Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb Kompetenzbereichen einen Platz am unteren Ende eines breiten Mittelbereiches ein. Die Werte liegen signifikant unter dem OECDDurchschnitt. Das ist statistisch bedeutsam, praktisch von geringerer Bedeutung. Der Unterschied ist nicht allzu groß, wenn man irgendein Maß von praktischer Bedeutsamkeit, wie Lernfortschritt, wie Unterschiede zwischen den Schulformen oder Unterschiede zwischen den Geschlechtern, heranzieht. • In Deutschland erreichen 10% einer Alterskohorte nicht die Kompetenzstufe 1 bei der Lesekompetenz, während in anderen Ländern der Prozentsatz bei 5-7% liegt. Die Kompetenzstufe 1 stellt das elementare Niveau der Lesekompetenz dar. Nach Lehrplanexperten der OECD-Länder ist die Stufe 2 der Mindeststandard. Diese Stufe wird den Lehrplänen zugrunde gelegt. Ein Hauptschüler sollte nach der Absolvierung der 9. Klasse dieses Niveau erreicht haben. • 23% der Alterskohorte in Deutschland erreicht nur die Kompetenzstufe 1. Diese Gruppe ist somit als eine weitere Risikogruppe anzusehen. Auch diese Personen werden Schwierigkeiten haben im Berufsübergang. Sie werden kaum in der Lage sein, selbständig weiter zu lernen, wenn das Weiterlernen textbasiert ist, und der Umgang mit Geschriebenem verlangt wird. 2. Der zweite Befund ist bemerkenswerter, weil ihn viele in der Deutlichkeit nicht vorhergesehen haben. In allen drei Kompetenzbereichen ist die Leistungsstreuung in Deutschland im internationalen Vergleich ungewöhnlich groß. Im Bereich der Lesekompetenz ist die Streuung so groß wie in keinem anderen OECD-Staat. In Finnland beträgt der Wert der Streuung etwa 50 Punkte, das ist weniger als die Hälfte des Effektes, den wir in Deutschland(mit 111 Punkten) haben. Die große Streuung ist nicht darauf zurückzuführen, dass wir im oberen Leistungsbereich exzellent wären, sondern auf eine starke Besetzung der Gruppen, in denen wir schwache und schwächste Leistung haben. Das gilt insbesondere für die Lesekompetenz, aber mutatis mutandis ebenfalls für Mathematik und die Naturwissenschaften. 3. Der dritte Befund, der auch nicht in dieser Form vorhersehbar war, ist, dass in Deutsch11 land eine ungewöhnlich starke Kopplung von Merkmalen sozialer Herkunft, Bildungsbeteiligung und erworbener Kompetenzen am Ende der Vollzeitschulpflicht festzustellen ist. Im Hinblick auf die Lesekompetenz ist dieser Zusammenhang so signifikant wie in keinem anderen OECD-Staat. Dass solche Zusammenhänge bestehen ist trivial; Es gibt kein Land, wo die Zusammenhänge völlig entkoppelt wären, wo man sozusagen die utopische gleiche Gesellschaft hätte. Aber die Variabilität über die Länder hin, ist bemerkenswert. Deutschland ist in der Kompetenzvermittlung wenig erfolgreich und hat gleichzeitig die stärkste Kopplung von Sozialschicht und Lesekompetenz, also die unangenehmste Kombination, die man sich eigentlich wünschen kann. Ein starkes soziales Gefälle, aber gleichzeitig überdurchschnittliche Leistung kann dagegen das Vereinigte Königreich vorweisen. Wir wissen, dass dort große soziale Disparitäten herrschen, jedoch sind deutlich bessere Leseerfolge zu konstatieren. Das Vereinigte Königreich ist in der Lage zu entkoppeln und gleichzeitig ein hohes Niveau zu erreichen. Insgesamt gibt es einen positiven Zusammenhang zwischen Entkopplung und Leseniveau. Das heißt, wir haben es hier nicht mit einem Kompatibilitätsproblem zu tun, sondern im Gegenteil mit einem Kopplungsprodukt. Wenn man für ein besseres Niveau der Schwächsten investiert, dann hat man gleichzeitig die beste Chance, auch soziale Disparitäten zu verringern. • An deutschen Gymnasien ist ein gegenläufiger Beteiligungsprozess in Abhängigkeit von der Sozialschicht klar zu erkennen. Über 50 Prozent von Jugendlichen aus Familien der oberen Dienstklasse, also Akademiker, Freiberufler, Unternehmer mit mehr als 20 Angestellten besuchen das Gymnasium. Der Besuch des Gymnasiums sinkt im Bereich der angelernten Arbeiter auf 10 Prozent; umgekehrt steigt der Hauptschulbesuch von 10 Prozent auf über 40 Prozent. • Wenn man versucht, diese Disparitäten zu quantifizieren- das ist statistisch etwas aufwändiger-, dann kann man sagen, dass ein Jugendlicher aus einer Familie, die der oberen Dienstklasse angehört, eine viermal so große Chance hat, statt der Realschule ein Gymnasium zu besuchen, wie ein Jugendlicher, der aus einem Facharbeiterhaushalt kommt.
Druckschrift
Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
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