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Ungleiche Demokratien: wer geht (nicht) wählen? : Die Entwicklung der Wahlbeteiligung im OSZE-Raum seit 1970
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Warum Wahlbeteiligung und Wahlbeteiligungsunterschiede wichtig sind 2 WARUM WAHLBETEILIGUNG UND WAHLBETEILIGUNGSUNTERSCHIEDE WICHTIG SIND Ungleiche Partizipation sei das ungelöste Problem der De­mokratie, stellte der Politikwissenschaftler Arend Lijphart (1997) schon Ende der 1990er-Jahre fest. Neben der norma­tiven Verpflichtung auf zumindest rechtliche Gleichheit be­inhaltet die Demokratie auch das Versprechen, dass alle ge­sellschaftlichen Gruppen mit ihren Anliegen gleichermaßen Gehör finden. Wenn jedoch Gründe, die außerhalb demo­kratischer Verfahren liegen, die(Nicht-)Teilnahme bestimm­ter sozialer Gruppen systematisch beeinflussen, droht das demokratische Gleichheitsversprechen verletzt zu werden. Dabei lassen sich verschiedene Gründe identifizieren, war­um eine ungleiche Wahlteilnahme problematisch ist. Erstens dient die Stimmabgabe bei Wahlen dazu, die Arbeit der amtierenden Regierung zu bewerten und auf Basis dieser Bewertung gegebenenfalls einen Regierungswech­sel herbeizuführen. Durch das Wählen wird somit grundle­gend kommuniziert, wie die Bevölkerung die Arbeit der ver­gangenen Regierung beurteilt und welche politische Rich­tung sie sich für die Zukunft wünscht. Nimmt nur ein Teil der Gesellschaft an dieser Abstimmung über die Zukunft teil, wird die Kommunikation zwischen Regierung und Regierten verzerrt(Verba 2003: 666). Dies ist insbesondere dann der Fall, wenn die Gruppe der Wähler_innen in ihren politischen Ansichten systematisch von der der Nichtwähler_innen ab­weicht. Die soziale Zusammensetzung der Gruppe der Nichtwähler_innen ist deshalb von großer Bedeutung, weil sie darüber Aufschluss gibt, ob die politischen Perspektiven bestimmter sozialer Gruppen systematisch weniger kommu­niziert werden. Damit einhergehend könnte das Wahlergebnis selbst davon beeinflusst werden, wer sich an der Wahl beteiligt. Inwie­weit die Höhe der Wahlbeteiligung das Wahlergebnis verän­dert, ist in der Politikwissenschaft umstritten(vgl. u. a. Rad­cliff 1994; Pacek/ Radcliff 1995; Fisher 2007; Rosema 2007; Kohler/ Rose 2010; Schäfer 2012). Doch auch hier gilt: Je stärker sich die Bürger_innen voneinander unterscheiden, desto höher ist die Wahrscheinlichkeit, dass es einerseits Präferenzunterschiede gibt und sich diese andererseits im Wahlverhalten niederschlagen. Bevölkerung sei es zur Stimmabgabe bei Wahlen oder auch zum parteipolitischen Engagement können persis­tente Beteiligungsunterschiede zu einer Negativspirale zwi­schen niedriger Beteiligung und ausbleibender Mobilisie­rung führen. Wenn die den Parteien zur Verfügung stehen­den Ressourcen zur Mobilisierung potenzieller Wähler_in­nen knapp sind, muss entschieden werden, wofür diese Mittel eingesetzt werden. Dabei kann es rational erschei­nen, sich auf Gruppen oder Wohngegenden zu konzentrie­ren, die eine höhere Wahlteilnahme aufweisen(Roßteut­scher/ Schäfer 2016; Hajnal/ Trounstine 2005). Zudem gibt es deutliche Hinweise, dass solche Rückkopp­lungseffekte auch in Bezug auf die beschlossenen Politikin­halte selbst bestehen. Wer nicht wählt(oder anderweitig die eigenen Interessen artikuliert), zählt möglicherweise weni­ger als die politisch Aktiven, wenn strittige Entscheidungen anstehen(Lijphart 1997: 3–4). Verschiedene Studien zeigen, dass eine niedrige Wahlbeteiligung tendenziell zulasten der Interessen der ärmeren Bevölkerungsgruppen gehen, wel­che(zunehmend) den größten Teil der Nichtwähler_innen ausmachen(Elsässer 2018; Elsässer et al. 2021). So fallen in Ländern mit höherer Wahlbeteiligung unter sonst gleichen Bedingungen nicht nur die Sozialausgaben(Hicks/ Swank 1992; Crepaz 1998) höher aus, sondern auch der Grad an Umverteilung(Mahler 2008), sodass die Einkommensun­gleichheit dort geringer ausgeprägt ist(Mueller/ Stratmann 2003; Anderson/ Beramendi 2008; Chong/ Olivera 2008; Mahler 2010). 1 Zu ähnlichen Befunden kommen Pontusson und Rueda(2010), die nachweisen, dass sich Mitte-links-Par­teien in Ländern mit hoher Wahlbeteiligung programma­tisch weiter links positionieren als in Ländern mit niedriger Wahlbeteiligung. Obwohl die Entscheidung, nicht zu partizi­pieren, auf den ersten Blick als private Entscheidung er­scheint, entfaltet die Summe dieser nicht zufällig verteilten Entscheidungen eine politische Wirkung. Vor diesem Hintergrund hat diese Studie zum Ziel, die Un­terschiede in der Wahlbeteiligung für möglichst viele Län­der aus dem OSZE-Raum ab den 1970er-Jahren zu untersu­chen. Dabei liegt der Fokus auf Unterschieden zwischen Neben einer verzerrten Kommunikation vonseiten der Be­völkerung kann es drittens zu Wechselwirkungen zwischen Wahlbeteiligungsunterschieden und dem Verhalten der Par­teien kommen. In Bezug auf die politische Mobilisierung der 1 Für die USA ist darüber hinaus belegt, dass Regionen und sozi­ale Gruppen mit geringer Wahlbeteiligung bei der Zuteilung staatli­cher Mittel benachteiligt werden(Hill/ Leighley 1992; Hill et al. 1995; Martin 2003; Hajnal 2010: Kap. 5). 3