14 1. Über den Verein 3 1.1. Der blinde Fleck in der Erziehungswissenschaft Es ist heute ein Gemeinplatz davon zu reden, dass wir uns in einem großen gesellschaftlichen Umbruch befinden. Im Kontext der Schlagworte der Globalisierung, der Pluralisierung der Lebenswelten und der Individualisierung von Lebenslagen wird zugleich ein verbreiteter Werteverlust beklagt – mit der Folge, dass vor allem junge Menschen nicht mehr bereit seien, auch noch gesellschaftliche Bindungen und Verpflichtungen auf sich zu nehmen, z.B. in der Form der Wahrnehmung von Ehrenämtern. 4 Um diese Defizite abzubauen, wird dann insbesondere an die Pädagogik appelliert, und die Pädagogik reagiert darauf in der Form der Familienund Schulpädagogik einerseits und der Sozialpädagogik andererseits, ohne sich bewusst zu sein, wie sehr schon diese Form der Reaktion das Problem widerspiegelt. Denn Familien- und Schulpädagogik auf der einen und Sozialpädagogik auf der anderen Seite stehen sich nicht gleichwertig und gleichgewichtig in Augenhöhe gegenüber: Familie und Schule als Institutionen kennt jeder, aber welche gleichwertige Institution verbindet sich mit der Sozialpädagogik? Dass dies recht eigentlich der Verein ist, wird systematisch ausgeblendet, ist ein blinder Fleck in der Erziehungswissenschaft und in der öffentlichen Diskussion. Diese Ausblendung spiegelt sich z.B. auch in Renate Schmidts Buch„SOS Familie“ wider, in dem das Wort Ehrenamt kaum, der Verein aber gar nicht vorkommt. 1.2. Systematische Rekonstruktion des Vereins Der französische Historiker und Politiker Alexis de Tocqueville ist der erste Gesellschaftstheoretiker gewesen, der dem Verein in demokratischen Gesellschaften eine zentrale Rolle zugemessen hat. Getrieben von der Sorge, dass gerade in einer Demokratie die Freiheit und Gleichheit~ääÉê Menschen durch interessegeleitete Mehrheitsentscheide außer Kraft ge3 Die folgenden Ausführungen zum Verein basieren auf Helmut Richter, Kommunalpädagogik. Studien zur interkulturellen Bildung, Frankfurt a.M. 2001, S. 205 ff. 4 Vgl. Antwort der Bundesregierung(s. Fußnote 2), S. 26.
Druckschrift
Solidarität im 21. Jahrhundert : die Familie - soziales Kapital einer menschenwürdigen Gesellschaft ; Dokumentation einer Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung am 6. Juni 2002 in Bonn
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