Druckschrift 
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

halb der gesellschaftlichen Ordnung stehend dargestellt. Die ihnen zugeschriebe­ne Opferrolle basiert zudem auf der Annahme, Romnja und Sintize seien vorrangig Opfer ihrer eigenen Familien und Gruppen und deren praktizierten Kultur. Unbestreitbar gibt es Mädchen und Frauen aus Rom_nja- oder Sinti_ze-Com­munitys, die Opfer von Gewalt sind, und unbestreitbar sind auch diese von den herrschenden patriarchalen Strukturen betroffen. Diese Strukturen sind jedoch solche, die uns alle betreffen, unabhängig von unserer Herkunft. Sie losgelöst von gesellschaftlichen Zuständen und in einer als homogen konstruierten Gruppe zu verorten, ist ein absurdes dominanzgesellschaftliches Deutungsmuster. Genau dies passiert jedoch, wenn es um Rom_nja und Sinti_ze geht. Die Grundannahme der permanenten Opferschaft wird zudem vermeintlich wis­senschaftlich fundiert und politisch kolportiert, zum Beispiel durch die Studien, die im Kontext der Europäischen Union seit der Jahrtausendwende vermehrt zur Situation von Mädchen und Frauen vor allem aus Rom_nja, aber auch aus Sin­ti_ze-Communitys, erschienen sind. 3 Diese Studien haben eigentlich den Zweck, Diskriminierungs- bzw. Gleichstellungsdaten herauszuarbeiten. Die Mehrheit die­ser Studien hat aber den gegenteiligen Effekt: sie homogenisieren und ethnisieren. Dabei werden selbst wissenschaftliche Standards vernachlässigt, um eine Passung zwischen den Ergebnissen und dem dominanten Bild über Romnja und Sintize her­zustellen. Der folgende Textausschnitt aus einer dieser Studien illustriert dieses Vorgehen sehr anschaulich: Romafrauen müssen sowohl im Kontext ihrer Geschlechterrolle, wie auch als Mitglied ihrer Gesellschaft verstanden werden. Gemäß den traditionellen Struk­turen der Roma Familien, geschieht die Geburt des ersten Kindes bei Romafrau­en zu einem früheren Alter als bei deutschen Frauen. Roma Mütter haben häufig mehr Kinder, als die deutsche Mutter. 4 Besonders drastisch wird hier deutlich, dass Romnja außerhalb der Gesellschaft positioniert werden. Für sie scheint es offensichtlich nur ihre partikulare Gesell­schaft zu geben. Zudem werden sie in Kontrast zur deutschen Gesellschaft gesetzt, womit eine klare Trennung von Romnja- und Deutsch-Sein vorgenommen wird. Die dadurch konstruierten dichotomen Welten und abgegrenzten Entitäten negieren eine selbstverständliche Zugehörigkeit von Romnja zur(deutschen) Gesellschaft. 3 Siehe hierzu die Analyse von insgesamt 15 Studien zur Situation von Sinti_zze und Rom_nja aus den Jah­ren 2005 bis 2016 aus dem Apparat der Europäischen Union in.,(Un-)Sichtbare Erfolge, 35–46. Die folgenden Ausführungen basieren auf diesen Ausführungen. 4 Europäisches Parlament, Aspekte der ökonomischen Situation von Romafrauen,(Brüssel: Europäisches Parlament, 2005), 24. 124 6. Erinnerungsräume ­von Bewegungsgeschichten... Zudem weist die Wortwahl in diesem Textausschnitt eine starke Parallele zur nationalsozialistischen Sprache auf. Ebenso bemerkenswert ist die starke Homo­genisierung(Romafrauen,ihre Gesellschaft,Roma Familien,Mütter) sowie der ethnisierende Erklärungsansatz für eine soziale Lage(gemäß den traditio­nellen Strukturen). Wie in den anderen untersuchten Studien der Europäischen Union, die im Zeitraum von 2005 2016 entstanden sind, gründet auch diese nicht auf verlässlichen wissenschaftlichen Aussagen, sondern auf Vermutungen und Be­hauptungen, die dann mutig generalisiert werden. Dies lässt sich anhand weiterer Textpassagen aus diesen Studien noch genauer untermauern. So finden sich u.a. Abschnitte, in denen erklärt wird:Die traditio­nelle Roma-Familie ist völlig patriarchal 5 und wir finden die folgende Behaup­tung:The Roma patriarchal family model affects Romani womens access to basic human rights and exposes them to all forms of violence. 6 Hier wird, so meine ich, die Absurdität, die ich eingangs erwähnte, noch einmal sehr deutlich. Gewalt wird allein mit den Strukturen innerhalb einer Gruppe er­klärt und völlig losgelöst von den gesamtgesellschaftlichen Verhältnissen betrach­tet. Eine weitere pauschalisierende Aussage, die sehr oft zu finden ist, lautet:Die meisten europäischen Romafrauen sind Analphabetinnen. 7 Dieses pauschal konstruierte Negativbild von Romnja und Sintize inklusive ent­sprechender Erklärungsansätze existiert jedoch nicht nur in den Ordnern und Akten der Europäischen Union und ihren einzelnen Länderregierungen, in denen sie in ihrer Bedeutungslosigkeit versinken. Sie sind zumeist im Internet frei zu­gänglich; und zwar über Seiten der Bundesregierung und der Europäischen Union. Sie haben damit politische, mediale und repräsentative Folgen. Die in der Öffent­lichkeit, Wissenschaft und Politik dominierende Sichtweise auf Romnja und Sintize kann folgendermaßen zusammengefasst werden: Sintize und Romnja werden 1. eindimensional als Opfer dargestellt und wahrgenommen, 2. in erster Linie als Opfer der eigenen Familie und Communitys und 3. als Opferihrer Kultur. Dieses kontaminiert weitergetragene Wissen über Romnja und Sintize bedingt, dass sie in den europäischen Gesellschaften nach wie vor wenig sichtbar bzw. nur in der dargelegten Art und Weise sichtbar werden. Romnja und Sintize kommen 5 Europäische Kommission, Ethnic Minority and Roma Women in Europe: A case for gender equality?,(Lu­xemburg: Publications Office of the European Union, 2008), 51–52. 6 Das patriarchalische Familienmodell der Roma beeinflusst den Zugang von Roma-Frauen zu grundle­genden Menschenrechten und setzt sie allen Formen von Gewalt aus.(Übersetzung J. W.)(Europäisches Parlament, Empowerment of Roma Women within the European Framework of National Roma Inclusion Strategies,(Brüssel: Europäisches Parlament, 2013), 23). 7 Europäisches Parlament. Aspekte der ökonomischen Situation von Romafrauen. Brüssel: Europäisches Parlament, 2005. 125