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Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
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verinnerlicht haben, herauszufordern. Der radikale Reformansatz spricht direkt die symbolische Ebene an, die wir zu verändern streben, damit unsere verinnerlichten Wahrnehmungen nicht mehr mit denäußeren Logiken korrespondieren. Nach meinem Verständnis deutet dieser Ansatz darauf hin, dass wir kolonialrassis­tisches Wissen in uns tragen. Dieses toxische Wissen korrespondiert mit den ge­sellschaftlichen Bedingungen etwa von Bildung, unserem Demokratieverständnis, unserem Blick auf West- und Ostverhältnisse und Realitäten, was für uns Ressour­ce und Qualität ist. Das verstehe ich unter der Idee der Transformation. Dafür gilt es, den Blick nicht mehr nach Außen zu richten, etwa auf Gruppen, die über mehr monetäre Ressour­cen verfügen, sondern auf unsere Communitys, in die seit Ewigkeiten die stärkste Ressource eingebettet ist, nämlich Resilienz. Anders gesagt, bedeutet es, meinen Blick immer wieder neu auszurichten, mich nicht mit Gruppen zu verbinden, die an weißen Maßstäben gemessen über mehr Privilegien verfügen, sondern mit Grup­pen, die genauso marginalisiert sind, genauso widerständig sind, genauso resilient geworden sind und dadurch ein alternatives transformatives Wissen tradiert haben wie die eigene Gruppe. In diesem Sinne war für mich das Zusammentreffen von IniRomnja und ADEFRA einer der empowernsten Momente in meiner Bewe­gungsgeschichte. Mit Blick auf West-und Ostverhältnisse gibt es widerständige Geschichten und Zusammenschlüsse in beiden Kontexten, die mehr ins Gespräch kommen müssen. Dazu ist diese Tagung eine konkrete Gelegenheit. Welchen Lo­giken in der Erzählung von West-und Ostverhältnissen müssen wir als rassismus­erfahrene Kollektive widerstehen, welche müssen wir in Bewegung bringen, und welche reflexive Selbstarbeit und Community-interne Arbeit impliziert das? 122 6. Erinnerungsräume ­von Bewegungsgeschichten... Jane Weiß: 6.3 Geschichte(n) bewahren und öffentlich machen das RomaniPhen Archiv in Berlin Die Romni ist von Geburt aus emanzipiert! Immer schon gewesen, da hats diesen Satz überhaupt noch nicht gegeben! Die Romni ist immer die treibende Kraft[]. (Ceija Stojka in JEKH CHIB 1995, 10) 1 Die Mehrheit der Berichte in den Medien, das alltagsrassistische Wissen der Dominanzgesellschaft und sogar die Wissenschaft zeich­nen ein Bild von Rom_nja und Sinti_ze, 2 das inhaltlich stereoty­pisiert und homogenisiert ist. Be­sonders Romnja und Sintize, die weiblich positionierten Menschen aus den Communitys, werden vorrangig zum einen als Opfer von Gewalt und Menschenhandel, zum anderen als kriminell und außer­1 Karola Fings und Elizabeta Jonuz,Ich atme es ein und aus. Ein Interview mit Ceija Stojka., in Jekh Chib: Mit einer Zunge reden. Materialien zur Situation der Roma in der BRD,(Köln: Rom e.V., 1997), 4. Ceija Stojka wurde als jüngste Tochter von sieben Geschwistern in eine österreichische Romafamilie ge­boren. Von den etwa 200 Familienmitgliedern überlebten nur Ceija, vier Schwestern und ihre Mutter das KZ Dachau, Ravensbrück, Bergen-Belsen und Auschwitz-Birkenau. Als 50-Jährige österreichische Romni trat sie als Autorin und Malerin an die Öffentlichkeit. 1988 schrieb sie ihr erstes Buch ‚Wir leben im Verbor­genen und machte als eine der ersten Frauen auf die Ermordung der Roma in den Konzentrations- und Vernichtungslagern aufmerksam. 1992 folgten mitReisende auf dieser Welt ihre Erinnerungen an die Zeit im Nachkriegsösterreich. 1989 malte sie ihre ersten Bilder. Als Überlebende nahm sie es zeitlebens auf sich, der Holocaust-Opfer zu erinnern. Mit ihren Schriften und ihrer Kunst übernahm sie die wichtige Aufgabe einer mahnenden Überlieferung der bis heute nicht im kollektiven Bewusstsein der Dominanzgesellschaft verankerten Realität, dass auch die Roma Opfer des Holocaust waren.(Elizabeta Jonuz und Jane Weiß, (Un-)Sichtbare Erfolge. Bildungswege von Romnja und Sintize in Deutschland,(Wiesbaden: Springer VS, 2020).(8). 2 Roma bzw. Sinti ist das generische Maskulinum. Die gegenderte Schreibweise lautet: Rom_nja bzw. Sinti_ ze. Weiblich positionierte Menschen werden als Romni(Singular), Romnja(Plural), Sintiza(Singular), Sintize (Plural) bezeichnet. Zu finden sind auch folgende Schreibweisen: Sintizza und Sintizze. 123