte Erinnerungsverständnis schauen und fragen: Wo sind wir denn? 118 6. Erinnerungsräume von Bewegungsgeschichten... Wo findet man uns denn? Aber nun ja, wir sind da, wir sind in diesen Bewegungen und die haben uns schon immer auch ihre narrativen Angebote gemacht. Auch deshalb ist dies für mich eine gelebte intersektionale Erinnerungsarbeit, die dann auch geteilte Erfahrungen und Unterschiede in unseren Rassismuserfahrungen sagbar machen konnte. Ich hoffe, dass ich damit verdeutlichen konnte, dass und wie sich eine intersektionale Erinnerung(-sarbeit) der Reproduktion normativer Logiken(Raum, Zeit, Quellen) widersetzt und davon ausgeht, dass Erinnerung nicht linear ist und keiner hegemonialen Deutungshoheit unterliegen darf. Eine intersektionale Erinnerung(-sarbeit) ist demnach nicht nur„ein Strang“ in möglichen Erinnerungsgestaltungen, sondern baut von Beginn an auf kollektiven Erinnerungen auf. Katja Kinder: 6.2 Intersektional rassismuskritische Perspektiven auf Transformationsprozesse Für meinen heutigen Beitrag sind mir drei Fokussierungen wichtig, die meiner Meinung nach dazu beitragen, die Qualität von Transformationsprozessen zu vertiefen und zu fundieren. Ich beginne mit der Notwendigkeit von Reflexion in unseren Communitys, woraus eine positionierte Haltung wächst, die wiederum wesentlich dafür ist, Transfomationsprozesse nachhaltig in Bewegung zu bringen und zu halten. Ich bin eine der Mitbegründer_innen von ADEFRA, einem Schwarzen queer-feministischen Kollektiv, das sich in Westdeutschland der 1980er Jahre gegründet hat. Es ging uns von Anfang an darum, unsere Räume dahingehend zu stärken, dass wir besser atmen können. Was wir dringend brauchten – und bis zum heutigen Tage brauchen, sind sichere und unterstützende Orte der Reflexion. Reflexion verstehe ich als eine Möglichkeit, Herrschaftslogiken zu analysieren. Entscheidend ist hierbei, die eigene Verstrickung in Herrschaft als rassismuserfahrene Person zu verstehen. Mich interessiert dabei, inwiefern wir durch unsere alltäglichen Routinen dazu beitragen, Herrschaftslogiken zu erhalten und zu stabilisieren. Diese Auseinandersetzung ist wichtig, um unsere Sicht auf uns und auf die Welt zu stärken. Damit stärken wir kollektive Auseinandersetzungen. Das heißt, es muss eine Balance zwischen der Analyse des Externen und der Konzentration auf das eigene Tun gefunden werden. Die Reflexion über unsere eigenen Verstrickungen bringt uns in Bewegung und damit kommen unsere verinnerlichten Logiken in Bewegung. 119
Druckschrift
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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