Druckschrift 
Im Osten was Neues? : Perspektiven von Migrant_innen - Schwarzen Menschen - Communitys of Color auf 30 Jahre (Wieder-)Vereinigung und Transformationsprozesse in Ostdeutschland : 28.-30. Oktober 2020, Hochschule Mittweida, Tagungsdokumentation
Entstehung
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wie z.B. dass die Menschen aus Mosambik nur prozentual für ihre Arbeit bezahlt worden sind oder dass es heute viele vietnamesische Geschäfte gibt, weil Vietna­mes_innen von der Abschiebung bedroht waren und sich selbstständig machen mussten, um genug zu verdienen und so in Deutschland bleiben zu dürfen. Diesen Geschichten fehle es an öffentlicher Sensibilisierung. Wenn Nhi Le sagt, dass Men­schen den Osten nicht als Einwanderungsgesellschaft sehen, dann meint sie, dass Menschen den Osten als weiß, auch als weißer als den Westen, sehen. Dem würde sie auch zustimmen, aber das heiße nicht, dass es im Osten keine nicht-weißen migrantischen Perspektiven gebe. Auch die Begrifflichkeitpostmigrantisch und die Realität der postmigrantischen Gesellschaft waren Themen der Diskussion. Die gesellschaftlichen Aushandlungs­prozesse in Migrationsgesellschaften, die zu mehr Macht und Repräsentations­möglichkeiten führen können, beschrieb Isabel Herling als postmigrantisch. Auch bedeutepostmigrantisch, dass die Isolation von Communitys der Migrant_innen nicht mehr hingenommen, sondern aufgebrochen werde. In diesem Kontext kom­me es zur Allianzbildung, weil Ausschluss und Rassismus nicht mehr nur Mig­rant_innen betreffen, die rassifiziert werden, sondern auch die Angehörigen, die Beziehungen dieser Leute, die Freund_innenkreise und nahestehende Personen. Damit gebe es einen wachsenden Teil der Bevölkerung, der mit diesen Menschen verbunden und auch indirekt mitbetroffen ist. Kefa Hamidi spricht von Austausch­prozessen, die zu neuen Entwicklungen führen, und beschreibt dabei postmig­rantisch als eine Zustandsbeschreibung der Gesellschaft. Eine Veränderung sieht Hamidi in der kommunikativen Macht von Migrant_innen und BIPoC, die nach Erfahrungen der Marginalisierung kommunikative Macht durch die Schaffung von Teilöffenlichkeiten durch Organisationen und Kommunikationskanäle wie Soziale Medien gewonnen haben. Während der Diskussion wurde der Bedarf einer intergenerationalen digitalen Vernetzung in Ostdeutschland aufgegriffen und als wichtiger Impuls für zukünftige Projekte festgehalten. 194 11. Eine vor­läufige Schluss ­folgerung Asiye Kaya: Wissen ist situiert The right, the space, the voice to ,tell our own stories from our own perspecti­ves has been an important aspect of decolonizing knowledge. (Linda Tuhiwai Smith, 2019) Wissen ist situiert 1 , denn es beruht auf historisch, gesellschaftlich und politisch relevanten(Selbst)Erfahrungen, die unter anderem in Verbindung mit(Un)Gerech­tigkeiten und Diskriminierungen stehen. Methodologische Perspektiven können und sollen dazu beitragen, die Forschenden zu befähigen, die Genese der daraus entstandenen intersektionalen Erkenntnisse/Wissensformen reflektierend heraus­zuarbeiten und in die Wissen(schaft)sproduktion einzubeziehen. Bagele Chilisa macht mit den Begrifflichkeitencaptive and colonized mind 2 in Anlehnung an die Arbeit von Syed Hussein Alatas in dieser Hinsicht auf die Forschungsparadig­men, die unkritisch Wissen konstruieren, kritisch aufmerksam. Chilisa hebt hervor, dass diese Forschungspradigmen die Dominanzverhältnisse und die Rolle von z.B. Kolonialisierung, Globalisierung und Imperialismus bei der Generierung von Wissen(schaft) nicht berücksichtigen. Dieser reflektierende Blick ist eine wichtige Voraussetzung für eine inklusive Wissenschaft, die mit den Transformationspro­zessen in einer Gesellschaft verflochten sind. Konkret bedeutet dies für unsere Forschung: Das ostdeutsche migrantische(Erfahrungs)Wissen in die Generierung 1 Siehe hierzu als Hauptwerke mit dem Fokus auf Feminismus Haraway, Donna.Situated Knowledges: The Science Question in Feminism and the Privilege of Partial Perspective in Feminist Studies, Vol. 14, No. 3(Autumn, 1988), 575-599. Feminist Studies, Inc. Mit dem Fokus auf Feminismus und Schwarzsein Hill Collins, Patricia.Die gesellschaftliche Konstruktion Schwarzen feministischen Denkens in(Hg.) Schwarzer Feminismus, herausgegeben von Gloria I. Joseph, 17-52. Orlando Verlag, 1989; Hill Collins, Patricia.Toward a Politics of Empowerment, in Black Feminist Thought: Knowledge, Consciousness and the Politics of Emp­owerment. New York: Routledge, 2000.Mit dem Fokus auf Sprechbarkeit eines Erfahrungswissens und zur Rolle der Forschenden Riegel, Christine; Kaya, Asiye.The Significance of the ethnic and national identity of female researchers in practice with young migrant women: experiences of allochthonous and autochtho­nous researchers, in: The role of the Researcher in Qualitative Psychology, herausgegeben von Mechthild Kiegelman, 149-158. Tübingen: Ingeborg Huber Verlag, 2002; sowie zur Dekolonialisierung indigenes Wissens Chilisa, Bagele. Indigenous Research Methodologies. London: Sage Publication, 2020. 2 Chilisa, Bagele. Indigenous Research Methodologies. London: Sage Publication, 2020, 195