Druckschrift 
Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb : Berliner Forum Wissenschaft und Innovation ; Konferenz der Friedrich-Ebert-Stiftung, 12. Dezember 2001
Entstehung
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Deutschland im internationalen Bildungswettbewerb Kompetenzbereichen einen Platz am unteren Ende eines breiten Mittelbereiches ein. Die Werte liegen signifikant unter dem OECD­Durchschnitt. Das ist statistisch bedeutsam, praktisch von geringerer Bedeutung. Der Un­terschied ist nicht allzu groß, wenn man ir­gendein Maß von praktischer Bedeutsamkeit, wie Lernfortschritt, wie Unterschiede zwischen den Schulformen oder Unterschiede zwischen den Geschlechtern, heranzieht. In Deutschland erreichen 10% einer Alters­kohorte nicht die Kompetenzstufe 1 bei der Lesekompetenz, während in anderen Län­dern der Prozentsatz bei 5-7% liegt. Die Kompetenzstufe 1 stellt das elementare Niveau der Lesekompetenz dar. Nach Lehrplanexperten der OECD-Länder ist die Stufe 2 der Mindeststandard. Diese Stufe wird den Lehrplänen zugrunde gelegt. Ein Hauptschüler sollte nach der Absolvierung der 9. Klasse dieses Niveau erreicht haben. 23% der Alterskohorte in Deutschland erreicht nur die Kompetenzstufe 1. Diese Gruppe ist somit als eine weitere Risiko­gruppe anzusehen. Auch diese Personen werden Schwierigkeiten haben im Berufs­übergang. Sie werden kaum in der Lage sein, selbständig weiter zu lernen, wenn das Weiterlernen textbasiert ist, und der Umgang mit Geschriebenem verlangt wird. 2. Der zweite Befund ist bemerkenswerter, weil ihn viele in der Deutlichkeit nicht vorhergese­hen haben. In allen drei Kompetenzbereichen ist die Leistungsstreuung in Deutschland im internationalen Vergleich ungewöhnlich groß. Im Bereich der Lesekompetenz ist die Streuung so groß wie in keinem anderen OECD-Staat. In Finnland beträgt der Wert der Streuung etwa 50 Punkte, das ist weniger als die Hälfte des Effektes, den wir in Deutschland(mit 111 Punk­ten) haben. Die große Streuung ist nicht darauf zurückzuführen, dass wir im oberen Leistungs­bereich exzellent wären, sondern auf eine star­ke Besetzung der Gruppen, in denen wir schwache und schwächste Leistung haben. Das gilt insbesondere für die Lesekompetenz, aber mutatis mutandis ebenfalls für Mathematik und die Naturwissenschaften. 3. Der dritte Befund, der auch nicht in dieser Form vorhersehbar war, ist, dass in Deutsch­11 land eine ungewöhnlich starke Kopplung von Merkmalen sozialer Herkunft, Bildungsbeteili­gung und erworbener Kompetenzen am Ende der Vollzeitschulpflicht festzustellen ist. Im Hinblick auf die Lesekompetenz ist dieser Zu­sammenhang so signifikant wie in keinem an­deren OECD-Staat. Dass solche Zusammen­hänge bestehen ist trivial; Es gibt kein Land, wo die Zusammenhänge völlig entkoppelt wären, wo man sozusagen die utopische gleiche Ge­sellschaft hätte. Aber die Variabilität über die Länder hin, ist bemerkenswert. Deutschland ist in der Kompetenzvermittlung wenig erfolg­reich und hat gleichzeitig die stärkste Kopp­lung von Sozialschicht und Lesekompetenz, also die unangenehmste Kombination, die man sich eigentlich wünschen kann. Ein starkes soziales Gefälle, aber gleichzeitig überdurchschnittliche Leistung kann dagegen das Vereinigte Königreich vorweisen. Wir wis­sen, dass dort große soziale Disparitäten herr­schen, jedoch sind deutlich bessere Leseerfolge zu konstatieren. Das Vereinigte Königreich ist in der Lage zu entkoppeln und gleichzeitig ein hohes Niveau zu erreichen. Insgesamt gibt es einen positiven Zusammen­hang zwischen Entkopplung und Leseniveau. Das heißt, wir haben es hier nicht mit einem Kompatibilitätsproblem zu tun, sondern im Gegenteil mit einem Kopplungsprodukt. Wenn man für ein besseres Niveau der Schwächsten investiert, dann hat man gleichzeitig die beste Chance, auch soziale Disparitäten zu verrin­gern. An deutschen Gymnasien ist ein gegenläu­figer Beteiligungsprozess in Abhängigkeit von der Sozialschicht klar zu erkennen. Über 50 Prozent von Jugendlichen aus Fa­milien der oberen Dienstklasse, also Aka­demiker, Freiberufler, Unternehmer mit mehr als 20 Angestellten besuchen das Gymnasium. Der Besuch des Gymnasiums sinkt im Bereich der angelernten Arbeiter auf 10 Prozent; umgekehrt steigt der Hauptschulbesuch von 10 Prozent auf über 40 Prozent. Wenn man versucht, diese Disparitäten zu quantifizieren- das ist statistisch etwas aufwändiger-, dann kann man sagen, dass ein Jugendlicher aus einer Familie, die der oberen Dienstklasse angehört, eine viermal so große Chance hat, statt der Realschule ein Gymnasium zu besuchen, wie ein Ju­gendlicher, der aus einem Facharbeiter­haushalt kommt.