FES Analyse: China 9 Die Doktrin vom„Friedlichen Aufstieg“ und die Wiederentdeckung der Hierarchie Am Vortag der amerikanischen Präsidentenwahl veröffentlichte die halbamtliche China Daily(Ausgabe vom 2. November 2004) eine ungewöhnlich offenherzige Abrechnung mit der Außenpolitik der Bush-Regierung. Der als Verfasser des Beitrags zeichnende frühere Außenminister und Vizepremier Qian Qichen geißelte darin die Präemptions-Doktrin als maßgeschneidertes Instrument zur Beherrschung der Welt und warf Bush vor, mit dem völkerrechtswidrigen Krieg im Irak die Welt noch unsicherer gemacht und die globale Koalition gegen den Terrorismus zerstört zu haben. Kaum hatten die internationalen Agenturen die Kernaussagen verbreitet, distanzierte sich das Außenministerium von dem Inhalt und erklärte außerdem, weder habe Qian einen Beitrag für die Zeitung geschrieben noch sei er von ihr interviewt worden. Ebenso schnell war der Artikel dann von der Homepage des Blattes verschwunden. Die Episode liefert einen erhellenden Einblick in das außenpolitische Verhalten Pekings, insbesondere im Umgang mit den USA. Zweifellos hat der Artikel das zum Ausdruck gebracht, was die chinesische Führung denkt und beschäftigt. Aber schon die Bereitschaft, das öffentlich diskutieren zu lassen oder die Debatte gar anzustoßen, endet dort, wo die nüchterne Kosten-Nutzen-Rechnung Zurückhaltung geboten erscheinen lässt. Damit stellt sich auch die Frage, in wieweit die von Peking propagierten Vorstellungen von einer neuen Weltordnung für die chinesische Diplomatie bereits eine politisch operative oder nur eine virtuelle Größe sind. In der Außenwahrnehmung der chinesischen Außenpolitik haben sich, besonders ausgeprägt in der amerikanischen Diskussion, zwei extreme Positionen herausgebildet:„The China Threat“ und„China’s New Diplomacy“. Die Bedrohungs-These, die bis heute das Denken der Neokonservativen um Bush prägt, aber nie das Verhalten der amerikanischen Wirtschaft beeinflusste, kam Mitte der 90er Jahre auf und hat sich publizistisch in spektakulär düsteren Szenarien wie„The Coming Conflict with China“(1997) niedergeschlagen. Nach diesem deterministischen, von den historischen Erfahrungen mit zwei anderen Aufsteigern(Deutschland und Japan) inspirierten Ansatz ist es nur eine Frage der Zeit, bis die aufstrebende Wirtschaftsmacht China ihren angestammten Platz als„Reich der Mitte“ einfordern und versuchen würde, den status quo aus den Angeln zu heben. Den aktuellen Hintergrund für diese Befürchtungen lieferten damals nationalistische Aufwallungen(„China Can Say ,No’“), Chinas verstörende Proliferationsgeschäfte und(in Verbindung mit signifikant steigenden Rüstungsausgaben) das Säbelrasseln in den Taiwan-Krisen von 1995/96. Die Entdeckung von„ China’s New Diplomacy“ ist neueren Datums und stößt auch und gerade in Westeuropa auf nachhaltige Resonanz. In einer unter dieser Überschrift in Foreign Affairs(Ausgabe November/Dezember 2003) erschienenen Analyse heißt es zusammenfassend:„In recent years, China has begun to take a less confrontational, more sophisticated, more confident, and, at times, more constructive approach toward regional and global affairs. In contrast to a decade ago, the world’s most populous country largely works within the international system.“ Als bedeutsame Wendepunkte – die unvermindert aggressive Taiwan-Politik Pekings wird dabei etwas künstlich als„Sonderfall“ behandelt – sind nach dieser Einschätzung vor allem Chinas WTO-Beitritt, sein rasches Einschwenken nach dem 11. September 2001 auf die Seite der USA im Kampf gegen den internationalen Terrorismus und die aktive Vermittlerrolle im Nordkorea-Konflikt zu werten. Dass die tendenziell beobachtete Bekehrung zu einem kooperativmultilateralen Verhalten China im aktuellen Kontext so markant vom Unilateralismus der USA abhebt, macht das Bild um so eingängiger. Jenseits solcher kategorischen Etikettierungen legt die Entwicklung des außenpolitischen Verhaltens im postrevolutionären China drei Feststellungen nahe: • Seit Beginn der Reformpolitik weist die chinesische Diplomatie in den Grundlinien ein bemerkenswertes Maß an Kontinuität und Be-
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VR China - Großmacht mit Handicaps : Pekings Außenpolitik zwischen Gestaltungsanspruch und Risikobegrenzung
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