Druckschrift 
Ungleiche Demokratien: wer geht (nicht) wählen? : Die Entwicklung der Wahlbeteiligung im OSZE-Raum seit 1970
Entstehung
Einzelbild herunterladen
 

FES DEMOCRACY OF THE FUTURE WER GEHT(NICHT) WÄHLEN? den über 60-Jährigen durchschnittlich höher als bei jüngeren Altersgruppen. Zweitens existieren in jeder Altersgruppe deutliche Beteiligungsunterschiede zwischen oberen und unteren Berufsgruppen. Und drittens sind diese unter den jüngeren Befragten besonders ausgeprägt. Insbesondere bei den unter 30-Jährigen zeichnet sich eine deutliche Partizipa­tionskluft zwischen oberen und mittleren Dienstklassen ei­nerseits sowie den Arbeiter_innen andererseits ab. Geht man davon aus wie es die Forschung zur Gewohnheits­komponente des Wahlverhaltens nahelegt(Plutzer 2002; Gerber et al. 2003; Fowler 2006), dass die Entscheidung zur Wahlteilnahme bzw. Nichtteilnahme durch Sozialisation im jüngeren Alter bedingt ist und sich im weiteren Lebens­verlauf nur graduell ändert, könnten die Wahlbeteiligungs­unterschiede in den nächsten Jahrzehnten weiter zunehmen. Betrachtet man anstelle der Berufsgruppen die von uns un­terschiedenen Bildungsgruppen(Abbildung 8), so zeigt sich ein ganz ähnliches Bild. Bei den unter 30-Jährigen sind die Beteiligungsunterschiede mit 20 Prozentpunkten besonders groß, während die Unterschiede bei den über 60-Jährigen nur elf Punkte betragen. Aber nicht alle Jungen bleiben der Wahlurne fern, sondern insbesondere diejenigen mit gerin­gerer Bildung(Roßteutscher/ Abendschön 2014; Schäfer et al. 2020). Im letzten Schritt der Analyse untersuchen wir Beteiligungs­unterschiede nach Alter und Bildung im Regionenvergleich. Wie oben dargestellt wurde, fällt die Wahlbeteiligung in Nordeuropa besonders hoch aus, während sie in den(süd-) osteuropäischen Ländern niedriger ist. Diesem Bild entspre­chend fallen die Beteiligungsunterschiede in den skandinavi­schen Ländern geringer aus als in anderen Regionen. Auch in Mitteleuropa(Belgien, Deutschland, den Niederlanden, Österreich und der Schweiz) sind die Unterschiede moderat, wohingegen sie in den südeuropäischen Ländern(Frank­reich, Griechenland, Italien, Portugal und Spanien) auf mitt­lerem Niveau liegen. Besonders große Unterschiede gera­de auch bei den Jüngeren weisen die(süd-)osteuropäi­schen(Bulgarien, Estland, Kroatien, Lettland, Litauen, Polen, Ungarn, Slowakei, Slowenien) sowie die angelsächsischen Länder(Großbritannien, Irland, Kanada und die USA) auf. In den östlichen EU-Mitgliedstaaten ist nicht nur der stärkste Rückgang der Wahlbeteiligung zu beobachten, sondern auch eine zunehmende soziale Ungleichheit bei der Wahl­teilnahme, die bei den unter 30-Jährigen besonders ausge­prägt ist. 16