Print 
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
Place and Date of Creation
Turn right 90°Turn left 90°
  
  
  
  
  
 
Download single image
 

Dazu sagte Ha: Diese Lage war sehr gefährlich für uns. Viele von uns hatten Todesängste, in­klusive mir. Wir haben uns dann Strategien ausgedacht, wie wir uns schützen könnten, beispielsweise, dass wir immer in Gruppen unterwegs sind oder Seile in der Wohnung zu haben, so dass wir im Falle eines Angriffs aus der Wohnung klettern konnten. Basierend auf der Erkenntnis, dass sie auf sich selbst gestellt sind und sich nicht auf die Hilfe anderer verlassen können, haben sie im März 1992 den Deutsch-Viet­namesischen Freundschaftsverein Magdeburg gegründet. Dabei ging es vor allem um die gegenseitige Unterstützung bei alltäglichen Belangen und bürokratischen Hürden. Heute richtet sich die Arbeit des Vereins weiterhin hauptsächlich an die erste Generation, jedoch streben sie die Eingliederung der Stärke, Frische und Kompetenz der zweiten Generation an, um den Verein durch die Fähigkeiten und Kompetenzen der jüngeren Generation zu stärken und einen Austausch zwischen den Generationen zu initiieren: Ziel ist es, in den Dialog zwischen beiden Generationen zu gehen. Diesen Weg zueinander haben wir noch nicht gefunden. Im Anschluss an Ha sprach Adelino Massuvira João über denFortsetzungsaus­schuss der Magdeburger Tagung, 1 einer informellen Selbstorganisation, die sich im Anschluss an die internationale Tagung anlässlich des 40. Jahrestages der Ver­einbarungsunterzeichnung zwischen der DDR und Mosambik gegründet hat. João kam im Jahr 1980 im Rahmen dieses bilateralen Regierungsvertrages von 1979 in die DDR. Er betonte in seinem Vortrag, dass Rassismus kein Phänomen der Wende ist, sondern bereits vorher institutionell verankert war. Sein Beitrag reflektierte die Situation, in der sich 21.000 Mosambikaner_innen befanden: Im Rahmen der Re­gierungsvereinbarung wurde ihnen eine Berufsausbildung in der DDR versprochen. Ab 1986 gab es jedoch das Problem, dass die Eisenbahnstrecke aufgrund des Bür­gerkrieges in Mosambik nicht mehr passierbar war. Dadurch konnte die Steinkohle nicht mehr in den Hafen von Mosambik gebracht werden, um von dort aus in die DDR verschifft zu werden. Zur Kompensation der fehlenden Kohlelieferung sowie zum Abbau der Staatsschulden wurden Mosambikaner_innen in die DDR geschickt. Die offizielle Version lautete, dass sie lediglich zur Ausbildungsaufnahme in die DDR geschickt werden. Im Zuge dessen wurden anfänglich 25% ihres Nettogehal­tes einbezogen. Nach 1986 wurde der prozentuale Verlust sogar auf 60% des Net­1 Mehr Informationen zum Fortsetzungsausschuss der Magdeburger Tagung und dem Magdeburger Memo­randum 2019 hier: https://www.oekumenezentrum-ekm.de/attachment/97805e02a6bf11de99800bf9f2dbda­49da49/0d06803dacd74eb985db586bb8297025/memorandum-deutsch1.pdf 174 9. Migrant_innenselbstorganisationen und informelle Selbstorganisierung togehalts erhöht, sofern dieses mehr als 350 Deutsche Mark betrug. Gegenwärtig demonstrieren viele Rückkehrer_innen bereits seit mehreren Jahren wöchentlich in einem Park in Maputo, der Hauptstadt Mosambiks, für die Anerkennung ihrer Arbeit und Rechte. Massuvira João schließt dabei mit folgenden Forderungen ab: Wir möchten unsere Gelder restlos ausgezahlt bekommen. Außerdem fordern wir Respekt und Anerkennung von beiden Regierungen und auch von beiden Gesellschaften. Drittens erwarten wir eine Würdigung für die Arbeitsleistung, welche wir in der DDR erbracht haben. Wir waren hier so etwas wie Botschafter des Landes Mosambik. Im Vergleich zu seinen Vorredner_innen sprach Ayman Qasarwa, Teil der Geschäftsführung von DaMOst, von seinem Leben in Ostdeutschland ab den 1990er Jahren. Dabei erzählte er: Es gab zwar keine DDR mehr, aber das Leben war noch wie in der DDR. Ich kam zum Studieren nach Sachsen und habe die DDR auch nicht so richtig erlebt. Ich habe nur die Baseball-Zeiten miterlebt. Zu dieser Zeit durfte bzw. konnte man nicht allein rausgehen. Wir mussten immer in Gruppen zum Beispiel einkaufen gehen. Auch damals gab es schon die ersten Organisationen, auch wenn man diese juristisch anders betrachtet hat, waren diese Gruppierungen schon da. Anfang der 2000er haben sich Migrant_innen Gedanken gemacht, wie sie Struktu­ren zur Selbstorganisierung schaffen können. Dabei sei laut Qasarwa DaMOst als Dachverband besonders notwendig geworden, da sich die politische Lage schnell verändere und das momentan leider nicht zu Gunsten von Migrant_innen. Dabei liegt die Strategie auf der Bündelung von Kräften mit dem Ziel, die migrantischen Landesnetzwerke gegenüber der Bundesregierung zu stärken sowie migrantischen Stimmen aus Ostdeutschland auf dieser Ebene Geltung zu verschaffen. Qasar­wa schloss dabei mit einem Vergleich zu Westdeutschland ab. Dabei seien die Migrant_innenselbstorganisationen im Westen älter als die im Osten, wobei sie im Westen mehr community-intern und im Osten community-übergreifend aufgestellt seien. In dem anschließenden Gespräch wurde der Vergleich von Migrant_innen(selbst) organisationen in Ost- und Westdeutschland aufgegriffen. Dabei wurde an­gemerkt, dass viele Landesverbände, gerade sachsenweit, jünger sind als die Landesverbände in den westdeutschen Bundesländern und sich demnach in den Strukturen und Erfahrungen unterscheiden. Hachmann sprach von den struktu­rellen Besonderheiten von Migrant_innenselbstorganisationen in Ostdeutschland, die aufgrund der geringeren Besiedlungsdichte von Migrant_innen im Osten eher auf Interessensgemeinschaften basieren, die im Schnitt aus vier bis fünf verschie­175